25.09.2000

VERTREIBUNG„Da tobte der Mob“

Junge tschechische Intellektuelle brechen ein Nachkriegstabu: Sie verlangen von der mährischen Stadt Brünn eine Entschuldigung für die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945. Eine Kommission soll jetzt die verdrängte Vergangenheit aufarbeiten.
Die Männer kamen nachts. Sie rissen Helena Brislinger von ihrer Mutter weg und schleppten sie in einen Taubenstall. Auf dem stinkenden Boden stellte sich einer auf die Hände der 14-Jährigen, die anderen fielen nacheinander über sie her. Damit Helena nicht schreien konnte, hatten ihr die Männer ein Stück Holz in den Mund gedrückt.
"Das ganze Blut, der Schmerz, es war so grausam", sagt Helena Brislinger, heute 70, stockend, "ich war ja noch nicht einmal aufgeklärt." 55 Jahre redete sie nicht darüber, weder mit ihrem früheren Ehemann noch mit den eigenen Kindern, wie es ihr und vielen anderen deutschsprachigen Einwohnern der tschechoslowakischen Stadt Brünn (Brno) ergangen ist, als sie am 30. Mai 1945 innerhalb weniger Stunden ihre Wohnungen verlassen mussten und unter brutalen Misshandlungen aus dem Land getrieben wurden.
Wie viele der rund 26 000 Menschen auf dem 80 Kilometer langen Fußmarsch Richtung Österreich und weiter nach Wien an Entkräftung oder Krankheit starben, wie viele von den bewaffneten tschechoslowakischen Begleitern getötet wurden, weiß niemand genau. Mehr als 2000 Tote gab es nachweislich.
Überlebenden wie Helena Brislinger ist der "Brünner Todesmarsch" zum Trauma geworden. Ihrer Heimatstadt Brünn und deren verbliebenen Bürgern auch.
Die rücksichtslose ethnische Säuberung im Nachklang zum Zweiten Weltkrieg zerriss nicht nur die seit Jahrhunderten gewachsene Identität der mährischen Stadt; sie war auch noch besonders grausam: Opfer waren vor allem Kinder, Frauen, Alte und Kranke, denn die deutschstämmigen Männer zwischen 14 und 60 Jahren mussten in Arbeitslager. Und die Kriegsverbrecher, gegen die sich die Wut hätte richten können, hatten sich längst abgesetzt.
"Der Todesmarsch war bei weitem kein spontaner Ausbruch während der Okkupation angesammeltem Hasses, sondern eine gezielt geplante, auch von den politischen Repräsentanten der Stadt Brünn organisierte Aktion", stellt jetzt eine landesweite Initiative junger tschechischer Intellektueller fest und verlangt: "Die Stadt Brünn muss sich dafür entschuldigen."
Die Initiative "Jugend für interkulturelle Verständigung" rührt mit ihrem Aufruf an ein Tabu, das nicht nur in Brünn bis heute gepflegt wird - die Vertreibung von drei Millionen deutschsprachigen Mitbürger nach dem Zweiten Weltkrieg.
Als sich Präsident Václav Havel nach der samtenen Revolution von 1990 für die Zwangsaussiedlungen entschuldigte, erfuhr er dafür bei seinem Volk wenig Verständnis. Auch die Bemühungen der deutsch-tschechisch-slowakischen Historikerkommission um eine gemeinsame vorurteilsfreie Geschichtsbetrachtung unter Einschluss der Vertreibung fanden kaum Resonanz. Den meisten Tschechen sind die 1945 erlassenen Dekrete ihres ersten Nachkriegspräsidenten Eduard Benes sakrosankt, in denen die Enteignung und Vertreibung der Deutschen verfügt wurden.
Jahrzehntelang waren die Gräuel an den Sudetendeutschen zudem von der kommunistischen Propaganda als legitimer Rausschmiss deutscher Faschisten abgetan worden - schließlich hatten auch die Siegermächte auf ihrer Potsdamer Konferenz am 2. August 1945 eine Überführung deutscher Bevölkerungsteile gebilligt, und zwar in "geordneter und humaner Weise". Da waren schon zwei Monate vergangen seit jenen blutigen, wilden Exzessen wie dem Brünner Todesmarsch.
"Natürlich haben die Nazis während der Okkupation unvergleichlich mehr Verbrechen begangen", sagt der Politologiestudent Ondrej Liska, 23, von der Jugendinitiative, "das ändert aber nichts daran, dass die Vertreibung der Brünner Deutschen allein auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit auch ein Verbrechen war."
Dem Aufruf Liskas und seiner etwa 50 Kommilitonen haben sich landesweit etliche Parlamentsabgeordnete, Schriftsteller und Professoren angeschlossen. Bei den Stadtoberen Brünns findet der Appell indes nur verhaltenen Anklang. Gewiss, es sei ja immer recht nützlich, über die Vergangenheit zu reden, sagt Oberbürgermeister Petr Duchon, aber "entschuldigen werden wir uns nicht". Immerhin setzte der Stadtrat eine Kommission ein, die nun Archive durchforsten und Zeugen anhören will.
"Das ist schon ein großer Schritt", meint der Kommissionsvorsitzende Jiri Löw, "denn viele Menschen haben immer noch nicht vergessen, dass Hitler uns nicht nur den Krieg gebracht, sondern auch dem Kommunismus ausgeliefert hat." Jetzt sei aber der Zeitpunkt gekommen, sich dem Thema Vertreibung zu stellen: "Ich bin froh über den Anstoß der Studenten."
Über Zeitungen in Deutschland, Österreich und Tschechien sollen Zeitzeugen gefunden werden. Vor dem Krieg waren ein Viertel der 270 000 Brünner Bewohner Deutsche. Jetzt leben hier nur noch ein paar hundert, die damals bleiben oder später zurückkehren durften. Bis heute haben die meisten von ihnen Angst zu sagen, dass sie Deutsche sind. "Das sitzt tief in uns drin", sagt Maria Pekárová, 62, "wir sind so oft schikaniert und bedroht worden."
Maria war sieben, als sie am Abend des 30. Mai 1945 mit ihrer Familie zu einem Sammelplatz getrieben wurde. "Deutsche, die im Bereich der Stadt Brünn wohnen, und zwar alle Frauen und Kinder, ferner Männer unter 14 und über 60 Jahre sowie arbeitsunfähige Männer werden aus der Stadt geführt", hatte der Nationalausschuss für Groß-Brünn tags zuvor beschlossen, "diese Personen dürfen mit sich nehmen, was sie tragen können, jedoch keineswegs Juwelen und Sparbücher."
"Meine Mutter hatte mir gesagt, wir machen einen Ausflug", erinnert sich Maria Pekárová, "aber warum mussten wir dann die Nacht im Freien verbringen, und warum weinten so viele Menschen?" Am nächsten Tag ging es in kilometerlanger Kolonne aus der Stadt, am Zentralfriedhof vorbei. "Da wurden schon viele Alte von den bewaffneten Bewachern geschlagen, weil sie zu langsam waren", sagt Pekárová.
Die Sonne brannte, Durst quälte, ihre Notdurft mussten die Menschen im Straßengraben verrichten. Dort lagen bald auch verlorene Habseligkeiten, Rucksäcke, Koffer, Taschen - und die ersten Opfer: Gebrechliche und Schwangere, die nicht mehr weitergehen konnten.
"Ich habe gesehen, wie ein junger Mann meine herzkranke Lehrerin mit dem Kolben seines Gewehres totgeschlagen hat", sagt Pekárová, "das Gehirn quoll ihr aus dem Kopf. Mutter hat mich schnell weitergezogen." An einem Fluss vor der Ortschaft Pohrlitz (Pohorelice) stritt ein Aufpasser mit einer Frau, riss ihr das Baby aus dem Arm und warf es ins Wasser.
In Pohrlitz machte der schauerliche Zug am Abend halt, einige Menschen schliefen in leeren Lagerhallen und Ställen, andere unter freiem Himmel. In ihrer Not tranken viele verseuchtes Wasser, nachts kamen Männer mit Taschenlampen und schleppten junge Frauen weg.
Als es Tag wurde, musste die Kolonne weiter, Hunderte aber blieben entkräftet zurück: Hochschwangere, Kleinkinder, Greise und Kranke. Tagelang vegetierten sie hilflos dahin, ungezählte starben und wurden in Massengräbern bestattet.
Das österreichische Schwarze Kreuz durfte bei Pohrlitz vor einigen Jahren eine kleine Gedenkstätte einrichten. In deutscher und tschechischer Sprache steht dort geschrieben: "Nach Ende des II. Weltkrieges im Jahre 1945 sind viele deutschstämmige Einwohner aus Brünn und Umgebung ums Leben gekommen. 890 Opfer sind hier bestattet. Wir gedenken ihrer."
Vladimír Korínek, 84, kann sich an die Barbarei nicht erinnern. Als Soldat musste er den Zug begleiten. Von Verbrechen aber will der rüstige Rentner nichts gesehen haben. "Niemand wurde geschlagen oder umgebracht, das ist völlig absurd." Sicher, ein paar seien wohl an Infektionen gestorben, hätten Selbstmord begangen. Er selbst habe geholfen, wo er nur konnte: einem Mütterchen die Hand gehalten, Kindern Milch besorgt und Plünderungen verhindert.
Die Brünnerin Wilhelmine Samstag, heute 89, lacht darüber bitter. Erst wenige Tage bevor sie nach Österreich getrieben wurde, war ihr jüdischer Mann aus einem deutschen KZ zurückgekehrt. Nun saß er als Deutschstämmiger schon wieder in einem Lager, und seine Frau schleppte sich mit zwei kleinen Kindern in brütender Hitze auf der Straße nach Wien.
"Da tobte der Mob", erinnert sich der ehemalige Parlamentspräsident Milan Uhde, "aber viele spürten auch eine tiefe Wut auf alles Deutsche." Es sei nicht mehr unterschieden worden zwischen mörderischen Herrenmenschen, Mitläufern oder Gegnern der Nazis. "Die Rache war falsch und hat die Falschen getroffen", sagt der geborene Brünner Uhde. Er unterstützt die Initiative der Studenten: "Wir dürfen das Geschehen nicht länger verdrängen."
Vor fünf Jahren gab es schon einmal einen Versuch. Damals hatten vier tschechische Intellektuelle - darunter der Schriftsteller Ludvík Vaculík - Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Völkermordes erstattet. Die halbherzigen Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt.
Diesmal geht es nicht um die juristische Aufarbeitung. "Wenn wir uns heute entschuldigen, ist das ein Zeichen der Versöhnung", sagt der Student Ondrej Liska. HANS-ULRICH STOLDT
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Die Vertreibung
von etwa drei Millionen Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 belastet das Verhältnis zwischen Tschechien und Deutschland bis heute. Präsident Václav Havels Entschuldigung für das Unrecht und die Bemühungen deutscher Staatsoberhäupter wie Richard von Weizsäcker, das Verhältnis zu entspannen, wirken nur langsam. Forderungen nach Entschädigung und Rückgabe beschlagnahmten Eigentums wecken in Tschechien zudem immer wieder Ängste.
Von Hans-Ulrich Stoldt

DER SPIEGEL 39/2000
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