28.08.2000

BUCHMARKTMit Herzblut in den Ruin

Zehntausende deutscher Freizeitautoren scheitern beim Versuch, ihr Manuskript renommierten Verlagen anzudienen. Mit dubiosen Methoden wetteifert eine Schar von Kleinverlegern und Literaturagenten um Gunst und Geld der gekränkten Klientel - und beutet sie oft skrupellos aus.
Der 17. Mai 1997 ist, so scheint es, ein Glückstag für Horst Krieger, 60. Der Freizeit-Schreiber aus dem hessischen Taunusstein hat Post vom Rita G. Fischer-Verlag aus Frankfurt am Main bekommen. Sein Manuskript "Schieflage" sei "ausgezeichnet", steht da geschrieben.
30 Verlage haben den 448-Seiten-Roman über dunkle Machenschaften in der Politik oft ungelesen retourniert. Nach dutzendfacher Demütigung schmeichelt dem früheren Hauptkommissar im Bundeskriminalamt nun höchstes Lob.
Krieger beschreibe "fesselnd und mit psychologischem Feingefühl komplexe Zusammenhänge", heißt es weiter. Der Verlag, auf den der Autor durch eine Anzeige in der "Zeit" aufmerksam wurde, will das Buch drucken; der Frühpensionär wird in den Stand der Schriftsteller erhoben.
Die Sache hat allerdings einen Haken. Der R. G. Fischer-Verlag, leicht zu verwechseln mit dem angesehenen S. Fischer-Verlag, will nicht, wie im seriöseren Teil der Branche üblich, das Risiko tragen.
Verlegerin Rita Fischer, 45, hat sich etwas anderes ausgedacht. Weil der Etat für das "Verlagsprogramm" angeblich "voll ausgeschöpft" ist, soll Krieger einen "Kostenzuschuss" leisten; immerhin 31 924 Mark für 2000 Exemplare.
Ein Autor finanziert seinen Verlag - die clevere Umkehr des Honorarprinzips. Krieger zahlt. Er weiß noch nicht, dass ihm die Welt der Dichter verschlossen bleiben wird. "Wer auf Teufel komm raus Autor sein will und dafür viel Geld abdrückt, errichtet eine literarische Scheinexistenz", sagt Martin Hielscher, Lektor bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, "niemand nimmt ihn ernst."
Durch den Verkauf des Buchs, hofft Krieger, werde etwas Geld zurückfließen. Schließlich hat der Verlag zugesichert, den Zuschuss auch zur "Bildung eines günstigen Ladenverkaufspreises" zu verwenden, um die "Markteinführung zu erleichtern".
Es wird kaum einen Markt für seinen Roman geben. Krieger ist einer Illusion erlegen, die er mit Zehntausenden Hobby-Dichtern teilt. Ganze Heerscharen stiller Poeten schreiben in Dachkammern oder Wohnzimmern ihre Erinnerungen auf, brüten nach Feierabend über Gedichten oder versuchen sich am großen Wurf, dem Roman.
Tag für Tag und bisweilen jahrelang ringen Romanciers und Verseschmiede in Heimarbeit um Worte - und werden trotz jährlich fast 60 000 Neuerscheinungen von größeren Verlagen so gut wie nie erhört.
Von über 4000 unverlangten belletristischen Manuskripten, die seit 1996 bei einem angesehenen Haus wie Kiepenheuer & Witsch eingingen, wurde allein Peter Hennings "Tod eines Eisvogels" gedruckt. Christoph Buchwald, heute zweiter Mann im Frankfurter Suhrkamp-Verlag, machte in 13 Jahren, die er im Münchner Hanser-Verlag lektorierte, gerade mal "drei Manuskripte von Nobodys zum Buch".
Der gekränkten Seele der Autoren, die nichts mehr ersehnen als ein eigenes Buch, nimmt sich mit dubiosen Methoden eine clevere Schar von gut zwei Dutzend Kleinverlegern und Literaturagenten an.
"Verlag sucht Autoren", "Schreiben Sie?" und "Publizieren ohne Kosten" heißt es in Annoncen in der "Zeit", in der "Woche" oder in Regionalblättern. Die Resonanz ist erstaunlich: Der R. G. Fischer-Verlag gibt die Zahl der jährlich zugesandten Manuskripte mit 5000 bis 8000 an, der Berliner Verlag Frieling & Partner und der Fouqué-Literaturverlag im hessischen Egelsbach bekommen 3000 bis 5000 Angebote von Autoren.
Die Geschäfte blühen. Auf vier bis sechs Millionen Mark schätzen Insider den Umsatz von Marktführern wie Frieling, Rita G. Fischer und Fouqué. Renommierte Buchverlage feiern schon 5 Prozent Umsatzrendite, Zuschussverleger können mit Renditen zwischen 25 und 30 Prozent rechnen. Manche kommen auf jährliche Betriebsergebnisse von einer Million Mark vor Steuer.
Auch der Kriminalbeamte Krieger trägt zum wirtschaftlichen Erfolg der Verlegerin Rita G. Fischer bei. Als er jedoch die ersten Exemplare seines Buchs in den Händen hält, fühlt er sich betrogen. In den ersten Monaten werden 52 Exemplare verkauft, 41 davon bestellt Krieger selbst.
Es sind die ungeschriebenen Regeln des Marktes, die Kriegers Buch am Erfolg hindern. In den Feuilletons, deren Rezensionen Autoren erst bekannt machen, haben Bücher aus Zuschussverlagen kaum eine Chance. Was diese Verlage auf den Markt werfen, wird allenfalls in Anzeigenblättern am Wohnort der Hobby-Autoren gewürdigt, neben Annoncen für gemischtes Hackfleisch und Strauchtomaten.
Oft lassen sich Zuschussverlage den Druck von ein paar tausend Exemplaren bezahlen, binden aber nur ein paar hundert auf - sie ahnen, dass die Titel zumeist unverkäuflich sind. Juristisch ist den Verlagen schwer beizukommen. Gutgläubig hat auch Krieger unterschrieben, dass der Fischer-Verlag "nötigenfalls aus Gründen der Lagerhaltungs-Kapazität die Auflage in mehreren Teilauflagen drucken" kann. Solche Verträge stammten "aus dem Gruselkabinett des Verlagswesens", sagt der Verlagsrechtler Christian Russ aus Wiesbaden. Etliche Unternehmen machten "ein mieses Geschäft mit der Hoffnung von Autoren".
Krieger wehrt sich. Als er das Vergleichsangebot eines Verlags einholt, bei dem er für eine ähnliche Leistung rund 20 000 Mark bezahlt hätte, erstattet er Strafanzeige wegen Betrugs. Die Staatsanwaltschaft lehnt die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens ab - das Verhalten des Verlags sei "vom abgeschlossenen Vertrag gedeckt".
Im Börsenverein des Deutschen Buchhandels gehen jährlich mehr als 200 Beschwerden über ähnliche Fälle ein, der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen berichtet von "üblen Erfahrungen vieler Dutzend Mitglieder". Manche zahlten, so Geschäftsführer Thomas Stichtenoth "viel Geld, und nichts geschah".
Allein darüber könnte Iris Wasiak, 40, aus der schleswig-holsteinischen Gemeinde Schwedeneck bei Eckernförde ihr zweites Buch schreiben. Sie hatte in ihrem Erstling "Die Schnecke Fridolin" den wundersamen Weg eines Weichtiers von der dörflichen Wiese in die nahe Stadt beschrieben; der Tebbert-Verlag im westfälischen Münster wollte 2500 Exemplare des Kinderbuchs drucken, falls Wasiak sich "als stiller Mitverleger" mit 20 Prozent an den Kosten von 19 954 Mark beteilige.
Hermann Tebbert macht eine Rechnung auf, deren Tollkühnheit die in Verlagsdingen unerfahrene Frau nicht erkennt. Der Verkauf von 2500 Büchern werde dem Verlag einen Erlös von 3795,50 Mark bringen. Wasiak aber könne durch ihren Ertragsanteil am Buch und das Honorar mit einem Überschuss von 5136,70 Mark rechnen.
Iris Wasiak leiht sich von ihrer Schwester 3990 Mark für den Druckkostenzuschuss und zahlt. Ein Buch bekommt sie nie. "Man kann es bestellen, aber nicht bekommen", sagt sie. Der Verlag ist inzwischen zahlungsunfähig. Bei der Staatsanwaltschaft Münster gingen über 20 Anzeigen ein, "andauernd", sagt Oberstaatsanwalt Hans-Ernst Prümers, "werden es mehr". Mal soll der Verlag Zuschüsse kassiert und nichts getan, mal Lektoren Honorare vorenthalten haben.
Nur wenige wütende Autoren wagen es, Zivilklage zu erheben. Zwei Instanzen kosten, Faustregel bei Verlagsstreitigkeiten vor den Zivilgerichten, rund 20 000 Mark an Prozess- und Anwaltskosten - viel Geld für Autoren, wenig für Verlage.
Ein Musterprozess könnte bald Licht ins Dunkel der Verträge bringen. Christa Wolfsteiner, Witwe des Autors Achim Wolfsteiner aus dem niederbayerischen Train, will klären lassen, ob die Praktiken des R. G. Fischer-Verlags sittenwidrig sind.
Der Verlag hatte von zwei Büchern Wolfsteiners nur einen Teil der verabredeten Auflage gedruckt. Seine Witwe will Klage auf Rückzahlung von 22 681,51 Mark "nicht verbrauchten Zuschusses" erheben. Verlegerin Fischer hält die "Erstattung angeblich nicht verbrauchter Beträge" dagegen für "juristisch nicht durchsetzbar". Im Übrigen seien die Verträge bereits 1994 "einvernehmlich aufgelöst" worden. Sollte Wolfsteiner vor dem Frankfurter Landgericht Recht bekommen, könnte das Urteil, so ein Verleger, "die Branche durcheinander wirbeln".
Dabei können Zuschussverlage, so glaubt der Berliner Zuschussverleger Wilhelm Ruprecht Frieling, 48, durchaus auch gute Geschäfte machen, "wenn sie ehrlich sind". Pferdeschwanzträger Frieling hat einen besseren Ruf. Der Grund: In einem Standardbrief rät er Autoren, den "Einsatz als Totalverlust" abzuschreiben. Die Absicht der Gewinnerzielung sei "nur in seltenen Fällen gerechtfertigt".
Ausnahmen unter Abertausenden sind Hannelore Hau, 67, aus Frankfurt am Main, und der Haupt- und Realschullehrer Hans-Joachim Brandt, 63, aus Lilienthal bei Bremen. Beide kamen annähernd auf ihre Kosten. Hau liest vor Schulklassen und in Kirchengemeinden aus Kinderbüchern und Erzählungen, die im R. G. Fischer-Verlag erschienen. "Da kommt die Autorin, heißt es dann", sagt Hau. Lehrer Brandt freut sich darüber, dass "fast das ganze Kollegium" seinen Roman "Eichendorffs Schuppen" über die Geschichte einer Flucht aus Schlesien kaufte und er "beim Bäcker und beim Friseur" darauf angesprochen wurde.
Mancher Feierabend-Dichter kann indes schon viel Geld loswerden, bevor sein Manuskript in die Fänge der Zuschussverleger gerät. Der emeritierte Soziologie-Professor Norbert Relenberg etwa zahlte bei der Münchner Literatur-Agentur Axel Poldner für das Lektorat seines 1242-Typoskriptseiten-Wälzers "Ritter, Tod und Teufel" über 12 000 Mark.
Das war offenbar leicht verdientes Geld. "Einige Sätze gekürzt, einige weggelassen, Gedankenstriche durch Pünktchen ersetzt", bewertet der Autor Poldners Wirken.
Relenberg protestierte, Poldner verteidigte sich und quälte dabei die Sprache. Ja, die "Arbeitszeichen des Lektorats" seien "im Grunde gering". Gerade eine Seite aber, "die nur geringe oder gar keine Eingriffe des Lektorats" erkennen lasse, nehme "die meiste Arbeitszeit in Anspruch". Sie müsse "immer wieder ... durchgearbeitet gelesen werden, um sie dann gegebenenfalls als wie gelesen satzreif freizugeben". Relenberg kündigte den Vertrag, sein Buch erscheint im September im Anabas-Verlag.
Zuschussverlage machen leichter Profit als Literaturagenten. Immer wieder bieten diese Verlage ihren Autoren nach einigen Jahren an, die unverkäuflichen Restexemplare zu erwerben. "Da bezahlen die Leute ihre Bücher, für deren Druck sie aufgekommen sind, praktisch zum zweiten Mal", sagt Verlagsrechtler Russ.
Im "Foucaultschen Pendel" hat Umberto Eco den tieferen Grund beschrieben: Die Schreiber können nicht zulassen, dass ihr "Werk in den Reißwolf wandert, um zu Klopapier verarbeitet zu werden", heißt es im Kapitel über den Zuschussverlag des Signor Garamond.
Das Netz, das Zuschussverlage zum Kundenfang auslegen, ist schwer erkennbar. Ahnungslos antworten Hunderte von Hobby-Autoren pro Jahr auf die Anzeige einer "Interbook Literary Agency" in der "Zeit", die Manuskripte "an Verlage vermitteln" will. Wer dorthin schreibt, landet im Labyrinth des R. G. Fischer-Verlags. "Bei Lyrik-Bändchen empfehlen die uns", beschreibt Verlegerin Rita Fischer die Zusammenarbeit mit "Interbook"- als hätte sie mit "denen" nichts weiter zu tun.
Interessenten erhielten einen Rat. "Einer der wenigen seriösen" Verlage sei "in unserer Nachbarschaft ansässig", ein Manuskript werde gern weitergereicht. Die Nachbarschaft ist eng: "Interbook" und Fischer-Verlag residieren im selben Haus.
Ganz raffiniert treibt es der promovierte Geisteswissenschaftler Markus Hänsel-Hohenhausen, 39. Gern schmückt sich der Chef des Fouqué-Literaturverlags mit der Mitgliedschaft im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dort wäre man Hänsel gern schnell los, weil er sich, so empörten sich Börsenvereins-Obere zuletzt im März auf der Leipziger Buchmesse, "mit fremden Federn schmücke" und "gegen den Branchen-Comment" verstoße.
Hänsel hat sich in Frankfurt am Main am Großen Hirschgraben, gleich neben dem Börsenverein und Goethes Geburtshaus, unter dem Firmennamen "Goethe-Gesellschaft Frankfurt mbH" niedergelassen - die Verwechslungsgefahr mit der wissenschaftlichen Goethe-Gesellschaft in Weimar kann ihm kaum schaden.
Stolz plusterte sich die Goethe-Gesellschaft auf, obwohl ihr Federkleid eher dünn ist. Sie sei "auf Grund ihrer Stellung in der Bundesrepublik" ein gefragter Gesprächspartner, rühmte sie sich dreist, wenn die hauseigene "Literaturagentur" nach Kundschaft suchte. Die Gesellschaft, stets auf der Pirsch nach Auftritten voller Grandezza, warb für ein Editionsprojekt "Staatsbibliothek Deutscher Dichtung".
Der hochtrabende Titel des Werks versprach Niveau, die Ansprüche an die Autoren waren eher gering. Hänsels Leute wählten etwa den Lyrikversuch einer schleswig-holsteinischen Autorin aus und gratulierten zum "Abdruck in der Staatsbibliothek". Das Gedicht "Leben" beginnt mit den Zeilen:
Weicher Regen fällt auf ihr Gesicht.
Langsam geht sie durch die Nacht, meidet das Licht.
So viele Jahre hat sie geträumt
und doch so vieles im Leben versäumt.
Das Frankfurter Landgericht setzte Hänsel inzwischen Grenzen. Erstinstanzlich verurteilte es den Geschäftsführer der Goethe-Gesellschaft Frankfurt mbH dazu, diesen Firmennamen nicht länger zu verwenden und der Löschung im Handelsregister zuzustimmen. Der Verleger hat dagegen Rechtsmittel eingelegt.
Die Leidensgeschichten, die Hobby-Autoren mit fragwürdigen Agenten oder Verlagen erleben, enden auch dann nicht, wenn Gerichte einschreiten. Sie bleiben den Betroffenen erhalten als Demütigung, oft auch als Schuldenberg. Ganz selten gibt es ein kleines Happy End: "Die Schnecke Fridolin" der Schleswig-Holsteinerin Iris Wasiak ist inzwischen in einem Band mit dem Titel "Hör mal zu" im elektronischen Books-on-Demand-Verfahren des Hamburger Grossisten und Internet-Händlers Libri gedruckt worden; für 204 Exemplare in simpler Qualität hat die Autorin 2300 Mark bezahlt.
Für Vertrieb und Werbung sorgt Wasiak im örtlichen Bäckerladen. Beim Verkauf von 134 Büchern zum Preis von 19,80 Mark nahm die Autorin gut 2600 Mark ein. Mit dem Überschuss von 300 Mark kann sie ein Fünftel der Anwaltskosten im Streit mit dem Tebbert-Verlag bezahlen.
Immerhin. CARSTEN HOLM
Von Holm, Carsten

DER SPIEGEL 35/2000
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