28.08.2000

COMPUTERPutzkolonne im Netz

Russische Programmierer haben eine Antiviren-Software entwickelt, die fast alle bekannten Computerschädlinge aufstöbert und vernichtet.
Gelegentlich kommt sich Natalja Kasperskaja wie ein Geier vor - immer dann, wenn die von ihr geleitete Firma mal wieder aus allen Nähten zu platzen droht. "Dann kreise ich über dem Haus, und sobald irgendwo ein Plätzchen frei wird, schlage ich zu."
Gerade erst hat sie vier weitere Mietbüros im achten Stockwerk eines Hochhauses am Moskauer Stadtrand für das "Kaspersky Lab" ergattert. "Das löst die Raumprobleme bestenfalls bis zum Jahresende", schätzt die 34-jährige Firmenchefin.
Seit drei Jahren existiert die Software-Firma. In dieser Zeit ist die Zahl der Mitarbeiter von 19 auf 75 gewachsen; der durchschnittliche Monatslohn stieg von 500 auf 1500 Dollar. In Cambridge und Johannesburg wurden Niederlassungen gegründet.
Den rasanten Aufschwung verdankt das Unternehmen ihrem bisher einzigen Produkt: der Antiviren-Software AVP (Antiviral Toolkit Pro) - einem Programm, das den Großteil aller bekannten Computerschädlinge aufstöbert und vernichtet.
Ausgetüftelt wurde die Software im "Virus Lab" in der 14. Etage. In klösterlicher Stille sitzen in dem mit Computern voll gestellten Raum sechs junge Männer und starren konzentriert auf ihre Bildschirme, während unter ihren Fingern die Tasten klackern. "So gute Programmierer findet man in unserem Land nur selten", flüstert die Chefin. Einer von ihnen, ein rundlicher Mittdreißiger, gilt als Russlands Computerviren-Papst: ihr Ex-Ehemann Eugen Kaspersky, Chefentwickler, Mitbesitzer und Namensgeber der Firma.
Wie alle anderen in diesem Raum ist der Star-Programmierer gerade damit beschäftigt, einen aus den Weiten des Internet aufgetauchten Computervirus in seine Bestandteile zu zerlegen. Schon in wenigen Stunden wird der Übeltäter in Kasperskys einzigartiger Viren-Enzyklopädie erscheinen. Das Online-Nachschlagewerk steht jedem Internet-Nutzer kostenlos zur Verfügung und beschreibt mittlerweile 38 000 Computerviren: den Weg ihrer Verbreitung, die Art der Installation und den Schaden, den sie hervorrufen (viruslist.com).
Das Gegenmittel allerdings bekommen nur Kaspersky-Kunden - darunter Großkonzerne wie Ford oder Motorola. AVP zählt zu den erfolgreichsten Schutzprogrammen weltweit. Die Experten sind voll des Lobes. Bei den Vergleichen des "Virus Test Centers" der Hamburger Universität beispielsweise gehört AVP seit Jahren zu den Besten. Und die Fachzeitschrift "Internet Professionell" schätzt "den Klassiker unter den Antiviren-Programmen" besonders für seine "hohen Erkennungsraten".
AVP sei "der herausragende Champion im Herausfiltern von Viren", versicherte auch das australische Magazin "PC User" seinen Lesern. Geradezu begeistert urteilte das in den USA erscheinende Fachblatt "PC Magazine" über die Arbeit der Russen: "einfach fabelhaft".
Die Erfolgsgeschichte der Moskauer begann eher zufällig. Vor elf Jahren arbeitete Kaspersky noch als Programmierer in einem Institut des sowjetischen Verteidigungsministeriums, als die beiden Schädlinge "Cascade.1704" und "Vacsina" ihren Weg in seinen Rechner fanden. "Ich war fasziniert", erinnert sich der Computerexperte. "Natürlich brauchte ich vor allem ein Programm, das meine Festplatte säubert. Aber ich wollte auch wissen, wie diese Mistdinger funktionieren."
Also schrieb sich Kaspersky "ein kleines Putzprogramm" und baute - eher nebenbei - seine Viren-Enzyklopädie auf. Denn ein Parasit folgte dem anderen, die private Sammlung schwoll an. Schon bald hatte der Mann einen Scanner entworfen, der in seiner ersten Fassung etwa 40 Computerschädlinge abfangen konnte - zur Begeisterung seiner Freunde und Bekannten, die das Programm testeten. Kaspersky: "Da wurde mir langsam klar: Computerdoktor - genau das ist mein Job."
Mit Hilfe einer Hand voll Spezialisten baute der Programmierer seinen ursprünglich simplen Virenscanner aus. Das Ergebnis stellten die Virenjäger kostenlos ins Internet - und waren überrascht von den Reaktionen: "Plötzlich erhielten wir haufenweise Anrufe und E-Mails voll mit Ergänzungswünschen und Nachfragen."
Der wirtschaftliche Durchbruch kam dann im vergangenen Frühjahr, am Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Von Taiwan ausgehend raste das Virus "CIH-Chernobyl" um die Welt und legte bei schätzungsweise einer halben Million Computern das Betriebssystem Windows lahm. Bei der Erinnerung an dieses Ereignis freut sich Kaspersky noch heute: "Die Nachfrage nach unserem kostenlosen Gegenmittel war so groß, dass zeitweise unser Server zusammenbrach."
Die Russen, bis dahin nur der kleinen internationalen Gemeinde von Antivirus-Experten bekannt, erregten die Aufmerksamkeit von Händlern in Kanada, Schweden und Hongkong. Es folgten Lizenzverträge mit Firmen wie der finnischen Data Fellows oder G Data aus Bochum, die Teile des Moskauer Programms in ihre eigene Software einbauten.
Mittlerweile ist aus dem "kleinen Putzprogramm" längst ein Software-Paket geworden, das Versionen für die unterschiedlichsten Betriebssysteme anbietet (im Fachhandel ab 100 Mark erhältlich) - und zwar in zehn verschiedenen Sprachen, sogar auf Isländisch.
Selbstbewusst plant Kaspersky seinen nächsten Schritt: "In fünf Jahren wollen wir zu den Marktführern auf dem Gebiet der Sicherheit im Internet werden."
IRINA SCHEDROWA
Von Irina Schedrowa

DER SPIEGEL 35/2000
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