02.10.2000

ÖLKRISE„Keine ernsthafte Alternative“

Robert Priddle, 62, Chef der Internationalen Energie-Agentur, über die Ölpreisexplosion, den Einsatz strategischer Reserven und die Zukunft des Opec-Kartells
SPIEGEL: Mr. Priddle, der irakische Diktator Saddam Hussein droht mit dem Einsatz der Ölwaffe, gar mit einer neuen Kuweit-Krise. Würde die Welt einen Exportstopp des Irak verkraften?
Priddle: Eine solche Aktion wäre jedenfalls ein schwerer Schlag. Der Irak produziert zurzeit ungefähr drei Millionen Barrel Öl pro Tag, davon werden 2,3 Millionen ausgeführt. Das ist eine beträchtliche Menge auf dem angespannten Weltmarkt.
SPIEGEL: Könnte Saddam Hussein den Westen damit in die Knie zwingen?
Priddle: Ganz gewiss nicht. Denn so empfindlich der Verlust wäre, er könnte wett- gemacht werden. Saudi-Arabien würde sofort reagieren, und dieses Land hat immer noch hohe ungenutzte Förderkapazitäten, die sich relativ schnell mobilisieren lassen.
SPIEGEL: Würde das denn ausreichen?
Priddle: Wenn nicht genug Öl auf den Markt kommt, würden alle 25 in der Internationalen Energie-Agentur zusammengeschlossenen Staaten ihre strategischen Reserven anzapfen. Für solche Notfälle haben sie diese Vorräte angelegt.
SPIEGEL: Und wo würde dann der Ölpreis landen?
Priddle: Er würde zunächst in die Höhe schießen, da die Märkte äußerst nervös sind. Aber wenn wir rasch reagieren, bekämen wir die Lage bald in den Griff. Ich glaube jedenfalls nicht an Katastrophenszenarien, wonach sich der Preis verdoppeln würde.
SPIEGEL: Hält der Irak nicht auch umgekehrt den Schlüssel für die Lösung der Krise in der Hand? Wenn sämtliche Sanktionen aufgehoben würden, könnte Bagdad wesentlich mehr Öl produzieren.
Priddle: Das Land besitzt enorme Vorkommen, aber kurzfristig lässt sich die Förderung kaum steigern. Dafür wären erhebliche Investitionen nötig. Dann allerdings könnte der Irak vielleicht um die sechs Millionen Barrel pro Tag produzieren.
SPIEGEL: Sollten die westlichen Staaten ihre strategischen Ölreserven auch nutzen, um den Preis zu drücken?
Priddle: Das ist eine heikle Frage. Wir haben uns zur kollektiven Vorratshaltung verpflichtet, um Engpässe in der Versorgung zu überbrücken, nicht um den Markt zu regulieren. Die jüngsten Drohungen des Irak führen unseren Mitgliedstaaten gerade jetzt wieder vor Augen, wie wichtig eine strategische Reserve ist. Es wäre nicht sehr weise, sie abzubauen, ohne dass ein echter Notfall eintritt.
SPIEGEL: Missbilligen Sie also die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, 30 Millionen Barrel auf den Markt zu werfen?
Priddle: Nein, denn die USA haben Vorräte, die über die Reserve von 90 Tagen hinausgehen. Wenn eine Regierung auf diese Depots zurückgreifen will, ist das ihr gutes Recht. Die Menge übertrifft einen Monat lang die von der Opec zugesagte Produktionssteigerung von 800 000 Barrel pro Tag, und die Preise haben sofort nachgegeben.
SPIEGEL: Wäre es sinnvoll, wenn die Europäer dem US-Beispiel folgten?
Priddle: Die meisten sind dazu nicht in der Lage, da ihre Reserven nicht groß genug sind.
SPIEGEL: Auch die Deutschen nicht?
Priddle: Doch, Deutschland hat ebenfalls ein Extrapolster. Es liegt im Ermessen der Bundesregierung, es anzuzapfen oder nicht.
SPIEGEL: Der Westen wurde von der Ölpreisexplosion kalt erwischt. Ist es nicht die Aufgabe Ihrer Agentur, verlässliche Prognosen zu erstellen?
Priddle: Die westlichen Regierungen wurden nicht so sehr vom steigenden Ölpreis, sondern von der heftigen Reaktion der Verbraucher, also ihrer Bürger, überrascht. Mit einem Volksaufstand, einer Steuerrebellion, hatte niemand gerechnet.
SPIEGEL: Die Opec hat die hohen Mineralölsteuern in Europa immer wieder als unfaire Preistreiberei angeprangert. Empfehlen Sie eine Senkung, so wie Frankreich sie gerade beschlossen hat?
Priddle: Hohe Steuern in den Verbraucherländern nehmen den Erzeugerländern nichts weg. Von fünf Dollar, die der Konsument im Westen heute mehr pro Barrel bezahlt, gehen vier auf das Konto der Opec. Bei einer so schwankenden Entwicklung des Rohölpreises kann eine Steuersenkung leicht verpuffen oder als Einladung zu weiteren Preissteigerungen missverstanden werden. Außerdem setzt sie in den Augen vieler europäischer Regierungen ein ökologisch falsches Signal.
SPIEGEL: Wo liegt für Sie die wirtschaftlich erträgliche Schwelle des Rohölpreises?
Priddle: Da lässt sich keine feste Größe nennen. Vor drei Jahren wären sich Verbraucher und Erzeuger einig gewesen, dass 15 bis 18 Dollar pro Barrel ein angemessener Preis seien. Heute würden sich beide Seiten auf eine weitaus höhere Summe verständigen, vielleicht 25 bis 28 Dollar. Über den Preis müssen letztlich Angebot und Nachfrage entscheiden, nicht die Kalkulationen und Erwartungen von Konsumenten wie Produzenten. Wir sind gegen Regierungsinterventionen.
SPIEGEL: Die Opec hat doch durch ihre Politik des knappen Öls eindrucksvoll vorgeführt, wie sich der Markt beeinflussen lässt.
Priddle: Die Opec schaffte es, die Disziplin und den Zusammenhalt ihrer Mitglieder neu zu stärken, als der Ölpreis auf eine für die Erzeugerländer schmerzhaft niedrige Tiefe sank. Es ist ihr gelungen, den Preis zu treiben, aber Stabilität - ihr erklärtes Ziel - hat sie nicht erreicht. Der Markt ist und bleibt extrem unbeständig.
SPIEGEL: Könnten wir schon bald eine Kehrtwende erleben?
Priddle: Wohl kaum. Die Nachfrage nach Öl wächst weltweit. Aber wenn der Winter vorbei ist, halte ich den Beginn eines neuen Zyklus für wahrscheinlich. Ein Regierungskartell wie die Opec reagiert zu langsam, um die Märkte auf Dauer beeinflussen zu können. Absprachen und Förderquoten sind nicht der richtige Weg.
SPIEGEL: Es ist noch nicht so lange her, da wurde der Opec auch von Ihnen ein unaufhaltsamer Niedergang prophezeit. Wird das Kartell langfristig überleben?
Priddle: Niemand kann erwarten, dass sich die Opec auflöst, nachdem sie gerade ihre Muskeln gezeigt hat. Aber die Interessen ihrer Mitglieder sind keineswegs im Gleichklang. Zu Kraftakten bleibt die Opec allemal fähig, zumal die Abhängigkeit von ihrem Öl in den nächsten 20 Jahren zunehmen wird.
SPIEGEL: Fehlt es der westlichen Welt an einer gemeinsamen Energiestrategie, um gegen die Opec Front zu machen?
Priddle: Ja, obwohl es Ansätze dazu gibt. Nach dem ersten Ölschock von 1973 setzten die westlichen Staaten auf Diversifizierung: Kohle, Gas, Atom. Der Anteil des Rohstoffs Öl an den westlichen Volkswirtschaften konnte seitdem gesenkt werden, aber dafür ist die Nuklearindustrie in Verruf geraten.
SPIEGEL: Könnte die Ölkrise den Atomstrom rehabilitieren?
Priddle: Die Möglichkeit besteht, obwohl für Umweltschützer Atomkraftwerke keinesfalls akzeptabel sind. Hier gibt es kein einheitliches Konzept. Ein Ausstieg aus der Nuklearenergie kommt für Frankreich nicht in Frage.
SPIEGEL: Wie sieht Ihre Prognose des Energiebedarfs aus?
Priddle: Die Nachfrage wird beständig zunehmen, nach unseren Berechnungen um 65 Prozent bis 2020. Dann wird der Energiebedarf der Welt zu 92 Prozent aus fossilen Brennstoffen gedeckt werden, Öl wird dabei der wichtigste Rohstoff bleiben. Vor allem im Transportbereich gibt es bisher keine ernsthafte Alternative.
SPIEGEL: Wie stark lässt sich der Anteil der erneuerbaren Energien vergrößern?
Priddle: Wahrscheinlich nur marginal. Wenn es nicht zu klaren politischen Vorgaben und zu massiven Investitionen kommt, werden die erneuerbaren Energien im Jahr 2020 kaum mehr als ein bis zwei Prozent des Gesamtbedarfs decken.
SPIEGEL: Was macht Prognosen zur Entwicklung der Energiemärkte so schwierig?
Priddle: Zu viele Faktoren spielen eine Rolle: Demografie, Wirtschaftswachstum, Preise, Technologien, aber auch Regierungsentscheidungen. Denn die Staaten können in einem bestimmten Ausmaß sehr wohl Weichen stellen.
SPIEGEL: Wenn das Öl nach Ihrer Vorhersage so dominierend bleibt, ist es dann eine Illusion zu glauben, mit dem 20. Jahrhundert ende die Ära des schwarzen Goldes als Treibstoff der Weltwirtschaft?
Priddle: Das gilt sicherlich für die kommenden zwei Jahrzehnte, in hundert Jahren aber kann das Bild ganz anders aussehen. Nach wohlbegründeten Szenarien wäre es machbar, den Anteil der erneuerbaren Energien schon bis zur Mitte des Jahrhunderts auf 50 Prozent zu steigern, wenn dafür rechtzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
SPIEGEL: Erwarten Sie denn zur aktuellen Krise von Seiten der Opec in der nächsten Zeit entlastende Beschlüsse?
Priddle: Leider nein. Die Opec hat gerade in Caracas ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert - für sie vor allem eine ideale Gelegenheit, sich ihrer Kraft und ihrer guten Verfassung zu rühmen. Wir können nur darauf vertrauen, dass die treibenden Mächte innerhalb der Organisation, besonders Saudi-Arabien und Venezuela, ihre Verantwortung für die Weltwirtschaft mit Vernunft und Augenmaß wahrnehmen.
INTERVIEW: DIETER BEDNARZ, ROMAIN LEICK
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Die Organisation
Internationale Energie-Agentur wurde vor allem auf Betreiben des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger 1974 mit Sitz in Paris gegründet. Anlass war die Ölkrise. Die Agentur sollte eine Art Gegengewicht der Abnehmerstaaten zum Opec-Kartell der Erdölproduzenten darstellen.
Von Dieter Bednarz und Romain Leick

DER SPIEGEL 40/2000
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