14.08.2000

RUMÄNIENOmas letzter Wille

Kandidaten-Monopoly in Bukarest: Wer tritt an, um die Wiederwahl des Altkommunisten Ion Iliescu ins Amt des Staatschefs zu verhindern?
Seit Monaten pinselt der Mann ein düsteres Sittengemälde nach dem anderen. "Ich fürchte mich heute mehr vor der Securitate als in der Zeit vor 1990", sagt er über den Geheimdienst seines Landes. "Wie ein Spinnennetz" überziehe zudem die Korruption Rumäniens Gesellschaft. Prinzipien und Regierungsposten würden bedenkenlos verschachert.
Der Apokalyptiker heißt Emil Constantinescu und ist seit vier Jahren Rumäniens Präsident. Seine Amtszeit geht im November zu Ende. Was von ihr bleiben wird, ist das Gefühl, dass selten ein Staatschef sein eigenes Versagen öffentlicher und wehleidiger bezeugt hat. Gemäß der am französischen Präsidialsystem angelehnten rumänischen Verfassung ist Constantinescu der mächtigste Mann im Staat.
Vor vier Wochen hat der ehemalige Rektor der Universität Bukarest seinen Verzicht auf eine erneute Präsidentschaftskandidatur bekannt gegeben. Dabei bescheinigte er auch der regierenden Koalition aus Liberalen, Sozialdemokraten und den eigenen christdemokratischen Parteifreunden grandioses Scheitern.
Im gemäßigten Lager, das erst vor vier Jahren die Postkommunisten aus dem Präsidentenamt und aus der Regierung kippte, geht es seither zu wie auf dem Basar. Kandidaten für die Nachfolge Constantinescus im höchsten Staatsamt werden gehandelt wie verderbliches Frischfleisch: Ministerpräsident Mugur Isarescu gefällig? Oder Ex-Premier Teodor Stolojan? Ex-Premier Petre Roman? Ex-Außenminister Teodor Melescanu?
Sämtliche Prätendenten, mit Ausnahme des ehemaligen Nationalbank-Chefs Isarescu, verbindet eines - sie haben bereits in führender Position am Kriechgang Rumäniens seit der Revolution 1989 mitgewirkt; und zwar unter der gestrengen Fuchtel des Mannes, der nach Lage der Dinge bei der Präsidentenwahl im November ihr Widersacher und Bezwinger sein wird - der Alt-Kommunist Ion Iliescu.
Iliescu liegt in den Umfragen bei 48 Prozent Zustimmung; seine Partei, die Allianz der Postkommunisten, desgleichen. Im Juni ist sie mit 36 Prozent der Stimmen strahlende Siegerin der Gemeindewahlen geworden. Und wenn nicht der populäre, aber parteilose Premierminister Isarescu sich noch stellt, wird vom kommenden Winter an wohl wieder Iliescu im Palast Cotroçeni einziehen.
Das allerdings würde den Beelzebub zum Exorzisten promovieren. Ion Iliescu war schon Ende der Sechziger vorübergehend Protegé des Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu. Als ZK-Sekretär für Propaganda wurde er 1971 abgelöst, weil er sich weigerte, den Rumänen eine Kulturrevolution im Stil Maos zu verordnen. Nach und nach verschwand er dann von der politischen Bühne.
Erst Ende der achtziger Jahre, als in der Sowjetunion der Studienfreund aus gemeinsamen Moskauer Tagen, Michail Gorbatschow, an die Macht gekommen war, meldete sich Iliescu wieder zu Wort. Er forderte Perestroika auch für Rumänien und tauchte nach dem Sturz des Diktators scheinbar spontan an der Spitze der neuen Bukarester Machthaber auf, die sich in der Front zur Nationalen Rettung zusammenschlossen.
Iliescu regierte sechs Jahre lang mit eiserner Hand und kühlem Verstand. Er, der 20 Jahre zuvor eine Öffnung des nationalkommunistischen Rumänien in Richtung Westen befürwortet hatte, verhinderte nun eine zu rasche Annäherung an EU oder Nato. Der rumänische Sonderweg sicherte ihm, wie schon dem Warschauer-Pakt-Sonderling Ceausescu, Bedeutung.
Gegen protestierende Studenten, die Reformen und Demokratie einklagten, ließ Iliescu im Sommer 1990 den Mob prügelnder Bergarbeiter aufmarschieren. Spätestens als er, Seite an Seite mit dem inzwischen inhaftierten Bergarbeiter-Führer Miron Cozma, den Kumpels für ihren blutigen Einsatz zu Gunsten von Recht und Ordnung dankte, verlor Rumäniens Revolution ihre Unschuld. Vier Jahre lang war Iliescu jetzt fern der Macht, saßen gemäßigte Politiker im Präsidentenpalast und im Amt des Premiers. Sie brachten es nicht fertig, der krakengleich das Land umklammernden Nomenklatura das Handwerk zu legen.
Kommt nun also, statt Nato- und EU-Beitritt, wieder Iliescu? "Bunicuta" nennen die Rumänen den Sozialisten-Chef, Oma. Und
Omas letzter Wille lautet: die Kontrolle über die Geheimnisse der revolutionären und nachrevolutionären Zeit in Rumänien zu behalten. Noch ist die Frage offen, ob wirklich das Volk den Diktator stürzte oder ob die Moskau-nahen Kreise um Iliescu das Drehbuch schrieben.
Einziger möglicher Kandidat unbelastet von Gerüchten um den Verrat an der Revolution ist Isarescu. Seit ganzen sieben Monaten Ministerpräsident, gilt er nun schon als Speerspitze eines westlichen, seriös wirtschaftenden Rumänien. Mit neun Amtsjahren als Präsident der Nationalbank war Isarescu vor seiner Bestallung zum Regierungschef Rumäniens längst dienender Funktionär in hervorgehobener Position.
Der nüchterne Premier kann auf akzeptable Wirtschaftsdaten verweisen, auf einen Exportrekord etwa im Juni 2000. Andererseits besagen Regierungsdaten, dass derzeit 43 Prozent der Rumänen unterhalb der Armutsgrenze leben und der monatliche Durchschnittslohn im elften Jahr nach der Revolution bei umgerechnet 200 Mark liegt.
Isarescu ist der Einzige, der bei Umfragen in puncto Vertrauenswürdigkeit bisher dem Altvorderen Iliescu den Rang ablaufen konnte. Aber wird er, der Premierminister, auch kandidieren? Er hat sich im Winter die Rückkehr ins Amt des Nationalbank-Präsidenten eigens durch eine Gesetzesänderung zusichern lassen.
Rätselraten über die Zukunft des Landes beherrscht Bukarest. Bevor Präsident Constantinescu in den Urlaub ans Schwarze Meer fuhr, ließ er seinen aus aller Welt herbeigetrommelten Botschaftern noch eine kryptische Anweisung zuteil werden.
Die Residenten, so der amtsmüde Präsident, sollten in ihren Gastländern beizeiten eines klarstellen: Unabhängig vom Ausgang der Wahlen im November werde sich an der Berechenbarkeit rumänischer Politik nichts ändern.
Das war, wieder einmal, typisch Constantinescu. Gut gemeint, aber töricht. Der Kandidat Iliescu hätte sich keine bessere Wahlwerbung wünschen können. WALTER MAYR
* Mit Iliescu (r., 1975).
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 33/2000
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