09.10.2000

INTERNETEine Kalaschnikow für 98 Euro

Hunderte Websites beschäftigen sich mit der DDR. Eine Exilregierung ruft zum Eintritt in die SED auf, Obskuranten bieten Waffen an, eine Homepage widmet sich der „nackten Republik“.
Zuerst ging die "Titanic" unter, dann soff die DDR ab. Irgendwie hat die eine Katastrophe etwas mit der anderen zu tun, dialektisch betrachtet.
"Die USA, die SU und die DDR wollen gemeinsam die 'Titanic' heben. Die USA interessieren sich für den Goldschatz und den Tresor mit den Brillanten, die SU interessiert sich für das technische Know-how. Und die DDR interessiert sich für die Band, die bis zum Untergang noch fröhliche Lieder gespielt hat."
Der Isländer Jón Ingvar Jónsson sammelt DDR-Witze und stellt sie auf seiner Homepage ins Internet (www.2.islandia.is/jon/ddr); hintersinnige Anekdoten und platte Kalauer aus längst vergangenen DDR-Tagen: "Lieber ohne Glied im Puff als Mitglied in der SED."
Jónsson, 1957 in Nord-Island geboren, ist nach dem Abitur in die DDR gezogen. Er lebte in Leipzig und Dresden, studierte Bauwesen ohne Abschluss, heiratete und ging 1983 mit seiner Frau zurück nach Island, wo er heute als Programmierer arbeitet, unter anderem für die Firma Kienzle.
Seine DDR-Site macht er "seit 1993 oder 1994", die Frage nach dem "Warum?" beantwortet er knapp, aber umfassend: "Weil die politischen Witze in der DDR nicht nur sehr gut waren, sondern auch ein Stück Geschichte sind, das nicht verloren gehen darf."
So betreibt der Isländer die vermutlich nördlichste DDR-Homepage Europas. Ohne jemals einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben, gehört er einem virtuellen Club an, dessen Statuten aus einem einzigen Satz bestehen: "Du sollst das Andenken an die DDR lebendig halten."
"Wir sind Ostdeutsche, die sich im Westen gut zurechtgefunden haben", sagen Katja, 35, und Martin Ebert, 38. Als sich die DDR aus der Geschichte verabschiedete, waren die beiden "Verfahrenstechniker" gerade mit dem Studium der Chemie fertig. "Die Öffnung war eine Befreiung, wir sind schnell in der neuen Zeit angekommen." Sie arbeitet heute im Öffentlichen Dienst, er als Programmierer.
Katja und Martin Ebert haben in ihrer Wohnung in Wittenberg fünf PC aufgestellt und eine Suchmaschine eingerichtet, (www.ddr-suche.de), in der 362 DDR-Homepages erfasst sind, eingeteilt nach Kategorien wie Stasi, Musik, HO und Handel, Mauer und Grenze. Noch nie gab es so viel DDR wie heute.
Allein unter den 28 "privaten Homepages" kann man praktisch alles finden, was es in der DDR mal gab und was heute noch an die DDR erinnert.
Unter "Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!" wird noch immer zum Widerstand gegen Ulbricht aufgerufen, während unter "Ostdeutsche Erlebniskultur" Reden von Pieck, Ulbricht und Honecker zum Runterladen angeboten werden, dazu die Nationalhymne und das Sandmännchen der DDR mit Text und Ton, Briefmarken und "Qualitätsprodukte" wie Burger Hauskeks und Karo Zigaretten. Es gibt eine Site für die Freunde des Ampelmännchens und eine "Trabibörse" für die Liebhaber des Auto-Imitats.
Nur eine Abteilung gibt es nicht: Sex in der DDR, obwohl im Arbeiter-und-Bauern-Staat ein natürliches Verhältnis zum Körper angeblich die Norm war. Eine Homepage, die über die FKK-Foto-Ausstellung "Die nackte Republik" informiert, wird in der Abteilung "Freizeit" geführt.
Das Internet, in dem alles virtuell und zugleich wirklich ist, eignet sich ideal als Zuflucht für ein politisches Gebilde, das "real existierte" und dem bis zu seinem Ende stets etwas Irreales anhaftete. So kann die DDR im Web fortgeschrieben, umgeschrieben und abgeschrieben, sie kann reanimiert und der Lauf der Geschichte korrigiert werden.
Marko Busch, 1973 in Borna bei Leipzig geboren, gelernter Betriebseisenbahner und Zugchef bei der Deutschen Bahn, bietet auf seiner Homepage www.ddr-imweb.de "Geschichten aus einem verschwundenen Land": Zahlen, Daten, Hintergründe, angefangen bei den 15 Bezirken der DDR mit den Einwohner- und Flächendaten von 1983 bis zu den Postgebühren und einer Auflistung der Interhotels. Fakten, Fakten, Fakten.
Zum zehnten Jahrestag der Vereinigung gab's als Zugabe eine Fiktion: "Die Einheit andersrum - Willkommen in der wieder vereinigten Deutschen Demokratischen Republik!" Die DDR hat sich die BRD einverleibt, das "Neue Deutschland" bejubelt die Wende mit einer Extra-Ausgabe.
Marko Busch war zur Zeit der Wende 16 Jahre alt. Alles, woran er sich erinnern kann, sind Kindergarten und Schulzeit. "Es ist uns nicht schlecht gegangen, wir hatten ein unbesorgtes Leben." Und heute? "Ich kann mich nicht beklagen, es geht mir gut."
Die Erinnerung daran, was in der DDR gelaufen ist, scheint vom Alter vollkommen unabhängig zu sein. Fünf 18-Jährige aus dem thüringischen Saalfeld, die sich in Anspielung an die Jungen Pioniere "Junge Pansen" nennen, betreiben gemeinsam die Website (http//:members.tripod. de/psc_slf) des "Pansen Club Saalfeld", der sich "für den Wiederaufbau der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland" einsetzt. "Wir stehen auf der Seite der Ostdeutschen und damit der Unterdrückten! Machen Sie mit und sagen Sie ja zur deutschen Mauer."
Einmal jährlich gibt es eine Mitgliederversammlung, und einmal im Quartal tagt das Politbüro des Clubs. Welche Themen stehen auf der Tagesordnung? "Wir wollen die Leute an die DDR erinnern", sagt Patrick Kluge, der zur Zeit der Wende acht Jahre alt war. "Wir hatten eine wunderschöne Zeit, man hing nicht auf der Straße rum, sondern hat immer was zusammen getan." Trotzdem, versichert der Junge Panse, ist die Homepage "eine ironische Aktion mit einem Schuss Heimweh", aber "manche nehmen's todernst und schicken Drohbriefe per E-Mail".
Was ernst und was ironisch gemeint ist, kann unter Umständen schwer auseinander zu halten sein - wie bei manchen Szenen in Leander Haußmanns Film "Sonnenallee". Das "Offizielle Internet-Organ der DDR-Staatsregierung im Exil" (http://home.t-online.de/home/d_d_r) kommt so ironisch daher wie seinerzeit das "Neue Deutschland": "Liebe Bürger der DDR - verzweifeln Sie nicht! Die DDR, unser Vaterland, wird immer existent sein, zumindest im Herzen derer, die nicht zu Verrätern wurden! Zeigen Sie Mut, werden Sie Mitglied in der SED und kämpfen Sie mit uns für die Wiedererrichtung unseres Vaterlandes, der DDR."
Die aufwendig gemachte Homepage ohne Impressum führt die staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen der DDR wie den Kulturbund und die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft vor, preist die Betriebskampfgruppen und den "antiimperialistischen Schutzwall", stellt noch einmal die Rolle der Stasi klar ("Das MfS gewährleistet die Sicherheit der Republik unter allen Bedingungen") und setzt sich kritisch mit den Verhältnissen nach der Wende auseinander: "Ein noch nie da gewesenes Elend schleicht wie die Pest durch unsere Heimat", Hunger sei weit verbreitet, Selbstmord oft der einzige Ausweg aus der Not.
Ebenso wie die DDR-Staatsregierung im Exil lebt auch die Nationale Volksarmee, "die deutsche Armee, die nie Blut vergoss", im Internet weiter (www.nva.de), wenn auch nur als ein Versandhaus "für Sammler, Jäger, Requisiteure und Historiker", die im Gruselkabinett der jüngsten deutschen Geschichte einkaufen wollen. Alle Preise sind in Euro ausgezeichnet. Wobei für Versand noch zehn Euro dazugerechnet werden müssen.
Eine "Kalaschnikow-Ausbildungswaffe" kostet nur 98 Euro, das dazugehörige Bajonett 19,95, für eine NVA-Gasmaske ("sehr modern, große Gläser oval") muss man nur 34,95 Euro hinlegen. Springerstiefel von der Art, wie sie heute von jungen Neonazis geschätzt werden, kosten immerhin 149 Euro, denn es handelt sich um das "NVA orginal Modell letzte Version, neu".
Umsonst ist nur die Agitation am Ende des Angebots: "Freiheit für den Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz - Siegerjustiz der Geldwäscherpolitmafia!"
Damit will Richard Stahl, 63, nichts zu tun haben, obwohl er selbst 32 Jahre in der NVA gedient hat, bevor er 1987 im Range eines Oberstleutnants demilitarisiert wurde. Dann war er im Operativzentrum des Generaldirektors von Interflug zuständig für die "Überwachung des Luftverkehrs" und die "Vorbereitung der Flüge der Partei- und Staatsführung". Mit der Abwicklung der Interflug 1991 kam Richard Stahl in "unfreiwilligen Vorruhestand", jetzt wohnt der Rentner mit seiner Frau und einer Tochter "in einer Plattenbausiedlung" und fühlt sich dort wohl.
Der Oberstleutnant a. D. steht jeden Tag um sechs Uhr auf, setzt sich an seinen Computer und liest Zeitungen online: Er sucht aus, was ihn interessiert, und stellt die "Stimmungen, Meinungen und Berichte zu den neuen Bundesländern und zur Wiedervereinigung" auf seiner Homepage (www.ostpage.de) ins Netz. Stahl hat seine "private Textsammlung" 1998 angefangen und sich die nötige Technik selbst beigebracht. "Ich habe den Computer in die soziale Hängematte mitgenommen."
Seit kurzem ist der ehemalige Berufssoldat Mitglied im "Deutschen Senioren Computer-Club e. V." Jeden Donnerstag lehrt er dort "Bildbearbeitung" und führt "Surfen im Internet unter Anleitung" vor.
Stahl ist mit seinem Leben zufrieden, das Internet bietet ihm die Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft. "Das Rad der Geschichte dreht sich nicht zurück, man muss weitergehen", das habe schon der Berufsrevolutionär Dimitroff gesagt, und das gelte immer noch. Schade sei nur, dass er das Internet erst so spät entdeckt habe.
Für die Germanistikstudentin Kathrin Konjareck, 1978 in Saalfeld geboren und in Dessau aufgewachsen, kam alles zur rechten Zeit. Sie sammelt alte Hörspielplatten und katalogisiert Hörspiele, die im DDR-Radio gesendet wurden. Rund 200 hat sie schon ins Netz gestellt (http://DDR-Hoerspiele.de). "Das ist keine Sehnsucht nach der DDR, wir waren froh, als alles vorbei war", aber "da spürt man noch den alten DDR-Geist, wie es mal war".
Deswegen steht auch das Tagebuch ihrer Oma inmitten der Homepage, ein "100-prozentiges authentisches Tagebuch über die DDR-Alltagsprobleme, was es hier zwischen 1983 und 1985 so (vor allem nicht) gab".
Kathrin Konjareck wohnt noch bei ihren Eltern, "auf zwölf Quadratmetern mit 1600 Büchern", und überlegt, ob sie das Studium der Germanistik abbrechen und lieber "Mediengestalterin" werden soll. Sie übt schon mal auf der eigenen Homepage, das Programm heißt "What you see is what you get". Das wäre auch ein schöner Titel für ein Hörspiel über das Leben nach der DDR. HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 41/2000
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