21.08.2000

Ort der Täter, Ort der Opfer

Das pommersche Eggesin steht für rechte Gewalt im Osten.
Was kümmert die Stadt der Glatzen Gerhard Schröder? Der Bürgermeister will nicht über den Besuch des Kanzlers reden, der Leiter des Ordnungsamtes nicht, der Pfarrer nicht. Die Menschen in der Stadt der Glatzen haben andere Sorgen.
Eggesin ist eine Stadt der Glatzen seit der Nacht vom 21. zum 22. August 1999, einer Nacht während des Volksfestes mit "Drachenbahn", Zuckerwatte und Bier, als Skinheads zwei Vietnamesen fast totschlugen. Seitdem steht der Ort in Vorpommern als Fanal neben Mölln oder Eberswalde, und noch immer machen die Glatzen den Menschen hier Angst - oder, hin und wieder, auch Freude.
Doch nicht deswegen kommt Gerhard Schröder in die Gegend von Eggesin. Der Kanzler wird in der Kürassierkaserne, zehn Kilometer vor Eggesin, vom Himmel schweben, und dann wird er Grillwürstchen verspeisen und einen Kosovo-Checkpoint inspizieren, den die Soldaten gerade neben dem Panzerparkplatz aufbauen.
Eggesin lebte früher von der NVA und lebt heute von der Bundeswehr; Soldaten grauste und graust es vor jener Betonwüste kurz vor der polnischen Grenze, die sie die Stadt der drei Meere nennen: Sandmeer, Kiefernmeer, gar nichts mehr.
Früher war hier "so genannte heile Welt", wie Oberstleutnant Clemens Range, Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 412, sagt. Viele Menschen in Eggesin trauern den alten Zeiten nach: "Miete 80 Mark, Bier 50 Pfennig, für 10 Mark warste knülle, alle standen zusammen, was wollteste mehr", sagt Peter Nickel, der heute auf dem Parkplatz, der sich Marktplatz nennt, Döner für 4,50 Mark verkauft.
Offizier Range beschreibt das anders: "Niemand musste seinen Grips anstrengen." Wie solle nun ein 50-jähriger arbeitsloser Trinker Einfluss auf seinen Sohn nehmen, wenn der Nazi-Mode schick findet? "Ich habe als Christ und Vater versagt", sagte der Vater eines Täters beim Gottesdienst. Denn keiner hat mehr Einfluss in Eggesin, beziehungsweise: Irgendwie haben immer die Falschen Einfluss. Darum konnte passieren, was in jener Samstagnacht im August 1999 passiert ist.
Der Vietnamese Phong Tien Nguyen, damals 24, ein kleiner schmaler Mann mit Mittelscheitel, und sein Kumpel Vien Quoc Tran, 29, gehen um 22 Uhr zum Volksfest auf der Wiese hinter dem seit 1990 geschlossenen und langsam verfallenden Hotel Mecklenburg, an dessen Wand einer "Freiheit für Nationalisten" gesprüht hat. Sie trinken ein paar Biere, lauschen den Kapellen, treffen ein paar Freunde. Dann gehen Phong und Vien ins Festzelt.
Ausländer auf einem deutschen Gelage? Die NPD, deren deutsche Kerle vorvergangene Woche bei einem Schützenfest in Greifswald für Ordnung sorgten, hätte das kaum gestattet. Doch auch Eggesin hat seine Glatzen.
Knapp 30 von denen sind auf dem Volksfest. Sie haben eine Menge Bier mitgebracht und tragen das, was in der Ernst-Thälmann-Schule auch ein Jahr später noch Mode ist: Shirts und Hosen von "Pit Bull" und "Lonsdale" - wegen der vier mittleren Buchstaben - , Bomberjacken von "Alpha", Springerstiefel oder die Turnschuhe von "New Balance"; das große "N" an der Seite steht laut Neonazi-Code für "Nationalsozialismus".
Das Wort ergreift Daniel Sch., damals 16, der vor einer Ausbildung als Maler steht. Die Ausländer stören ihn, wieso dürfen die hier Bier kaufen und mit deutschen Mädchen feiern? "Denen hauen wir auf die Schnauze", sagt Daniel. Der Trupp bezieht Posten.
Um drei Uhr morgens ist Phong müde; er verlässt das Zelt. Er sieht die Unbekannten, aber zu spät: Sie stoßen ihn zu Boden. Phong flüchtet zurück ins Zelt. Er will die Polizei rufen, doch sein Freund Vien beruhigt ihn. Kurz nach vier Uhr brechen beide auf.
Zuerst werfen Daniel Sch. und seine Freunde mit Steinen. "Entschuldigung", ruft Phong, als er eingekreist ist und die Tritte beginnen. Phong bemerkt, dass mit jedem Schrei seines Freundes die Tritte wilder werden - er stellt sich tot und kommt mit Prellungen an Kopf, Rippen und Niere sowie einer Gehirnerschütterung davon.
Vien treten sie mit den Metallkappen ihrer Stiefel ins Gesicht, und sie springen ihm auf den Kopf. Sie rennen davon, aber als er wimmert, kommen sie zurück. "Seid ihr noch nicht tot?", fragen sie und beginnen von vorn. Vien erleidet, so Richter Rainer Dally, einen "Einbruch des Schädeldaches mit einem Durchmesser von rund sechs Zentimetern. Durch die erhebliche Gewalteinwirkung kam es zu einer Deformierung des gesamten Schädels mit weiteren sternförmigen Berstungsbrüchen bis in die Schädelbasis. Durch den Einbruch des Schädeldaches drangen Knochensplitter bis zu zwei Zentimeter tief ins Schädelinnere ein".
Phong sagt, natürlich hätten sie die Polizei rufen sollen. Sie hätten gar nicht erst kommen sollen, sagen die Menschen auf dem Markt. Weiss man doch vorher, wie die Rechten reagieren. So reden sie hier. Alle. Vermutlich gibt es auch Leute, die anders denken, aber die trauen sich nicht. Wer als Zeuge im Gericht war, wurde bedroht, und wer in Eggesin Ausländer beschäftigt, hat ständig Löcher in den Autoreifen.
Die anderen, alle, sagen: Ist ja nun vorbei, denn die, die's waren, sitzen im Bau, und die, die draußen sind, waren's ja nicht.
Dieses Denken hat der Vorsitzende Richter Dally, der fünf Täter wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilte, so gewertet, dass "nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung sich mit den Tätern solidarisieren".
Vor einem Jahr trafen sich die Rechten in einer Hütte und einer Garage am Karpiner Damm. In der Garage hing eine Reichskriegsflagge, und in den Ecken lagerte das Nötigste: Dauerbrandofen Marke DDR, Gewaltvideos, viel Bier, CD-Spieler und CDs. "Arischer Widerstand Eggesin" und "Nationaler Widerstand Eggesin" nannten sich die Gruppen, und wenige können behaupten, sie hätten nichts gewusst. Die Garage war von der Stadt für 80 Mark im Jahr gepachtet worden.
Und heute steht an einer Garage der Name "Eggesin Crime", und an einer anderen hängt eine DVU-Fahne mit dem Slogan "Soziale Gerechtigkeit durchsetzen". Ohne rechte Symbolik geht hier nichts: Der Fanclub von Hansa Rostock heißt "Eggesiner Vikinger", und wenn Fremde viele Fragen stellen, pappt morgens ein Rudolf-Heß-Aufkleber an deren Fahrzeug.
Es gibt die Rechten, Aldi, zwei Tankstellen und sonst nicht mehr viel in Eggesin. Von ehedem 8000 Einwohnern sind noch knapp 7000 da, und 25 Prozent sind arbeitslos. Selbst diese Zahl ist geschönt, da Umschulungen nicht in die Statistik fallen.
Der Vietnamese Phong kommt heute selten nach Eggesin. Er lebt im Asylbewerberheim in Bellin und traut sich nur noch raus, wenn ihn jemand im Auto mitnimmt. Ein Dutzend Einwohner von Eggesin sind Ausländer, nicht mal mehr ein Prozent. Die Rechten haben gewonnen, aber der Vietnamese Vien ist geblieben, den seit jener Sommernacht eine Sozialarbeiterin betreuen muss.
Er überlebte nach Notoperation und zehntägigem Koma. Wie viel Metall er im Kopf hat, merkte Vien, als die Sicherheitskontrolle am Flughafen von Hanoi heißlief. Er möchte wieder in Peter Nickels Döner-Stand arbeiten, aber er schafft es nicht.
Sein Freund Phong Tien Nguyen lebt von Sozialhilfe, weil er nicht arbeiten darf. Sein Antrag auf Asyl ist abgelehnt worden; darum darf er den Landkreis nicht verlassen, in dem er umgebracht werden sollte. Den Kanzler will er sich nicht ansehen. Was kann der schon tun?
Der Landkreis Uecker-Randow hat Phong bereits zur "amtsärztlichen Untersuchung wegen Ihrer Flugtauglichkeit/Reisefähigkeit" geladen. Noch wird er geduldet, weil er Zeuge in einem deutschen Gerichtsverfahren ist. Seinem eigenen. Wenn die Revision vorbei ist, wird Phong abgeschoben, falls Landkreis oder Innenministerium bis dahin nicht doch ein Bleiberecht ausgesprochen haben.
Phong hatte Schweißer gelernt in Vinh in Vietnam, aber er war jung und wollte ein Abenteuer erleben und reich werden. Er lieh sich 7000 Dollar von Freunden, um die Schlepper bezahlen zu können; fünf Monate lang war er unterwegs.
Seiner Familie hat Phong nichts von dem Mordanschlag gesagt. "Deutschland ist schön", schreibt er nach Hause, "es geht mir gut." KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 34/2000
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