Von Hammerstein, Konstantin von
Wunder gibt es immer wieder. Warum also nicht in diesem Jahr? Warum nicht jetzt, wo es schon langsam auf Weihnachten zugeht?
Und so soll es geschehen: An einem grauen Herbstmorgen wird der deutsche Zuschauer in seinem Fernsehsessel erwachen - übermüdet, weil er beim Spätprogramm eingeschlafen ist -, und plötzlich wird ihn die Erkenntnis treffen mit der Wucht eines Blitzes: Ich will mehr.
Dann wird das Wunder seinen Lauf nehmen: Er wird vergessen, dass er 30 Fernsehprogramme ohnehin schon empfangen kann. Er wird verdrängen, dass er jeden Monat 50 Mark für TV-Gebühren und Kabel bezahlt. Er wird nur noch an eines denken können: an das Superpaket von Premiere World.
Der deutsche Fernsehzuschauer wird sich aus seinem Sessel erheben und zum nächsten Elektrogroßmarkt eilen: Dort wird er 54,90 Mark im Monat für das Superpaket bezahlen und hat damit auf 30 Kanälen Schlager, Sport und Spielfilm satt, 14 Mark wird ihn der Blue Channel kosten - denn ohne Erotik sind die Nächte lang -, er wird 150 Mark Kaution und 14,90 Mark Monatsmiete für den schwarzen Decoder hinlegen, 29,90 Mark Freischaltgebühr und gerne auch 349 Mark für das Saisonticket, um wirklich alle Bundesligaspiele auch live sehen zu können.
So wird das Wunder geschehen, und alle werden glücklich sein: der deutsche Fernsehzuschauer, Premiere-Chef Markus Tellenbach und auch die beiden ausländischen Geldgeber, die in den vergangenen Wochen fast 800 Millionen Mark in das Bezahlfernsehen der Kirch-Gruppe gesteckt haben. Tellenbach und sein Chef Dieter Hahn, neben Leo Kirch der wichtigste Mann des Münchner Medienkonzerns, haben sie davon überzeugt, dass Wunder möglich sind.
Noch allerdings warten sie darauf. Zehn Jahre nach dem Start des deutschen Bezahlfernsehens wollen gerade mal 2,2 Millionen Zuschauer für weitere Kanäle Geld ausgeben. Über sieben Milliarden Mark wird der Filmhändler Leo Kirch in seine Pay-TV-Projekte investiert haben, bevor er nach den bisherigen Plänen das erste Mal schwarze Zahlen schreibt.
Allein in diesem Jahr wird Premiere etwa eine Milliarde Mark Verlust machen, hat die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers in einem internen Gutachten ("Traviata II") berechnet. Erst im Jahr 2003 soll der bisher einzige deutsche Pay-TV-Sender mit knapp 300 Millionen Mark in die Gewinnzone vorstoßen.
Doch die Banker, die voraussichtlich in dieser Woche selbst mit etwa 400 Millionen Mark bei KirchPayTV einsteigen werden, haben die Angaben der Kirch-Gruppe zu Grunde gelegt, und die rechnet im Jahr 2003 mit 4,9 Millionen Abonnenten - mehr als doppelt so vielen wie heute.
Dabei korrigieren Tellenbach und Hahn ihre eigenen Prognosen inzwischen vorsichtig nach unten. Bis vor kurzem noch verkündeten sie unverdrossen, man werde bis Ende des Jahres 2,9 Millionen Abonnenten akquiriert haben - auch noch, als längst offensichtlich war, dass sie diese Zahl niemals erreichen würden. Jetzt, nachdem in "Traviata II" der Firmenwert mit stolzen 19,5 Milliarden Mark berechnet worden ist, hören sich die Prognosen deutlich vorsichtiger an.
Nun differenzieren Tellenbach und Hahn zwischen den analogen Kunden, die bisher nur einen Bezahlkanal empfangen, und den sehr viel wertvolleren Digitalabonnenten, die über ihren Decoder alle Programme von Premiere World empfangen können. Während die Analogzahl seit Start des neuen Angebots im vergangenen Oktober von einer Million auf 600 000 zurückgegangen ist, sei die Zahl der digitalen Abonnenten von 900 000 auf 1,6 Millionen gestiegen. Bis Ende des Jahres soll sie um weitere 400 000 wachsen.
"Es ist ein Saisongeschäft, das im Herbst und Winter seinen Schwerpunkt hat", sagt Kirch-Stellvertreter Hahn. Und auch Premiere-Chef Tellenbach spricht sich Mut zu: "Es wird dunkler, es wird kälter, es wird Weihnachten, und wir haben ein völlig neues Produkt."
Erst in den nächsten Wochen werde der deutsche Fernsehzuschauer realisieren, dass von den Champions-League-Spielen in dieser Saison pro Spieltag nur noch eines live im frei empfangbaren Fernsehen, bei RTL, übertragen werde, der Rest aber ausschließlich bei Premiere. Und auch die Bundesligaspiele sind seit August nur noch dort live zu sehen. "Dieses Erlebnis ist brandneu", sagt Tellenbach, "da baut sich langsam Begehrlichkeit auf."
Das Wunder muss jetzt geschehen, denn die beiden Kirch-Manager wissen, dass ihnen nur noch wenig Zeit bleibt. Zwar ist die Finanzierung des Verlustmachers Premiere erst einmal gesichert - in den nächsten Wochen werden neben Lehman Brothers wahrscheinlich zwei weitere Geldgeber einsteigen -, doch schon jetzt ist absehbar, dass Kirch sein bisheriges Monopol beim Pay-TV nicht behalten wird.
Seitdem die Telekom auf Druck der Brüsseler EU-Kommission damit begonnen hat, Teile ihres Kabelnetzes zu verkaufen, drängen milliardenschwere Investoren auf den deutschen Markt. Sie wollen die Netze modernisieren, denn bisher funktionieren Kabel wie eine Einbahnstraße, die TV-Signale ausschließlich in eine Richtung übertragen. Will der Zuschauer mit der Fernbedienung eine Pizza bestellen oder gegen Gebühr einen Film ordern, braucht er so genannte Rückkanäle - doch die müssen in den kommenden Jahren erst mit gewaltigen Investitionen installiert werden.
Dann allerdings könnten die Kabelnetzbetreiber Kirch sein Monopol streitig machen. Sie werden ihren Kunden eigenes Pay-TV anbieten, angereichert mit einem schnellen Internet-Zugang und der Möglichkeit, über das Kabel zu telefonieren.
Auch aus dem Internet droht Premiere Gefahr. Noch Anfang vergangenen Jahres tönte Kirchs umstrittener Technik-Chef Gabor Toth in einer internen Runde: "Das Internet wird maßlos überschätzt." Doch inzwischen sind die Münchner Manager aufgewacht. Demnächst will die Kirch New Media, an der die Premiere-Dachgesellschaft die Hälfte der Anteile hält, mit einem aufwendigen Entertainment-Angebot ins Netz.
Kirch hat erkannt, dass die Konkurrenz aus dem Cyberspace das Bezahlfernsehen möglicherweise bald alt aussehen lässt. Wenn es möglich wird, billig und schnell Filme aus dem Netz herunterzuladen, werden sich Fernsehzuschauer überlegen, ob sie ihr Geld wirklich für ein teures Premiere-Abonnement ausgeben sollen.
Doch noch ist es nicht so weit. Die Übertragungsgeschwindigkeiten im Internet sind bisher so niedrig, dass jeder Film-Download zu einer stundenlangen, quälenden Prozedur gerät. "Alle anderen haben bisher nur Blaupausen", sagt Kirch-Manager Hahn, "während Premiere schon jetzt ein Produkt anbietet, das die Leute haben wollen und für das sie bereit sind, Geld auszugeben." Aber auch er weiß, dass er die Zahl der Abonnenten schnell auf vier bis fünf Millionen steigern muss, denn erst dann hat Premiere die notwendige "kritische Masse", um gegen die neue Konkurrenz bestehen zu können.
Doch Deutschland liegt in der Entwicklung des Bezahlfernsehens weit hinter anderen europäischen Ländern. In Großbritannien bringt es BSkyB, der Pay-TV-Kanal des amerikanisch-australischen Medienunternehmers Rupert Murdoch, auf fast neun Millionen Abonnenten. Das sind deutlich mehr, als Kirch nach internen Prognosen in Deutschland erst im Jahr 2009 erreichen will.
Doch in Großbritannien und Ländern wie Frankreich oder Spanien gibt es weniger frei empfangbare Sender als in Deutschland - und sie sind qualitativ oft deutlich schlechter.
In Deutschland dagegen können die meisten Zuschauer kostenlos 30 Kanäle empfangen, die kaum einen Wunsch offen lassen: Die großen Sender bieten in ihren Vollprogrammen Sport, Unterhaltung und Spielfilme, Nischenprogramme wie DSF übertragen stundenlang Billard-Meisterschaften aus Las Vegas, und der Rammelkanal RTL II zeigt den Geschlechtsverkehr inzwischen so unverblümt, dass ihm von den Aufsichtsbehörden immer häufiger bescheinigt wird, gegen das Pornografie-Verbot verstoßen zu haben.
Da wird es eng für ein qualitativ zwar hochwertiges, aber teures Bezahlprogramm wie Premiere, das seine Zuschauer zudem mit einem komplizierten Decoder nervt, bei dem allein das Zappen von Kanal zu
Kanal mindestens fünf Sekunden dauert.
Jahrelang hat zudem das Gerangel zwischen Kirch und dem Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann dafür gesorgt, dass Bezahlfernsehen in Deutschland kaum eine Chance bekam. In ständig wechselnden Koalitionen kämpften die beiden mal gegeneinander, mal verbündeten sie sich.
Erst im März 1999 gab Bertelsmann entnervt auf und verkaufte über die TV-Tochter CLT-Ufa für 1,6 Milliarden Mark fast alle Anteile an Premiere. Eine "profitable Desinvestition", kommentierte der damalige Bertelsmann-TV-Vorstand Michael Dornemann. Doch inzwischen hat sich die Bewertung des Pay-TV-Senders von 3,5 Milliarden auf über 19 Milliarden Mark vervielfacht.
Denn an den Börsen werden so genannte Kundenendbeziehungen mittlerweile mit absurd hohen Aufschlägen bewertet. So zahlt die Telekom bei der Übernahme des amerikanischen Mobilfunkunternehmens Voicestream für jeden Kunden 20 000 Dollar - da sind Kirchs Pay-TV-Abonnenten mit 4000 Dollar noch moderat bewertet.
Im vorigen Jahr scheiterte Kirch noch damit, eine Anleihe zu einem akzeptablen Zinssatz aufzunehmen, doch inzwischen hat seine KirchPayTV trotz hoher Verluste keine Geldsorgen mehr. "Ich bin sehr entspannt", sagt Kirch-Manager Hahn, "denn wir haben ausreichend Spielraum für die Zukunft."
Eine Überkreuzbeteiligung mit Rupert Murdochs BSkyB hat sich als ausgesprochen lukrativ erwiesen. Kirch hat seine inzwischen stark gestiegenen Anteile an dem britischen Pay-TV-Unternehmen verkauft - und strich so innerhalb weniger Monate über 700 Millionen Mark Gewinn ein.
Doch nun müssen Hahn und Tellenbach beweisen, dass sie nicht nur in der Lage sind, Träume zu kapitalisieren. Die Investoren erwarten von ihnen, dass die Zahl der Abonnenten jetzt steil nach oben geht. Die hohe Bewertung von KirchPayTV beim geplanten Börsengang wird sich sonst nicht lange halten lassen.
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN
DER SPIEGEL 38/2000
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