07.08.2000

TALKRUNDENRettung für die Radaubude

Nach Sigrid Löfflers spektakulärem Abgang aus dem „Literarischen Quartett“ wird die ZDF-Sendung nun mit der „Zeit“-Kritikerin Iris Radisch weitergeführt - und bleibt vermutlich länger im Programm als geplant. Im SPIEGEL-Gespräch stellt sich Löffler erstmals Fragen zu ihrem Rücktritt.
Von allen Familiendramen ist die Scheidung das hässlichste: Aus vollem Herzen und zum Schauder des Publikums kübeln die Zerstrittenen (und doch einst zart einander Zugeneigten) Häme und Abscheu übereinander aus.
Im Fall der Familien-Soap "Das Literarische Quartett" mit Marcel Reich-Ranicki, 80, Hellmuth Karasek, 66, und Sigrid Löffler, 57, ist das kaum anders. Schon in den vergangenen zwölf Jahren schien es so, als sei es dem "Quartett"-Familienoberhaupt Reich-Ranicki gar nicht so unlieb, in der ZDF-Sendung eine Rolle zu spielen, die der des Ekels Alfred in der Siebziger-Jahre-Family-Serie "Ein Herz und eine Seele" oft bedrohlich nahe kam. Nun, seit sich Sigrid Löffler mit einem in der "Süddeutschen Zeitung" publizierten Scheidungsbrief aus dem "wüsten Spektakel" verabschiedet hat, wird der aus der Debattierstube Geflüchteten noch ordentlich hinterhergeschmoddert.
Reich-Ranicki wählte für seine Löffler-Schelte in der vergangenen Woche die skurrile journalistische Form der Interview-Verlautbarung im eigenen Haus. Auf die Fragen eines "Frankfurter Allgemeine"-Redakteurs bescheinigte der ehemalige "FAZ"-Literaturchef - heute noch verantwortlich für die "FAZ"-Rubrik "Frankfurter Anthologie" - der Kollegin Löffler, sie neige zu einer "bedauerlichen Einschränkung der Sicht" auf literarische Werke. Sie werte fast ausschließlich "das Gesellschaftliche und das
Politische" und habe zudem versucht, persönliche Fehden mit bestimmten Autoren bei der Buchauswahl auszutragen.
Im Übrigen, so Reich-Ranicki, sei es in der letzten "Quartett"-Sendung vom 30. Juni nur deshalb so weit gekommen, dass er Löffler unterstellte, sie habe keine Ahnung von erotischer Literatur (respektive von Erotik überhaupt), weil die Kombattantin ihn zum Eklat provoziert habe. Sie habe ihm sein Alter vorgehalten und damit seine Begeisterung für Eros und Sex in der Literatur erklärt.
Auf die schüchterne Nachfrage des "FAZ"-Interviewers, ob Reich-Ranicki nicht die Reihenfolge des Schlagabtauschs verwechsle, verneinte der Befragte ausdrücklich - dabei belegt die Aufzeichnung der Sendung eindeutig, dass der "Quartett"-Chef die Mitdiskutantin Löffler zuerst attackierte.
Doch einerlei, die Zerrüttung ist, wie auch Sigrid Löfflers "Quartett"-Abrechnung im SPIEGEL-Gespräch (siehe folgende Seite) belegt, total - und damit die BücherTalk-Familie nicht auseinander fällt, musste schnell eine neue Frau den verwaisten Platz einnehmen.
Zunächst galt die Kritikerin und Autorin Elke Schmitter, 39, als Favoritin für die Löffler-Nachfolge, doch die hatten die "Quartett"-Herren erst jüngst für ihren Debütroman "Frau Sartoris" hingebungsvoll gepriesen - um sich gegenüber Reich-Ranicki und Karasek mit Widerworten zu profilieren, hätte sich Schmitter von diesem Lob wohl noch ein paar Monate lang erholen müssen. Reich-Ranicki zum SPIEGEL: "Frau Schmitter war gewiss Kandidatin, aber dann haben wir sie doch nicht gefragt - Romanschriftsteller sollten nicht die Werke ihrer Kollegen beurteilen, das läuft doch meistens nach dem Schema ab: Nennst du mich Schiller, nenn ich dich Goethe."
So präsentierten der "Quartett"-Zeremonienmeister Reich-Ranicki, sein Sekundant Karasek und ZDF-Intendant Dieter Stolte vergangenen Dienstag stolz ihre nunmehrige "erste Wahl": die "Zeit"-Kritikerin Iris Radisch. Radisch, 41, war 1992 bereits einmal im "Quartett" zu Gast, hat viele kluge, einfühlsame und mitunter polemische Rezensionen verfasst und steht ganz zu Recht im Ruf, ehrgeizig zu sein: "Natürlich geht es mir in erster Linie darum, das ,Literarische Quartett'' zu retten", sagt sie selbstbewusst, "die Sendung ist einfach viel zu wichtig für die Vermittlung von Literatur."
Tatsächlich soll das "Quartett" nun mindestens bis Sommer 2001 im Programm bleiben. Alle Spekulationen, der 80-jährige Reich-Ranicki wolle sich aus dem Debattiersalon verabschieden (und womöglich eine neue Sendung übernehmen, in der er allein dann nicht über neue Bücher, sondern über Klassiker der Weltliteratur doziert), sind vom Tisch.
Pikant an der Kür Radischs zur Löffler- Nachfolgerin ist, dass die beiden noch vor kurzer Zeit in derselben Redaktion arbeiteten - und dort offenbar wenig harmonierten. Radisch will sich über Löfflers Arbeit als "Zeit"-Feuilletonchefin (1996 bis 1999) nicht äußern. Keinesfalls sei ihr Sprung ins "Quartett" ein Akt subtiler Rache an Löffler: "Ich steige in das ,Quartett'' ein, weil man dort jemanden braucht. Frau Löffler ist nicht wegen mir dort weggegangen, und ich gehe nicht wegen ihr dorthin."
Sigrid Löffler dagegen berichtet süffisant, dass Radisch dem "Quartett" "früher selten Gutes nachgesagt hat".
Die Nachfolgerin sagt heute: "Ich fand Frau Löffler immer sehr gut in der Sendung. Sie hatte einen wichtigen Part. Sie war die Stimme der Vernunft, sehr sachlich, sehr analytisch. Im Urteil habe ich aber oft nicht mit ihr übereingestimmt."
Im Übrigen hat sich Radisch vorgenommen, "die Sendung wieder auf Vordermann zu bringen". Nicht um Personen müsse sich der Streit drehen, sondern um Bücher. Dass es dabei auch mal ruppiger zugehe, mache für sie durchaus den Reiz des Unternehmens aus: "Wenn Leute, deren Herz an Büchern hängt, miteinander diskutieren, muss es knallen."
Soll es wohl auch. Hellmuth Karasek etwa malmte vergangene Woche zunächst Kreide und sann darüber nach, ob er und Reich-Ranicki sich gegenüber Frau Radisch ein wenig "zurücknehmen müssen" - doch dann frohlockte der Familien-Bello schon wieder: "Frau Radisch ist ein ähnliches Temperament wie Frau Löffler."
Ganz wie einst, so weit sollte Karasek die Klassiker kennen, wird''s nie wieder sein. "Alle glücklichen Familien gleichen einander", heißt es in Tolstois "Anna Karenina", "jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich." WOLFGANG HÖBEL
Das Literarische Quartett
wird seit 1988 gesendet; zunächst gab es vier, dann sechs Sendungen pro Jahr. Am Anfang gehörte zur festen Besetzung der Diskussionsrunde neben Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki auch der Kritiker Jürgen Busche, dann folgten wechselnde Gäste. Die "Quartett"-Mitglieder verhalfen vielen von ihnen ausgewählten Büchern zu ungeahntem Verkaufserfolg. In Spitzenzeiten sahen bis zu 1,6 Millionen Fernsehzuschauer beim Literatur-Talk zu, zuletzt lag die Zuseherzahl nur knapp über einer halben Million.
* Im Dezember mit Jürgen Busche, Sigrid Löffler, Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 32/2000
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