DER SPIEGEL



INTERNET

Wettlauf der Wähler

Von Schumann, Harald

Die Online-Wahlen zur Internet-Selbstverwaltung sorgen für Streit: Die Hüter des Netzes wollen unter sich bleiben.

Andrew McLaughlin zählt sonst eher zu den smarten Typen. Souverän gestaltet er seine Vorträge, gewandt begegnet er kritischen Fragern.

Doch wenn der 30-jährige Harvard-Jurist über seinen derzeitigen Job spricht, kann er seinen Zorn nur schwer verbergen. "Die Medien berichten unverantwortlich", zürnt er. Tausende würden "in die Irre geführt". Und nun müsse er sich noch mit "Fragen des Nationalstolzes" in den Ländern Asiens herumschlagen.

McLaughlins Ärger ist verständlich, aber selbst verschuldet. Denn er ist leitender Manager bei Icann ("Internet Corporation for Assigned Names and Numbers") - jener privaten Organisation, die das zentrale Melderegister des Internet verwaltet. Das macht ihn zum Herrn über ein historisches Experiment: Vom ersten bis zehnten Oktober dieses Jahres sollen Internet-Nutzer aus aller Welt 5 der 18 Icann-Vorstandsmitglieder per E-Mail in direkter Wahl bestimmen. Erstmals wagt damit eine transnationale Institution den Aufbruch in die globale digitale Demokratie (SPIEGEL 11/2000).

Doch weil es für Wahlen dieser Art keine Vorbilder gibt, ist eine Debatte über die korrekte Wahlprozedur entbrannt. "Das Misstrauen gegen mögliche Kungeleien wächst fortwährend", beklagt Christian Ahlert, freiwilliger Icann-Wahlhelfer für die Region Europa.

Vordergründig hat Icann nur eine rein technische Aufgabe. Die private Organisation, eingetragen als gemeinnützige Gesellschaft im kalifornischen Marina del Rey, trägt die Verantwortung für die Registrierung und Verwaltung aller Adressen im Internet.

Doch diese Funktion ist weit wichtiger, als sie scheint. Damit E-Mails ihre Adressaten und Netz-Surfer die angewählten Seiten finden, müssen die vielen tausend Netzrechner, aus denen das Internet besteht, stets über dieselben Informationen darüber verfügen, welche Adresse zu welchem Computer gehört. Der wichtigste Teil dieser Daten ist im so genannten Authoritative Root Server gespeichert, der von den Icann-Technikern gesteuert wird. Von dort beziehen alle übrigen Netzserver die nötigen Informationen.

Die Autorität über dieses Datenherz des Internet verleiht Icann potenziell erhebliche Macht. Allein über die Eintragung im Root Server erhalten Staaten, Firmen und Organisationen ihr Existenzrecht im Cyberspace. Um das Netz technisch umzugestalten - etwa zur Bekämpfung von Copyright-Brüchen -, könnte die Verfügung über diese Datenbasis darum durchaus als Machtmittel eingesetzt werden. Schnell machten daher Befürchtungen wie die des US-Jura-Professors David Post die Runde, Icann werde zu einer Art Weltregierung des Internet aufsteigen.

Um Ängste vor Missbrauch zu zerstreuen, erzwang die US-Regierung, dass die Leitung der Organisation zumindest in Teilen auch demokratisch legitimiert sein sollte. Nicht ganz freiwillig etablierten daraufhin die vorläufig eingesetzten Icann-Manager unter ihrer Vorsitzenden, der Internet-Unternehmerin Esther Dyson, ein höchst kompliziertes System zur Bestellung des Direktoriums.

Die Hälfte der insgesamt 18 Mitglieder rekrutiert sich nun aus drei Unterorganisationen, in denen die interessierte Industrie und die Techniker-Gemeinde organisiert sind. Weitere 9 Direktoren sollen daneben per E-Mail-Wahl von gewöhnlichen Netzbürgern bestimmt werden. Wahlberechtigt ist jeder über 16 Jahre, der sich mit einer überprüfbaren E-Mail- und Postadresse zuvor hat registrieren lassen.

Offenbar plagten den verschworenen Kreis der Netzhüter aber von Beginn an schlimme Zweifel, wen das gemeine Internet-Volk ihnen da ins Nest setzen könnte. Darum beschlossen sie, dass vorerst nur fünf Direktoren gewählt werden, je einer für die Kontinente Europa, Asien, Afrika sowie Nord- und Südamerika - als eine Art Testlauf für die Mündigkeit des Wahlvolks. Anschließend soll eine Studie klären, ob sich das Verfahren als tauglich erwiesen hat, eine ausgewogene Besetzung des Gremiums herbeizuführen. Ob der Wahlgang für die restlichen vier Direktoren je stattfinden wird, ist offen.

"Unsere größte Sorge ist, dass eine wirtschaftliche oder politische Interessengruppe zu viel Einfluss gewinnt", rechtfertigt der niederländische Telekom-Manager und Icann-Direktor Hans Kraaijenbrink die Bevormundung der Wähler. Icann sei keine Netz-Regierung, sondern nur "eine Selbstregulierungs-Instanz der Industrie".

Doch je tiefer die Icann-Manager die Wahl hängten, umso höher stieg die Aufmerksamkeit anderswo. Zunächst machten in Deutschland SPIEGEL-Online, "Die Zeit", das ZDF und das Fachblatt "C't" für die Eintragung ins Wahlregister mobil - mit der Folge, dass die Deutschen mit über 17 000 Icann-Mitgliedern derzeit zwei Drittel des Wahlvolks der Region Europa stellen. Europa-Direktor kann somit wohl nur werden, wer bei deutschen Netzbürgern hinreichend bekannt ist.

Ähnliches bahnte sich in Asien an, als in Japan Regierung und Internet-Industrie gemeinsam einen Wähleraufruf starteten und über 30 000 japanische Internet-Nutzer ihnen folgten. Das wiederum provozierte einen nationalistisch gefärbten Wettlauf mit Korea, Taiwan und China. Pekings Kommunisten seien "ernstlich besorgt", die japanische Offensive könnte "Chinas Einfluss auf die künftige Verwaltung des Internet schwächen", berichtete China-Online. Mittlerweile sind auch knapp 30 000 Chinesen Icann-Mitglieder.

Der Ansturm aus Asien legte den Icann-Anmelde-Rechner zwei Wochen lang lahm und sorgte für böses Blut. Tausende bemühten sich vergeblich um die Registrierung. Trotzdem mochten die Icann-Lenker die Anmeldefrist nicht über den angesetzten Termin am Montag dieser Woche ausdehnen. Weil die Organisation bislang nur aus Stiftungsgeldern finanziert werde, beteuert McLaughlin, gebe es nicht genug Geld, um mehr als den bereits registrierten 150 000 Wählern die Post mit ihrer persönlichen Code-Nummer für den Wahlvorgang zuzusenden.

Noch umstrittener ist die Kandidatenauswahl. Pro Region dürfen maximal sieben Personen kandidieren. Bis zu vier davon werden von einem Nominierungskomitee bestimmt, das sich die bisherigen Direktoren selbst ausgesucht haben. Kandidaten ohne das Prüfsiegel müssen von dieser Woche an auf der Icann-Website um Unterstützung von mindestens zwei Prozent der Wähler werben, um ebenfalls auf die Kandidatenliste zu gelangen.

Aussichtsreichster deutscher Bewerber ist bislang Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Club und kenntnisreicher Verfechter der bisherigen egalitären und wenig regulierten Netzstruktur, "die allen Nutzern gleiche Rechte einräumt". Gewinnt er die Wahl, wird er zumindest mit dem bisherigen Icann-Wahlmanager gut auskommen. McLaughlin versichert: "Genau das wollen wir auch." HARALD SCHUMANN


DER SPIEGEL 31/2000
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