DER SPIEGEL



TELEKOMMUNIKATION

Böses Omen

Von Dohmen, Frank; Reiermann, Christian; Reuter, Wolfgang

Der enorme Finanzierungsbedarf für die UMTS-Lizenzen belastet die Finanzmärkte - und gefährdet die Existenz von einigen der siegreichen Bieterunternehmen.

Die Securitas-Mitarbeiter am Tor der Mannesmann-Zentrale in Düsseldorf hatten klare Instruktionen: Sie durften den Brief, den ein Bote der Regulierungsbehörde überbrachte, nicht annehmen. Immerhin, so das Argument der uniformierten Wachposten, seien sie nicht einmal Mitarbeiter der Firma.

Doch der Mann von der Regulierungsbehörde ließ nicht locker. Er rief die Polizei. Und als die Beamten den Brief unter der Türe hindurchschoben, machte er ein Foto - als Beweis, dass der Bescheid zugestellt wurde.

Auch an der Zentrale der Deutschen Telekom hatte ein Bote der Regulierungsbehörde Probleme. Samstags, hieß es dort, sei kein regulärer Arbeitstag. Niemand weit und breit, der das Dokument annehmen könne.

Die Manager der beiden Telefonriesen hatten gute Gründe für die ungewöhnliche Maßnahme. Denn mit der Zustellung des Zahlungsbescheids für die UMTS-Lizenzen begann für die siegreichen Bieter ein mörderischer Wettlauf mit der Zeit: Nur zehn Werktage hatten sie Zeit, die jeweils rund 16,5 Milliarden Mark auf ein Sonderkonto des Bundes zu überweisen.

"Dieser Gewaltakt", schimpft ein Mobilfunkmanager, "ist selbst für Großkonzerne wie uns nicht einfach zu bewerkstelligen." Doch die Verzögerung der Annahme verschaffte den Unternehmen nicht nur einen Tag Luft, die Summe zu beschaffen. "Jeden Tag, den wir das Geld nicht überweisen", so ein Telekommunikationsmanager, "sparen wir fünf Millionen Mark Zinsen."

Am Freitag vergangener Woche war schließlich Zahltag. Bis 24 Uhr mussten die fast 100 Milliarden Mark überwiesen sein.

Eine gewaltige Summe: Jeder Bundesbürger müsste 1200 Mark bezahlen, damit so viel Geld zusammenkommt. Die finanzielle Belastung für die sechs Bieter ist erdrückend.

An den Kapitalmärkten hat die Auktion schon jetzt ihre Spuren hinterlassen. Bereits im Vorfeld, so analysierte die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) in Basel, sind Geldströme aus allen Bankenzentren der Welt nach Europa, vor allem nach London geflossen.

Seit drei Wochen, die Gebote für die UMTS-Lizenzen hatten gerade die 60-Milliarden-Mark-Grenze überschritten, spielen auch die Anleihemärkte verrückt: Wer dem Staat sein Geld zehn Jahre lang borgt, bekommt dafür heute weniger Zinsen als einer, der es nur für zwei Jahre verleiht.

Ein böses Omen, denn die verkehrte Welt am Kapitalmarkt gilt als untrügliches Zeichen für bittere Zeiten. Eine so genannte inverse Zinsstruktur ging, historisch gesehen, noch jeder Rezession voraus.

Um die Kapitalmärkte nicht noch weiter aus dem Gleichgewicht zu bringen, will Bundesfinanzminister Hans Eichel, anders als zunächst geplant, mit dem unverhofften Geldsegen nicht auf einen Schlag Schulden tilgen. Zwar werden bis Dezember Anleihen im Wert von 36 Milliarden Euro fällig. Doch einem internen Vermerk seines Ministeriums zufolge raten Eichels Experten von einer sofortigen Rückzahlung ab.

Die sensiblen Anleger sind es schließlich gewohnt, dass der Bund Geld aufnimmt - und nicht in den Markt abgibt. Der Kapitalfluss in umgekehrter Richtung hätte die Märkte überfordert, so die Mahnung der Beamten. Und außerdem sei die "Benchmark-Funktion des Bundes", also sein Ruf als vorbildlicher und größter Schuldner im Markt, gefährdet.

Eichel will nun zunächst nur 17 Milliarden Euro zurückzahlen. Alle übrigen fälligen Papiere werden durch neue Schulden abgelöst. "Eine Gefährdung des Benchmark-Status wird somit nicht eintreten", heißt es in dem Papier. Mit dem Rest des Geldes will Eichel im Januar den Ausgleichsfonds Währungsumstellung tilgen. Damit sicherte der Bund nach der Wende die Zahlungsfähigkeit ostdeutscher Banken.

Die Rückzahlung macht Sinn: Die Schuldverschreibung ist variabel verzinst - und je höher die seit Monaten steigenden Zinsen noch klettern, desto mehr müsste der Bund seinen Gläubigern zahlen.

Doch nicht nur die Tilgung der Staatsschulden, vor allem die Finanzierung der Lizenzen wird die Kapitalmärkte belasten. In den Unternehmen herrscht angesichts der horrenden Beträge, die nun fällig werden, Katerstimmung.

Denn die Finanzchefs der Konzerne budgetierten eine Lizenz zwischen 7 Milliarden und 10 Milliarden Mark - nun zahlen sie rund 16,5 Milliarden. Dabei müssen sie pro Lizenz noch einmal bis zu 10 Milliarden Mark in Sendetechnik investieren und die teuren UMTS-Handys subventionieren. Frankfurter Banker rechnen für jede UMTS-Lizenz mit Gesamtkosten von 30 Milliarden Mark. Inflationsbereinigt übersteigt die Investition in die neue Technik somit die Kosten für den Bau des gesamten europäischen Eisenbahnnetzes.

Nun müssen die Konzerne weit mehr Geld beschaffen als ursprünglich geplant. France Télécom, der Partner von Mobilcom, will sich deshalb am Anleihemarkt zehn Milliarden Euro pumpen und British Telecom, Haupteigentümer der Viag Interkom, will dort 10 Milliarden Dollar einsammeln. Das Perfide dabei: Durch die astronomischen Gebote ist nicht nur der Preis der Lizenzen gestiegen, auch deren Finanzierung hat sich verteuert.

Während der Auktion schon begannen die Preise für bereits emittierte Anleihen von Telekommunikationsunternehmen zu fallen, die Renditen sind seither um über 0,3 Prozent gestiegen.

Die Zahl hinter dem Komma kommt die Unternehmen teuer zu stehen. Für ihre neue Anleihe muss deshalb beispielsweise die France Télécom jedes Jahr rund 70 Millionen Mark mehr Zinsen bezahlen. Auf zehn Jahre gerechnet, sind das Mehrkosten von rund einer Milliarde Mark. Und die Telekommunikationsanleihen fallen weiter.

Kreditexperten in den Frankfurter Geldhäusern rechnen damit, dass die Konzerne nur etwa ein Drittel des benötigten Geldes über gut besicherte Anleihen beschaffen können. Ein weiteres Drittel werden sie über Bankkredite finanzieren müssen - wobei die Institute von Telekomfirmen derzeit zu den üblichen Zinsen rund zwei Prozent Aufschlag verlangen. Den Rest des Geldes werden die Konzerne über hochverzinsliche Anleihen, so genannte Junk-Bonds, zusammenkratzen müssen. Die Zinssätze dafür liegen aber bei über zehn Prozent.

Wohl dem, der vorgesorgt hat: Anders als viele ihrer Konkurrenten hat die Deutsche Telekom mit Blick auf die Milliardensummen, die sie für UMTS-Lizenzen europaweit ausgeben will, schon vor Wochen Anleihen im Wert von 15 Milliarden US-Dollar aufgelegt - zu deutlich besseren Konditionen, als die Wettbewerber sie jetzt erhalten.

Die astronomischen Summen haben in den Augen des Chefvolkswirts der Dresdner Bank, Klaus Friedrich, dazu geführt, "dass sich einige der Unternehmen finanziell übernommen haben und das UMTS-Abenteuer nicht überleben werden".

Kein Wunder, dass die Juristen in den Zentralen der Telefonkonzerne, aber auch externe Anwaltskanzleien sich in den vergangenen Tagen mit kniffligen Fragen beschäftigen mussten: "Was passiert, wenn wir die Zahlungsfrist nicht einhalten?" Und: "Ist das Verfahren überhaupt rechtmäßig?"

Laut Telekommunikationsgesetz können Lizenzen zwar versteigert werden. Ob es sich angesichts der horrenden Summen aber noch um eine "Gebühr" handelt, gegen die Lizenzen nach diesem Gesetz erteilt werden, ist unter Juristen umstritten.

Noch ist keiner der Konzerne juristisch gegen die Lizenzversteigerung vorgegangen. Man halte sich jedoch, heißt es in deren Zentralen, alle Möglichkeiten offen.

Eine davon ist, erst einmal nicht zu bezahlen. Die Chefjustiziare glauben, dass die Regulierungsbehörde dann ein Mahnverfahren starten müsste. Die Summe wäre dann, samt drei Prozent Zinsen, binnen vier Wochen fällig.

Ob einer der Konzerne diesen Schritt gewagt hat, war am Freitag ungewiss. Bei Dienstschluss der Beamten, um 15.30 Uhr, hatten erst vier der sechs Handy-Firmen ihre 16,5 Milliarden Mark ganz oder teilweise überwiesen. FRANK DOHMEN,

CHRISTIAN REIERMANN, WOLFGANG REUTER


DER SPIEGEL 36/2000
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