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Flut am Kiosk

Von Gehrs, Oliver

Mehr Lektüre für weniger Urlauber: Auf Mallorca liefern sich drei deutsche Wochenzeitungen einen bizarren Kampf um die Leser.

Die Entscheidung, dass Mallorca eine seriöse Zeitung braucht, fällte Timm Esser während eines Kurzurlaubs. "Plötzlich liefen da Deutsche ohne Sandalen und kurze Hosen herum", erinnert sich der 53-jährige Journalist. "Ich dachte schon, da findet ein Kongress statt."

Noch unter Kulturschock stehend, machte sich Esser ans Werk, zerschnippelte die Titelzeile der "Frankfurter Allgemeinen" und puzzelte sie für ein erstes Probeheft neu zusammen. Aus Ermangelung der Großbuchstaben P und K zu "Falma Furier" - was schon mal edel aussah. Die Unterzeile klaute Esser fast gänzlich bei der "Zeit": "Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur".

Aus dem Prototyp wurde ein richtiges Blatt, dessen vornehmliches Thema die Schlampereien der mallorquinischen Behörden sind. Mit Geschichten über Sicherheitsmängel am Flughafen, Giftstoffe im Trinkwasser oder Fäkalgerüche auf dem Golfplatz gruselt der "Palma Kurier" die Zugezogenen, die sich eh schon in einem Entwicklungsland wähnen, wenn der Postbote mal eine Stunde später kommt.

Trost spenden immerhin die Lifestyle-Rubriken voller Tipps fürs Sonnenbaden ("Nicht mit wuchernden Zehennägeln und zentimeterdicker Hornhaut") und Bilder schnittiger Yachten mit braun gebrannten Bikini-Schönheiten, die erahnen lassen, dass der Alltag deutscher Zweithausbesitzer mitunter auch schöne Seiten hat.

Gerade ein Jahr auf dem Markt, hält Esser sein Blatt bereits für die Speerspitze des besseren Deutschtums auf der Insel. "Wir sind das Kult-Blatt für die Elite."

Grob gesagt teilt er seine Landsleute mittlerweile in zwei Gruppen ein: die wohlhabenden Finca-Besitzer, die die Volkswirtschaft der Baleareninsel in Schwung halten, und die Pauschaltouristen, die aus Putzeimern Sangria trinken und mehr oder weniger die Landschaft verschandeln. "Solche Menschen", sagt der ehemalige "Bild"-Mann, "sind für uns gar nicht existent."

Auch sonst straft der Herausgeber des "Palma Kurier" andere mit Nichtachtung. "Die Lieblingsinsel der Deutschen hat jetzt eine eigene richtige Zeitung", teilte er potenziellen Anzeigenkunden mit, obwohl mit dem "Mallorca Magazin" bereits seit langem eine deutschsprachige Wochenschrift erscheint. Die klärte ihre Leser schon vor fast 30 Jahren über die "Besonderheiten der spanischen Rasse" auf, etwa mit dem Rat, "verheirateten Frauen nie den Hof zu machen". Doch das, so belehrt Esser gern, sei ja keine Zeitung, sondern allenfalls ein Druckerzeugnis.

"Unseriös" seien solche Sprüche, schimpft derweil Wolfram Seifert, Redaktionsdirektor des "Mallorca Magazin", der um jeden Käufer kämpfen will. Schließlich hängt sein Lebensstandard direkt von der Anzahl der Leser ab, seit er sich zu seinem Amtsantritt vor 20 Jahren vom spanischen Verleger Pedro Serra vertraglich die Hälfte der Gewinne zusichern ließ. Gerade mal tausend Mark im Monat waren das damals, mittlerweile aber kommt ein Vielfaches in seine Kasse.

Erfolgreich formte Seifert das Sammelsurium von Gazpacho-Rezepten und Schnäppchen-Tipps für Touris ("Eis mit vier Löffeln") zu einem Blatt, das zum Ballermann passt wie Brezel und Bier: prall gefüllt mit packenden Berichten über strandnahe Vergewaltigungen und das Treiben der Insel-Prominenz. Wo kauft Günter Pfitzmann seine geblümten Sofas, wo übt Howard Carpendale das Einlochen, und was treibt Claudia Schiffer eigentlich hinterm Maschendrahtzaun?

"Wir sind über die Jahre zum Pflichtblatt geworden", sagt Seifert - wohl auch, weil seine Zeitung selbst hier zu Lande Ausrangierte nicht so schnell hängen lässt. So darf der Schlager-Oldie Jürgen Marcus ("Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben") schon mal ganzseitig Klage über die verschärften Arbeitsbedingungen auf der Insel führen: "Du weißt nie, ob eine besoffene Frau auf dich drauffällt."

Über 40 000 Exemplare setzt Seifert laut Selbstaussage ab, sogar in Deutschland wollten 7000 Abonnenten nicht auf die Gazette von der Mittelmeerinsel verzichten.

Zur Goldgrube aber machen das Blatt vor allem die Anzeigen. Tausende von Immobilienannoncen veröffentlicht das "Mallorca Magazin" jede Woche, hinzu kommen seitenweise Offerten, die den Deutschen die Angst vor der Fremde nehmen sollen: von Einbauküchen aus rustikaler Eiche über pünktliche Handwerker ("schwäbischer Fleiß zum kleinen Preis") bis hin zu importierten "Weihrauchkapseln" gegen den Piniengeruch.

Dass der Markt für deutsche Lektüre bei über drei Millionen Urlaubern und schätzungsweise 70 000 Residenten riesengroß ist, haben auch deutsche Verlage längst gemerkt. Jeden Tag ergießen sich aus den Zeitschriftenständern die heimischen Postillen. Die "FAZ" unterhält gar einen eigenen Zustellservice, "Bild" und "Bild am Sonntag" werden auf der Insel gedruckt.

Angesichts der Flut deutscher Titel überkommt bereits manchen Mallorquiner die Angst vor der Überfremdung, schließlich ist es um die Völkerverständigung eh nicht gut bestellt. Von den Bewohnern der deutschen Kolonien wie dem "Hamburger Hügel" bei Santanyí oder dem "Düsseldorfer Loch" in Port d'Andratx spricht nicht mal jeder Dritte Spanisch. "Die kommen hierher und glauben, alle reden Deutsch", wundert sich ein deutscher Unternehmer. "Das kommt hier nicht so gut an."

Andererseits wollen die Einheimischen auch nicht abseits stehen, wenn es gilt, an der zunehmenden kulturellen Ghettoisierung der "alemanes" zu verdienen. Und so gibt die Mediengruppe "Prensa Ibérica" seit wenigen Wochen eine weitere deutschsprachige Publikation heraus - die "Mallorca Zeitung". "Der 'Palma Kurier' soll sich ruhig um die Elite kümmern", sagt deren Chefredakteur Wolfgang Schönborn, "unsere Leser dürfen auch zur Miete wohnen."

Entsprechend bodenständiger ist sein journalistisches Programm. Neben langen Reportagen über Land und Leute finden sich Gartentipps und Nahaufnahmen von Oliven und Tomaten - mehr Birkenstock als Ballermann.

Beim Gerangel um Leser und Anzeigen glaubt sich Schönborn im Vorteil, vor allem durch die Erfahrung des spanischen Verlags, der bereits die Tageszeitung "Diario de Mallorca" herausgibt. "Das ist kein Versuchsballon. Im Gegenteil: Wir haben einen ganz langen Atem." Schon jetzt sei man der Konkurrenz weit voraus. Doch wie viele Exemplare der "Mallorca Zeitung" jeden Freitag für 200 Peseten verkauft werden, will niemand so genau sagen, nur so viel: "das Dreifache vom 'Kurier'".

Der scheint es in der Tat am schwersten zu haben. Gleich in Stapeln liegen die nicht verkauften Exemplare zum Mitnehmen im Supermarkt herum, auf mancher Uferpromenade lauern Hostessen, die den Flanierenden Gratishefte in die Hand drücken.

Auch wenn die Blattmacher hohe und vor allem ungeprüfte Auflagen verbreiten - für alle drei wird der Markt nicht reichen, zumal die Urlauberzahlen zurückgegangen sind. "Ich will nicht ausschließen, dass hier zwei Zeitungen überleben können", sagt Bernd Jogalla, Chefredakteur vom "Mallorca Magazin", das sich angesichts der ambitionierten Konkurrenz zu Schlagzeilen aufschwingt wie "Paparazzi machen Jagd auf Schröder".

Sein Kollege vom "Palma Kurier" denkt sogar über eine Fusion nach. "Entscheidend wird sein, wer die bessere Idee von der Zukunft der Insel hat", sagt Essers Chefredakteur Thomas Hirsch, der Mallorca bereits in einem gewaltigen Strukturwandel wähnt: vom Urlauberparadies hin zum Dorado polyglotter Jungunternehmer.

Bis dahin mögen sich die Investoren des "Palma Kurier" (darunter der Hamburger Verlegersohn Michael Jahr), die womöglich schon um ihre Millionen bangen, mit einem Klick auf die Homepage ihrer Zeitung trösten. Denn dort können sie die zukünftige Elite schon mal besichtigen. Auf einem Foto mit der Unterzeile "Unsere Leser" grüßen eine dunkelhaarige Schöne und ihr Hund. OLIVER GEHRS


DER SPIEGEL 31/2000
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