21.08.2000

FUSSBALL„Vater des Sieges“

Hans Jörg Butt, Torwart beim Hamburger SV, betreibt seinen Beruf mit hanseatischer Kühle. Doch bei den Fans setzt er Emotionen frei, die im Norden über Jahre verschüttet waren.
Ein Honorar hatte der Autor nicht im Sinn. Frank Pagelsdorf, den Trainer des Hamburger SV, trieb vielmehr seine Fürsorgepflicht als Vorgesetzter dazu, einen offenen Brief an die "lieben Bild-Leser" und "lieben HSV-Fans" zu verfassen.
Hans Jörg Butt, Torhüter mit Kultstatus bei den Hanseaten, war beim Publikum in Ungnade gefallen, nachdem er seinen Wechsel zu Bayer Leverkusen angekündigt hatte - und am liebsten gleich abgeschwirrt wäre, noch vor Ablauf seines Vertrags im Sommer 2001. Er wurde daraufhin ausgebuht, mit Bier übergossen und auf Plakaten ("Volle Taschen, leerer Kopf") verhöhnt. Die Kundschaft des Berufsfußballers hatte ihn flugs als gierig verurteilt: "Drei Millionen sind wohl nicht genug."
Also nahm Fußballtrainer Pagelsdorf ein DIN-A4-Blatt zur Hand und schrieb über ein Thema, "das mich bewegt": "Wer weiß, wo wir jetzt wären, wenn unsere Nr. 1 nicht so fabelhaft gehalten hätte?"
Butt waren die veröffentlichten Zeilen eher unangenehm. "In keiner Phase Angst" empfindend, regelte der Keeper das Stimmungstief auf seine Weise: Im ersten Pflichtspiel der Saison - dem Qualifikationsmatch für die Champions League bei Bröndby Kopenhagen - sicherte Butt mit überragenden Paraden den 2:0-Erfolg. Das reichte, um das schäumende Volk zu besänftigen. Beim Bundesligaauftakt ertönte von den Tribünen des Volksparkstadions schon wieder jener ritualisierte Anfeuerungsruf, der immer so klingt, als würde eine Hühnerfütterung angekündigt: "Butt-Butt-Butt-Butt."
Der Fußballfan, weiß der gelernte Großhandelskaufmann Butt, 26, ist leicht zu überzeugen: "Mir war klar, wenn ich Leistung bringe, wird sich das schnell legen." Zu seinem Publikum unterhält der Mann eine ebenso nüchterne Geschäftsbeziehung wie zu seinem Arbeitgeber. Butt ist, konsequenter als die meisten seiner Kollegen, ein Unternehmer zwischen den Pfosten.
Warum sollte er schlechtere Leistungen abliefern, nur weil ihm sein Club die Freigabe zum vorzeitigen Wechsel an den Rhein nicht erteilte? Er möchte ja "so viel Erfolg wie möglich". Und warum sollte er länger bleiben als nötig, nur weil ihn die HSV-Fans verehren? "Er kann seine Zukunft doch nicht von der Meinung der Fans abhängig machen", sagt sein Vater Jochen, Chef einer Firma, die Verladerampen und Industrietore herstellt.
So ist das eben, Geschäft ist Geschäft. "Schlau, schlau, HSV", titelte daher auch die "Bild"-Zeitung, die nach dem Sieg in Dänemark eilig bilanzierte: Zwölf Millionen Mark, die Leverkusen für die sofortige Verpflichtung Butts bot, hatte der HSV ausgeschlagen. Wechselt der Keeper nach Vertragsende nächsten Sommer, bringt er den Hamburgern keine Ablöse. Doch wenn Butt, nach Beobachtung von HSV-Manager Holger Hieronymus "Vater des Sieges", nun auch im Rückspiel am Dienstag dieser Woche gegen Bröndby so sicher hält, kann der Verein anschließend in der Champions League rund 20 Millionen Mark verdienen, mindestens.
Auch Fußballfans können rechnen - und haben den Abtrünnigen deshalb wieder ins Herz geschlossen. Erstaunlich lange musste die zum Wirtschaftsbetrieb gewachsene Bundesliga auf ein Idol warten, das mit ihrer Entwicklung korrespondiert - einen kühlen Geschäftsmann. Bislang schafften eher schrille Exzentriker wie der öffentlich rauchende und Weißbier trinkende Mario Basler den Aufstieg zur Kultfigur.
Jörg Butt ist anders. Der verhält sich, wie der Branchenführer Bayern München Fußball spielt: kaltschnäuzig, konzentriert, souverän.
Und jede Handlung gerät bei ihm zu einer Art Warenverkehr. Als ihn neulich ein Zaungast am Trainingsplatz in Ochsenzoll um die Herausgabe seiner Torwarthandschuhe bat, empfahl Butt dem Fan, ein Paar seiner Hausmarke im nächsten Sportartikelgeschäft zu erwerben. Lieber, wandte der Bewunderer ein, besäße er aber vom Idol getragene Stücke. Da schlug Butt einen Deal vor: "Sie kaufen sich welche; ich trage sie einmal beim Training - und gebe sie danach zurück."
Der pragmatische Held ist ein moderner Profi des Bosman-Zeitalters, der Optionsverträge abschließt, um seine Zukunft bestmöglich zu gestalten: Für die nächste Saison hat er "Leverkusen eine klare Zusage gegeben".
Wenn er irgendeine Überspanntheit offenbarte, käme das so überraschend, als träte Uwe Seeler in einer Table-Dance-Show auf. Während mancher Nachwuchskicker aus seiner Telefonverbindung ein Staatsgeheimnis macht, reicht Butt Reportern, die in Kontakt bleiben wollen, wortlos eine Visitenkarte mit Fax- und Mobilnummer sowie E-Mail-Adresse.
Als Torwart achtet er "darauf, nicht spektakulär zu spielen". Der Ballfänger aus Oldenburg, der in Vermarktungsfragen neuerdings von Oliver Bierhoffs Berater Peter Olsson betreut wird, leistet sich nur eine kleine Extravaganz, die ihm prompt den Kultstatus aufhalste: Butt schießt Elfmeter. Neun Strafstöße verwandelte er in der vergangenen Spielzeit - und rangierte damit in der Torschützenliste gleichauf mit Nationalstürmer Carsten Jancker.
Torhüter, die Tore schießen, gelten als spleenig. Dem Vater Jochen, der im Büro seines Betriebs in Großenkneten inmitten von Prospekten über mechanische Überladebrücken mit Klapplippe, Schwerlastandockpuffer und elektrohydraulische Vorschubbrücken sitzt, ist das "ein büschen unheimlich".
Exzentriker wie der paraguayische Torwart José Luis Chilavert, der mit Freistößen und Elfmetern bereits rund 50 Treffer erzielte, aber auch schon einen Journalisten bespuckte und einen Betreuer niedergeschlagen haben soll, sind im Werteraster der Butts keine Vorbilder. Auch Showeinlagen wie die des legendären Tormanns Petar Radenkovic, der des öfteren mit stürmte, werden eher als suspekt empfunden. Der Jugoslawe vom TSV 1860 München ließ seine bescheidenen Sangeskünste auf Vinyl pressen: "Bin i Radi, bin i König."
Jörg Butt möchte "nicht durch verrückte Sachen auffallen". Wenn er zum Elfmeterpunkt trabt, geht er an die Arbeit wie der Elektriker bei einem Flutlichtausfall. Nie läuft er zu schnell aus dem Tor, weil er einerseits "mit aufgeräumtem Kopf" am Einsatzort ankommen und andererseits dem Gegner vor der Exekution keine Zeit gestatten will, ihn aus der Fassung zu bringen. Butt ist, natürlich, "keiner, der den Nervenkitzel braucht".
Strafstöße zu verwandeln ist für ihn nichts als einstudierter Bewegungsablauf - er vergleicht es mit Zähneputzen und Einparken. Für die Fans ist die Prozedur jedes Mal eine Art Happening. Der Elfmeterpfiff setzt das Signal zum Start der besonderen Stadionliturgie. "Butt-Butt-Butt", schreit die Menge sofort, der Rest ist Routine und geht in Torjubel über.
Der Runninggag machte ihn populär. Butt hatte Auftritte im englischen Pay-TV und im deutschen Kinderkanal. Sportzeitungen Polens und Portugals schickten ihre Reporter. Als sich die Vertragsverhandlungen in die Länge zogen, erfand "Radio Hamburg" den Song "Butt muss bleiben".
Hamburgs Fußballgott, der in der vorigen Saison auch noch vier von fünf Elfmetern des Gegners parierte, unterhält die Leute mit weltlichen Geschichten. Bald kannte jeder die Vita vom "Gentleman im Fußballtor" ("Welt am Sonntag"), der noch in der B-Jugend beim TSV Großenkneten im Sturm spielte, aber nebenher am Torwarttraining teilnahm; der in der Regionalliga beim VfB Oldenburg dann als Torhüter Elfmeter zu schießen begann. Der 1995 das erste HSV-Angebot ablehnte, weil
er erst seine Lehre im Stahlhandel abschließen wollte.
So stand selbst der Lebenslauf seines Bruders Henning, Torwart beim Oberligaclub VfL Pinneberg, plötzlich in der Zeitung: Berufsakademie in Vechta, drei Monate Australien-Aufenthalt, jetzt wird er für den Einstieg in Vaters Betrieb getrimmt. Auch "der Jörch", weiß der Papa, hat die Familienmaxime kapiert: "Das ganze Leben ist letztlich Verkaufen."
Aus diesem Grund überraschte ihn der Jörch zehnjährig mit dem Plan, Profifußballer zu werden. Der zunächst skeptische Vater ließ sich überzeugen, denn im Grunde sei das "schon kaufmännisches Denken" gewesen: "Wenn sich einer fürs Showgeschäft eignet, soll er es machen." Mit Hochachtung urteilt er inzwischen über den Filius: "Der Jörch achtet auch auf die Mark."
Der Eignung zur Show hat Hans Jörg Butt seine Millionengage indes mitnichten zu verdanken. "Eine gewisse Art ist mir wahrscheinlich angeboren." So glaubt er, dass es "nichts bringt", sich über Tore "übermäßig zu freuen". Auch wenn extrovertierte Teamgefährten wie Stürmer Roy Präger telegen ihren Schuh küssen oder zur Freude der "Bild am Sonntag" fulminant mit dem Masseur tanzen ("Hintern an Hintern, und dann wackel-wackel"), bekommt der nüchterne Keeper von allen HSV-Stars am meisten Fanpost - hundert Briefe am Tag.
Die angeborene Zurückhaltung hilft ihm beim Aufstieg. Denn Butt ist nicht einmal als Torwart ein Individualist. Er möchte nicht einfach "auf der Linie kleben", sondern will aktiv am Spielgeschehen teilnehmen. Nicht Tore zu verhindern ist sein primäres Ziel, sondern der Mannschaft zu helfen, den Ball zu behalten. Diese Denkweise verschaffte ihm, da die Spielart als modern gilt, bereits einen Einsatz in der Nationalmannschaft.
So ist fast alles Berechnung. Das freut den Vater, mit dem er jetzt auch schon geschäftlich verkehrt. Gelegentlich schaut er in der Firma vorbei. Neulich war ein Kunde zu Besuch, der plauderte erst eine Stunde mit dem Torwart über den HSV. Dann wurde er binnen fünf Minuten mit dem Chef über den Kauf dreier Rampen einig.
Die Berühmtheit des Zöglings könne "nicht schaden", sagt der Vater. Dessen Firmenlogo ist schon auf dem HSV-Platz zu sehen - auf einem Trainingsgerät für Torwartübungen. Im Gegenzug hilft der Vater dem Sohn: Butt senior verhandelte mit dem HSV-Vorstand über das Torwartgehalt.
Sentimentalitäten haben in dieser Handelsbeziehung nichts zu suchen. Der Sportplatz in Großenkneten, auf dem der Sohn das Fußballspiel erlernte, existiert nicht mehr. Vater Butt hat das Grundstück vor zwei Jahren der Gemeinde abgekauft und darauf zwei neue Fertigungshallen bauen lassen. JÖRG KRAMER
* Im Bundesligaspiel beim FC Bayern München (2:2) am 14. August 1999. * Oben: Fußballprofi Butt (Mitte) mit Bruder Henning und Vater Jochen auf dem Firmengelände der Butt GmbH in Großenkneten; unten: gegen Torwart Oliver Reck am 24. April 1999 bei Schalke 04.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 34/2000
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