25.09.2000

PHILIPPINENKilling Fields

Präsident Estradas Strafgericht: Der Militärschlag auf Jolo trifft vor allem die Zivilbevölkerung.
So sieht sich der philippinische Präsident Joseph "Erap" ("Kumpel") Estrada selbst am liebsten: Kampfeslüstern und mit geballten Fäusten posierte der ehemalige Action-Schauspieler Anfang der letzten Woche neben zwei einheimischen Boxweltmeistern im Präsidentenpalast von Manila. Zwei Tage später mimte "Kumpel" Präsident gleicherorts gar selbst den Champion.
Hand in Hand mit den französischen Fernsehjournalisten und Ex-Geiseln Jean-Jacques Le Garrec, 46, und Roland Madura, 49, feierte der philippinische Präsident den "ersten Erfolg" seines Militärschlags gegen die Abu-Sayyaf-Rebellen auf der Entführerinsel Jolo. Nachdem Estrada am vorvergangenen Samstag seiner Armee den Generalangriff auf das Eiland befohlen hatte ("Pulverisiert die Abu Sayyaf zu Asche"), nutzten die Franzosen den überhasteten Rückzug ihrer Entführer nächtens zur Flucht.
Gut zwei Wochen nachdem Marc Wallert als letzte deutsche Geisel die Insel verlassen hat, ist Jolo endgültig vom Krisenschauplatz zum Schlachtfeld geworden - dem bleihaltigsten in ganz Südostasien. Von offener See beschießen Kriegsschiffe die Dschungelverstecke der Abu Sayyaf. 4000 Soldaten der philippinischen Armee, unterstützt von Eliteeinheiten der Polizei, stehen etwa 3000 Rebellen gegenüber. Mit dem erbeuteten Lösegeld von 18 Millionen US-Dollar haben sich die Gefolgsleute von Commander Robot und anderen Rebellenführern nicht nur modernste Waffen zugelegt, sondern auch Schnellboote zur Flucht auf Nachbarinseln und ins malaysische Borneo.
"Unsere Geiselnehmer waren in Folge der militärischen Operationen in Panik geraten", berichtete Kameramann Le Garrec über seine letzten Tage im Dschungelgefängnis, "nur deswegen gelang uns die Flucht." Doch selbst enge Vertraute von Präsident Estrada warnen vor allzu viel Optimismus im Kampf gegen die Terrorgruppe. "Es wird nicht nur Tage dauern, bis die Armee Erfolge erzielt", meint Rodolfo Biazon, Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates in Manila, "wir stellen uns auf eine lange Schlacht ein."
Mit chaotischer Konzeptlosigkeit hatte sich Estrada durch die fünf Monate währende Geiselkrise laviert. "Zu lange", kritisieren selbst ausländische Militärexperten, habe der Präsident dem Druck aus Paris, Berlin und Helsinki nachgegeben und eine Verhandlungslösung favorisiert: "In einem Dschungelkrieg gegen Aufständische kann Zögerlichkeit nur ausgehen wie in Vietnam", meint Paul Beaver vom "Jane's Defence Weekly".
Die einheimischen Militärs standen zornbebend Gewehr bei Fuß. Ihren Pressionen gab der Präsident, der als eine Art philippinischer Robin Hood ins Amt gewählt worden war, nun nach. Ausbaden müssen das die 17 verbleibenden Gefangenen - ein Amerikaner, 3 Malaysier und 13 Filipinos. Zwar meldete sich zuletzt US-Geisel Jeffrey Schilling, 24, - selbst ein Muslim - telefonisch bei einer Radiostation in Zamboanga und bat um Stopp der Kämpfe. Doch sein Flehen stieß bei Estrada auf taube Ohren. Und nicht nur dort.
Sowohl Washington wie die Regierung in Kuala Lumpur haben das Geschehen auf der gesetzlosen Tropeninsel längst zur "inneren Angelegenheit der Philippinen" erklärt. Die Sorge geht um, der Terror von Jolo könnte die ganze Region erfassen. "Gleich wie", drängen Mitglieder des südostasiatischen Staatenverbundes Asean, "Estrada soll der Gesetzlosigkeit ein Ende bereiten."
Für die 400 000 meist muslimischen Bewohner von Jolo bedeutet das mit großer Sicherheit eine Tragödie. Manilas Truppen haben eine Nachrichtensperre über die Insel verhängt, der Fährverkehr wurde unterbrochen. Mit dem Argument, die Rebellen hätten sich per Handy verständigt, wurden selbst Telefonleitungen gekappt. Noch behaupten Militärsprecher, dass es nur wenige Opfer unter der Zivilbevölkerung gegeben habe.
Doch nach Berichten von Flüchtlingen, die in der südphilippinischen Stadt Zamboanga eintrafen, haben die Sicherheitskräfte schwere Menschenrechtsverletzungen an Unschuldigen begangen. In Patikul und Talipao, bisher Hochburgen der Abu Sayyaf, sei es zu Massakern gekommen. Der "Philippine Daily Inquirer", Manilas angesehenste Zeitung, sprach von "Killing Fields" auf Jolo. Mehr als 15 000 Menschen sind auf der Flucht.
Das ruft üble Erinnerungen an die Vergangenheit wach. 1974 ließ der damalige Präsident Ferdinand Marcos nach einem Aufstand der "Moros" die Stadt Jolo von der See her in Schutt und Asche schießen. Der Konflikt eskalierte zu einem Krieg zwischen Muslimen und Christen im ganzen Süden der Inselrepublik, dem 120 000 Menschen zum Opfer fielen.
In den Kämpfen damals wurde seine Familie ausgerottet, behauptet Galib Andang alias Commander Robot, Entführer der Göttinger Familie Wallert. Deshalb habe er später aus Rache zur Waffe gegriffen. JÜRGEN KREMB
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 39/2000
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