09.10.2000

RUSSLAND Das Geheimnis der Killerbakterien

Amerikanische Experten fürchten, dass die Rückstände der sowjetischen Biowaffen-Produktion eine Katastrophe auslösen - und sie haben einen ungeheuerlichen Verdacht: Russische Militärs experimentieren in Geheimlabors mit Mikroben, die Millionen Menschen umbringen können.
Gerade 40 Minuten sind vergangen, seit der Angriff der Terroristen mit den tödlichen Bakterien aus der Luft begonnen hat. Die orangefarbene Giftwolke, angeblich aus einem kleinem Flugzeug versprüht, wird von einem aufkommenden Wind Richtung Innenstadt getrieben.
Auf einer Videowand im Krisenzentrum leuchten an einer Karte Zahlen auf, Hochrechnungen der potenziellen Opfer: 10 000 Menschen zunächst, nach einigen Minuten 30 000, dann 50 000 - und so wird es weitergehen, wenn nichts geschieht. Die Bevölkerung ganzer Stadtviertel von Big City, USA, ist dem Untergang geweiht. Jeder, der das Teufelszeug einatmet.
Die Terroristen haben sich damit gebrüstet, Milzbranderreger zu versprühen, Bacillus anthracis. Milzbrand ist eine heimtückische Krankheit, die unbehandelt innerhalb von drei bis fünf Tagen zu einem qualvollen Tod führt. Wird eine Panik ausbrechen, wenn alle in Big City von dem Überfall der Bio-Terroristen erfahren? Wie viele Menschen können gerettet werden? Vorerst ist es nur ein Experiment, was sich hier im National War Gaming and Simulation Center von Washington abspielt. Aber ein Experiment ziemlich nahe an der Realität: "Big City" auf den Bildschirmen gleicht von seiner Stadtanlage und den Umweltbedingungen fast aufs Haar Los Angeles. Das Ziel der "fernöstlichen Terroristen": die in der Stadt zu einem "Pazifischen Wirtschaftsgipfel" zusammengekommenen Spitzenpolitiker zu erpressen.
Für die Simulation der Bakterien-Attacke stehen die modernsten Computer zur Verfügung - beim Planspiel sind sogar Sensoren vorgesehen, die Giftstoffe frühzeitig erkennen und analysieren sollen. Solche Sensoren wollen US-Strategen bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City im Jahr 2002 tatsächlich einsetzen.
Durchgespielt wird das Szenario unter Anleitung hoher Militärs an der National Defense University, die dem amerikanischen Verteidigungsministerium untersteht. Dessen Chef William Cohen hatte Aufsehen erregt, als er im Mai dem US-Fernsehsender NBC sagte: "Ein Angriff auf amerikanischen Boden mit chemischen, biologischen oder auch atomaren Waffen ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich." Geradezu beschwörend fügte der Pentagon-Chef damals hinzu: "Wir müssen uns darauf einstellen."
Cohen und seine Militärs haben die Terrorattacke islamistischer Gewalttäter auf das World Trade Center im Februar 1993 (6 Tote) ebenso wenig vergessen wie die Bomben auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 (263 Tote). Doch so erschreckend der Angriff im Zentrum der amerikanischen Wirtschaftsmacht war, so furchtbar das Blutbad von Nairobi: Es handelte sich um - relativ überschaubare - Attacken mit konventionellen Waffen.
Der Abrüstungsexperte John Hnatio vom US-Energieministerium, Chefentwickler des Szenarios der gefährdeten Big City, fürchtet jetzt eine andere Qualität von Terror und Kriegführung. Er sagt: "In diesen Tagen sind die USA mit einer ganz neuen Welt nichttraditioneller Drohungen konfrontiert." Soll heißen: auch mit Biowaffen.
Es ist der Stoff, aus dem die Alpträume sind: Heimtückische Erreger von Pest und Tularämie, von Brucellose und Pocken sowie Ebola-Viren, die sich in Körperorgane setzen und sie zerfressen, die zu starken inneren Blutungen führen oder die Atmung lähmen. Immer verbunden mit grausamen Schmerzen: Schleichend kommt der Tod. Ein Bio-Tschernobyl. Ein Science-Fiction-Horrorfilm.
Aber noch nie scheint ein Überfall mit bakteriologischen Waffen so wenig Fiction wie heute, noch nie so viel Science. Killerbakterien sind attraktiv für Terroristen, weil sie sich einfach transportieren lassen - und weil sie dank neuer Forschung so durchschlagend effektiv sind.
Die japanische Aum-Sekte plante schon 1995, ihre Anschläge in Tokio mit Botulinus-Sporenstaub auszuführen. Getarnt als wissenschaftliche Delegation, versuchte sie später bei einer Tagung in Afrika das tödliche Ebola-Virus für "Forschungszwecke" zu erhalten und hätte es ohne große Probleme auch bekommen. Aber dann entschieden sich die Wissenschaftler des Terrortrupps doch für Giftgas: Botulinus und Ebola überforderten sie - noch.
Interessant ist ein Biokrieg für jeden skrupellosen Armeegeneral. 100 Kilogramm Milzbrandbakterien können, unter optimalen atmosphärischen Voraussetzungen versprüht, die Bevölkerung einer Millionenstadt auslöschen. Der tödliche Staub hat noch einen riesigen Vorteil: Er greift nur die Menschen an, lässt für den Aggressor die gesamte Infrastruktur, Straßen, Häuser, Industrieanlagen intakt.
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gewinnt die Bedrohung zusätzlich an Brisanz. Viele Wissenschaftler im heutigen Russland sind verzweifelt, weil sie kaum noch ihre Familien ernähren können. Noch verzweifelter sind viele Militärs: Die einst so stolze Armee erlebt einen bitteren Niedergang. Gedemütigt durch die Unfähigkeit, den Soldaten regelmäßig ihren Sold zu zahlen und ihr Kriegsgerät in Schuss zu halten, erniedrigt durch Katastrophen wie die um das Atom-U-Boot "Kursk" im August, scheinen Moskaus Generäle derzeit zu allem fähig.
Die UdSSR unterhielt rund 20 Jahre lang im Geheimen und entgegen vertraglicher Verpflichtungen ein intensives Biokrieg-Programm. Moskau feierte bis Anfang der Neunziger spektakuläre Erfolge bei der Erforschung und der Produktion von Killermikroben. Die sowjetischen Frankensteins hatten für den Ernstfall genaue Vorgaben, wie viel Biogift zu produzieren sei: bis zu 300 Tonnen kriegsfähige Milzbrand-, 80 Tonnen Brucellose- und 40 Tonnen Tularämie-Erreger.
Die Kreml-Führer haben rund eine Milliarde Dollar für ihr Programm ausgegeben. Seit Präsident Boris Jelzin 1992 den USA offiziell das Ende jeglicher Biowaffen-Forschung zugesagt hat, suchen Hunderte hoch spezialisierte Experten eine neue Aufgabe. Oder warten auf die Fortführung der alten.
"Ich weiß nicht, wie weit Präsident Putin eingeweiht ist, aber ich bin überzeugt davon, dass russische Militärexperten immer noch intensiv an einer Waffe forschen, die auf dem Affenpocken-Virus beruht - in zwei Jahren könnten sie so weit sein", sagt Ken Alibek, der 1992 in die USA geflohene Epidemiologe. Als Kanatjan Alibekow war er zuvor fünf Jahre lang Vizedirektor der Tarnfirmengruppe "Biopreparat" und damit einer der Chefs des geheimen sowjetischen Bakterienprogramms. Er befehligte 32 000 Wissenschaftler und Funktionäre.
"Ich glaube, dass die Russen weiter Biowaffen-Programme verfolgen", sagt auch der britische Wissenschaftler Christopher Davis. Er konnte als einer der ersten westlichen Experten einige - von der russischen Regierung ausgesuchte und "gesäuberte" - Bakterien-Forschungslabors besuchen. "Die Entwicklung sollte uns große Sorgen machen, denn ein solches Programm ist schwer aufzudecken - uns fehlt das Wie und Wo, uns mangelt es an Beweisen."
Diese meinen US-Geheimdienstexperten mit Hilfe russischer Verbindungsleute gefunden zu haben. Ihre wichtigsten Vorwürfe sind in einem geheimen Memorandum an führende amerikanische Politiker zusammengefasst.
Die US-Experten beschuldigen Moskau des kriminell nachlässigen Umgangs mit den Killerkampfstoffen. Sie klagen über eklatante Verletzungen der Vereinbarungen, die der Kreml mit Washington geschlossen hat - seit Mitte der neunziger Jahre finanzierten die USA mit bisher rund 20 Millionen Dollar die Zerstörung des russischen Biowaffen-Arsenals. Im Gegenzug soll Moskau alle Biokrieger von der Abwanderung in "Schurkenstaaten" wie den Irak oder Nordkorea abhalten und, bei Besuchen für westliche Experten nachprüfbar, alle militärischen Entwicklungslaboratorien für Mikroorganismen schließen.
Die amerikanischen Fachleute gehen in ihrer Anklage noch einen Schritt weiter: Sie beschuldigen die russische Generalität, ihre Vertragspartner im Westen zu täuschen und anzulügen. "Dieses Verhalten macht nur Sinn, wenn sie ihr biologisches Aggressionsprogramm an uns vorbei weiterführen und vorantreiben." Die zentralen Punkte des Papiers, das Präsident Clinton "mit größter Sorge" zur Kenntnis genommen haben soll:
* Russische Bioforscher arbeiten in mindestens drei "extrem verdächtigen" Zentren an gefährlichen Mikroorganismen (siehe Karte Seite 189). Diese Laboratorien befinden sich bei Jekaterinburg, dem früheren Swerdlowsk, im zentralen Uralgebiet; bei Wjatka, dem einstigen Kirow, im westlichen Ural-Vorland sowie bei Sergijew Possad, dem ehemaligen Sagorsk.
Während andere frühere Biokrieg-Stätten wie Kolzowo in Sibirien westlichen Experten zugänglich gemacht und deren Biokrieg-Programme weitgehend eingestellt wurden, bleiben diese Geheimlabors direkt dem russischen Militär unterstellt. Sie sind für Kontrolleure aus den USA wie für unabhängige russische Fachleute gesperrt.
* Die Zusage der Russen, allen ihren Biowissenschaftlern die Abwanderung in Terrorismus-verdächtige Staaten zu verbieten, wird nach Ansicht der CIA nicht eingehalten. Dutzende Mitarbeiter der Laboratorien von Kolzowo sollen 1997 an einer "Technologiemesse" in Teheran teilgenommen haben, iranische Wissenschaftler waren zu einem Gegenbesuch in den Instituten, in denen noch vor einem Jahrzehnt Kampfstoffe aus Pocken-Erregern entwickelt wurden. Selbst vor Experimenten mit Aids hatte man dort nicht Halt gemacht und an einer HIV-Waffe geforscht.
Es besteht überdies der Verdacht, dass amerikanische Hilfsmittel in gefährliche und nicht transparente russische Forschungsprojekte umgeleitet werden. "Wir schätzen, dass zehn Prozent unserer Gelder zweckentfremdet werden."
* Nach wie vor verweigern russische Behörden den Regierungen der seit 1991 unabhängigen Staaten Kasachstan und Usbekistan detaillierte Informationen über das Ausmaß der früheren Kampfstoffproduktion und deren Überreste auf ihrem Gebiet. "In der usbekischen Stadt Nukus und in den nahen Gebieten rund um den Aralsee bahnt sich durch die gescheiterte Beseitigung hochgiftiger Milzbrandsporen eine Katastrophe größten Ausmaßes an." (siehe Seite 193)
* Russische Politiker von Jelzin bis Putin haben immer wieder zugesichert, General Jurij Kalinin zur Rechenschaft zu ziehen oder wenigstens zu pensionieren. Doch Kalinin, 63, ist nach wie vor Chef von Biopreparat, offiziell ein Arzneimittelunternehmen, an dem der russische Staat 51 Prozent Anteile hält. Produziert werden angeblich nur Antihistaminika und Antazida. Aber geforscht wird weiter - in Laboratorien, die Kalinin unterstehen.
Es gibt "konkrete Hinweise" darauf, dass der Boss von Biopreparat immer noch besondere Deals mit Teilen der Militärführung und des Geheimdienstes macht. Beispielsweise mit General Walentin Jewstignejew, dem früheren Chef des Direktorium 15. "Kalinin führt eine Art Allianz der alten Kalten Krieger", schlussfolgert das vertrauliche US-Memorandum.
Sie nennen ihn "Genosse Virus" in westlichen Expertenkreisen. General Kalinin verkörpert mit seiner Zielstrebigkeit und seiner Skrupellosigkeit alles, was dem Westen an den alten und neuen Russen verdächtig erscheint. Er ist auch ein ehemaliger KGB-Mann - wie Präsident Putin. Biofachleute und Geheimdienstler von Washington bis London hassen Kalinin: Er hat sie oft an der Nase herumgeführt.
Bald nach 1972, als die Sowjetunion die Konvention zum Verbot bakteriologischer Waffen mitunterschrieben hatte, ordnete Parteichef Leonid Breschnew in einem Geheimerlass die intensive Erforschung genau dieser Waffen an. Der Kreml-Chef nahm - vielleicht nicht ohne Grund - an, dass auch die Amerikaner im Verborgenen an einem BiokriegProgramm basteln würden. Dass sich Moskau in Forschung und Praxis weit an die Spitze katapultierte, verdankte die sowjetische Führung vor allem General Kalinin. Er schuf in 40 über das ganze Staatsgebiet verstreuten Anlagen das fortgeschrittenste Biowaffen-Arsenal der Welt.
Kalinin vertuschte seine Erfolge wie seine Misserfolge. So waren es zunächst nur Gerüchte, die Ende 1979 aus Swerdlowsk in den Westen drangen. Von einer tödlichen Bakterienwolke war da die Rede, von vielen Toten. Die Behörden dementierten, verseuchtes Fleisch habe einige Opfer gefordert. Die Wahrheit: Durch eine Panne in einem Biolabor im Süden der Stadt waren Milzbrandbakterien in die Luft geraten, mindestens 66 Menschen starben qualvoll an Lungenödemen.
Zwischen 1982 und 1984 hat es zumindest eine sowjetische Attacke mit Rotz-Krankheitserregern gegen afghanische Mudschahidin gegeben, versprüht aus Iljuschin-28-Kampfflugzeugen - eine Aktion, von der die Welt erst durch den Kalinin-Stellvertreter und Überläufer Alibek erfuhr*.
Was kann die politische Führung in Washington jetzt anderes tun, als bei Präsident Putin auf Klärung der neuen Vorwürfe zu drängen? Im September 1998 hat US-Präsident Clinton seinen damaligen Amtskollegen Boris Jelzin zu "beschleunigten Verhandlungen über eine Stärkung des Biowaffen-Abkommens" aufgerufen. Einmal mehr forderten die Amerikaner auch die Ablösung des schrecklichen "Genossen Virus". Nichts geschah. Clinton setzt in seinen letzten Amtsmonaten wohl auf intensive Geheimdiplomatie gegenüber Putin - und überlässt seinem Nachfolger im Weißen Haus das Bio-Problem.
"Putin steht vor einem Lackmustest", sagt die US-Expertin Amy Smithson. "Entweder er entscheidet sich für die alte Garde der Bio-Krieger um Kalinin oder für die Wissenschaftler, die ihre Kenntnisse friedlichen Zwecken zuführen wollen."
Das von außen zweifelsfrei zu klären, ist äußerst schwierig. So beschäftigt sich die heutige medizinische Forschung häufig mit denselben Erregern, die zur Entwicklung von Biowaffen gebraucht werden. Ein Projekt wie etwa die Isolierung der Burkholderia-Genome, das der Russe Igor Abajew in den Labors von Obolensk im Süden Moskaus versucht, kann zu einem Impfstoff führen - oder zu einer bakteriologischen Waffe.
Das gilt auch für amerikanische Versuche im Institut der Bio-Elite, dem Armeelabor von Fort Detrick in Maryland. Optimal wären Stichproben in allen Laboratorien, durchgeführt von unabhängigen Organisationen. Doch bislang hat niemand wirksame Kontrollen zur Einhaltung des Biowaffen-Verbots durchsetzen können.
Geschichte der Biowaffen
1928 Ein Geheimdekret des sowjetischen Militärrats ordnet die Verwendung des Fleckfiebererregers als Kampfstoff an.
1942 Deutsche Soldaten bei Stalingrad erkranken in großer Zahl an Hirnhautentzündung - laut Biokrieg-Experte Alibek nur durch eine "gezielte Verbreitung" von Tularämie-Erregern zu erklären.
Auch in Berlin und London wird während des Zweiten Weltkriegs intensive Biokrieg-Forschung betrieben.
1940 bis 1944 Japanische Flugzeuge werfen pestinfizierte Flöhe in Porzellanbomben ab. Elf chinesische Städte werden mit Killerbakterien attackiert.
1982 bis 1984 Sowjetische Bomber zerstäuben über Afghanistan Lösungen von Rotz-Bakterien.
1993 Die Uno zerstört im Rahmen der Zwangsabrüstung des Irak eine Biowaffen-Fabrik des Diktators Saddam.
1995 Die Aum-Sekte plant in Japan Milzbranderreger zu versprühen, scheitert aber.
* Ken Alibek: "Direktorium 15". Econ-Verlag, München; 383 Seiten; 44,90 Mark.
Von Follath, Erich

DER SPIEGEL 41/2000
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