DER SPIEGEL



Das geht ans Eingemachte

Von Dahlkamp, Jürgen

Wie eine Pendlerfamilie den Ölpreis-Schock verkraftet

Und nun zur Hölle des Hauses. Treppe runter, Tür links, der Heizungskeller, da hockt der Teufel, Typ Viessmann BEA 29, im feuerroten Blechkleid und lässt Familie Prinz für alle oberirdischen Sünden schmoren: Für die alten Thermostatventile, die nicht mehr richtig dicht halten, für die warmen Sommerabende, denen sie in diesem Regenjahr mit dem Brenner nachgeholfen hat, und wie immer im Leben für die schlechten Gewohnheiten. Wenn im Parterre mal wieder einer das Fenster auf gelassen hat über bullerheißen Heizkörpern.

Das hat der Rote im Keller alles auf seiner Rechnung, nichts vergessen, nie verziehen - die Quittung kam vor zwei Wochen von Heizöl Schmidt aus Ahrensburg: 4658,42 Mark für 4964 Liter.

93,8 Pfennig der Liter! 60,7 Pfennig mehr als im März 1999! Da war man sogar in Großhansdorf betroffen, einer Gemeinde im Hamburger Haste-was-Umland, mit walmdachbehütetem Wohlstand, wo die 250 Quadratmeter Wohnfläche des Tonmeisters Hermann Prinz, 49, durchaus ortsüblich sind. Im Gegensatz zum Moos auf dem Dach und der blätternden Farbe am Garagentor - jenen Schönheitsfehlern, die ahnen lassen, dass Prinz, seine Frau Dagmar, 45, und die Kinder Nikolas, 15, und Andreas, 11, wohl schon vor dem Ölschock den Gürtel im Speckgürtel enger ziehen mussten.

"Das geht ans Eingemachte", stöhnt Vater Prinz über die neue Ölkrise, und wie er klagen nun Millionen von Mittelklasse-Deutschen, die vom dreifachen Fluch getroffen sind: Ölheizung, Pendlerauto und keine Lust, die Gewohnheiten zu ändern. Bei Prinz ist es die Gewöhnung an zwei Autos, an zusammen zwölf Zylinder, 297 PS und an die Antwort, dass es ohne die beiden Wagen nicht geht. Wenigstens nicht so wie bisher.

Oder soll der Hobby-Musiker Prinz in seiner Country-Band Beavers Creek etwa vom Schlagzeug auf Schellenring umsteigen, nur damit er sein Instrument demnächst in einem Drei-Liter-Lupo zum Auftritt karren könnte? Also fährt er einen Chrysler Voyager, selbst wenn Prinz den Van nie unter zehn Liter auf 100 Kilometer drücken kann und bei jeder Tankfüllung jetzt 20 Mark mehr zahlt.

Und deshalb steht noch ein Ford Scorpio in der Auffahrt, denn auch der Wagen seiner Frau muss nicht nur für zwei Kinder, sondern zu einem Großraum-Hobby passen: 60 Wellen- und Nymphensittiche hält Dagmar Prinz in ihrer Zucht hinten im Garten. Wenn von denen einer zum Tierarzt ins benachbarte Trittau soll oder zum Schaulaufen zu den Papageienfreunden Nord e. V., dann reicht nur der Scorpio für alle Fälle.

Alles andere wäre "ein deutlicher Verlust an Lebensqualität", sagt Dagmar Prinz. Unvorstellbar erscheint ihr wie vielen Vorstädtern der Verzicht auf das Auto, so völlig undenkbar, dass ihr kein Benzinpreis einfällt, bei dem sie die Nummernschilder abschrauben würde.

Denn der Chrysler ihres Mannes fällt tagsüber weg; damit fährt Hermann Prinz die 30 Kilometer zur Arbeit in sein Hamburger Tonstudio, erspart sich so 34 U-Bahn-Stationen, viermal Umsteigen und 45 Minuten Fahrzeit am Tag.

"Mit der Bahn fahr ich nur, wenn ich im Winter bei Glatteis die Rampe vor der Garage nicht schaffe", gesteht er. Und als seine Frau behauptet, kürzlich mit dem Rad zum Einkaufen gefahren zu sein, fragt er ungläubig: "In diesem Jahr?"

In den Jahren davor hat es auch wenig Gelegenheit im Leben der Familie Prinz gegeben, sich an solche Vorstellungen zu gewöhnen. "Benzin sparen", sagt Hermann Prinz, "war nie ein Thema." Allein was frühere Familienkarossen gefressen haben - der Chevy mit der V8-Maschine, der Toyota Landcruiser, der Heckflossen-Mercedes.

Deshalb hat die Wucht, mit der nun plötzlich Ölschock auf Ölschock über sie hereinbricht, die Familie umgehend in Ohnmacht versetzt: "Ich weiß nicht, woran ich noch sparen soll, mir fällt nichts ein", seufzt die Hausherrin.

Sie fahren ja schon seit Jahren nicht mehr nach Neapel in den Urlaub, ein bisschen auch wegen des Sprits, eigentlich wegen der langen Strecke. "Ja, wenn man noch mal bauen könnte, mit Solardach, Niedrigenergietechnik und allem drum und dran ...", doch Vater Prinz lässt den Satz nirgendwo ankommen - das Geld.

So mündet das Kopfzerbrechen am Kleinklein des häuslichen Energiesparens endlich bei denen, die fürs große Ganze zuständig sind: den Politikern. "Komplett austauschen", empfiehlt Vater Prinz als Sofortmaßnahme, dazu noch ein populäres Umverteilungsprogramm auf deutschen Straßen: Autobahnmaut für alle, und mit dem Geld, das der ausländische Transitverkehr zahlt, die Gesamtbelastung für den deutschen Autofahrer unter das heutige Niveau senken.

Aber weil man ja bis dahin irgendwas machen muss, achtet Vater Prinz jetzt erst mal darauf, dass nicht zum offenen Fenster herausgeheizt wird. Und Mutter Prinz will hier und da eine Fahrt aufschieben, statt dreimal in der Woche nur einmal ins nahe Ahrensburg fahren. Bringt für jede ausgefallene Fahrt fünf Mark und das Gefühl, wenigstens etwas getan zu haben. JÜRGEN DAHLKAMP


DER SPIEGEL 39/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 39/2000

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Das geht ans Eingemachte

Grafiken zum Text



TOP



TOP