25.09.2000

ABFALLDefektes Wunder

Einst galt der Thermoselect-Müllofen als „Ei des Kolumbus“. Jetzt steht die Technik nach Pannen in der Karlsruher Pilotanlage auf der Kippe.
Das "Wunder" traf die Pilgergruppen aus deutschen Rathäusern mit visueller Wucht: Grau, ach grau war alle Kommunalpolitik, rot, knallrot dagegen die Kathedrale der Abfallwirtschaft, die der Schweizer Stararchitekt Mario Botta im italienischen Fondotoce für einen neuen Müllofen der Firma Thermoselect kreiert hatte.
Da bestärkte schon der erste Blick auf die ferrarifarbene Testanlage in den frühen neunziger Jahren Tausende Wallfahrer aus deutschen Stadtverwaltungen im Glauben, am Lago Maggiore das "Wunder der Müllentsorgung" entdeckt zu haben: ein Superofen, der die Luft nicht verpestete, der Müllhalden in Rohstoffberge verwandelte und nebenbei noch ganze Siedlungen beheizen konnte.
Jetzt ist der Lack ab. Bei der europaweit ersten Thermoselect-Großanlage im Karlsruher Rheinhafen schwelt es selten im Ofen, brennt es dafür an allen Ecken und Enden. Seit zwei Jahren torkelt das 220 Millionen Mark teure Vorzeigeprojekt des Stromriesen Energie Baden-Württemberg (EnBW) von Panne zu Panne, scheitert regelmäßig an der Hürde zum unbefristeten Dauerbetrieb. Beißender Spott der Thermoselect-Gegner: "Thermodefekt".
Schlimmer noch: Nach dem jüngsten Stillstand - Ende offen - droht den geplanten Thermoselect-Öfen im fränkischen Ansbach, im hessischen Hanau und im nordrhein-westfälischen Herten das Aus; ein Projekt im Schweizer Tessin ist vergangene Woche bereits gekippt. Statt auf Milliardengeschäfte zu hoffen, muss sich die EnBW, die den roten Technik-Tempel in Deutschland vermarktet und beim Liechtensteiner Lizenzgeber Thermoselect AG einsteigen will, nun auf ein finanzielles Desaster gefasst machen.
Dabei ist selten eine Industrieanlage so markig in den Markt gedrückt worden wie der angebliche Überofen: mit vollmundigen Versprechungen und nach allen Regeln der Waschmittelwerbung. In der Versuchsanlage am Lago Maggiore - immer picobello sauber wie bei Clementine - begrüßte Thermoselect die Besucher mit zwei plappernden Papageien und Antonín Dvoráks Hymne "Aus der Neuen Welt". Dazu lief ein unappetitliches Video mit geschwürübersäten Kindergesichtern, angeblich typische Folgeerscheinungen üblicher Müllverbrennung.
"Wie besoffen", notierte die "Stuttgarter Zeitung", kehrten daraufhin Volksvertreter aus Italien zurück, bei einigen, behauptet der Karlsruher Thermoselect-Kritiker und Grünen-Stadtrat Harry Block, sei das wörtlich zu nehmen gewesen. "Bei der guten Bewirtung war mancher schon zu, bevor er ankam."
Der Feldzug der Thermoselect-Müllwerker überrollte Kommunalpolitiker aus aller Welt, vor allem aber die nur zu gern wundergläubigen Delegationen aus Deutschland, die sich just vor dem Entsorgungskollaps wähnten: 1993 hatte nämlich die Bundesregierung beschlossen, dass vom Jahr 2005 an Hausmüll nur noch eingeäschert auf die Deponie darf. Bei 24 Millionen Tonnen Restabfall im Jahr 1993 prophezeiten Experten einen Bedarf von bis zu 70 neuen Müllöfen.
Im Kampf um diesen Milliardenmarkt sahen herkömmliche Rostfeuer gegen die neue Technik plötzlich alt aus. Denn auch Fachleute kamen mit Glanzaugen von der Versuchsanlage zurück, die Thermoselect ab Ende 1991 in nur einem halben Jahr hochgezogen hatte.
Zumindest in der Theorie bestach die Methode des Schweizer Ingenieurs Günther Kiss, Abfall bei 600 Grad zu Briketts zu pressen und anschließend in einem 2000 Grad heißen Hochtemperaturreaktor fast restmüllfrei in Gas und Schlacke aufzulösen. Nach mehreren Reinigungsstufen sollte mit dem Gas Fernwärme und Strom erzeugt werden, die Schlacke als Granulat für den Straßenbau taugen. Phänomenal niedrige Schadstoffwerte, vom TÜV testiert, ließen den Badenwerk-Chef Eberhard Benz prompt von einem "Ei des Kolumbus" sprechen und die Lizenzen kaufen, die mit dem Badenwerk später an die EnBW fielen.
Dabei gibt es schon seit Jahren Warner. Einige verweisen auf den obskuren Hintergrund der Wundertechnik: Die Thermoselect AG sitzt nicht nur im Geldwäscherparadies Liechtenstein, sie weigert sich auch beharrlich, offen zu legen, mit wessen Millionen sie arbeitet. Andere, wie Ralf Ketelhut vom Hamburger Epea-Umweltinstitut oder der Abfallexperte des Darmstädter Öko-Instituts, Günter Dehoust, monierten "eine wahnsinnig dünne öffentliche Datenlage" zum Verfahren. Und bereits 1995 bohrte eine Bund-Länder-Kommission zur Müllverbrennung am wunden Punkt: Ihr fehlte der Beweis, dass der Ofen auch im Dauerbetrieb und unter Volllast durchhält.
Ein Versuch bei den TÜV-Messungen in Fondotoce scheiterte schon nach drei Stunden, jetzt erweist sich die Volllasttauglichkeit für die Karlsruher Anlage und die ganze Thermoselect-Technik als Überlebenskriterium: 225 000 Tonnen Hausmüll soll die Fabrik schlucken - pro Jahr; bis heute sind es laut Thermoselect nur 72 000 - in fast zwei Jahren. Gerade mal vier Wochen am Stück kann die EnBW-Tochter Thermoselect Südwest als längsten Dauerlauf vorweisen; selbst da langte es im Schnitt nur zu 50 bis 70 Prozent Auslastung, wie Sprecherin Friederike Eggstein einräumt.
"I'm not amused", rüffelt der Karlsruher Umweltdezernent Ullrich Eidenmüller die fehlende Betriebsreife, "die Hoffnung höret nimmer auf", flüchtet sich Claus Kretz, Landrat des Landkreises Karlsruhe, in Sinnsprüche für Todkranke.
Die Geduld der beiden Mülllieferanten strapaziert hat eine schier endlose Fehlerserie des Pleiten-, Pech- und Pannenofens: Mal haperte es bei den Müllkränen, mal beim Schlackeabfluss am Hochtemperaturreaktor, mal beim Beton eines Abwasserbeckens. Eine Pumpe explodierte, die Innenhülle des Kessels machte früher als erwartet schlapp, an der Zuführung zum Ofen dampfte heißes Gas aus einem Riss.
Und jetzt der Höhepunkt: Während der TÜV am Hauptkamin tatsächlich die versprochen niedrigen Schadstoffwerte notierte, lagen am Schlot für den Notbetrieb Schwermetalle, Dioxine, Furane und Stäube weit über den Genehmigungsgrenzen. "Da ist was oberfaul", mutmaßt Epea-Geschäftsführer Michael Braungart. Schließlich werde an beiden Schornsteinen das gleiche Gas verfeuert, da erschienen so gravierende Unterschiede seltsam.
Seitdem prüft der Staatsanwalt, ob er ermitteln soll - der Tipp kam vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Dessen Experten mutmaßen, die Thermoselect-Ingenieure könnten die Schadstoffwerte durch das Einblasen von normalem Erdgas trickreich senken.
Derzeit steht die Anlage monatelang still, bis eine neue Brennkammer für den Notbetrieb nachgerüstet ist. Andernfalls hätte das Regierungspräsidium Karlsruhe den Ofen selbst gestoppt.
Damit geht es für Thermoselect jetzt um alles oder nichts: "Wenn die Nachbesserung wieder nicht greift, müssen wir diskutieren, ob das alles überhaupt noch Sinn hat", sinniert Kretz und droht bereits mit Müllentzug.
In Herten ist schon vor Monaten das Genehmigungsverfahren für einen Thermoselect-Ofen gestoppt worden, im bayerischen Ansbach läuft ein Ultimatum: Wenn die Anlage dort bis zum nächsten Juni nicht fertig ist und funktioniert, muss die Thermoselect-Truppe den Rohbau auf eigene Kosten wieder abreißen. In Hanau stehen die Zeichen schon jetzt auf Stopp: Frankfurter Verwaltungsrichter haben den vorgesehenen Standort vorläufig blockiert, zur Begründung gab es Sätze wie Ohrfeigen: Die Musteranlage in Karlsruhe sei "mit zu vielen Risiken behaftet", die "Sicherheit nicht gewährleistet".
Die schlimmste Schlappe aber kassierte EnBW-Chef Gerhard Goll mit Thermoselect im Tessin. Dass in Japan eine Anlage einige Monate lang Hausmüll verarbeitet hat und jetzt Industriemüll verschwelt, angeblich ohne Probleme, interessierte die Kantonsregierung nicht. Für ihr Projekt zählte als Referenz nur der Karlsruher Murksbau. Und deshalb verlangten die Eidgenossen jetzt eine Bürgschaft über 40 Millionen Franken. Die werden fällig, wenn der Ofen in Karlsruhe auch Ende Februar noch keine zwei Monate Dauerbetrieb geschafft hat.
Weil aber keiner weiß, wann die badische Müllfabrik wieder läuft, war der Poker auch dem Karlsruher Stromgiganten zu heiß. Er feilschte um Fristverlängerung; prompt ließen die Schweizer vergangenen Dienstag den Thermoselect-Ofen fallen.
"Ich rechne erst im Januar oder Februar mit der Wiederinbetriebnahme", orakelt derweil schon Landrat Kretz; EnBW-Sprecher Klaus Wertel klammert sich an den Satz, dass die Anlage trotz aller Pannen "im Kern" funktioniert habe; Thermoselect sei nur ein Opfer seiner eigenen, zu optimistischen Vorgaben.
Wohl wahr: Das Verfahren sei serienreif, der großtechnische Einsatz stehe unmittelbar bevor, schrieb Thermoselect dem Bundesumweltministerium. Damals, im Herbst 1990. JÜRGEN DAHLKAMP
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 39/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ABFALL:
Defektes Wunder

  • Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell