14.08.2000

MUSIKTrommelfeuer im Grünen

Zwei niederrheinische Tonsetzer haben eine hochkarätige Jury geleimt: Bei einem Wettbewerb wurde ihre Juxpartitur mit einem Sonderpreis bedacht.
Kleve, das schmucke Städtchen am Niederrhein, ist eigentlich ein Hort der Kunst, denn Kleve hat was: altrömisches Mauerwerk, ein gotisches Gotteshaus und schöne barocke Gärten. Woran es dem Gemeinwesen lange Zeit gebrach, war ein musikalisches Image. Kleve hatte einfach keinen guten Klang.
In Kenntnis dieses Übelstandes waren vor zwei Jahren clevere Klever, allen voran der Marien-Apotheker Heinz Scholten als Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins, auf die Idee verfallen, einen Komponistenwettbewerb anzuzetteln, natürlich global. Unter dem Titel "Musik in europäischen Gärten" konnten Tonschöpfer Partituren aushecken, die "mit den historischen Parkanlagen von Kleve ein Gesamtkunstwerk ergeben" sollten - urbi et orbi zur Ehre.
Um die "Klangbepflanzung" weltläufig anzulegen, wurden aus öffentlichen und Sponsoren-Geldern immerhin drei Preise von insgesamt 100 000 Mark ausgesetzt und neun Juroren von Rang berufen, darunter so renommierte Neutöner wie der Italiener Luciano Berio (als Sprecher) und der Belgier Henri Pousseur.
Ende Februar, bei Einsendeschluss, fühlten sich die Initiatoren vom "weltweiten Interesse international bekannter Komponisten" überwältigt: 172 Partituren aus 30 Ländern buhlten um Lorbeer.
In dem Wust von Notenblättern war den Sachverständigen neben den Kunststücken der drei Preisträger ein Opus besonders aufgefallen. Nicht nur dass da unter dem Titel "Trommelfeuer" zehn Congatrommeln, zehn Trompeten, acht Piccoloflöten und ein Signalgeber zu einer aparten Besetzung kombiniert worden waren; nein, die 59 Seiten der Partitur trugen auch Tipps zur musikalischen Gartenschau.
"Der Zuhörer", raunt beispielsweise das Vorwort, werde in dem OEuvre "einer verqueren Logik ausgesetzt, die heute keineswegs überwunden ist, sondern dem Volke immer noch innewohnt"; auch sei "ein Park nur so schön wie die Seelen der darin befindlichen Spaziergänger". Derlei Schwulst müssen die Preisrichter als Tiefsinn gedeutet haben.
Jedenfalls sprachen sie der Münchner Komponistin Gabriele Allendorf, einer bis dato völlig unbekannten Tonschöpferin, für ihr Werk eine Extra-Auszeichnung zu und verbanden damit die Zusage, im nächsten Jahr die Gärten und Parks von Kleve dem genialischen "Trommelfeuer" der Novizin auszusetzen.
Ätsch - alles Bluff: Die ausgezeichnete Frau Allendorf arbeitet in München als Diplom-Ingenieurin und diente zwei Freunden aus Kleve lediglich als Deckname für ein schnurriges Bubenstück: "Trommelfeuer", das haben die wahren Macher inzwischen offenbart, sei ein "Placebo", eine "reine Mogelpackung", nichts anderes als "der Versuch, einmal auszuprobieren, wie leicht ein Kollegium hoch geschätzter Komponisten verarscht werden kann".
"Ganz klar", duettieren Heiner Frost, 42, und Andreas Daams, 29, "war das Ganze eine Schnapsidee." Im vergangenen Herbst "tippten" die studierten Komponisten einfach reichlich wahllos Noten in ihr Computerprogramm, teilten sich die "Produktion von Unsinn" taktweise in flottem Wechsel ("du fünf - ich fünf") und fummelten, streng akademisch, ein paar Triolen und große Septimen ("Die wirken immer gut") in die Partitur. Nach drei Stunden war das "Klanggemetzel der Beliebigkeiten" fertig - 20 Minuten tönender "Müll".
Doch wohin damit in dem schmucken Städtchen am Niederrhein? Als Asche in die Flasche, feixten die Musiker und verbrannten ein Exemplar ihrer Juxpartitur. Nein, in die barocken Gärten, haben die genarrten Verantwortlichen entschieden. Apotheker Scholten jedenfalls hat die bittere Pille geschluckt: Die Jury habe ihm versichert, "Trommelfeuer" sei "durchaus bemerkenswert", sie habe "den Hintergrund des Stückes sehr wohl erkannt". Ein Placebo sei schließlich "nicht nur eine leere Hülle", sondern solle "eine suggestivpsychische Wirkung entfalten".
Die beiden "Müll"-Männer jedenfalls sehen der Premiere ihrer Lachnummer gelassen entgegen: Selbst "wenn dann 1000 Leute klatschen, bleibt sie Schrott".
KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 33/2000
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