DER SPIEGEL



MEDIZIN

Kampf auf allen Ebenen

Von Paul, Rainer

Interview mit WHO-Manager Thomas Zeltner über die Unterwanderung der Weltgesundheitsorganisation durch Spione der Zigarettenindustrie

Zeltner, 53, ist Direktor des Schweizer Bundesamts für Gesundheit, Mitglied im Exekutivrat der WHO und Hauptautor der Untersuchung "Strategien der Tabakkonzerne zur Unterminierung der Tabakkontroll-Aktivitäten der Weltgesundheitsorganisation". -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Nach dem letzte Woche erschienenen Bericht, den Sie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation erstellten, haben Tabakkonzerne die WHO zu ihrem "ärgsten Feind" erklärt. Wie sah der Kampf der Konzerne gegen die WHO aus?

Zeltner: Der Kampf fand auf allen Ebenen statt. Manche der eingeschlagenen Strategien waren durchaus üblich und erwartbar, wie etwa das Überwachen der WHO-Aktivitäten; andere sind schon fragwürdiger, so die versuchte Einflussnahme auf wissenschaftliche Untersuchungen.

SPIEGEL: Sie schreiben, es sei versucht worden, die Ergebnisse zu manipulieren und die Publikation zu hintertreiben.

Zeltner: Wenn die Ergebnisse trotzdem veröffentlicht wurden, wurde eine raffinierte Medienstrategie eingesetzt mit dem Ziel, Experten und Laien zu verunsichern.

SPIEGEL: Wie geschah das?

Zeltner: Vor allem durch Einfluss auf die Fachpresse. Dort wurden Leserbriefe und Stellungnahmen abgedruckt, in denen die Stichhaltigkeit der wissenschaftlichen Untersuchungen in Frage gestellt wurde. Sie stammten oft von Wissenschaftlern, deren Verbindung zur Tabakindustrie nicht bekannt war.

SPIEGEL: Wo verliefen die Fronten zwischen der WHO und der Industrie?

Zeltner: Das Hauptinteresse der Konzerne lag darin, das Tabakkontrollprogramm der WHO möglichst klein zu halten. Zwischen 1990 und 1995 hatte die WHO für dieses Programm nur ein Mini-Budget zur Verfügung, auch die Zahl der dafür abgestellten Mitarbeiter war klein. Schon komisch, dass die Industrie zu eben dieser Zeit die Parole ausgab: Die WHO ist für uns ein ganz gefährlicher Feind.

SPIEGEL: Wie erfolgreich war die Tabakindustrie bei ihren Manipulationen?

Zeltner: Sie hat immer wieder versucht, jeden Aufbau eines größeren Programms zu unterminieren. Wenn man der Tabakindustrie und ihren Dokumenten folgt, dann scheint sie überzeugt gewesen zu sein, dass viele ihrer Bemühungen das Ziel erreichten. Es gab relativ viel Schulterklopfen, so etwa für die Briefeschreiber, nach dem Motto: "Bravo, habt ihr gut gemacht!"

SPIEGEL: Gibt es Entscheidungen der WHO, die revidiert werden müssen?

Zeltner: Ich denke schon. Es gibt alte Entscheidungen, die man überprüfen sollte. Typisches Beispiel ist der so genannte Pestizid-Entscheid, bei dem es um den Einsatz eines Tabakpflanzenschutzmittels mit nachweislich Krebs erregenden Inhaltsstoffen geht. Dies in den USA begrenzt zugelassene Pestizid darf auf Grund einer WHO-Entscheidung - die wahrscheinlich ein WHO-Wissenschaftler mitprägte, der zugleich für die Tabakindustrie tätig war - im Rest der Welt verwendet werden. Nicht auszuschließen ist, dass es noch eine Reihe ähnlicher Fälle gibt.

SPIEGEL: Sie schreiben, die Tabakindustrie habe Agenten in die WHO-Zentrale eingeschleust, die sich Strategiepapiere und geheime Dokumente beschafften. Wie wurden die Tabakspione enttarnt?

Zeltner: Auf Grund unserer Untersuchung.

SPIEGEL: Wie viele Maulwürfe wurden entdeckt?

Zeltner: Etwa ein halbes Dutzend Leute in der WHO, die willentlich und bewusst mit der Tabakindustrie zusammengearbeitet haben. Über personelle Konsequenzen wird die Generaldirektorin entscheiden.

SPIEGEL: Sind Sie sich sicher, alle Dunkelmänner gefunden zu haben?

Zeltner: Wahrscheinlich nicht.

SPIEGEL: Wird die WHO in Zukunft mit der Industrie zusammenarbeiten können?

Zeltner: Da habe ich erhebliche Zweifel, zumal die Tabakindustrie nun glauben machen will, mit den Gesundheitsbehörden zusammenarbeiten zu wollen. Wir wissen aus den Dokumenten, dass es eine ihrer Strategien ist, das eigene Image aufzupolieren mit Hilfe von Sprüchen wie "Auch wir sind dagegen, dass Jugendliche rauchen". Ich denke, eine Zusammenarbeit zwischen der WHO und den großen Tabakkonzernen ist schwierig, weil dafür ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen unerlässlich wäre.

SPIEGEL: Für Ihren Report haben Sie mehr als 35 Millionen Dokumente aus der englischen und der USamerikanischen Tabakindustrie gesichtet. Unterlagen über eventuelle Machenschaften deutscher, französischer oder italienischer Zigarettenhersteller fehlen bislang. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Unternehmen vergleichbare Strategien verfolgten?

Zeltner: Jedes Industrieunternehmen verfolgt bestimmte Lobbystrategien, das ist völlig legitim. Da verhält sich die Tabakindustrie genauso wie die Auto-, Chemie- oder Spielzeugindustrie. Mithin wäre es außerordentlich erstaunlich, wenn deutsche Tabakproduzenten keine vergleichbaren Strategien verfolgen würden.

INTERVIEW: RAINER PAUL


DER SPIEGEL 32/2000
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