28.08.2000

INTERNET„Surfen in der Tiefe“

Der Berliner Journalist Thierry Chervel, 43, über seine neue Website für gestresste Intellektuelle - „www.perlentaucher.de“
SPIEGEL: Herr Chervel, bislang schrieben Sie für "taz" und "Süddeutsche", nun lesen Sie jeden Morgen früh um sechs die wichtigsten Feuilletons der Republik, um den geistigen Extrakt ab neun Uhr ins Internet zu stellen. Wer, bitte, soll sich dafür interessieren?
Chervel: Dieselben Leser, die die Feuilletons selbst lesen - aber nicht sechs am Tag. Wir bündeln die Information und bieten Lesestoff für intelligente Menschen.
SPIEGEL: Und die kaufen dann keine Zeitungen mehr, weil sie alles Wichtige dem "perlentaucher" entnehmen?
Chervel: Im Gegenteil, was wir tun, liegt im Interesse der Zeitungen. Wir verweisen ja mit so genannten Links auf ihre Feuilletons. Aber die Leser werden kritischer vergleichen.
SPIEGEL: Sie betreiben den "perlentaucher" journalistisch zusammen mit Anja Seeliger und freien Mitarbeitern. Wie kamen Sie auf die Idee einer Feuilleton-Rundschau fürs Internet, garniert mit Kolumnen aus Paris, New York und Berlin?
Chervel: Denken Sie an "Yahoo", "Tomorrow" und andere Portale: Die Internet-Medien kennen nur noch Lifestyle, New Economy und Sex. Kultur kommt da gar nicht mehr vor. Wir glauben, dass das Internet nicht nur eine Oberfläche zum Surfen hat, sondern auch eine Tiefe zum Tauchen und Perlensuchen.
SPIEGEL: Und wie ist die Resonanz?
Chervel: Die Reaktion des Branchenpublikums ist überwältigend, das breite Publikum erobern wir im Herbst.
SPIEGEL: Stellen Sie bei Ihrer täglichen Feuilleton-Durchsicht Veränderungen der berüchtigten Debattenkultur fest?
Chervel: Früher gab es eine Kakophonie der Meinungen, heute gibt "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher ein Thema vor, wie jüngst die Biotech-Debatte, und alle anderen werden nervös.

DER SPIEGEL 35/2000
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