11.09.2000

LEGENDEN„Hamburg war ein Sexschock“

Die Beatles George Harrison, Paul McCartney und Ringo Starr über ihre Karriereanfänge
Paul McCartney: Als uns angeboten wurde, in Hamburg zu spielen, ging ich noch zur Schule. Irgendjemand hatte begriffen, dass es in Liverpool eine Menge guter Bands gab, dass wir billiger als die Londoner Gruppen waren und dass wir keine Ahnung hatten, so dass man uns ordentlich ausnutzen konnte. Man sagte uns: "Ihr könnt nach Hamburg gehen und pro Woche 15 Pfund verdienen." 15 Pfund in der Woche war mehr, als mein Dad verdiente. Tatsächlich verdienten auch die Schullehrer nicht mehr. Ich erinnere mich, wie ich in jenem Sommer stolz an den Direktor schrieb: "Ich bin mir sicher, Sie werden verstehen, warum ich im September nicht zurückkommen werde, denn ich verdiene - halten Sie sich fest - 15 Pfund die Woche." Es war eine Art Ich-hab's-weitergebracht-als-du-Brief.
George Harrison: Der Wagen war gerammelt voll. Er besaß keine Sitze, wir mussten auf den Verstärkern sitzen. Wir fuhren hinunter nach Harwich und dann mit dem Schiff nach Hoek van Holland.
McCartney: Die seltsamste Erinnerung für mich ist, als wir an der Grenze gefragt wurden, ob wir Kaffee dabei hätten. Das konnte ich nicht verstehen. Drogen, ja, Waffen, ja, Schnaps oder etwas Ähnliches, das konnten wir verstehen. Aber ein Riesengeschäft mit geschmuggeltem Kaffee?
Harrison: Natürlich waren, als wir nachts eintrafen, keinerlei Vorbereitungen getroffen worden. Der Clubbesitzer Bruno Koschmider fuhr uns für die erste Nacht zu seinem Haus, wo wir alle in einem Bett landeten. Schließlich verfrachtete er uns in den rückwärtigen Teil eines kleinen Kinos, des Bambi-Kinos, genau am Ende einer Straße namens Große Freiheit.
McCartney: Ich hatte Shakespeare, Dylan Thomas und Steinbeck gelesen, so dass wir, als wir unsere Erfahrungen in Hamburg machten, auf gewisse Weise als Lernende dort waren und ein klein wenig als Künstler, in der Art: "Dies wird eines Tages gut für unsere Memoiren sein." Der Club, in dem wir spielen sollten, hieß Indra.
Harrison: Das Indra lag am anderen Ende der Großen Freiheit, abseits der Reeperbahn, wo sich die meisten Clubs befanden. Bruno hatte den Club eben erst eröffnet und uns dort engagiert. Die ganze Gegend war voller Transvestiten, Prostituierten und Gangster, aber ich könnte nicht behaupten, diese Leute seien unser Publikum gewesen. Ich kann mich nicht erinnern, dass am Anfang überhaupt viele Leute da waren.
McCartney: Wir wohnten im hinteren Teil des Bambi-Kinos, neben den Toiletten, und die konnte man riechen. Das Zimmer war ein alter Lagerraum gewesen, es gab nur Betonwände. Keine Heizung, keine Tapete, nicht einen Spritzer Farbe. Wir hatten je zwei Etagenbetten, wie kleine Feldbetten, und zu wenig Decken. Uns war eiskalt. Leute kamen aus dem Kino und wollten aufs Klo gehen, und sie fanden diese kleinen Liverpooler Jungs vor, die "Morning" sagten und sich alle rasierten.
Harrison: Ich habe mich nie geduscht. Im Klo des Bambi-Kinos gab es ein Waschbecken, aber man konnte sich darin nicht richtig waschen. Wir konnten Zähne putzen und uns rasieren, aber nicht viel mehr.
McCartney: Wir mussten das Publikum regelrecht hereinbitten, weil wir in einem völlig dunklen, leeren Club spielten. In dem Moment, wo wir jemanden an der Tür sahen, legten wir mit "Dancing in the Streets" los und rockten ab. Dabei taten wir so, als hätten wir die Leute nicht gesehen.
Harrison: Wir spielten etwa einen Monat im Indra, dann musste der Club schließen, und wir zogen um in den Kaiserkeller.
Ringo Starr: Hamburg war großartig. Ich war mit Rory Storm and the Hurricanes dort. Wir reisten nicht in einem Kleinbus - wir trugen Anzüge, also nahmen wir das Flugzeug, das war ein Erlebnis. Als wir dort ankamen, wollte Koschmider, dass wir im Hinterzimmer des Kaiserkellers übernachteten, weil die Beatles im Hinterzimmer des Kinos untergebracht waren. Es gab ein paar alte Sofas und als Decken Flaggen mit dem Union Jack. Wir sagten: "Soll das ein Witz sein? Wir haben Anzüge!" Rory, ich und die Band kamen dann in einem Raum der deutschen Seemannsmission unter, und das war Luxus - absoluter verdammter Luxus.
Harrison: Im Kaiserkeller mussten wir früher anfangen und später aufhören. Wir traten zusammen mit einer anderen Band auf und spielten im Wechsel - zuerst mit Derry and the Seniors und dann mit Rory Storm and the Hurricanes. Laut Vertrag mussten wir sechs Stunden spielen, dann die andere Band ebenfalls sechs Stunden, das ergab ein zwölfstündiges Set. Wir spielten eine Stunde, sie spielten eine Stunde und so wechselten wir uns ab, tagein, tagaus, für ein paar Kröten im Monat.
McCartney: Ringo kam immer sehr spät vorbei, zu unserem letzten Set. Er mochte die bluesartigen Sessions, wenn nicht mehr viele Leute da waren. Wir wurden um diese Zeit ruhiger und kramten die ganzen B-Seiten-Songs raus. Ich weiß noch, wie Ringo immer kam, einen Drink bestellte, es sich bequem machte und sich den Song "Three-Thirty Blues" wünschte.
Starr: Ich erfuhr erst später von John, dass sie sich damals ein wenig vor mir gefürchtet hatten. John sagte mir: "Wir hatten früher ein bisschen Angst vor dir - diesem Betrunkenen, der sich langsame Songs wünschte." Sie waren großartig in Hamburg. Wirklich gut - großartiger Rock. Ich wusste, dass ich besser war als Pete Best, der Schlagzeuger, den sie damals hatten.
McCartney: Wir dachten nie daran, dort eigene Songs zu schreiben. Es gab so viel anderes. Ich hatte verschiedene kleine Stücke geschrieben, traute mich aber nicht, sie jemandem zu zeigen. Es gab immer einen besseren Chuck-Berry-Song. Wir wurden immer besser, und andere Bands kamen, um uns zu sehen. Die höchste aller Ehren war, wenn Tony Sheridan vom Top Ten (dem großen Club auf der Reeperbahn, in dem wir auftreten wollten) vorbeischaute oder wenn Rory Storm oder Ringo da waren und uns zusahen.
Harrison: Am Samstag begannen wir um drei oder vier Uhr nachmittags und spielten bis fünf oder sechs Uhr morgens. Wir frühstückten nach dem Auftritt. Alle waren betrunken - nicht nur die Band, auch das Publikum und ganz St. Pauli. Dann gingen alle am Sonntagmorgen auf den Fischmarkt (ich habe nie herausbekommen, warum). Wir schlenderten im grellen Tageslicht umher, voll wie Strandhaubitzen, ohne Schlaf. Schließlich gingen wir ins Bett. Dann begann die Sonntagsshow, sie fing früh an, ging aber nicht allzu lang. Im ersten Teil war das Publikum deutlich jünger, um die fünfzehn, sechzehn oder siebzehn. Gegen acht oder neun Uhr abends wurden die Zuhörer dann etwas älter, und nach zehn Uhr waren nur noch Achtzehnjährige und Ältere da. Gegen zwei Uhr morgens kamen die abgehärteten Säufer und die anderen Clubbesitzer vorbei und saßen mit dem Besitzer von unserem Club zusammen.
Starr: Die Deutschen waren toll. Wenn sie dich mochten, schickten sie das Bier kistenweise auf die Bühne. Und wenn Leute mit Geld da waren, Auswärtige oder Snobs aus Hamburg, dann spendierten sie Champagner. Uns kümmerte das nicht, wir tranken alles. Kriminelle kamen auch in die Clubs. Die hatten Revolver, das hatten wir vorher noch nie gesehen. Das war der Moment in unserem Leben, wo wir auf Tabletten kamen, Aufputschmittel. Nur damit konnten wir so lange durchhalten. Sie hießen Preludin und waren rezeptfrei.
Harrison: Wir hatten Schaum vor dem Mund. Weil wir stundenlang spielen mussten und uns die Clubbesitzer Preludin gaben, diese Schlankheitspillen. Ich weiß noch, wie ich im Bett lag, schweißgebadet vom Preludin, und dachte: "Warum schlafe ich nicht?"
McCartney: Mein Dad war ein kluger, bodenständiger Mann, daher sah er alles kommen. Als junger Kerl, der allein nach Hamburg ging, war ich gewarnt worden: "Drogen und Pillen: Pass auf, verstanden?" Daher war ich in Hamburg, als das Preludin herumgereicht wurde, vermutlich der Letzte, der es versuchte. Etwa: "Oh, ich bleibe beim Bier, danke." Sie wurden alle high, und ich war schon allein durch ihre Ausstrahlung gut drauf. Ich erinnere mich, wie John sich umdrehte und sagte: "Bla, bla, bla. Auf was bist du drauf?", und ich sagte: "Auf gar nichts, bla, bla." Rückblickend ist mir klar, dass es nur der Gruppenzwang war; abzulehnen wirkt heute cooler als damals.
Harrison: Alkohol und Preludin, mit dem man tagelang wach war, hatten auch stimmungssenkende, negative Auswirkungen: Man hatte Halluzinationen und wurde seltsam. John drehte manchmal ein bisschen durch. Er kam in den frühen Morgenstunden herein und redete wirres Zeug. Einmal hatte Paul ein Mädchen im Bett, und John kam herein und bekam eine Schere in die Finger und zerschnitt all ihre Kleider und ruinierte dann unsere Garderobe.
McCartney: Eines Tages spielten wir unser Programm, und plötzlich kamen einige merkwürdige Zuschauer, die anders aussahen. Sofort spürten wir: "Hey-hey ... verwandte Seelen ... etwas geht hier vor." Es waren Astrid, Jürgen und Klaus. Klaus Voormann spielte später Bass bei Manfred Mann. Jürgen war Jürgen Vollmer, er ist wirklich ein guter Fotograf. Wie auch Astrid Kirchherr, sie wurde später Stuarts Freundin - es war die große Liebe. Und wir waren ebenfalls das, wonach sie suchten. Ihnen allen gefielen der Rock'n'Roll und die Haartollen, aber sie waren anders; sie trugen alle Schwarz. Vieles an unserem Stil stammt von ihnen. Sie nannten sich selbst "Exis" - Existenzialisten.
Harrison: Astrid war so entzückend; sie nahm uns mit nach Hause und gab uns zu essen. Sie half uns sehr, und sei es nur, dass wir bei ihr baden konnten. Astrid war damals 24, und ich war 17; sie wirkte so viel älter als ich und so erwachsen. Schließlich hatten Stuart und Astrid was miteinander.
McCartney: Jürgen und Astrid nahmen uns an ungewöhnliche Orte mit, zum Beispiel auf einen Jahrmarkt, und fotografierten uns dort. Uns gefiel dieses Image - es sieht toll aus. Glitzer hassten wir schon immer. Wir fanden einen Laden mit Lederjacken, von denen wir wussten, dass niemand in Liverpool solche haben würde, und das war wirklich cool.
Harrison: Das Problem mit den Nachtclubs in Hamburg war, dass die meisten Kellner und Barkeeper Kriminelle waren. Sie waren ohnehin harte Burschen, Raufbolde, und es gab immer Schlägereien. Der populärste Song für Prügeleien war nicht nur in Hamburg, auch in Liverpool "Hully Gully". Eines Abends konnte man die Players- und Capstan-Zigaretten im Publikum riechen, und wir dachten "Oha, die Briten sind hier." Es waren Soldaten, und ich weiß noch, wie ich einem riet, nicht mit der Barfrau anzubandeln, sie gehöre dem Clubmanager - ein harter Bursche. Aber dieser Soldat betrank sich und machte die Barfrau an, und im nächsten Augenblick wurde "Hully Gully" gespielt, und es war die Hölle los. Am Ende des Liedes mussten wir wegen des Tränengases aufhören zu spielen.
McCartney: Hamburg öffnete uns die Augen. Wir gingen als Kinder dorthin und kamen als ... alte Kinder zurück! Es war ein Sexschock. Plötzlich hattest du eine Stripperin zur Freundin. Wenn man zuvor kaum Sex gehabt hatte, war das recht beachtlich. Hier war ein Mädchen, das offensichtlich etwas davon verstand und du selbst eben nicht. Also erlebten wir eine ziemlich schnelle Feuertaufe in Sachen Sex.
Harrison: Mein erstes Mal war in Hamburg, in einem Stockbett - Paul, John und Pete schauten zu. Sie konnten zwar nichts sehen, denn wir machten es unter der Decke, doch als ich fertig war, klatschten und grölten sie. Wenigstens haben sie die Klappe gehalten, während ich zugange war.
McCartney: Ich ging einmal in Johns Zimmer und sah, wie er auf einem Mädchen lag und sein kleiner Hintern sich auf und ab bewegte. Dann entschuldigte man sich und verließ den Raum, das war ganz normal. Wir waren sehr pubertär, es hieß einfach: "Kann ich das Zimmer haben? Ich will vögeln." Und dann brachte man ein Mädchen mit.
Starr: Wir waren zwanzig Jahre alt - ich jedenfalls war zwanzig - und zogen durch die Striplokale; das war aufregend. Mehr als Nudes On Ice gab es in Liverpool nicht; das waren Plexiglaswürfel mit nackten Frauen drin, die sich nicht bewegen konnten. Und hier in Deutschland war das alles zum Greifen nah!
Harrison: St. Pauli und die Reeperbahn, das war wie Soho. Mit ein paar Bier, guter Laune und ein paar Freunden gehörte man dazu. Im ganzen Viertel war der Teufel los. Es gab Schlammringerinnen und Transvestiten, in manchen Lokalen ließen sich Frauen sogar von Eseln und anderem Getier bumsen - angeblich.
McCartney: Um zehn Uhr abends war Sperrstunde. Dann kam die Polizei, verkündete, dass es 22 Uhr sei und dass alle unter achtzehn nun das Lokal verlassen müssten. "Ausweiskontrolle." Wir hatten das so oft gehört, dass wir zum Scherz auch solche Ansagen machten.
Harrison: Nach zwei Monaten fiel bei mir der Groschen, und ich verstand erst, was sie sagten - dass alle unter achtzehn das Lokal verlassen müssten. Ich war erst siebzehn und saß auf der Bühne wie auf Kohlen. Wir hatte keine Arbeitserlaubnis und keine Visa, und ich war auch noch minderjährig. Schließlich fand jemand heraus, wie alt ich war. Wie, weiß ich nicht. Sie hatten uns also auf dem Kieker, und eines Tages kam die Polizei und schmiss mich raus. Ich musste nach Hause zurück, doch das war ein denkbar schlechter Zeitpunkt, denn wir hatten gerade ein Angebot von einem anderen, noch cooleren Club, dem Top Ten, ein Stück die Straße runter. Paul und Pete Best waren zur selben Zeit aus Deutschland rausgeflogen und schon vor mir daheim. Anscheinend hatte Bruno die Beatles nicht gehen lassen wollen, und als ein Feuer in seinem Club ausbrach, zeigte er sie an. Bruno behauptete, sie hätten sein Kino in Brand gesetzt. Ein paar Stunden hielten sie Pete und Paul auf der Wache auf der Reeperbahn fest, dann wiesen sie sie aus und setzten sie in ein Flugzeug nach England. John kam ein paar Tage später zurück, denn was sollte er dort noch tun? Stuart blieb, denn er wollte mit Astrid zusammenziehen.
McCartney: Nach Hamburg kam erst mal nicht viel. Ich fing in der Drahtfabrik Massey & Coggins an, weil Dad meinte, ich solle Arbeit suchen. Und so musste ich erst mal den Hof kehren. Eines Tages tauchten John und George auf und sagten, wir hätten einen Auftritt im Cavern. "Nein", antwortete ich, "hier habe ich eine feste Stelle und bekomme 7 Pfund 14 Schillinge die Woche. Außerdem bekomme ich hier eine Ausbildung. Das ist gut, mehr kann ich nicht erwarten." Und das meinte ich ernst. Doch dann dachte ich trotz der Drohung meines Vaters im Hinterkopf: "Scheiß drauf, ich kann das hier alles nicht ausstehen." Und so türmte ich über die Mauer und ward bei Massey & Coggins nie mehr gesehen.
Harrison: Wir sahen ziemlich deutsch aus mit unseren Lederjacken, jedenfalls sahen wir ganz anders aus als die anderen Gruppen, und wir spielten auch anders. Wir schlugen ein wie eine Bombe. Im November 1960 kehrten wir nach England zurück, und im April 1961 gingen wir wieder nach Hamburg. Ich war gerade achtzehn geworden und durfte einreisen. Wir spielten im Top Ten und wohnten über dem Club in einem schmuddeligen kleinen Kabuff mit fünf Stockbetten. Nebenan wohnte eine kleine alte Frau, die wir Mutti nannten, sie war ganz schön streng. Sie hielt die Toiletten sauber, das war auch nötig.
Starr: Hamburg war toll. Aber wenn man zwanzig ist, geht es wahrscheinlich überall ab.
Harrison: Astrid und Klaus hatten großen Einfluss auf uns. Als wir einmal im Schwimmbad waren und meine nassen Haare herunterhingen, sagten sie: "Lass das so, das sieht gut aus." Ich hatte sowieso keine Pomade dabei und dachte: "Mensch, diese Leute sind cool. Wenn sie sagen, dass das gut aussieht, dann lass ich das so." Das wurde später der Pilzkopf. Und dann sahen wir diese Lederhosen und dachten: "Wow! Die brauchen wir!" Astrid brachte uns zu einem Schneider, der uns diese tollen Nappalederhosen nähte. In Hamburg fanden wir auch einen Laden, wo es originale Cowboystiefel aus Texas gab. Dann hatten wir noch kleine rosa Kappen, die wir "Weiberhüte" nannten. Das war unsere Bühnenkleidung: Cowboystiefel, schwarze Lederanzüge und Weiberhüte. Wir begleiteten im Top Ten viele Sänger. Auch Tony Sheridan trat dort auf. Er hatte auch schon dort gesungen, als wir das erste Mal in Hamburg waren, doch nun trat er ständig dort auf. Er hatte es geschafft, sich dort anstellen zu lassen, und wir waren seine Begleitband.
McCartney: Wir nahmen für Bert Kaempfert "My Bonnie" mit Tony Sheridan auf, wir waren Tony Sheridan and the Beat Brothers. Sie fanden unseren Namen nicht gut und verlangten, dass wir uns in The Beat Brothers umbenannten, das sei für das deutsche Publikum leichter zu verstehen.
Starr: Ich machte mit Rory Aufnahmen in Hamburg, "Fever" und andere Sachen. Es gibt dort noch irgendwo eine tolle Vinylscheibe, von der ich gern eine Kopie hätte.
Harrison: Stuart war mit Astrid verlobt. Nach unserem zweiten Aufenthalt in Hamburg wollte er die Band verlassen und in Deutschland bleiben, denn der Bildhauer Eduardo Paolozzi kam als Dozent an die Kunstakademie Hamburg. Stu hatte sich nie ausschließlich auf die Musik konzentriert. Er sagte: "Ich steige aus, Jungs, ich bleibe in Hamburg bei Astrid." Ich sagte: "Wir holen keinen fünften Mann mehr in die Band. Einer von uns muss Bass spielen, aber das bin nicht ich." John sagte: "Ich auch nicht." Paul hatte nichts dagegen.
McCartney: Den Bass hat man mir praktisch aufgehalst. Keiner wollte Bass spielen, deshalb musste ja Stuart ran. Wir wollten alle Gitarre spielen, und am Anfang waren wir ja auch drei Gitarristen. Ich möchte da was klarstellen, denn es ist falsch in die Geschichte eingegangen. Vor ein paar Jahren behauptete jemand, ich hätte Stuart durch meinen skrupellosen Ehrgeiz aus der Band gedrängt. Stu und ich hatten zwar Auseinandersetzungen, aber nur weil ich wollte, dass wir eine richtig gute Band sind, und Stuart war eben eher ein toller Maler und behinderte uns damit ein bisschen, wenn auch nicht stark. Wenn es zum Streit kam und wenn uns jemand beobachtet hat, dann nur dabei, dass ich meinte: "O Gott, hoffentlich vermasselt es Stu nicht." Mehr war da nicht. Den anderen konnte ich vertrauen. Stu drehte sich ein wenig ab, damit nicht zu offensichtlich wurde, in welcher Tonart er spielte, falls er in einer anderen spielte als wir.
Harrison: Stuart Sutcliffe starb im April 1962, nachdem er die Band schon verlassen hatte. Kurz vor seinem Tod kam er noch mal nach Liverpool (im Pierre-Cardin-Jackett ohne Kragen - er besaß vor uns eines) und verbrachte viel Zeit mit uns; als hätte er geahnt, dass wir uns nie wieder sehen würden. Er besuchte mich extra zu Hause, wir waren nur zu zweit, und ich fühlte mich mit ihm sehr wohl. Ich wusste nicht, dass er krank war, doch er versuchte, das Rauchen aufzugeben. Er schnitt seine Zigaretten in kleine Stücke, und jedes Mal, wenn er Lust auf eine Zigarette hatte, rauchte er so ein kleines Stück, so eine Kippe. Alle behaupten, jemand hätte ihn auf den Kopf getreten und er sei an einer Gehirnblutung gestorben. Wir gingen nicht zu Stuarts Beerdigung, doch wir waren alle sehr traurig. In Hamburg spielten wir dann im Star-Club, einem großen Club mit einer tollen Verstärkeranlage. Wir wohnten in einem Hotel, Richtung Stadtmitte am Ende der Reeperbahn und, wie ich mich erinnere, ein gutes Stück vom Club entfernt.
McCartney: Der Star-Club war toll. Der Besitzer Manfred Weißleder und sein Geschäftsführer Horst Fascher hatten flotte Mercedes-Cabrios. Horst hatte im Gefängnis gesessen, weil er einen Mann umgebracht hatte. Er war Boxer und hatte bei einer Wirtshausschlägerei einen Seemann getötet. Zu uns waren sie jedoch sehr fürsorglich, wir waren für sie wie Schoßhündchen. Komischerweise waren wir in diesem Milieu immer sicher.
Harrison: Hamburg und die frühen Jahre, als wir versuchten, uns zwischen unseren Hamburg-Aufenthalten in der Merseyside Area einen Namen zu machen, waren toll. Doch Hamburg war wirklich am tollsten, dort gab es Mercedes-Taxis und Nachtlokale. Dort war viel los. In meiner Erinnerung ist das wie so ein schmissiger Schwarzweißfilm aus den fünfziger Jahren. Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Zeit in Hamburg zu unseren besten gehört. Wir konnten sein, wie wir waren, und wir konnten tun, was wir wollten, ohne dass es gleich in der Zeitung stand. Wir konnten jeden anpissen, den wir anpissen wollten, auch wenn wir das nie getan haben (nur John hat mal auf Nonnen gepisst, als wir um halb fünf morgens in einer Seitenstraße vom Balkon pinkelten). Wir waren wie alle anderen Leute auch, wir hatten einfach unseren Spaß und spielten trotzdem auf der Bühne.
McCartney: Hamburg ist sicher eine großartige Jugenderinnerung, aber ich glaube, die Erinnerung hängt immer vom Alter ab. Es war toll, aber ich glaube, ein paar Jahre später, nachdem wir mit den Platten die ersten Erfolge hatten, habe ich mich sehr viel wohler gefühlt.
IHRE HAMBURGER JAHRE
von 1960 bis 1962 beschreiben die Poplegenden George Harrison, Paul McCartney und Ringo Starr in dem hier abgedruckten Auszug aus dem Biografie-Sammelband "The Beatles Anthology" (Ullstein Verlag), der am 5. Oktober weltweit erscheint. In Hamburg spielten zunächst der Bassist Stuart Sutcliffe und der Drummer Pete Best in der Band mit. Harrison, McCartney und Starr sprechen in dem Buch, das mit Zitaten von John Lennon angereichert ist, auch über Kindheit, Ruhm und das Beatles-Ende im Jahr 1970.

DER SPIEGEL 37/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEGENDEN:
„Hamburg war ein Sexschock“

Video 00:49

Drama an der Angel Hai attackiert Thunfisch

  • Video "Birmingham: Notlandung mit Reifenplatzer" Video 01:12
    Birmingham: Notlandung mit Reifenplatzer
  • Video "Migranten vor der US-Grenze: Ich habe Angst" Video 02:17
    Migranten vor der US-Grenze: "Ich habe Angst"
  • Video "Aktivisten beschimpfen US-Ministerin: Wie können Sie mexikanisches Essen genießen?" Video 01:31
    Aktivisten beschimpfen US-Ministerin: "Wie können Sie mexikanisches Essen genießen?"
  • Video "Standpauke von Macron: Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!" Video 00:55
    Standpauke von Macron: "Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!"
  • Video "Infento im Test: Ein Dreirad aus dem Metallbaukasten" Video 05:56
    Infento im Test: Ein Dreirad aus dem Metallbaukasten
  • Video "Pläne der Nasa: Roboter-Bienen auf dem Mars" Video 01:12
    Pläne der Nasa: Roboter-Bienen auf dem Mars
  • Video "Britischer Golf-Trainer: Trickshots für Millionen" Video 01:13
    Britischer Golf-Trainer: Trickshots für Millionen
  • Video "Trumps Einwanderungspolitik: Einblick in die Auffanglager für Kinder" Video 02:56
    Trumps Einwanderungspolitik: Einblick in die Auffanglager für Kinder
  • Video "Modellbau par excellence: Der Meister der Präzision" Video 01:41
    Modellbau par excellence: Der Meister der Präzision
  • Video "Gefährliche Eitelkeit: Wildhüter posiert mit Python - fast erwürgt" Video 00:42
    Gefährliche Eitelkeit: Wildhüter posiert mit Python - fast erwürgt
  • Video "Flüchtlingszahlen von UNHCR: Ein trauriges Rekordjahr" Video 02:40
    Flüchtlingszahlen von UNHCR: Ein trauriges Rekordjahr
  • Video "Plötzliche Sturmbö im Park: Das fliegende Dixi-Klo" Video 01:06
    Plötzliche Sturmbö im Park: Das fliegende Dixi-Klo
  • Video "Trumps Einwanderungspolitik: Die Familien hatten keine Ahnung" Video 03:31
    Trumps Einwanderungspolitik: "Die Familien hatten keine Ahnung"
  • Video "Monsterschiff: Größtes Schwerlast-Hebeschiff der Welt" Video 00:58
    Monsterschiff: Größtes Schwerlast-Hebeschiff der Welt
  • Video "Drama an der Angel: Hai attackiert Thunfisch" Video 00:49
    Drama an der Angel: Hai attackiert Thunfisch