18.09.2000

NEONAZISTöten für Wotan

US-Marshalls haben eine Kultfigur der deutschen Satanistenszene gefasst. Der Mörder und Neonazi Hendrik Möbus war seit fast einem Jahr auf der Flucht vor deutschen Zivilfahndern.
Schon seit Monaten waren die Zielfahnder des Landeskriminalamts Thüringen dem Satanisten auf der Spur. Vor drei Wochen dann schlugen sie mit Hilfe amerikanischer Kollegen überraschend zu: Als der flüchtige Hendrik Möbus das Grundstück des prominenten US-Rechtsextremisten William Pierce in Marlinton im Bundesstaat West-Virginia verließ, überrumpelten ihn Marshalls, die Handschellen klickten.
Möbus ist der wohl bekannteste und meistgesuchte Nazi-Satanist Deutschlands. 1993 erdrosselte er im thüringischen Sondershausen mit zwei Freunden seinen Mitschüler Sandro Beyer - nach dem Vorbild ihres Lieblings-Horrorfilms "The Evil Dead".
In schwarzen Gewändern und mit gräuslicher Musik hatte das Trio zuvor schon seine Mitschüler geschockt. "Ihr könnt meinem Blutdurst nicht entrinnen", grölten die Jungen, damals 17 Jahre alt, und: "Im Wald hört niemand der Opfer Schrei/Wieder ist eine grausige Tat vollbracht." Für besondere Rituale zogen sie sich auf den nahen "Totenberg" zurück.
Besonders Sandro Beyer litt unter Möbus und seinen Kumpanen. In einem Schülerzeitungs-Interview warnten sie den 15-Jährigen, der die Freundschaft der Gruppe suchte: "Sandro B. gehört definitiv nicht zu uns." Jeder, der sich den Satanisten nähere, solle sich "genauestens überlegen, welches Risiko er einzugehen gedenkt".
Monate später fand man Sandros Leiche in einem Erdloch. Der Sondershäuser Pastor Jürgen Hauskeller bekennt: "Wir haben die Warnungen nicht ernst genommen."
Durch die Medien geisterten die jugendlichen Täter fortan als "Satanskinder". Der damals 17-jährige Möbus erhielt 1994 im Prozess vor dem Landgericht Mühlhausen acht Jahre Jugendstrafe. Nach fünf Jahren kam er auf Bewährung frei.
Ein eklatanter Fehler der Justiz wie sich schon bald zeigte. Denn geläutert hat die Haft den Satanisten nicht. Noch während seines Gefängnisaufenthalts konnte Möbus mit seiner Band "Absurd" eine CD und eine Musikkassette aufnehmen und veröffentlichen. Das Cover ziert das Grab des ermordeten Sandro Beyer. "Er wurde von Absurd am 29. April 93 ermordet", steht daneben. Einer der Titel heißt "Brandanschlag".
In der Szene nennt sich Möbus Jarl Flagg Nidhögg; in Interviews, die im Internet veröffentlicht werden und in denen Möbus wie ein Held verehrt wird, macht er aus seiner Geisteshaltung keinen Hehl. So verkündet er, die "weiße Rasse" zeichne sich "seit jeher vor anderen Großrassen" aus, er kämpfe gegen die "Zersetzung des Deutschtums". Lieder der Band heißen "Zyklon B" und "Tod im Wald". Sein Opfer Sandro Beyer verhöhnte er: "Ich weiß ja nicht, ob man in der Nazi-Zeit bestraft worden wäre, wenn man Volksschädlinge unschädlich gemacht hätte."
Der Satz, immerhin, alarmierte vor zwei Jahren den damaligen thüringischen Justizminister Otto Kretschmer (SPIEGEL 50/1998): Kretschmer ließ prüfen, ob die Parolen des Mörders "strafrechtliche Relevanz" besitzen. Als Möbus dann noch Sieg-Heil-brüllend bei einem Konzert im thüringischen Behringen gesichtet wurde, leitete die Justiz gegen ihn gleich zwei Verfahren ein - wegen Verunglimpfung Verstorbener und wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole.
Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte Möbus Ende 1999 zu anderthalb Jahren, das Amtsgericht Eisenach zu acht Monaten Haft. Möbus legte Berufung ein und setzte sich zu Neonazis in die USA ab.
Möbus ist nur die bekannteste Gestalt einer Szene, die sich insbesondere im Osten wachsender Beliebtheit erfreut und international bisweilen als "National Socialist Black Metal" firmiert. Vor einer Radikalisierung dieses Milieus warnen Experten schon seit langem. So glaubt der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, Ingolf Christiansen, es gebe in der Bundesrepublik "3000 bis 7000 Satanisten, die gedanklich über Tierrituale hinausgehen", und Pastor Hauskeller aus der Gemeinde von Hendrik Möbus spricht von einem "flächendeckenden gesellschaftlichen Problem". Hauskeller ("Seit dem Mord an Sandro Beyer boomt die Satanistenszene in Thüringen") warnt vor "logenartig organisierten Gruppen". Insbesondere die Verbindung von Nazi-Ideologie und Satanskult sei "Besorgnis erregend".
Publikationen der Satanisten geben dem Pfarrer Recht. Dem Szene-Magazin "Stormblast" hat Möbus anvertraut: "Ich betrachte den deutschen Nationalsozialismus als die perfekte Synthese aus dem satanisch/luziferischen Willen zur Macht, dem elitären Sozialdarwinismus und dem arisch-germanischen Heidentum." Und im Buch "Lords of Chaos" beruft er sich auf einen Leitsatz der SS: "Den Tod zu geben und den Tod zu empfangen."
Bands, die sich "Barad Dúr" nennen oder "Asaru", erklären: "Die richtige Lösung wäre, 60 bis 70 Prozent der Menschheit auszurotten", "Kirchen abfackeln ist absolut okay", und "Mord ist gut gegen Überbevölkerung". Ihr Idol ist der Gitarrist der norwegischen Black-Metal-Band "Burzum", Varg Vikernes, der früher geäußert hatte, er wolle gern "Diktator von Skandinavien" werden, und der zu Kirchenbrandstiftungen aufrief. 1994 wurde Vikernes wegen des Mordes an einem anderen Satansrocker zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt.
In Deutschland kümmert sich Ronald Möbus, der ältere Bruder von Hendrik, um die Verbreitung des Nazi-Rocks. Er verlegt Gruppen, die Euthanasie und Rassenlehre besingen, und preist deren Elaborate als "eine weitere musikalische Zyklon-B-Dusche" an: "Töten für Wotan!"
Für die politische Organisation indes war auch von Amerika aus bislang Hendrik Möbus zuständig. Er gründete die deutsche Sektion der "Allgermanischen Heidnischen Front", die es sich zum Ziel setzt, "zu einer umfassenden Jugendbewegung zu werden". Langfristig, tönen die Heiden auf ihrer Internetseite, will ihre Front "alle germanischen Völker und Stämme in einem ,Großgermanischen Reich' vereinen" und "alle fremdländischen Glaubensbekenntnisse aus unseren Völkern verdrängen". Ähnliche Ziele verfolgt die Skinhead-Organisation "Blood and Honour", deren deutschen Zweig das Bundesinnenministerium vergangene Woche verboten hat.
Nach seiner Entlassung aus der Haft besuchte Hendrik Möbus mit seinem Bruder offenbar unbehelligt Auschwitz. In einer Baracke des Konzentrationslagers posierten die beiden Brüder für ein Foto mit der Keltenkreuzfahne - Material, das der Polizei bei einer Razzia im Oktober 1999 in die Hände fiel.
Die markigen Sprüche des Hendrik Möbus müssen auch dem US-Rechtsextremisten William Pierce imponiert haben. Er nahm den getürmten Möbus unter seine Fittiche. Pierce ist Gründer der rassistischen "National Alliance" und Autor der "Turner Diaries", eines Kultbuchs in Neonazi-Kreisen, das auch den rechtsextremistischen Attentäter Timothy McVeigh zu seinem Bombenattentat auf ein Bundesgebäude in Oklahoma City angestiftet haben soll. Bei dem Anschlag vor fünf Jahren kamen über 160 Menschen ums Leben.
Gefördert von seinem amerikanischen Mentor, baute Möbus Kontakte zu Rechtsextremisten in den USA auf, er verdiente sein Geld mit dem Vertrieb rechter Musik.
"Seit ich Hendrik Möbus kenne", rühmte Pierce seinen Schützling gegenüber SPIEGEL-TV, "hat er sich völlig korrekt und ehrenvoll verhalten." Der Deutsche sei ein "intelligenter junger Mann, der seine Ideale sehr entschlossen vertritt" - kurzum: "ein wahrer Nationalsozialist".
Auf einer Internetseite ("Free Hendrik Möbus") lamentiert Pierce, Geheimpolizisten hätten Möbus bei der Festnahme "mit solcher Gewalt den Arm hinter dem Rücken verdreht, dass er brach". Dabei sei Hendrik doch ein "ruhiger, hagerer, gewaltloser Intellektueller".
Möbus möchte ins Land seiner Ahnen lieber nicht zurück - er hat in den Vereinigten Staaten Asyl beantragt. Begründung: In Deutschland werde er wegen seiner politischen Auffassungen verfolgt. Doch seine Chancen standen vergangene Woche schlecht. Am Dienstag wurde er in das Abschiebegefängnis der US-Einwanderungsbehörde INS in Batavia/New York verlegt. Selbst sein Pflichtverteidiger rechnete mit einer zügigen Abschiebung.
In Deutschland erwartet Möbus Knast: Das Urteil des Amtsgerichts Tiergarten ist bereits rechtskräftig, dazu kommen 976 Tage Restjugendstrafe wegen des Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen. Das Urteil von Eisenach (acht Monate) muss noch bestätigt werden.
Rudolf Lass, Präsident des Erfurter Amtsgerichts, kann sich nicht vorstellen, dass Möbus "ein Rabatt eingeräumt wird: Der wird die Strafe komplett absitzen müssen". Erst 2006 dürfte der Nazi-Satanist wieder frei sein. THILO THIELKE
Hendrik Möbus
1993 Mord an seinem Mitschüler Sandro Beyer in Sondershausen
1994 Verurteilung zu acht Jahren Haft
1998 Vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis
1999 Verurteilung wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, Flucht in die USA
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 38/2000
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