02.10.2000

HYGIENE„Materie am falschen Ort“

Neuartige Wundertücher verheißen Sauberkeit ohne Mühsal und Chemie. In der Verkaufsmagie steckt ein wahrer Kern: Der moderne Putzlumpen ist ein Meisterwerk der Technik.
Ein aufgeklärter Supermarkt führt weder Wünschelruten noch getrockneten Krötendreck. Aber in den Putzregalen mehren sich neuerdings die Mirakel: Reinigungstücher sind dort zu entdecken, die Glanz-Wunder, Spül-Wunder oder einfach nur Wundertuch heißen.
Es geht zu wie auf der Kirmes. Das eine Fabrikat, heißt es, fängt den Staub mittels Elektrizität. Das andere schabt, aber kratzt nicht. Das dritte befreit glatte Flächen von Schmutz und Schmiere mit nichts als Wasser. Und dies alles ist nicht einmal gelogen.
Die Putztechnik, bislang eine geruhsame Disziplin, macht plötzlich Fortschritte wie in Jahrzehnten nicht. Neuartige Putzlappen, Poliertücher und Schwämme kommen in großer Zahl auf den Markt. Vor 20 Jahren noch wären sie technisch unmöglich gewesen, vor zehn Jahren unbezahlbar.
Teuer sind die Neuen immer noch. Meist gewagte zehn Mark und mehr kosten zum Beispiel die Tücher aus Mikrofasern, die ohne Einsatz von Chemie blank und streifenfrei wischen. Diese Fasern aus Polyester, bislang teurer Kleidung vorbehalten, sind nur mit großem Aufwand herzustellen (siehe Grafik). Am Ende wiegt ein Faden von 100 Kilometer Länge gerade mal 6 Gramm - damit ist sogar die Höchstleistung der Seidenraupe unterboten, die auf diese Distanz rund 13 Gramm verspinnt.
Bei starker Vergrößerung sehen Mikrofasern aus wie Spaghetti dreieckigen Querschnitts. Zu Tüchern verwebt, tragen sie von glatten Flächen Fett und Staub ab, ohne zu schmieren. Selbst die winzigsten Partikel werden erfasst und verfangen sich in den zahllosen Kapillaren des Gewebes. Das Verwenden von Seife, versprechen die Hersteller, sei deshalb nicht mehr nötig.
Auch in Bodentüchern wird der neue Stoff bereits eingesetzt - dort, wo das billige Waffeltuch aus grauer Baumwolle in alle Ewigkeit zu herrschen schien. Der gute alte Schrubberlumpen, immer etwas nass, stets zum Muffeln neigend, verkörperte für Generationen die ganze Grämlichkeit des Putzens.
Die neuen Edeltücher tunkt man erst gar nicht in den Kübel mit der Schmutzbrühe; es genügt, sie zart mit Wasser zu besprühen - "nebelfeucht", wie die Experten sagen. Und wenn die Lappen ihr Werk getan haben, kommen sie in die Waschmaschine und sind wieder wie neu.
Noch vor den Mikrofasern erschienen in jüngster Zeit Tücher aus plüschigem Flor auf dem Markt. Ihre abstehenden Härchen bürsten Geschirr und Fußboden, saugen sich aber, anders als Baumwolle, nicht voll. Zwischendurch sind sie leicht auszuspülen. Man kann sie praktisch sauber aus dem trübsten Wasser ziehen.
Diese Flortücher sind das Werk des Erfinders Hans Raab. Der Einzelgänger aus dem Saarland, von Haus aus Fensterputzer, hat schon vor 30 Jahren mit dem Tüfteln angefangen. Raab wollte Tücher, mit denen sich Fenster ohne Chemie säubern lassen, weil seine Leute oft über Allergien klagten. "Damals haben mich alle ausgelacht", sagt Raab. Heute besitzt er 177 Patente und eine Firma namens Ha-Ra, die im Weltmaßstab seine Lappen verkauft.
Vor allem aber hat Hans Raab den Bann des Unreinen gebrochen, der über dem Wischen und Wienern lag. Bis dahin war die Putzindustrie überzeugt, der Verbraucher verachte im Grunde ihre Produkte und zahle keinesfalls mehr als 99 Pfennig für drei Spülschwämme. Bei Raab lassen die Leute Hunderte von Mark springen und gehen danach zufrieden nach Hause.
Nach dem Vorbild der Tupperware vertreibt Raab seine Produkte auf konspirativen Partys. Dort treffen sich Kunden, die auf Ha-Ra schwören, und Neulinge erleben den Unterschied zwischen dem gewohnten Draufloswedeln und dem gehobenen Putzen. Letzteres ist ein Kunsthandwerk, das einer Vielzahl von Utensilien bedarf. Am Ende haben alle gelernt, dass sie für den Parkettboden tunlichst nicht "Ha-Ra Nassfaser Super-Ultra" nehmen, sondern "Ha-Ra Nassfaser weiß-kurz".
Wer dann mit fröhlichem Schaudern einen dreistelligen Betrag hinlegt für eine Grundausstattung mitsamt dem Schrubber "Ha-Ra Bodenexpress", der adelt auch die Arbeit, die er damit tut. Allein letztes Jahr, sagt Raab, wurden in Deutschland 100 000 Ha-Ra-Partys abgehalten.
Auch die neuen Mikrofasertücher verbreiteten sich auf dem Ansteckungsweg. Südeuropäische Händler entdeckten diesen Markt als erste. "Vor zwei, drei Jahren hörten wir von Mikrofaserpartys in Italien und Spanien", sagt Hans-Jürgen Wendelken, Entwicklungsleiter beim Marktführer Vileda in Weinheim an der Bergstraße. Die Leute bezahlten dort für ein einziges Tuch weit über 20 Mark. Da erwachte auch die Putzmittelfirma nördlich der Alpen.
Heute stellt Vileda, ein Ableger der Unternehmensgruppe Freudenberg, fünf Prozent ihrer Putztücher aus Mikrofasern her. Binnen weniger Jahre soll sich der Anteil verzehnfachen. Mit neuen Tüchern für knapp vier Mark will Vileda bald den Massenmarkt bezwingen.
Hans Raab stürmt unterdessen schon weiter in die Zukunft: von der Mikro- zur Nanofaser, die noch viel dünner ist. In ihren Kapillaren nisten feinste Wasserperlen, die unter dem Druck der polierenden Hand unablässig zerplatzen. "Damit lösen Sie den Schmutz", erläutert Raab, "praktisch durch Beschuss mit Ultraschall."
Dass Ha-Ra gute Ware verkauft, räumt auch Wendelken ein. Sie sei nur eben zu teuer für den Normalverbraucher: "Im Supermarkt zahlt das keiner."
Die Firma Vileda, die einst mit Ersatzfensterleder aus billigem Vlies ("wie Leder") begonnen hatte, steht in einer anderen Tradition. Aber unter Preisdruck Wunder zu wirken, ist nicht leicht. "Kein Chemiehersteller", sagt Wendelken, "entwickelt Fasern nur fürs Putzen." Die For-
scher in Weinheim müssen deshalb zweck-
entfremden, was bereits da ist: Sakkoeinlagen, Futter von Autobezügen oder auch die billigen Vliese, die in Wegwerfwindeln stecken. Dennoch kommen immer wieder neue Produkte in die Regale: vom Schaumstoffbesen "Superfeger" bis zum Spülschwamm mit einer Scheuerseite wie aus geschroteten Fingernägeln, der Angebranntes aus der Pfanne kratzt, aber dem empfindlichen Teflon nichts antut.
Die Innovationskraft stößt jedoch auch an Grenzen. Der Kunde erwartet heute ein Putztuch, das alles kann - und von allem das Gegenteil: Der ideale Lumpen soll den Schmutz aufnehmen und festhalten - aber unterm Spülstrahl sofort wieder hergeben.
Zudem will der Kunde, dass der Lumpen leicht auszuwringen ist - aber wehe, er nässt schon beim Wischen. Er soll dahingleiten - aber nicht gar zu leicht. "Sonst glaubt der Kunde ja nicht", sagt Wendelken, "dass er Putzarbeit leistet."
Kurzum: Der ideale Putzlumpen ist ein Ding der Unmöglichkeit. "Das Einfachste", weiß Wendelken, "ist am schwersten zu verbessern."
Selbst die Mikrofaser kann nicht alles: Sie hält, wie auch die Florfaser, ihr Wasser nicht gut, und für groben Schmutz ist das Gewebe zu fein. Deshalb verlegt sich die Forschung immer mehr auf Spezialprodukte für den begrenzten Einsatz. Allein für den Schrubber "Bodenexpress" liefert Ha-Ra ein Arsenal von acht verschiedenen Tüchern, von denen jedes seine Stärken und Schwächen hat.
Inzwischen kümmern sich sogar schon Grundlagenforscher ums Putzhandwerk. Im Krefelder Institut für Reinigungstechnologie Wfk untersuchen Ingenieure zum Beispiel, ob Mikrofasern vielleicht Mikrokratzer hinterlassen. Die Mühen des Reibens und Scheuerns ermitteln sie mit Kraftmessplatten und Kraftsensoren. Und sie vergleichen die Wirkkraft verschiedener Fasern, indem sie ihre Testböden mit Standardschmutz aus eigener Herstellung beschmieren. Dieser Standardschmutz wird nach strengen Rezepturen angerührt und besteht, je nach Sorte, aus Gummiruß und Porzellanerde, aus Fettschamotte und gelbem Eisenoxid.
Wendelken kann aus solchen Experimenten nur wenig Gewinn ziehen. "Die wirkliche Anschmutzung", meint er, "ist leider kaum reproduzierbar." In der Praxis trifft das Putztuch auf ein Vielerlei von Körpertalg, Nasenpopeln, Haaren und Bröseln von allem, was bröselt. Und dies in verschiedenen Stadien des Gärens, Darrens und Verwesens.
Der Schmutz ist reich wie das Leben selber, weshalb Wendelken alles Abgrenzen aufgegeben hat. "Wir sprechen einfach nur von Materie", sagt er. "Bloß eben Materie am falschen Ort."
Neue Tücher erproben Wendelkens Leute lieber gleich auf den Fluren vorm Labor, wo die Belegschaft von selbst die praxisrelevante Anschmutzung aufträgt. Die wichtigsten Instrumente sind Auge und Hand. Zwar ließe sich alles mögliche mit Apparaten genauer messen: Saugreibung, Reflexion, Grautöne, Gewicht des Tuches vorher und nachher. Aber am Ende bleibt doch ein Geheimnis um den Putzerfolg.
Der Putzlumpen zum Beispiel, der beim Wischen vergleichsweise wenig Wasser zurücklässt, muss darum nicht der bessere sein. Die Frage ist: Sind auf dem Boden noch Tröpfchen zu erkennen? Alles hängt davon ab. Denn auch das gründlichste Nasswischen hinterlässt einen Rest von Schmutz, der nur neu verteilt wird.
Da gilt es, die Verteilung möglichst fein zu gestalten. Die Tröpfchen müssen so winzig sein, dass das Auge des Kunden sie nicht mehr auflösen kann. "Dann hat es keine Referenzpunkte mehr", sagt Wendelken. "Der Boden erscheint als sauber, aber dunkler."
Das höchste Ziel des Fortschritts ist nun einmal die Zufriedenheit.
MANFRED DWORSCHAK
* Bei der Firma Vileda.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 40/2000
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