02.10.2000

ARCHITEKTURGeliebte Dickmadame

Halbzeit beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche: Aus aller Welt fließen Spendenmillionen in die archäologische Rekonstruktion des Wunderwerks - Balsam für die verwundeten Seelen der Kriegsgeneration. Von Jürgen Neffe
Größte Bürgerinitiative der Republik, aufregendste Baustelle Europas, gewaltigstes Puzzle der Welt: Beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche herrscht Superlativstimmung. Noch nie wurde in Deutschland mit so breiter internationaler Unterstützung ein solch mächtiges Gebäude aus einer Ruine so detailgetreu wieder errichtet. Bürger wie Besucher der sächsischen Hauptstadt schwärmen von Aufbruch und Versöhnung und beschwören das "Wunder von Dresden".
Schon überragt der kompakte Kirchenrumpf mit seinen 30 Metern, einem Drittel der endgültigen Höhe, die Dächer der Altstadt. Deutlich heben sich schwarze Flächen aus der sandsteinhellen Fassade ab: Fundstücke, aus dem einstigen Trümmerberg geborgen, kartiert und saniert, die exakt wieder an jener Stelle ihren Platz gefunden haben, wo sie einst saßen.
Nichts symbolisiert eindrucksvoller die historische und bautechnische Einmaligkeit des prominenten Projekts: Das Meisterwerk barocker Baukunst wird Stein für Stein originalgetreu wieder aufgestellt.
Im Bürocontainer am Rande der Baustelle klingt Klassik durch die Flure. Eberhard Burger, 57, als Baudirektor der Stiftung Frauenkirche verantwortlich für den Jahrhundertbau, hört Bach, die h-Moll-Messe, Begleitmusik in bewegenden Zeiten. In diesen Tagen, da das Grundbauwerk im Rohbau steht, tritt das Vorhaben mit der Lehrschalung für das große Gewölbe sowie dem Kuppelanlauf in eine neue Phase.
Die nördlich der Alpen einzigartige steinerne Glocke, die dem Gotteshaus Vergleiche mit dem Petersdom einbrachte, war 200 Jahre lang Mittelpunkt der Silhouette von Elbflorenz. Als Landmarke stand sie aber auch im Zentrum der Seelenlandschaft seiner Bewohner: Ausdruck des protestantischen Bürgerwillens gegen den katholischen sächsischen Hof, der Idee einer Predigt für alle und nicht zuletzt der kühnen Konstruktionsvision des Ratszimmermeisters George Bähr.
Dieser Kirchenbauer, von dem kein Bildnis überliefert ist, hat seinen modernen Wiedergänger in Baudirektor Burger gefunden: einem großen, schweren Mann von barocker Statur mit blondgrauem Lockenschopf, der seinem Glauben mindestens so stark vertraut wie seinem Geschick, und der davon überzeugt ist, dass er ohne Gottes Hilfe dieses bedeutendste Werk seines Lebens niemals meistern könnte. "Es gibt Zufälle, und es gibt Fügungen", sagt er, "und das hier ist sicher kein Zufall."
Allein schon die Fragen nach dem Warum. Wie kommt es, dass der "Ruf aus Dresden" zum Wiederaufbau des Wahrzeichens weltweit Widerhall fand? Welche Motive haben Tausende, die mit großen, und Hunderttausende, die mit kleinen Spenden diese Sache unterstützen wie keine andere? Warum überhaupt, für mehr als eine viertel Milliarde Mark, eine Rekonstruktion, statt es bei dem Trümmerberg zu belassen, dem in Ostdeutschland wichtigsten Mahnmal wider den Krieg? Und schließlich: Was bedeutet das Wiederbeleben des Gewesenen für die kollektive Psyche der Dresdner, der Deutschen, der Weltgemeinschaft? Verdrängung? Wiedergutmachung? Trost oder Trotz?
Der alte Nadler sagt: "Da gibt es keine Frage." Hans Nadler, 90 Jahre, hellwach im Kopf, aber gebrechlich am Körper, seit einem Schlaganfall vor ein paar Monaten ans Haus gebunden, das hoch oben am Hang über der Elbe liegt, von wo aus sich die Kontur der Kunstmetropole als unverkennbare Signatur gegen den westlichen Horizont abzeichnet. Professor Nadler also, dem jahrzehntelang obersten Denkmalpfleger in Dresden, hat es die Welt im Wesentlichen zu verdanken, dass sich die Frauenkirche da in der Ferne allmählich wieder in den Schattenriss der Altstadt schieben kann. Schon im August 1945 habe es ihn in der völlig zerstörten Innenstadt zu dem Trümmerberg gezogen. Als Denkmalexperte wie als Dresdner erkannte er sofort: Das gefallene Gotteshaus lag zwar im Sterben, aber es atmete noch seinen alten Geist. Und schon bald stand für ihn fest: "Wir müssen diese Trümmer schützen."
Die Toten des "Terrorangriffs", wie das strategisch gewiss sinnlose Bombardement nicht nur von alten Nazis genannt wird, hat keiner gezählt. Wohl aber jene Steine, genau 856 an der Zahl, die Nadler während einer ersten Teilberäumung im Winter 1948/49 sicherte, sichtete und inventarisierte. Ein Bruchteil des gesamten Haufens nur, aber Bruch genug, um den Traum der Trümmerkinder - auferstanden aus Ruinen - bis ins hohe Alter lebendig zu halten.
Etwa die Hälfte der abgezählten Brocken gingen im Laufe der Jahre verloren, vermauert irgendwo in der Uferbefestigung der Elbe. Erhalten aber blieb der Rest, rund 300 Kubikmeter, und Nadlers Diktum, das heute, wie von steinernen Gesetzestafeln direkt in die Köpfe der Planer kopiert, als eine Art Lex Frauenkirche die Geschicke der Wiederaufbauer lenkt: die "archäologische Rekonstruktion". Unter Verwendung möglichst viel erhaltener Substanz haben sie einen den heutigen Vorschriften genügenden Baukörper aus Sandstein zu errichten, der innen wie außen, so weit es geht, dem Original gleicht.
Eine Vorgabe mit Folgen: Fast 18 Monate dauerte die 1994 abgeschlossene "archäologische Enttrümmerung" des rund 20 000 Kubikmeter großen Hügels. Jeder Stein wurde von allen Seiten betrachtet, anhand des Fundortes am Boden, ballistischer Studien und historischer Fotos seinem Ursprungsort im Gebäude zugeordnet. Kaum ein Stück, das nicht auf Tauglichkeit getestet, nach allen Regeln modernster Messverfahrenstechnik erfasst und mit bis zu 200 Merkmalen als unverwechselbar in einer Datenbank abgespeichert worden wäre.
Der ganze Aberwitz des Unternehmens entfaltet sich im fünften Stock eines Bürohauses in Plattenbauweise unweit des Dresdner Hauptbahnhofs. Dort sitzen über ihren Plänen und vor den Bildschirmen ihrer Workstations die Architekten und Ingenieure der Firma Ipro Dresden, der die Planung des Kirchenbaus untersteht.
Eineinhalb Jahre haben sie allein gebraucht, um herauszufinden, was sie da eigentlich im Detail zu planen hatten. Es gab zwar historische Aufrisse, auf denen fehlten aber Zahlen und Maße. Oder wenn es einen Maßstab gab, dann war die alte Dresdner Elle in einem Fall 52, im anderen aber 56 Zentimeter lang.
Mit Hilfe von Catia, einem CAD-Programm aus dem Flugzeugbau, hat Architekt Jörg Lauterbach zunächst das "Bauwerk komplett als 3-D-Volumenmodell wieder aufgebaut". Und dabei feststellen müssen, dass "auch die alte Kirche ihre Macken hatte". Sie exakt eins zu eins nachzubauen, mit all ihren Ungereimtheiten, hätte sich somit verboten. Die Bauabnahme finde schließlich im 21. Jahrhundert statt.
Sie bauen das Alte zwar wieder auf, dürfen aber nicht bauen wie die Alten. Neben den Vorschriften für Versammlungsräume oder Feuerschutz erzwingen vor allem die Richtlinien für die Standfestigkeit Abstriche bei der reinen Rekonstruktion. Was die Statik betrifft, mussten sich die Baumeister früher auf ihr Gespür verlassen. George Bähr etwa war klar, dass die acht relativ schlanken Pfeiler im Innenraum der Frauenkirche das Tonnengewicht der steinernen Kuppel allein nicht würden tragen können. Also ersann er eine Konstruktion, mit deren Hilfe ein Teil der Last über die strebenförmigen, zentrifugalen Spieramen gezielt auf die Außenmauer abgelenkt würde. Diese Idee gilt heute noch als genial.
Allein, sie ließ sich mit den damaligen Möglichkeiten nicht wie beabsichtigt umsetzen: Die Wandscheiben rissen von den Pfeilern ab, die in der Folge mehr tragen mussten, als das, wozu sie eigentlich im Stande waren. Dass sie dennoch zwei Jahrhunderte hielten, wie immerhin im guten Glauben geplant, darf für sich als Wunder gelten. Zwei stählerne Ankerringe nahe dem unteren Kranzgesims, über Spannstangen mit 16 Stahlbetonblöcken im Mauerwerk verbunden, verwirklichen mehr als ein Vierteljahrtausend nach Bährs Tod dessen Vision.
Ipro-Planer Lauterbach berichtet, seine Urgroßmutter habe gleich neben der Frauenkirche gelebt und sei dort in der Bombennacht ums Leben gekommen. Schon als Kind habe er gelernt, dass der Dom eine beliebte Begegnungsstätte war: "Man traf sich an der Dickmadame." Weil er und seine Kollegen diesen städtebaulich unverwechselbaren Markierungspunkt wieder herstellen wollen, sei es ihnen bei allen heutigen Auflagen so wichtig, über Gefundenes an Gewesenes anzuknüpfen.
Genau 8390 Wand-, Gesims- und Sturzsteine galten nach dem Erfassen als Kandidaten für den Wiedereinsatz. Und fast um jeden Einzelstein wird gerungen. Etwa alle zwei Wochen trifft sich Lauterbachs Kollege Christoph Frenzel mit Thomas Gottschlich, einem Architekten aus Burgers Team, einem Steinmetz und einem Denkmalschützer zur "Fundstücksdurchsicht" in der Bauhütte am Fuß der Kirche.
Frenzel, ein freundlich-frommer Architekt, kennt fast jeden Altstein mit Signatur und Bestimmungsort. "Da gibt es, wie immer im Leben, natürlich Lieblinge", sagt er. Besonders "Bauteile mit bildplastischem Anteil" wie Flammvasen oder Stücke von Voluten liegen ihm am Herzen: "Das sind keine Steine", sagt er, "das sind Formate."
Rund 2400 Fundstücke sind bislang eingebaut worden, 6000 könnten es am Ende werden. Wo nötig, werden sie überholt und fehlende Teile durch Vierungen ergänzt. Frühestens nach 50 Jahren wird das Neue die Patina dieser alten Patchwork-Stücke angenommen haben - und zwar durch chemische Prozesse bei der Verwitterung und nicht etwa, wie viele irrtümlich meinen, durch Rauch oder Abgase.
Besonders heikel könnte das TrümmerRecycling beim Großteil 35 werden, wegen seiner Form auch "Schmetterling" genannt. Der Klotz wiegt 95 Tonnen. Seit Beginn der Bauarbeiten wartet er vor der Nordfront der Kirche unter einem Schutzdach auf den Dornröschenkuss, die Rückkehr an seinen angestammten Platz. Dazu muss er gedreht und gewendet werden, gedübelt, gesägt und so auf Maß gebracht, dass er am Ende millimetergenau an seine vorgesehene Stelle passt. Seitens der Bauleute hätte der gewaltige Trumm durchaus in kleinere Stücke zerlegt und in der Spitze von Treppenturm D fachgerecht wieder zusammengefügt werden können.
Für so viel Pragmatismus konnte sich die Denkmalpflege allerdings nicht erwärmen. Sie besteht darauf, dass der schwarze Brocken in einem Stück gehoben und versetzt wird - koste es, was es wolle. Schätzungen belaufen sich auf 100 000 Mark allein für den Aufbau des Krans, der das Teil an seinen Platz in 45 Meter Höhe hieven soll.
Die Dresdner und ihre Gäste werden auch diesen spektakulären Bauabschnitt mit einem Volksfest begleiten. Gerade der Einsatz der Altsteine stiftet Identität und macht jene Strahlkraft des Projekts aus, die sich über Faszination in eine beispiellose Spendenbereitschaft verwandelt hat.
Vielleicht liegt ja darin ein Teil des Wunders von Dresden: Als ob die Frauenkirche nach ihrer Zerstörung in den Herzen der Menschen über ihr tatsächliches Ausmaß hinausgewachsen wäre, wurde die Idee des Wiederaufbaus von Beginn an merkwürdig überhöht. Als hätte sich plötzlich eine Schleuse geöffnet und einem lange aufgestauten Bedürfnis freie Bahn verschafft, flossen dem Unternehmen von Beginn an Schecks und Sympathien in nie gekanntem Ausmaß zu. Und als könnte sich Geschichte doch wiederholen, kommt pe- kuniäre wie ideelle Hilfe wie zu Zeiten George Bährs zu großen Teil aus den Säckeln wohlhabender Bürger.
Einen gewichtigen Anfang machte der als Spendensammler heute eher berüchtigte Altkanzler, in Dresden durchweg respektvoll "Dr. Kohl" genannt. Der hatte 1990 auf jegliche Sachzuwendungen zu seinem 60. Geburtstag verzichtet und überwies dem Förderverein die ihm stattdessen zugedachten 750 000 Mark.
Von den 185 Millionen, die bislang zusammengekommen sind, stammen 125 aus Spenden, davon 85 aus den "Stifterbriefen", mit denen die Dresdner Bank ihre Kunden zum Mitmachen bewegt.
Gerade in Zeiten knapper Kassen jedoch und angesichts anderer enormer Aufgaben beim Aufbau Ost wurden die Pläne zur Wiedererrichtung von Anfang an auch heftig attackiert. Unter Stadtplanern, Architekten und vor allem Denkmalpflegern entzündete sich eine Debatte, die mit der Diskussion um die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses an Schärfe gewonnen hat - ein Vorhaben, das ein Vielfaches teurer wäre und für das sich, anders als bei der Frauenkirche, bislang kein schlüssiges Nutzungskonzept nennen lässt und internationale Hilfe mit Sicherheit ausbleiben würde.
Damals wie heute beriefen sich namhafte Fachleute auf das alte Credo des Tübinger Kunstwissenschaftlers Georg Dehio: "Den Raub der Zeit durch Trugbilder ersetzen zu wollen ist das Gegenteil von historischer Pietät." Unter Dresdnern waren zudem Stimmen zu hören, die sich aus der Skepsis gegen eine ungewisse Zukunft speisten: "Jetzt nehmen die uns auch noch den Trümmerberg weg."
Hans Nadler hatte nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass hier gleichermaßen die Teile gegen das Ganze ins Feld geführt wurden: Anfang der sechziger Jahre schlug er vor, als Schutz vor herabfallenden Steinen und unbefugtem Betreten Rosenbüsche um die Halde zu pflanzen. Der Trümmerberg, vom Choranbau im Altarbereich und vom Treppenturm E wie von zwei schwarzen Zahnstümpfen überragt, erhielt seinen weihevollen Charakter - und wurde zum Mahnmal wider den Krieg.
Damit aber galt er als unantastbar, und zwar auch im Herbst 1981, als junge Dresdner auf verbotenen Flugblättern zu einer Friedensdemonstration vor die Frauenkirche riefen - und die Bürgerrechtsbewegung der DDR mitbegründeten. Jedes Jahr am 13. Februar zogen nun, von der Staatssicherheit kritisch beäugt, Demonstranten mit Kerzen zum Trümmerhügel. Am 2. Oktober 1989 forderten Tausende dort die Wende. Sechs Wochen später war ihr Staat kaputt.
Schon Stunden nach dem Mauerfall, als andere gerade im Freudentaumel ihr Begrüßungsgeld verjubelten, fand sich ein Kreis von 15 Prominenten um den Trompetenvirtuosen Ludwig Güttler zusammen. Und beschloss, sich für die Wiedergeburt des geliebten Gotteshauses aus dem Geist der gehüteten Trümmer stark zu machen.
Damit aber schufen sie ein Problem: Ausgerechnet der zur Gedenkstätte geadelte Haufen sollte plötzlich überflüssig sein. Güttler und Co., anfangs "belächelt, bekämpft, verächtlich gemacht", suchten erst gar nicht nach einem Kompromiss. Vielmehr wagten sie den Sprung von der Trauer zum Triumph, vom Revanchismus zur Restauration.
Haben alte Steine, nur weil sie einmal Frauenkirche waren, Lebenskraft? "Tot war sie nie", sagt Baudirektor Burger, der sich, wenn es um sein Lebenswerk geht, mitunter medizinisch ausdrückt: Die ganze archäologische Rekonstruktion habe nur Sinn, wenn das fertige Haus als "geheilte Wunde" wirke, wobei es ihm genügt, wenn Vernarbungen erst "auf den zweiten Blick" erkennbar sein werden.
Psychologen, die sich weniger für Wunden in der Bausubstanz als die in Menschen interessieren, sprechen auch vom "Trauma". Vor allem Kindheitstraumen durch Schockerlebnisse können sich ein ganzes Leben lang wie körperliche Verwundungen erhalten - und wie diese Schmerzen verursachen. Paradoxerweise gelingt es den Tätern nicht selten, ihre Schuld vollkommen zu verdrängen, Opfer aber fühlen sich zeitlebens schuldig. Aus dieser Sicht manifestiert sich am Dresdner Neumarkt derzeit in einem Akt ritueller Massenheilung auch eine Art Detraumatisierung durch Steinwerdung.
Insbesondere die Generation Kohl, allesamt in mehr oder weniger unschuldigem Alter Zeitzeugen der Zerstörung, scheint in ihrem späten Herbst den Nachgeborenen noch ein Zeichen des Handelns hinterlassen zu wollen. Nirgendwo bot sich eine bessere Chance als in Dresden, wenn schon nicht die Geschichte ungeschehen zu machen, so doch ihren Zerstörungen ein unübersehbares Symbol entgegenzusetzen und die weltberühmte Silhouette, wie sie der Italiener Canaletto einst malte, durch den Kuppelbau wieder zu ergänzen. Und schon zeigt sich die Außenwirkung des Akts: Am Dresdner Neumarkt legen ABM-Kräfte zurzeit die Fundamente und Keller der ehemaligen Häuser frei - Grundlage für eine Neubebauung, die der Frauenkirche ihren früheren Rahmen wiedergeben soll.
Die unter der Gnade der späten Geburt Leidenden dürfen somit in Form eines postmodernen Ablasshandels auch die Erbschuld der Eltern stellvertretend abtragen. Andere können dem ehemaligen Feind an jener Stelle die Hand reichen, die fast wie Hiroschima zum Sinnbild für die Sinnlosigkeit des Krieges wurde.
Die Fördergesellschaft zählt rund 11 000 Förderer, Mitglieder und Freunde in 60 Ländern weltweit. Das goldene Kuppelkreuz, das am 13. Februar dieses Jahres der Herzog von Kent "im Namen vieler Bürger des Vereinigten Königreichs" feierlich übergab, hat dessen Landsmann Alan Smith geschmiedet. Der Vater dieses Kunstschmieds gehörte zu den Piloten, die mit Entsetzen unter sich die Stadt in Flammen aufgehen sahen und diesen Eindruck zeit ihres Lebens nicht vergessen konnten.
Der deutschstämmige Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 1999, Günter Blobel, war als Achtjähriger mit seiner Mutter auf der Flucht aus Schlesien durch Dresden gekommen. Die Frauenkirche stand noch, Tausende Flüchtlinge bevölkerten die intakte Altstadt. In der Nacht des Infernos sahen die beiden aus 40 Kilometer Distanz den Himmel brennen. Als sie kurz danach die Stadt ein zweites Mal betraten, waren Menschen und Mauern vergangen.
Auch den heute in New York lebenden Forscher hat diese Erinnerung niemals losgelassen. "Wenn das einmal wieder aufgebaut wird", schwor er sich, "helfe ich." 1994 gründete er den Verein "Friends of Dresden", kürzlich spendete er einen beträchtlichen Teil seines Preisgeldes von 1,8 Millionen Dollar.
Das Argument, die Rekonstruktion befördere auch eine bedenkliche Versöhnung mit der deutschen Geschichte, brachten nach der Wende ausgerechnet Neonazis zu Fall: Indem sie jeweils am 13. Februar am Trümmerberg Kränze niederlegten und die - auch zu DDR-Zeiten schon existierenden - revanchistischen Ressentiments bedienten, hatte das Mahnmal bald seine rein pazifistische Bedeutung eingebüßt.
Aber nicht nur Vergangenheitsbewältigung taugt als Motiv für die fast mystische Attraktion des Aufbaus. Als mindestens ebenso wichtig erweist sich das Bewältigen einer Gegenwart, die vielen, vor allem älteren Menschen, immer fremder wird. Mitunter scheint es, als stemme da eine Generation noch einmal, bevor sie den Staffelstab an die Internet-Statthalter weitergibt, mit aller Kraft ein Stück der vergangenen Welt, ein Stück anfassbare Wirklichkeit dem Neuen, Virtuellen entgegen.
Die Zahl der Besucher wächst wie das Bauwerk selbst, 165 000 waren es 1999, in diesem Jahr werden 225 000 erwartet. Durch ihre Spenden und durch den Kauf von Souvenirs, Karten, Postern, den unvermeidlichen T-Shirts und besonders Uhren mit eingefassten Steinchen aus dem Trümmerberg, tragen sie nicht unerheblich zum Budget bei.
Fasziniert und fassungslos, fast wie vor einem Weltwunder, stehen Menschen unterschiedlichster Länder und Sprachen vor dem Bauzaun und bestaunen etwas, das ihnen keine Software und auch keine Expo liefern kann: Vor ihren Augen wird, wenngleich mit modernen Mitteln, ein Stück Baugeschichte als Akt aus dem Buch der Zivilisation aufgeführt. Genau darin liegt ein großer Reiz der Rekonstruktion: je authentischer das Geschaffene, desto größer die Identifikation.
Der Aufwand mit dem Recycling der Fundstücke wirkt dabei fast beschaulich gegen die Ausmaße der steintechnischen Werkplanung für neue Steine. Während die Architekten der Ipro auf ihren Plänen lediglich für die Fassaden Fugenbild und Einzelstein darstellen, geht es bei Matthias Thomschke und seinen Kollegen von den Sächsischen Sandsteinwerken richtig ans Eingemachte: In ihren Computern entsteht die Frauenkirche noch einmal komplett neu, und zwar mit exakten Werkzeichnungen für jeden einzelnen Stein. Dieses weltweit nie erreichte Ausmaß an Genauigkeit muss sein, weil alle Neusteine eigens von Steinmetzen angefertigt werden.
Neben einfachen Quadern sind Werkstücke mit so verdrehten Geometrien herzustellen, dass selbst Computer sie nicht genau ausrechnen können. Nur Steinmetze können solche Formteile, etwa doppelt gekrümmte Platten für den Kuppelanlauf, mit Gefühl und viel Erfahrung hauen. Dabei arbeiten sie, ebenfalls eine Besonderheit dieser Baustelle, nach Bauzeichnungen für Einzelsteine, pro Stein eine Skizze, Maßstab 100 Prozent.
Bauhütten im ganzen Land bewerben sich darum, Zierelemente und besondere Werkstücke beizutragen: Das Kranzgesims bilden 76 Meisterstücke aus Königslutter, die Schicht darunter stammt aus Mainz. Keine deutsche Stadt hat mehr Arbeiten beigetragen als Hamburg, in Gelsenkirchen gab es beim Aufladen der Steine ein Volksfest, und da ein Portal komplett von Betrieben aus Brandenburg kommt, haben die Bauleute es "Brandenburger Tor" getauft.
Alle sichtbaren Oberflächen werden eigens überarbeitet, gekrönelt und überschariert, erklärt Thomschke. Durch den Charakter des Handbehauenen soll der Eindruck entstehen, "dass der Stein lebt". Und mit jeder Lage, die das Haus höher strebt, wachse, wie Eberhard Burger feuchten Auges verrät, "die Ehrfurcht vor den Altvordern, die vom Himmel gucken".
Mit Vorsicht und Respekt nähern sich die Kirchenbauer besonders dem Kuppelanlauf: Gleichsam als Trockenübung erproben sie am Boden mit zunächst vier Platten, was in 30 Meter Höhe und darüber mit 760 und später in der Kuppel mit weiteren 1500 Werkstücken reibungslos funktionieren muss. Wie im Einzelnen sie später die steinerne Glocke zusammensetzen werden, kann heute noch niemand mit letzter Sicherheit sagen.
All das scheint Eberhard Burger keine schlaflosen Nächte zu bereiten: Wenn er gegen Abend im Container mit Bauleitern und Planern beim Bier sitzt und nach jedem Schluck den Deckel auf den Rand seines Kruges sinken lässt, strahlt er jene Gelassenheit aus, die ihn selber zum Symbol hat werden lassen. Wenn er dann aber auf die "Ansprüche an die Nutzung" zu sprechen kommt, kann sich sein großes gutmütiges Gesicht aufs Grimmigste verfinstern.
Streit? Das Wort mag er gar nicht. "Es gibt Befindlichkeiten", sagt er. Und dann sprudelt der Ärger nur so aus ihm heraus: Wenn er das alles verwirklichen wollte, was sie an ihn herantragen, die Spender und Bänker, die Stadt, die Tourismusleute und Musiker, der Förderkreis und nicht zuletzt die Kirche, "da müsste ich drei Frauenkirchen nebeneinander stellen".
Die einen wollen an die große musikalische Tradition der Kathedrale anknüpfen, wo von Bach bis Wagner bedeutende Werke mit riesigem Chor und Orchester aufgeführt wurden. Die anderen hoffen auf Millioneneinnahmen durch Touristen. Wieder andere träumen von großen ökumenischen Gottesdiensten im Zeichen von Frieden und Versöhnung. Gleichzeitig soll die Kirche ein Ort der Andacht und Ruhe sein.
Der Teufel steckt, wenn es um die Vorgabe der Rekonstruktion geht, auch bei der Kirche im Detail: Soll die alte Chorschranke wieder her, obwohl sie bei heutiger Nutzung eher im Weg wäre? Ist eine Kanzel noch vonnöten, die Pastoren vor der Zeit elektrotechnischer Mittel brauchten, damit jeder in der Gemeinde ihre Predigt verstehen konnte? Muss eine originalgetreue Nachbildung der Silbermannschen Orgel sein, wie ihr Spender, der Kulturkaufhaus-König Dussmann, es verlangt, selbst wenn sich wegen der veränderten Stimmtonhöhe für den Kammerton A damit nur alte Werke aufführen ließen?
Beim Altar, dessen Torso sich noch hinter einer Trennwand im erhalten gebliebenen Choranbau verbirgt, geht es schließlich um die Seele des Projekts. Da gibt es auf der einen Seite den Wunsch, alles unverändert zu lassen, um wenigstens an dieser Stelle den Charakter des Mahnmals zu bewahren. Andere sehen dagegen allein ein Kunstwerk und favorisieren die vollständige Restaurierung in alter Pracht.
Beharrlich steuert Eberhard Burger hier auf einem Mittelweg: "Der Altar muss in seiner biblischen Aussage zweifelsfrei erkennbar sein", sagt er, "er stellt ja auch eine Art Konfirmationsunterricht dar." Andererseits müssten Schäden unbedingt konserviert werden und sichtbar bleiben, wenn auch nur "auf den zweiten Blick".
Auf dem abgeschlagenen, bereits wieder angefügten Kopf der Christusfigur beispielsweise sind bis heute die Spuren der Höllennacht zu erkennen: Zinntropfen von den in der Gluthitze geschmolzenen Orgelpfeifen. Die will Burger bewahren: "Gerade der Altar muss die Wunde sein im Fleische Christi."
Er handele, sagt der Baumeister, "aus tiefster Glaubenshaltung". Und macht keinen Hehl daraus, was ihm der Wiederaufbau der Frauenkirche im Herzen bedeutet: eine Wiederauferstehung als Wunder aus Menschenhand.
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DIE FRAUENKIRCHE IN DRESDEN Auferstanden aus Ruinen
26. Juli 1726 Der Rat der Stadt Dresden genehmigt nach vierjähriger Kontroverse den Entwurf des Ratszimmermeisters George Bähr (1666 bis 1738) zum Neubau der Frauenkirche an der Stelle des alten Gotteshauses gleichen Namens. Noch im selben Jahr findet die Grundsteinlegung statt.
27. Mai 1743 Die bereits 1734 für den Gottesdienst geweihte Kirche wird nach Aufsetzen des Turmkreuzes in 95 Meter Höhe endgültig fertig gestellt.
15. Februar 1763 Ende des Siebenjährigen Krieges. Der "Trotzkopf", wie Friedrich der Große den Dom nannte, hat dem Beschuss durch die Kanonenkugeln der preußischen Armee standgehalten.
27. November 1942 Die Kirche ist wieder öffentlich zugänglich, nachdem sie zuvor gründlich umgebaut und stabilisiert wurde.
13. Februar 1945 Bei schweren Angriffen durch Bomber der Alliierten wird die gesamte Dresdner Altstadt vernichtet. Die Frauenkirche brennt aus, bleibt aber stehen und rettet 300 Menschen in ihren Kellergewölben das Leben. Erst am Morgen des 15. Februar bricht sie, durch die Gluthitze geschwächt, zusammen.
5. Mai 1966 Der Rat der Stadt legt fest, den Trümmerberg als Mahnmal zu gestalten.
27. Mai 1994 Nach 18-monatiger Enttrümmerung beginnt mit einem feierlichen Akt der Wiederaufbau. Die Weihe der Unterkirche im Sommer 1996 bildet den ersten Höhepunkt.
Von Jürgen Neffe

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