Von Höbel, Wolfgang
Gramzerfurchte Gesichter in den Chefetagen der Musikindustrie, viel resigniertes Kopfschütteln am Konferenztisch, und dann spricht einer das böse Verdikt: "Mit dieser Platte lässt sich kein Geld verdienen."
So fangen Heldenlegenden an in der Popwelt, und zur Legende der britischen Band Radiohead gehört es, dass ihrem Album "OK Computer", bevor es 1997 erschien, angeblich von der eigenen Firma ein kommerzielles Desaster prophezeit wurde.
In Wahrheit erwies sich "OK Computer" natürlich als triumphaler Streich. Songs wie "Karma Police" und "No Surprises" zelebrierten ein hymnisches Verzweiflungspathos, in dem viele Kritiker den Ausdruck zeittypischer Großstadtparanoia entdecken wollten; die ganze CD verknüpfte elegische Gitarrenwucht und elegant verspielten Elektropop zu einem, wie der Londoner "Guardian" befand, "schillernden Meisterwerk der Rockmusik am Ende des Jahrhunderts".
Drei Jahre haben die fünf Jungs von Radiohead gebraucht, um sich von solchen Lobpreisungen zu erholen - und davon, dass sie plötzlich international als Lieblingsband der Intellektuellen gelten. Nun jedenfalls erscheint die neue Radiohead-CD mit dem Titel "Kid A". Es ist, viel mehr noch als "OK Computer", ein Werk der bizarren Brüche.
Hier ein zarter Balladenanfang, da der Auftakt einer großen Orchestersuite, und schon endet alles wieder in düsterem Lärmgewitter oder engelsgleichem Chorgesang. Ein paar Dutzend Songideen, aber kein einziger entschlossen zu Ende geführter Popsong. Um es in der Sprache der Musikindustrie zu sagen: "Kid A" präsentiert genau die Sorte Musik, mit der man eigentlich kein Geld verdienen kann. Und doch darf man sich darauf verlassen, dass die Radiohead-Fans in aller Welt das Werk in die Hitparaden kaufen werden.
"Unser Plan war, an diesem Album so zu arbeiten, wie es ein Maler tut, der in seinem Atelier an zwölf Bildern gleichzeitig malt", berichtet Thom Yorke, Sänger und Vordenker der Band. "Man wandert mal hierhin und mal dorthin, streicht etwas weg oder fügt etwas hinzu, lässt etwas ruhen, wenn man nicht weiter weiß - und irgendwann beschließt man, dass das Werk fertig ist."
Der Reiz und die Schwäche des neuen Radiohead-Albums ist es, dass ihm diese "work in progress"-Bastelei jederzeit anzuhören ist. Sicher wird es ein paar Exegeten geben, die der Popwelt erklären werden, dass man so und nur so (mit der Gitarre pinselnd) auf der Höhe der Zeit Musik machen könne - und doch ist Thom Yorkes Erklärung viel einfacher und überzeugender.
"Ich hatte eine massive Schreibblockade", berichtet der 31-Jährige. "Es begann damit, dass ich alles, was irgendjemand sagte, wahnsinnig interessant fand und auf einem kleinen Zettel notierte. Plötzlich hatte ich Hunderte von solchen Zetteln, auf denen sinnloses Zeug stand. Auf ganz ähnliche Weise sammelte ich Hunderte von Soundschnipseln. Es war lächerlich, aber ich dachte wirklich: Ich werde nie wieder einen Song schreiben können."
Die Angst zu versagen, abzustürzen in bodenlose Trauer und Hilflosigkeit - das ist einerseits genau die Neurosenwelt, die in den Songs von Radiohead beschrieben wird. Andererseits hasst Yorke wie jeder aufrechte Künstlermensch die billige Gleichsetzung von privaten Nöten und künstlerischen Aussagen: "Es ist der pure Stumpfsinn, dass Journalisten immer wieder Songs direkt auf meine Person beziehen." Weil er mit wundersam hoher Stimme oft von deprimierenden Dingen sang, präsentierte ihn etwa ein britisches Musik-Fachblatt vor Jahren mit der Schlagzeile, hier sehe man den heißesten Selbstmordkandidaten des internationalen Rockgeschäfts.
Der Ruf, ein sensibler und möglicherweise selbstzerstörerischer Weichling zu sein, begleitet Yorke, seit er vor 15 Jahren in einem Kaff bei Oxford mit den anderen vier Mitgliedern seiner Band zusammenfand. Damals gingen alle noch zur Schule, erste Bewerbungen bei Plattenfirmen blieben erfolglos. Nach ein paar Studienjahren an verschiedenen Universitäten traten die fünf Musiker unter dem neuen Namen Radiohead an - und brachten es nicht bloß zu einem Plattenvertrag, sondern von 1993 an auch zu ersten Hits, von denen "Creep" bis heute der berühmteste ist: die Leidensarie eines hohlköpfigen, brutalen Dreckskerls, der sich selbst bezichtigt, ein hohlköpfiger, brutaler Dreckskerl zu sein.
Spätestens zu "Creep"-Zeiten habe es angefangen, klagt Yorke, "dass ich mich ständig rechtfertigen sollte für alle Dinge, die ich sang oder tat" - und gerade das habe ihn in die künstlerische Sprachlosigkeit getrieben. Auch insofern sei das jüngste Radiohead-Werk eine Art Befreiungsschlag: "Für mich ist es das erste unserer Alben, auf dem alles für sich selbst steht", sagt Yorke, "und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich mich für absolut nichts rechtfertigen muss - nicht mal dafür, dass es irgendjemand kauft." WOLFGANG HÖBEL
DER SPIEGEL 40/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.