21.08.2000

AUTOREN„Wir hoffen, dass es flutscht“

Der Roman einer unbekannten attraktiven Israelin, die vom Leben sephardischer Juden erzählt, soll in diesem Herbst zum Bestseller aufgebaut werden. Der Verlag verspricht „orientalischen Zauber“ und investiert ein Vermögen ins Marketing.
Das Leben ist kein Picknick, die Welt kein trautes Heim, aber die Literatur bietet Ausgleich, Trost und Zuflucht. Wer schreibt, der bleibt. Und wer sich das Leiden von der Seele schreibt, der kann von Glück reden, wenn er dabei berühmt und reich wird.
Dorit Rabinyan ist ein Glückskind. 1972 in der Ortschaft Kfar Saba bei Tel Aviv als Kind persischer Juden geboren, hat sie bereits zwei Romane veröffentlicht: "Die Mandelbaumgasse", 1995 erschienen, wurde in Israel 60 000-mal verkauft und in acht Sprachen übersetzt. "Unsere Hochzeiten", 1999 verlegt, schaffte in einem Jahr eine Auflage von 50 000 und sechs Übersetzungen. "I am a full-time writer", sagt die junge Frau, "aber ich zwinge mich nicht zum Schreiben, am liebsten hänge ich mit Freunden herum oder besuche meine Familie."
Es ist Freitagnachmittag, kurz vor vier Uhr. In ein paar Stunden fängt der Sabbat an, und Dorit Rabinyan, das älteste Kind ihrer Eltern, wartet darauf, dass ihr Vater sie in ihrer Tel Aviver Wohnung abholt und "nach Hause", nach Kfar Saba, fährt, wo sich die ganze Familie zum gemeinsamen Abendessen trifft. Ihre drei Geschwister, ein Bruder und zwei Schwestern, wohnen noch bei den Eltern. Zu Hause hat die Mutter das Sagen, während der Vater zusammen mit seinen fünf Brüdern eine Textilfabrik betreibt, in der Jeans der Marke Blue Bell hergestellt werden.
"Meine Bücher waren die ersten, die meine Eltern gelesen haben", sagt Rabinyan mit vollkommener Unbefangenheit, "es gab bei uns nur zwei Bücher, das Alte Testament und das Lehrbuch für die Führerscheinprüfung." Trotzdem sind die Eltern auf ihre schreibende Tochter "stolz wie ein Pfauenpaar", und je mehr Bücher sie verkauft und je mehr Lizenzen ins Ausland vergeben werden, umso stolzer werden sie. "Eigentlich sollte ich Geschäftsfrau werden", wie es sich für die Tochter eines Geschäftsmannes gehört. Aber nach drei Wochen an einer Fachschule für Wirtschaft gab sie ernüchtert auf. "Es war nichts für mich."
Vater und Mutter sind in den sechziger Jahren aus Iran nach Israel eingewandert, die Eltern sprechen noch Farsi miteinander, bei der Großmutter, die vor 65 Jahren in Isfahan geboren wurde, hängt ein Bild von Schah Resa Pahlewi an der Wand. "Sie leben mit einem Bein dort und mit einem hier."
Eine ganz normale Familie also, wie man sie im "Judenstaat" überall findet, nur dass die einen aus Russland oder Rumänien gekommen sind und die anderen aus dem Irak oder aus Iran. Schule und Armee machen aus den Kindern der Einwanderer waschechte Israelis, homogenisieren die ethnischen Unterschiede. So war es auch bei Dorit Rabinyan. Nach dem Abitur in Kfar Saba wurde sie eingezogen, musste allerdings weder Panzer warten noch Verwundete versorgen.
"Durch einen Zufall" kam sie zu "Bamahane" (Im Lager), der Wochenzeitung der Armee. "Ohne jede Ahnung vom Journalismus" fing sie an, Reportagen zu schreiben. "Ich war sehr jung, ich wusste nicht, wo die Fakten aufhören und die Fiktion anfängt." Doch ihre Vorgesetzten waren sehr zufrieden, "und je stärker ich die Fakten anreicherte, umso zufriedener waren sie".
Eines Tages bekam sie den Auftrag, einen Neueinwanderer aus Russland zu porträtieren. Um sich die Recherche einfacher zu machen, erfand sie einen und führte mit ihm ein fiktives Interview, "das allen sehr gut gefallen hat, weil es so realistisch war". Die Geschichte flog auf, als der Neueinwanderer fotografiert werden sollte. Einen Monat vor dem Ende ihrer Pflichtzeit wurde sie aus der Armee entlassen.
Worauf sie umgehend von der Wochenzeitung "Ha''ir" (Die Stadt) angeheuert wurde, für die sie ein Jahr lang aus dem Tel Aviver Stadtdschungel berichtete. Dann hatte sie vom Journalismus genug, setzte sich hin und schrieb ihren ersten Roman, "Die Mandelbaumgasse".
Stoffliche Grundlage waren Unterhaltungen "mit meinen weiblichen Verwandten" über Isfahan, woher die Familie stammte, "Geschichten, die sie selbst erlebt hatten, und Gerüchte, die sie über andere erzählten". So entstand das "Bild eines persischen Schtetl", ein orientalisches Gegenstück zu den zahlreichen Erzählungen über das Leben der Juden in Osteuropa.
Das Buch wurde ein Bestseller, und nicht nur die Familie Rabinyan konnte sich den Glücksfall kaum erklären.
Der zweite Roman, "Unsere Hochzeiten", ist eine Familiensaga, die Geschichte von Vater Soli, Mutter Irani und ihren fünf Kindern: Maurice, Sophia, Lisi, Marcelle und Matti*. Der Plot folgt einem klassischen Muster, das in den Werken jüdischer Autoren von Scholem Alejchem bis Philip Roth immer wieder
vorgeführt wird: Die Leiden der Eltern an ihren Kindern.
Vater Soli hat einen Fischstand am Markt und schuftet täglich von früh bis spät, Mutter Irani rackert zu Hause für die Familie, doch ihr "Kummer verbitterte das Aroma ihrer Kuchen", "ihrem Urin entströmte der Geruch des Selbstmitleids", und "ihre Tränen wurden zu geschliffenen Juwelen, in denen sich das Licht des Regenbogens brach".
Sophia, Friseuse im Salon Beauty Palace und von allen vier Töchtern die schönste, heiratet einen reichen Mann und bringt ein krankes Kind zur Welt, an dem sie zerbricht.
Lisi kann nicht anders, als immerzu "an sich selbst herumzufingern und das in Fältchen verborgene Vergnügen zu suchen", denn "zwischen ihren Beinen pulsierte es begehrlich", und "fauliger Bananendunst füllte den feuchten, engen Raum", wenn sie Hand an sich legte. Später, sie arbeitet als Krankenschwester, treibt sie es "mit Ärzten, Krankenpflegern, Buchhaltern und manchmal auch mit Patienten".
Maurice, der einzige Sohn, "war klein, kahl und bitter wie ein öder Planet", wegen eines Herzfehlers "brauchte er nicht in der Armee zu dienen" und verkaufte "stattdessen in einem fensterlosen Loch" Korianderkörner, Erdnüsse und braunen Zucker. Dabei "stand er vor seinem Laden, kratzte sich im Schritt, prüfte den Reifegrad der vorbeigleitenden Brüste" und "stellte sich rothaarige Frauen mit safranflockiger Scham vor, bleiche Weiber mit Ingwerlocken zwischen den Beinen".
Marcelle verliebt sich in Joel, der sie "mit dem Moped zum Sonnenuntergang ans Meer" fährt. "Das Meer stöhnte, als Joel ihr Fleisch berührte. Die Meereswellen leckten an der untergehenden Sonne. Er bettete sie in den Sand, brach in sie ein und wurde beinah ohnmächtig." Die beiden heiraten, doch die "Ehe war so kurzlebig, dass Hochzeit und Trennung praktisch zusammenfielen".
Und Matti, die Jüngste, ist verhaltensgestört, weil ihr Zwillingsbruder bei der Geburt gestorben ist, sie muss ständig beruhigende Ritalinpillen schlucken.
Es ist offensichtlich: Wir haben es mit einer Problemfamilie zu tun. Für Therapeuten und Sozialarbeiter ist die Geschichte zu komplex, also muss sie als Roman verarbeitet werden. Doch was ist die Ursache des Unglücks? Ziemlich am Ende heißt es beiläufig, "die Heiratsepidemie hatte die Familie zerstört", die Schwestern wurden "vom Hochzeitsfieber wie von einer ansteckenden Kinderkrankheit" ergriffen. Ist die orientalische Tradition, die Kinder möglichst früh zu verheiraten, schuld, oder kommt die Familie mit dem Leben in Israel nicht klar, wo diese Traditionen wenig zählen?
"Ich habe keine Botschaft, ich will niemanden belehren", sagt Dorit Rabinyan. Aber sie sagt auch, sie wollte ein Buch schreiben "für Menschen, die so sind wie ich, die sich in der Geschichte als die Helden und Heldinnen wieder finden, die sonst in der israelischen Literatur nicht vorkommen", die Sephardim, Juden orientalischer Herkunft, die überall, im Leben wie in der Literatur, diskriminiert würden.
Das ist zwar nur bedingt richtig, aber als Motivation und Anliegen legitim. Nur müsste auch ein Roman mehr leisten als die Reproduktion des Ornaments, unter dem das Elend gedeiht. Doch Rabinyan liebt nicht nur ihre eigene Familie, sie liebt auch die Familie, über die sie schreibt. Und Liebe trübt ja bekanntlich den Blick für die Realitäten. So bleibt es bei der feministisch angehauchten Erkenntnis, Mutter Irani "hatte nichts anderes gelernt, als die Mutter ihrer Kinder zu sein"; der Rest ist Schweigen, "das Schweigen, das im Wasser der Toilettenspülung rauschte".
Erstaunlicher noch als diese Metaphern ist die Tatsache, dass ein Buch, in dem fast auf jeder Seite Stilblüten weggespült werden, ein solcher Erfolg werden konnte. "Die Sprache ist ermüdend, die Übertreibungen hören nicht auf", sagt der Schriftsteller Eli Amir, ein irakischer Jude, und bietet seinerseits eine "ethnische Erklärung" an. Fast alle Literaturkritiker in Israel seien Aschkenasim, Juden europäischer Herkunft, und die hätten eben "beschlossen", eine orientalische Autorin zum literarischen Wunderkind zu ernennen, als Ausgleich sozusagen, weil sie sonst die sephardische Literatur gering schätzten.
Diese Erklärung geht zwar um einige Ecken, könnte aber dennoch stimmen. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und Literatur ist das, was aus ihr gemacht wird. In dieser Woche erscheint Dorit Rabinyans Roman in Deutschland, und auch der Krüger Verlag hat beschlossen, dass es ein Riesenerfolg werden muss.
Es habe "ein Wettrennen um die Rechte" gegeben, heißt es in der Verlagsbranche, Bertelsmann soll bei 450 000 Mark ausgestiegen sein und Krüger für 500 000 Mark zugeschlagen haben. "Es ist unser Spitzentitel", sagt die Lektorin Cordelia Borchardt, "die Startauflage liegt bei 80 000 Exemplaren, wir hoffen, dass es flutscht."
Damit es flutscht, muss noch einmal viel Geld investiert werden. Krüger hat einen achtseitigen Sonderprospekt auf Glanzpapier gedruckt, der "Wortmagie und orientalischen Zauber" verspricht, in Fachzeitschriften werden die Buchhändler massiv umworben und mit einem "Deko-Set für Schaufenster und Laden" gelockt, zum Erscheinungstermin sollen "großformatige Farbanzeigen in den auflagenstärksten überregionalen Zeitungen und Frauenzeitschriften" geschaltet werden. Die ganze Kampagne, kolportiert die Branche, dürfte um die 200 000 Mark kosten.
Macht zusammen mit dem Vorschuss etwa 700 000 Mark, die an der Kasse wieder hereingeholt werden müssen. Und damit die beinah unmögliche Rechnung mit einer hier zu Lande unbekannten Autorin aufgeht, wird nicht nur wild geworben und laut getrommelt, es wurde außerdem eine PR-Helferin verpflichtet, die schon einen Namen hat. "Dorit Rabinyan ist eine wunderbare Autorin", sagt die Schauspielerin Jasmin Tabatabai, die wie Rabinyan "einen persischen Hintergrund" (Borchardt) hat und auch "ein kultureller Grenzfall" ist. So will der Verlag vor allem "junge Leute" ansprechen.
Da kann nichts mehr schief gehen.
HENRYK M. BRODER
* Dorit Rabinyan: "Unsere Hochzeiten". Aus dem Hebräischen von Helene Seidler. Krüger Verlag, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 39,80 Mark.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 34/2000
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