09.10.2000

POLEMIKTollheit mit Methode

Marcel Reich-Ranicki über den Historiker Ernst Nolte
Es ist schon ein Kreuz mit diesem Nolte, Ernst, dem höchst dubiosen Historiker. Im SPIEGEL vom 18. September beschwert er sich wieder einmal, jetzt über eine Äußerung von mir im SPIEGEL-Gespräch vom 22. Mai: "Reich-Ranicki hat erklärt, ich hätte Juden mit Ungeziefer verglichen, das heißt gleichgesetzt. Ich nahm das anfangs nicht ernst, weil ich meinte, jeder vernünftige Mensch erkenne klar aus meinem Text, dass das üble Wort von Goebbels stammt."
Hier stimmt so gut wie nichts. Von einer "Gleichsetzung" ist in meiner von Nolte beanstandeten Äußerung überhaupt nicht die Rede, vielmehr sagte ich, Nolte habe Juden mit Ungeziefer verglichen. Der Gelehrte hätte ein Wörterbuch zu Rate ziehen sollen. "Vergleichen" bedeutet nämlich nicht "gleichsetzen", sondern betrachtend oder wertend nebeneinander stellen. Wenn man, beispielsweise, die Verbrechen Albert Speers mit denen Himmlers vergleicht, dann ist das noch keine Gleichsetzung der beiden.
In dem von mir zitierten SPIEGEL-Gespräch sagte Nolte 1994, man habe die Juden ermordet, "wie man Ungeziefer, dem man ja auch nicht Schmerzen bereiten will, weghaben möchte". Nolte hat also, worauf er jetzt Wert legt, die Juden nicht mit dem Ungeziefer "gleichgesetzt", wohl aber die Behandlung der einen mit der der anderen verglichen.
Es ist immer wieder dasselbe: Man wirft Nolte diesen oder jenen Ausspruch vor, und er antwortet prompt und spitzfindig, er habe es etwas anders gemeint oder er habe jemand anderen zitiert oder referiert. Jetzt holt er Goebbels zu Hilfe. Wenn es denn tatsächlich dessen Worte sind, dann hätte der Historiker Nolte darauf verweisen oder zumindest die übernommene Formulierung mit Anführungszeichen versehen sollen. Aber das korrekte Zitieren scheint nicht die Sache dieses Gelehrten zu sein. Kann er nicht richtig zitieren, oder will er es nicht? Warum hat er sich erst jetzt (mit dem Adjektiv "übel") von dem angeblich übernommenen Wort distanziert?
Er sagt: "Wer meine Bücher kennt, der weiß, dass ich nichts schärfer verurteile als solche Gleichsetzungen von Menschen mit tierischen Schädlingen." Da irrt er sich aber mächtig. Gerade das Gegenteil trifft hier zu. Das soll heißen: Eben weil mir Noltes Schriften vertraut sind, hat mich sein Vergleich nicht überrascht - und nicht obwohl, sondern weil er, der Vergleich, ekelhaft ist.
Seit vielen Jahren wirbt er um Verständnis für den Nationalsozialismus, er ist bemüht, ihn zu verteidigen und natürlich die deutschen Verbrechen zu bagatellisieren. Denn die Historiker hätten die Pflicht - so betont er jetzt abermals -, "den jeweils vorherrschenden Ansichten entgegen die ,andere Seite' der Dinge herauszustellen". So hat Nolte den Standpunkt vertreten, Hitler sei berechtigt gewesen, alle deutschen Juden zu internieren und zu deportieren. Die "Endlösung der Judenfrage" sei - erklärte er - nicht ein Werk von Deutschen, vielmehr ein Gemeinschaftswerk "der europäischen Faschismen und Antisemitismen". Im Dezember 1998 rühmte Nolte die Waffen-SS als "Höhepunkt des Kriegertums schlechthin", wobei er einräumte, dass die Ermordung von "Minderwertigen" und Juden (er schreibt "Tötung"!) auch mit "unritterlichem Verhalten" verknüpft war. Das ist doch interessant: Ganz ritterlich ging es, wie wir jetzt erfahren, in Auschwitz oder Treblinka nun doch nicht zu.
Wurden denn die Juden von den Nationalsozialisten je grausam behandelt? Ja, in der Tat spricht Nolte in diesem Zusammenhang von Grausamkeiten, fügt aber gleich hinzu: "Sie mögen da gewesen sein, es mag sie gegeben haben" - so im SPIEGEL 40/1994. Mit anderen Worten: Er ist nicht sicher, ob den Juden etwas Grausames angetan wurde, doch kann er es nicht ganz ausschließen.
Ist dieser Nolte überhaupt noch zurechnungsfähig? Das jedenfalls scheint sicher: Wenn es Tollheit ist, so hat's doch Methode - wie Polonius im "Hamlet" sagt. Aber ob er je im Stande sein wird zu erkennen, welche Rolle er im heutigen Deutschland spielt, was er anrichtet? Beunruhigen ihn nicht die Anschläge auf Ausländerheime und Gedenkstätten, auf Synagogen und jüdische Friedhöfe und noch viele andere Untaten der Rechtsradikalen - gibt ihm das alles nicht zu denken? Ist sich Nolte denn seiner Verantwortung - um nicht von Mitschuld zu sprechen - gar nicht bewusst?
Wundert es ihn, dass viele seiner Kollegen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit von "Schande" sprechen und ihre Verachtung nicht verbergen? Jedenfalls geht er einen Weg - wie der Historiker Christian Meier schon 1994 schrieb - "abseits jeder intellektuellen Redlichkeit". Und was Nolte predigt und verkündet, hat verheerende Folgen. Deshalb, nur deshalb sollte man ihn nicht ignorieren.

DER SPIEGEL 41/2000
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