04.09.2000

STASI

Pack und Gesindel

Von Berg, Stefan

Der frühere DDR-Innenminister Diestel schmäht den Chef der Gauck-Behörde, selbst mit der Stasi paktiert zu haben. Gaucks Opfer-Akte belegt das Gegenteil.

Hauptmann Wolfram Portwich muss das Herz für einen kurzen Augenblick stillgestanden haben. Als der Stasi-Offizier bei einer Frau an deren Rostocker Wohnung klingelte, war sein Kampfauftrag klar: "Inspektor", so der Deckname der Zielperson, sollte als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) geworben werden.

Doch als der Tschekist eintrat, kam aus einem Nebenzimmer plötzlich ein Mann: Joachim Gauck, evangelischer Pfarrer in der Hafenstadt. "Ich habe Angst, dass mich das Ministerium für Staatssicherheit als Mitarbeiter werben will", erklärte die Frau dem Besucher. Deshalb habe sie sich an ihren Gemeindepastor gewandt.

Das war im Juli 1985, vier Jahre vor dem Untergang der DDR. Joachim Gauck hat an diesem Tag die Stasi in die Flucht geschlagen. Der Anwerbeversuch wurde beendet.

Die Szene ist schwarz auf weiß festgehalten im Operativvorgang (OV) "Larve", den die Stasi im März 1983 gegen den damaligen Rostocker Jugendpfarrer einleitete, um dessen "antisozialistisch-feindliche Wirksamkeit" einzudämmen. Der Ex-Pastor, seit knapp zehn Jahren Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, wird seine 199 Seiten starke Opfer-Akte demnächst gut gebrauchen können - um sich vor Gericht gegen den Vorwurf zu verteidigen, einst mit dem DDR-Geheimdienst gekungelt zu haben.

Das behauptet der letzte Innenminister der DDR und jetzige Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel, 48. Der CDU-Politiker ist ein leidenschaftlicher Gegner der Gauck-Behörde und überzieht deren Chef seit Monaten mit Schmähungen. Mal nennt er ihn einen "wendigen Pastor", mal einen "Begünstigten" der Stasi, der er seine Dienste angeboten hätte und deshalb aus dem Öffentlichen Dienst entlassen werden müsse.

Anfangs ignorierte Gauck, dessen Amtszeit mit dem 2. Oktober endet, die Angriffe. Doch Diestel ließ nicht locker. Gauck erwirkte schließlich eine einstweilige Verfügung gegen Diestels Behauptung, er sei "Begünstigter im Sinne des Stasi-Unterlagen-Gesetzes". Diestel legte Widerspruch ein. Über den wird Mitte September in Rostock verhandelt.

Vor Gericht will Kläger Diestel mit Hilfe ehemaliger Geheimdienstler den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen als einstigen Komplizen des Dienstes enttarnen. Bei der 3. Zivilkammer des Rostocker Landgerichts reichte sein Anwalt Anfang August acht eidesstattliche Versicherungen ein, deren Autoren fast ausnahmslos selbst "Begünstigte" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) waren.

Zu den Zeugen zählen der Rostocker Ex-Anwalt Wolfgang Schnur (IM "Torsten"), vier frühere Rostocker Geheimdienstler und Generalmajor a. D. Gerhard Niebling aus der einstigen Stasi-Zentrale in Berlin. Das MfS, so behaupten fast alle gleich lautend, habe dafür gesorgt, dass die beiden Söhne des Rostocker Pfarrers, Christian und Martin Gauck, in den Westen erst ausreisen und im Jahr danach zu einem Besuch bei Verwandten in die DDR wieder einreisen durften - "eine einmalige Privilegierung bzw. Begünstigung", wie Ex-Spitzel Schnur schreibt. Er selbst habe von Gauck das Mandat erhalten, um die Ausreise der Söhne durchzusetzen.

Gauck kontert: "Wieso bin ich begünstigt, wenn meine Söhne ausreisen dürfen? Ich war doch dagegen, dass sie gehen." Niemals habe er Schnur in dieser Sache ein Mandat erteilt. "Wie sollte ich? Meine Söhne waren damals Mitte zwanzig." Auch Christian und Martin Gauck widersprechen der Darstellung der Stasi-Zeugen. Christian: "Unser Vater wollte immer, dass wir bleiben. Wir haben ihm damals vorgehalten, dass er anderen Leuten hilft, nur nicht uns." Über drei Jahre mussten sie warten, ehe sie 1987 ausreisen durften.

Dass der Staatssicherheitsdienst zumindest mitentschied, wer die DDR verlassen und wer wieder einreisen konnte, steht außer Zweifel. Doch für die Unterstellung, die Ausreise der Söhne und ihre spätere Wiedereinreise zur goldenen Hochzeit der Großeltern sei eine Art Gegenleistung für Gaucksche Zuträgerdienste gewesen, finden sich in den Akten keinerlei Belege.

Nicht einmal in dem neunseitigen Protokoll eines Stasi-Offiziers, das Diestel schon seit Jahren Gauck vorhält. Darin berichtet der Rostocker Hauptmann Wolfgang Terpe, einer von Diestels Zeugen, von einem eineinhalbstündigen Gespräch mit dem Rostocker Pfarrer am 28. Juli 1988. Dabei erklärte Terpe, der "beantragten Einreise seiner in die BRD übergesiedelten Kinder durch die zuständigen staatlichen Organe" werde zugestimmt.

Selbst durch die gute Nachricht (Stasi-Protokoll: "Gauck zeigte sich sehr bewegt") ließ sich der Pfarrer damals offenbar nicht über den Tisch ziehen. Zu einem "ständigen, regelmäßigen Kontakt" mit dem Geheimdienst, notierte Terpe, sei Gauck "nicht bereit". Dies widerspräche seiner "Grundauffassung".

Auch sonst weist der komplett erhaltene OV "Larve", den der Behördenchef nach langem Zögern nun zur Einsicht freigab, den Rostocker Pfarrer als einen Mann aus, der den Staat immer wieder frontal angriff. Mal verglich er in einer Predigt die Propaganda in der DDR mit der im Nationalsozialismus, mal beschimpfte er die Stasi als "Pack und Gesindel".

Gleich eine ganze Reihe von Spitzeln setzte das MfS auf Gauck an. So viele belastende Informationen besorgten die Offiziellen und Inoffiziellen um ihn herum, dass die Stasi-Oberen schon erwogen, den Pfarrer einzusperren. Doch das sei, notierte ein Stasi-Offizier 1985, in der "derzeitigen Klassenkampfsituation" nicht dienlich.

Vorsichtiger im Umgang mit dem Staat wurde Gauck nach Aktenlage erst, als die mecklenburgische Landeskirche ihn zum Cheforganisator des Rostocker Kirchentages 1988 machte. Gauck heute: "Ich wollte den Kirchentag und musste Kompromisse aushandeln - allerdings nicht mit der Stasi." In dieser Zeit führte der Kirchenmann mit dem Referenten für Kirchenfragen der Stadt Rostock Manfred Manteuffel zahlreiche Gespräche, über die der als IM "Scheler" der Stasi berichtete.

Anfangs trat Gauck danach hart auf. In einem ersten Gespräch verlangte er Aufklärung, wer denn den Staatssicherheitsdienst überhaupt kontrolliere. Die Stasi habe überall Leute, "die aufpassen und wachen, dass die Kirche nichts Antisozialistisches entwickelt".

Der SED-Mann seinerseits wollte von Gauck Details über Personen aus der

kirchennahen Dissidentenszene wissen, beispielsweise über den Theologen Heiko Lietz, einen der mutigsten Oppositionellen im Norden der DDR. Mit den Antworten Gaucks war Manteuffel offenbar zufrieden. Im Juli 1988, nach dem Kirchentag, gab er zu Protokoll: "Über dieses Problem Lietz ... habe ich mehrfach unter vier Augen mit Herrn Gauck gesprochen. Im Nachhinein lässt sich eindeutig aussagen, dass die Versprechen, die Gauck gegeben hat, auch von Herrn Gauck verwirklicht wurden."

Doch mehr als einen ruhigen Verlauf des Kirchentages will Gauck nie zugesagt haben. Lietz jedenfalls fühlt sich nicht hintergangen: "Ich konnte doch auf dem Kirchentag reden. Dafür hat Joachim Gauck selbst gesorgt."

In den Stasi-Protokollen finden sich auch Belege für zwei direkte Gespräche zwischen Gauck und MfS-Leuten. Zu einem ersten Kontakt kam es am 18. November 1985. Gauck stellte dabei zwei in seinem Dienstzimmer erschienene Stasi-Männer zur Rede. Wer deren Ministerium kontrolliere, wollte er wieder wissen. Frustriert notierten die Attackierten: "Er stellte sich in der Diskussion ständig vor diese alternativen Jugendgruppen."

Das zweite Gespräch fand am 28. Juli 1988 mit Hauptmann Terpe statt. Wieder beschwerte sich Gauck: dass der Staatssicherheitsdienst "Staat im Staate" sei und dass Lietz "ständigen Repressalien" ausgesetzt wäre. Zugleich distanzierte er sich von Leuten, die gen Westen ausreisen wollten. Er werde in seiner Gemeinde dahingehend wirken, dass die Übersiedlungswilligen "in der DDR bleiben".

Offenbar Grund genug für den Stasi- Mann, die "operative Bearbeitung" Gaucks zu beenden und seinen Oberen zu empfehlen, ihn als IM anzuwerben - wozu es nach Aktenlage indes nie gekommen ist. Im Gegenteil. Im Herbst 1989 musste Terpe frustriert registrieren, dass Gauck wieder aufmuckte. Mehrmals formierten sich nach dessen Andachten in der Rostocker Marienkirche Protestzüge durch die Bezirkshauptstadt.

Auch eine Predigt aus dem Oktober 1989 hat die Stasi zu den Akten genommen. In der hatte Gauck den Menschen zugerufen: "Es gibt genug Stasi-Leute um uns herum, wir brauchen die Stasi nicht mehr in uns." STEFAN BERG

* Mit Stalin-Büste, Geschenk des letzten Sowjetbotschafters in der DDR Wjatscheslaw Kotschemassow, auf seinem Bauernhof in Plau am See.

DER SPIEGEL 36/2000
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