04.09.2000

„Die Autofahrer sollen weinen“

Opec-Generalsekretär Rilwanu Lukman über die Preispolitik des Ölkartells, neue Allianzen unter den Förderländern und seine Erwartungen an das Wiener Treffen der Ölproduzenten
SPIEGEL: Herr Generalsekretär, in den vergangenen 20 Monaten ist der Ölpreis von etwa 10 auf über 30 Dollar pro Fass gestiegen. Das ist der höchste Stand nach dem Golfkrieg vor zehn Jahren. Wie hoch will die Opec den Preis noch schrauben?
Lukman: Zuerst einmal wollen wir nicht vergessen, dass wir 1998 einen Preissturz von weit über 20 auf unter 10 Dollar pro Fass hatten. Die Gründe dafür waren ein milder Winter, die Asienkrise, große Vorräte der Verbraucher - all das wirkte sich negativ auf den Preis aus.
SPIEGEL: In den Augen der Verbraucher ist die Opec ein Kartell, das die Bürger mit immer neuen Preiserhöhungen auspresst.
Lukman: Diese Beschreibung akzeptieren wir nicht. In unserer Satzung steht, dass wir faire Preise für die Verbrauchernationen wie für die Produzenten anstreben und einen angemessenen Gewinn für die Förderländer erzielen wollen. Wenn der Preis zu hoch ist, bieten wir mehr Öl an, um ihn zu drücken. So handelt kein echtes Kartell.
SPIEGEL: Trotzdem müssen Sie sich den Vorwurf der Preistreiberei gefallen lassen.
Lukman: Richtig ist, dass sich die Preise im Moment eher im höheren Bereich bewegen. Aber auch wir selbst sind mit solchen Entwicklungen nicht einverstanden, das liegt nicht in unserem Interesse.
SPIEGEL: Haben Sie plötzlich Ihr Herz für die Autofahrer entdeckt?
Lukman: Uns geht es darum: Wenn die Preise hoch sind, kaufen die Leute weniger, und der Mechanismus von Angebot und Nachfrage leidet. Damit wir selbst langfristig planen können, wünschen wir uns lieber moderate, aber stabile Preise.
SPIEGEL: Was halten Sie denn für maßvoll?
Lukman: Jeder Preis, der die Menschen veranlasst, verstärkt nach alternativen Energiequellen zu suchen - etwa Atomstrom, Wind- und Solarenergie oder Kohle -, ist aus unserer Sicht zu hoch. Andererseits ist der Preis zu niedrig, wenn er von der Erschließung neuer Ölfelder, dem Bereitstellen von Reserven oder zusätzlicher Kapazität abschreckt. Erstens verdienen wir dann zu wenig, zweitens führen diese mangelnden Investitionen zu einer Verknappung und so zu hohen Preisen - was dann Verbraucher auf die Barrikaden treibt.
SPIEGEL: Die Analysten von Goldman Sachs schließen dennoch nicht aus, dass der Preis sogar auf 50 Dollar pro Fass steigen könnte. Ist das realistisch?
Lukman: Ich hoffe nicht. Solange wir noch Kapazitäten haben, werden wir zusätzliches Öl auf den Markt bringen und nicht zulassen, dass der Preis so hochschnellt.
SPIEGEL: Das machen Sie nicht aus Verbraucherfreundlichkeit, sondern weil es sonst wieder interessant ist, mehr in Gebieten wie der Nordsee zu fördern, wo die Produktionskosten um bis zu 15 Dollar höher liegen als in Opec-Ländern.
Lukman: Genau deshalb haben wir vereinbart, in Hochpreiszeiten die Fördermenge zu erhöhen, da-
mit der Preis sinkt. Über den angemessenen Zeitrahmen oder das entsprechende Volumen muss man sich im jeweils konkreten Fall verständigen.
SPIEGEL: Es gibt berechtigte Zweifel, dass die Opec überhaupt in der Lage ist, dieses zusätzliche Öl auf den Markt zu bringen. Weil der Dollar und der Ölpreis niedrig waren, hat man nicht sehr viel in die Modernisierung der Förderanlagen investiert.
Lukman: Auf der Opec-Konferenz am 10. September werden wir uns den Markt anschauen. Wenn wir dann wirklich mehr Öl auf dem Markt benötigen, werden wir auch mehr produzieren. Als Gruppe hat die Opec eine zusätzliche Kapazität zwischen zwei und zweieinhalb Millionen Fass pro Tag.
SPIEGEL: Ihre Mitglieder wollen also den Autofahrern mit ihren Beschlüssen nicht die Tränen in die Augen treiben?
Lukman: Sie sollen an den Tankstellen ruhig weinen, aber nicht über die Opec. Sie sollen aufschreien, weil ihre Regierung ihnen zu viel Mineralölsteuern abknöpft.
SPIEGEL: Die Opec wird in der nächsten Woche keine neuen Preisschübe auslösen und so Panik schüren?
Lukman: Ich möchte der Konferenz nicht vorgreifen. Im Unterschied zu den Ölministern der Opec-Länder habe ich ja nur beratende Funktion. Doch wenn die Preise auf dem jetzigen Niveau bleiben, werden wir etwas unternehmen.
SPIEGEL: Nennen Sie doch mal Zahlen: Was wäre denn ein angemessener Preis?
Lukman: Um oder leicht über 25 Dollar wäre fair. Wenn mehr bezahlt werden muss, ist das nicht unsere Schuld. In den vergangenen Monaten haben wir fast zweieinhalb Millionen Fass zusätzlich in den Markt gebracht, um die Preise zu drücken.
SPIEGEL: Der gibt trotzdem nicht nach.
Lukman: Sie unterstellen, dass die Opec die Preise punktgenau steuern kann. Das aber kann niemand. Der Markt ist ziemlich unabhängig, und darüber hinaus sind wir auch nicht die Einzigen, die Öl produzieren und verkaufen. Die Opec verfügt zwar über etwa 75 Prozent der Weltölreserven, aber unser Anteil beim Ölhandel liegt nur bei ungefähr 60 Prozent. Was wir also tun, um einen moderaten Preis zu bekommen, kann von den anderen entweder unterstützt oder aber unterlaufen werden.
SPIEGEL: Die Rolle der selbstlosen Opec nehmen wir Ihnen nicht ab.
Lukman: Nun hören Sie mal zu: Soviel ich weiß, sind von den fast
zwei Mark, die der Liter Benzin in Deutschland kostet, allein 68 Prozent Steuern, die Ihre Regierung festlegt. Weitere 16 Prozent gehen an die Raffinerien und Vermarkter, nur ganze 16 Prozent erhalten die Ölexporteure. Vom Erlös eines Liters Benzin bekommt Ihre Regierung dreimal mehr als die Öllieferländer.
SPIEGEL: Mit Ihrer Steuerkritik wollen Sie doch nur davon ablenken, dass die Förderung eines Fasses Öl in Saudi-Arabien zwischen einem und zwei Dollar kostet - verkauft wird es dagegen für 30 Dollar.
Lukman: Sehen Sie sich doch mal an, was die Herstellung eines Liters Mineralwasser kostet und wie teuer das verkauft wird. Wenn man bedenkt, dass Rohöl für viele Länder die einzige Einnahmequelle und die Förderung zeitlich begrenzt ist, muss man verstehen, dass niemand sein Öl verschenkt.
SPIEGEL: Wir reden über 28 Dollar Preisaufschlag.
Lukman: Die Produktionskosten liegen vielleicht in Saudi-Arabien bei zwei Dollar, woanders liegen sie zwischen drei und vier Dollar pro Fass, mitunter sogar weit darüber.
SPIEGEL: Trotzdem werden Ihre Mitglieder zum kommenden Winter besonders kräftig verdienen, denn auch der Heizölpreis schießt in die Höhe.
Lukman: Der ist nicht nur vom Rohöl abhängig, sondern auch von den Raffinerien. Die haben sich zuletzt auf die Gewinn bringende Benzinproduktion konzentriert. Deshalb ist Heizöl knapp und teuer.
SPIEGEL: Sie geben den Ölkonzernen die Schuld an den hohen Preisen?
Lukman: Nein. Ich gebe keinem die Schuld. Aber wir wollen nicht, dass man uns zum Sündenbock macht. Deshalb werden wir handeln, nur erwarten Sie nicht, dass wir den Preis auf zehn Dollar drücken.
SPIEGEL: Ihre Beteuerungen in allen Ehren - aber werden sich Ihre Mitglieder angesichts leerer Staatskassen wirklich an die getroffenen Absprachen halten?
Lukman: Das ist keine Option. Wenn nur ein Mitglied sich über abgesprochene Fördermengen hinwegsetzt und die Preise nachgeben, leiden wir alle darunter - auch das Land, das insgeheim versucht hat, mehr Geld zu verdienen.
SPIEGEL: Libyen will seit der Aufhebung des Uno-Wirtschaftsembargos zurück auf die internationale Bühne und mit seinem Öl jetzt richtig Geld machen. Können Sie sich da noch auf Revolutionsführer Gaddafi verlassen?
Lukman: Wer gegen die Interessen der Gruppe handelt, verstößt auch gegen eigene Interessen, das hat wohl jedes Land verstanden.
SPIEGEL: Sie denken langfristig, aber für Regime wie das von Saddam Hussein ist es wichtiger, jetzt so viel Öl wie möglich zu verkaufen. Was wäre, wenn auch der Irak wieder voll im Ölgeschäft mitmischt?
Lukman: Dann hätten wir mehr Öl.
SPIEGEL: Wäre das gut oder schlecht?
Lukman: Im Moment produziert Bagdad bereits drei Millionen Fass täglich. Doch der weltweite Bedarf an Öl wird sowieso steigen, dann braucht man auch mehr Öl von der Opec. Auf diese Weise könnten die Iraker wieder zu Reichtum kommen.
SPIEGEL: Hintenrum tut Saudi-Arabien alles, um den Irak aus dem Markt zu drängen.
Lukman: Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich Ihnen da zustimme.
SPIEGEL: Auch Teheran braucht Geld. Die Regierung will viel in die Modernisierung der Ölindustrie stecken. Früher galt Iran als notorischer Schummler bei den Quoten.
Lukman: Nach meinen Informationen zählt Iran ganz im Gegenteil zu jenen, die unsere Vereinbarungen am zuverlässigsten einhalten. Die Leu-
te denken immer, wir reißen uns gegenseitig die Köpfe ab. Aber ganz so kämpferisch geht es bei uns nicht zu, selbst wenn Mitglieder wie der Irak und Iran gegeneinander Krieg geführt haben.
SPIEGEL: Offensichtlich unter amerikanischem Druck ist Saudi-Arabien kürzlich aus der Einheitsfront ausgeschert und hat sich zur Überraschung anderer Opec-Länder für eine Erhöhung der Fördermenge ausgesprochen, um den Preis zu drücken. Der venezolanische Präsident Chávez fordert dagegen einen hohen Preis.
Lukman: Das stimmt doch so nicht. Aber natürlich gibt es bei elf Mitgliedstaaten aus ganz verschiedenen Teilen der Welt - vom Fernen Osten bis nach Lateinamerika - Meinungsunterschiede. Dann werden die einen zu Preis-Falken erklärt, die anderen zu Tauben. Doch in diesen Kategorien denken wir selber nicht.
SPIEGEL: Früher haben einzelne Mitglieder immer wieder versucht, unter der Hand mehr zu verkaufen als vereinbart, um so die eigenen Kassen kurzfristig aufzufüllen.
Lukman: Genau. Dadurch haben wir viel Geld verloren, weil es Quotenüberziehungen in Höhe von zwei Millionen Fass täglich gab. Insgesamt haben wir Ende der neunziger Jahre über 60 Milliarden Dollar eingebüßt. Nach dem Preisverfall hat sich aber ein neuer Geist in der Opec entwickelt. Es gibt seither nicht nur eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Organisation, sondern es entwickelten sich auch Beziehungen zu den großen ungebundenen Förderländern wie Mexiko, Oman, Russland, Angola und Norwegen. So gelang es, Öl vom Markt zu nehmen und die Preise wieder steigen zu lassen.
SPIEGEL: Die Opec-Mitglieder tricksen sich also nicht mehr gegenseitig aus?
Lukman: Dieses Wort würde ich nicht gebrauchen. Sie arbeiten jetzt enger zusammen und halten sich mehr oder weniger an das, was wir vereinbart haben. Aber das Wichtigste ist, dass auch unsere Freunde außerhalb der Opec verlässlich sind.
SPIEGEL: Ende September findet in Caracas ein großer Opec-Gipfel statt. Werden Sie Ihre neuen Verbündeten wie Norwegen oder Mexiko dann aufnehmen?
Lukman: Unsere Türen stehen ihnen offen. Und vielleicht werden einige Förderländer über kurz oder lang unserer Organisation beitreten. Jeder Nettoexporteur von Rohöl kann die Mitgliedschaft beantragen. Aber wir werden nicht aktiv Mitglieder werben.
SPIEGEL: Wenn Sie doch so sehr an stabilen Preisen interessiert sind, warum arbeitet die Opec dann nicht enger mit den Verbraucherländern zusammen?
Lukman: Es gibt ja bereits einen Dialog zwischen Produzenten und Verbrauchern. Im November wird es dazu eigens eine Konferenz in Riad geben. Das belegt doch, dass sich die Lage verändert hat und allen klar wird, dass wir gemeinsame Interessen haben. Wir müssen uns nicht bekämpfen.
SPIEGEL: Sucht die Opec die Nähe zu den Industriestaaten, weil das Erdölzeitalter dem Ende entgegengeht?
Lukman: Das Ende der Ölära sehe ich noch lange nicht. Unsere Reserven reichen noch etwa 80 Jahre, wenn wir im jetzigen Umfang weiter fördern. Die Reserven der Nicht-Opec-Länder halten nur noch 25 Jahre vor. Die Welt braucht unser Öl.
SPIEGEL: Die Zeiten, in denen Öl als politisches Druckmittel benutzt wurde, sind vorbei?
Lukman: Die Opec hat nie die so genannte Ölwaffe eingesetzt. Die Situation hatte sich in den siebziger Jahren so ergeben. Was in der Zukunft geschieht, liegt nicht in meiner Hand.
SPIEGEL: Herr Generalsekretär, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Dieter Bednarz und Alexander Jung. * Auf einer Tagung des Golf-Kooperationsrates am 8. Dezember 1998 in Abu Dhabi. * Oben: am 28. August in Marseille; unten: auf einer Ölplattform im Persischen Golf.
Von Dieter Bednarz und Alexander Jung

DER SPIEGEL 36/2000
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