16.10.2000

ZEITGESCHICHTEDie stillen Helden

Sie boten Unterschlupf, besorgten Papiere: Mehrere zehntausend Deutsche halfen vom Tod bedrohten Juden dabei, sich vor den Nazis zu verbergen - und widerlegen die These, dass es nur Mitläufer und Mittäter gab.
Die unfrankierte Ansichtskarte lag auf den Gleisen der Eisenbahn zwischen Theresienstadt und Auschwitz. Auf dem Foto war der Berghof, Hitlers Refugium in den bayerischen Alpen, zu sehen, und daneben hatte Alice Licht geschrieben: "Finder wird gebeten, Karte in Briefkasten zu stecken." Als ordentliche Deutsche versprach sie der Post, dass der Empfänger das Strafporto bezahlen werde.
Der Finder der Ansichtskarte war entweder sehr korrekt, oder er hatte ein gutes Herz, jedenfalls brachte er sie auf den postalischen Weg, und so erreichte die Karte ihren Adressaten Otto Weidt in Berlin. Alice Licht ließ ihn wissen, dass sie, die Deutsche jüdischen Glaubens, nach Auschwitz deportiert worden sei.
Der 61-jährige Weidt betrieb neben den Hackeschen Höfen in Berlin eine Blindenwerkstatt für Bürsten und Besen. Er hasste die Nazis, er half den Verfolgten. Mehr als zwei Dutzend Juden, teilweise erblindet, fanden bei ihm Schutz vor der Gestapo, darunter die 27-jährige Alice Licht, sein liebster Schützling.
Dass sie im Frühjahr 1944 vom Tod bedroht war, ließ dem mutigen Mann keine Ruhe. Am 9. Juni 1944 schrieb er an die Verwaltung des Lagers Auschwitz, rühmte sich seiner Verdienste als Lieferant von Qualitätsware für etliche Arbeitslager und auch für die Berliner Gestapo und bat um die Gunst, "Offerten in unseren Waren zu machen".
Wider alles Erwarten klappte die List, die SS gewährte Weidt die Erlaubnis, die Barackenbesen, Schrubber und Handfeger aus seiner Produktion persönlich vorzuführen. Unglücklicherweise aber war Alice Licht schon ins Nebenlager Christianstadt des KZ Groß-Rosen nahe Breslau verlegt worden, als Weidt mit seiner Ware ankam.
Unerschrocken fuhr der mutige Besenfabrikant die über 300 Kilometer nach Christianstadt weiter, mietete ein Zimmer im Ort, bezahlte die Miete für einige Monate im Voraus, hinterlegte Geld und Kleidung und ließ Alice Licht über einen vertrauenswürdigen Mittelsmann, einen polnischen Zivilarbeiter, die Informationen zustecken, wo sie nach einer Flucht aus dem KZ unterkommen und das Nötigste finden könne.
Was wie ein B-Movie nach dem Vorbild von "Schindlers Liste" klingt, ereignete sich im Januar 1945 tatsächlich. Alice Licht floh, schlug sich nach Berlin durch und überlebte den Krieg im Versteck bei Weidt.
Alice Licht emigrierte später nach Amerika, ihr couragierter Lebensretter Otto Weidt starb schon 1947. Was er in der Nazi-Barbarei aus eigenem Antrieb für die Menschen getan hat, wäre ungerühmt geblieben, wenn sich nicht unter den Arbeitern seiner Blindenwerkstatt die spätere Schriftstellerin Inge Deutschkron befunden hätte. Sie setzte ihm in ihren Büchern ein kleines Denkmal, sorgte dafür, dass Weidt posthum die höchste Auszeichnung zugesprochen bekam, die Israel an Nichtjuden vergibt. Die Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem ernannte ihn zu einem "Gerechten unter den Völkern".
Ähnliche Geschichten wie die vom "stillen Helden" (Deutschkron) Otto Weidt finden in Deutschland erst seit kurzem größere Aufmerksamkeit. Meist sind es die mittlerweile betagten Geretteten, die ihre Retter ehren, wie die in Israel lebende Ärztin, Psychotherapeutin und Lyrikerin Rahel Renate Mann, 63; als kleines Mädchen war sie von der Hauswartsfrau im Keller eines Berliner Hauses untergebracht worden. Ende Mai erzählte die New Yorkerin Ruth Abraham, 87, in Berlin ihre Lebensgeschichte als junge Jüdin im Nazi-Reich. Eine Unbekannte hatte ihr im Winter 1942, da war sie hochschwanger, auf der Straße Hilfe angeboten.
Für die Überlebenden ist die Erinnerung an die verzweifelten Jahre im Untergrund, in völliger Abhängigkeit von ein paar Gutmeinenden, auf deren Zuverlässigkeit und Menschlichkeit sie nur hoffen konnten, qualvoll genug. Der Schauspieler Michael Degen schrieb in seinen Kindheitserinnerungen, die im vergangenen Jahr Aufsehen erregten: "Erst aus der Distanz merke ich, wie grauenhaft alles war" - Einsamkeit, Kälte, Erniedrigung, Demütigung, Todesangst, absolute Schutzlosigkeit.
"U-Boote" nannte der Berliner Volksmund Juden, die sich im Schatten der zerbombten, zerstörten Großstadt vor den Häschern der SS und der Gestapo, vor Denunzianten und Blockwarten verbargen: ohne Lebensmittelmarken und ohne dauerhafte Bleibe, ohne Ausweis und ärztliche Versorgung.
Zwischen 5000 und 15 000 deutsche Juden versteckten sich im Untergrund und entzogen sich so der Deportation in ein KZ, schätzen Historiker, etwa die Hälfte davon allein in der Metropole Berlin, wo das Untertauchen leichter war. 1947 verzeichnete die Jüdische Gemeinde Berlin 1379 Mitglieder; 1933 wohnten noch 160 000 Juden in der Hauptstadt.
Im Verhältnis zu der Zahl der Ermordeten überlebten entsetzlich wenige. Einige Dutzend SS-Männer in Treblinka waren genug, um zusammen mit 120 ukrainischen Gehilfen 900 000 Menschen zu ermorden. Zur Rettung der kleinen Gruppe Überlebender waren Tausende mutiger Deutscher nötig.
Historiker und Geschichtslehrer haben sich der Biografien der Minderheit der Retter und Geretteten erst spät gewidmet. Steven Spielbergs Filmepos über den Spieler und Kriegsgewinnler Oskar Schindler lenkte 1994 die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums auf diese anderen Deutschen. Schindler bestach deutsche Stellen mit Reichsmark, Juwelen und anderen Preziosen und rettete so 1200 Juden (siehe Seite 86).
"Das Interesse ist groß", beobachtet Jehuda Bauer, ein Nestor der Holocaust-Forschung, der kürzlich mehrere Wochen an der TU Berlin unterrichtete. Da finde, so glaubt Bauer, "eine neue Generation ihren eigenen Zugang zu dem Thema". Die Geschichten von den guten Deutschen in finsterer Zeit fesselten das Publikum, weil sie einigermaßen glücklich ausgingen. "Immer nur Mord", sagt Bauer vorwurfslos, "das wollen viele nicht mehr hören."
Ganze Bibliotheken haben die Historiker über Hitler-Deutschland und den Holocaust voll geschrieben, seit die verlogene Diskretion der Adenauer-Ära verflog. Nun löst nicht etwa eine Mode die andere ab nach dem Motto: Lange genug über die schlechten Deutschen geredet, nun reden wir über die guten. Die intensive Befassung mit Auschwitz als Inbegriff des mörderischen Antisemitismus lässt ja beileibe nicht nach.
Es ist noch nicht lange her, dass Daniel J. Goldhagen mit seiner dogmatischen Theorie vom "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen hohe Aufmerksamkeit und viel Beifall in Berlin, Hamburg und München fand. Die - umstrittene - "Wehrmachts-Ausstellung" des Hamburger Instituts für Sozialforschung, welche die Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust zum Thema hatte, zog Hunderttausende Besucher an und löste eine hoch emotionale Debatte aus. Die Verhandlungen über die Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter riefen die Verantwortung der deutschen Industrie im NS-Staat ins Gedächtnis.
Neben die klassische Dritte-Reich-Historiografie aber tritt nun die Erzählung der Geretteten über die Retter. Mit den wenigen Aufrechten ließe sich im Übrigen nur schlecht eine Relativierung der Schandtaten des Dritten Reichs begründen: Dass einige aus Menschlichkeit den Verfolgten beistanden, widerlegt das Argument, man habe ja nichts machen können in diesem totalitären Überwachungsstaat. Aber auch Goldhagens These von der gleichsam genetisch bedingten Kollektivschuld setzen die anderen, die guten Deutschen, außer Kraft.
Einige hundert der Retter haben das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten erhalten, rund 350 sind wie der Berliner Fabrikant Weidt in Jad Waschem geehrt worden. Dort, im Archiv der Jerusalemer Gedenkstätte, liegen Zeugenaussagen und Dokumente, die belegen, wie Menschen mit Phantasie, Glück und Entschlossenheit halfen.
Manches kleine Heldenepos ist schon ausführlich in Büchern beschrieben worden, etwa das des späteren Großindustriellen Berthold Beitz, der in Ostgalizien Hunderte von SS und Sicherheitspolizei zu Opfern bestimmte Juden zu unentbehrlichen Facharbeitern für die Karpathen-Öl-AG ernannte. Gemeinsam mit Ehefrau Else verbarg er einige der Verfolgten in seinem Büro. Die Unbekannteren unter den Rettern aber werden erst jetzt bekannt.
So hören die Deutschen in Talkshows und Lesungen den Berichten über ihre mutigen Landsleute zu. In den Räumen der Blindenwerkstatt Otto Weidts, die seit vorigem Jahr ein Museum ist, drängeln die Besucher. In der Ausstellung über die Berliner Juden im Centrum Judaicum sammeln sich Jugendliche vor den Videomonitoren, die zeigen, wie der - 1987 verstorbene - Showmaster Hans Rosenthal erzählt, auf welchen abenteuerlichen Wegen er 1944 als 19-Jähriger nach dem plötzlichen Tod der einen Helferin eine neue Retterin suchen musste. Das Jüdische Museum in Berlin will den guten Deutschen einen eigenen Raum widmen.
Auch die rot-grüne Bundesregierung nimmt sich der bewundernswerten Minderheit an. Staatsminister Michael Naumann war unter den ersten Besuchern des Weidt-Museums. Verteidigungsminister Rudolf Scharping ließ am 8. Mai die Heeresflugabwehr-Schule der Bundeswehr in Rendsburg umbenennen; sie trägt nun den Namen des Feldwebels Anton Schmidt, der den jüdischen Widerstand in Wilna unterstützte und dafür 1942 hingerichtet wurde.
Im September 1941 hatte Hitler beschlossen, Juden nicht erst nach dem Ende des Krieges, sondern sofort aus dem Altreich Richtung Osten verschleppen zu lassen. Die Gestapo begann, die Städte zu durchkämmen.
Zunächst erhielten die Juden noch förmliche briefliche Aufforderungen, sich zu Hause mit ein bisschen Handgepäck zum Zweck der Deportation bereitzuhalten. Später kam die Gestapo ohne Vorwarnung. Wer überleben wollte, musste in den Untergrund. Exemplarisch dafür ist der Fall des Musikers Konrad Latte, dessen Überlebenskampf im Nazi-Berlin der Schriftsteller Peter Schneider beschreibt (siehe Seite 88).
Kaum einer der Untergetauchten konnte in einem Versteck und bei einem Helfer bleiben. Die meisten mussten, oft von einer Minute zur nächsten, das Quartier wechseln und sich anderen Unterstützern anvertrauen. Beate Kosmala vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, die bisher ungefähr 2000 Fälle gesammelt hat, geht von der Faustregel aus: Um einen Juden zu retten, waren mindestens sieben Unterstützer nötig.
Diese Hochrechnung ist vermutlich noch zu vorsichtig. Studienassessor Ludwig Collm, der im Oktober 1942 mit seiner Familie in Berlin untertauchte, zählt 18 Adressen auf, Inge Deutschkron gut 20, der Musiker Konrad Latte etwa 50.
Ein Kapitel für sich bilden die über 10 000 jüdischen Deutschen, die mit Nichtjuden verheiratet und so geschützt waren wie der Romanist Viktor Klemperer, dessen Tagebücher über seine Randexistenz in Dresden auf enorme Resonanz stießen. Wie viele Deutsche am Ende so viel Anstand und Mut aufbrachten, ihre bis auf den Tod bedrohten Mitbürger vor den Nazis in Sicherheit zu bringen, wird sich nie genau herausfinden lassen. Es dürften unter den 70 Millionen einige Zehntausend gewesen sein.
Zivilcourage im Terror konnte schon eine kleine Handreichung sein, eine Mahlzeit, ein paar Anziehsachen, Ausweispapiere. Die fortgeschrittene, riskante Version bestand darin, eine Wohnung über längere Zeit mit fremden Menschen zu teilen.
Die wenigsten Helfer machten Aufhebens um sich, geschweige denn gaben sie ihre Anteilnahme als Widerstand aus. Sie handelten nach der Maxime, welche die aus Anne Franks Tagebuch bekannte Miep van Santen aufstellte: "An mir ist nichts Besonderes. Im Rampenlicht wollte ich nicht stehen. Ich tat nur, worum ich gebeten wurde und was jeweils notwendig erschien."
Einige Historiker stellen komplizierte Überlegungen an, weshalb die namenlosen Helden sich anders verhielten als die vielen Mitläufer. Die bunte Gruppe aus altpreußischen Adligen und Proletariern, Hausfrauen und Wissenschaftlern, Katholiken und Protestanten, Wehrmachtsangehörigen oder Polizisten weist keine nennenswerten Gemeinsamkeiten auf. Dass die Frauen in der Mehrheit waren, überrascht nicht, da die Männer in den Krieg gezogen waren. "Es hätte jeder helfen können", glaubt denn auch Mordecai Paldiel, der in Jad Waschem die Abteilung für die Gerechten unter den Völkern leitet.
Paldiel streitet seit Jahren mit den amerikanischen Soziologen Samuel P. Oliner und Pearl M. Oliner über die Beweggründe der Helfer. Diese beiden kamen im Gegensatz zu Paldiel nach Interviews mit gut 400 Geretteten aus mehreren europäischen Ländern zu dem Schluss, dass es sich um altruistische Persönlichkeiten gehandelt haben müsse, die von der Absicht beseelt gewesen seien, die von Vernichtung Bedrohten zu schützen. Sie seien dabei letztlich ihren ethischen Prinzipien nachgekommen.
Auf einen Menschen wie Maria Nickel trifft diese hehre Beschreibung sogar zu. Die fromme Berliner Katholikin hatte sich genau überlegt, dass sie einer Jüdin helfen wollte. Sie ertrug es nicht, der öffentlichen Demütigung der Nazi-Opfer weiter tatenlos zuzuschauen. Sie sprach Ruth Abraham eines Tages auf der Straße an, gab ihr Lebensmittel und besorgte Ausweispapiere.
Dass da jemand wie Frau Nickel die Initiative aus Frömmigkeit ergriff, bildete jedoch die absolute Ausnahme. Darauf weist Paldiel hin. Die Entscheidung, ob ein Mensch Hilfe leistete oder nicht, fiel oft für ihn selbst unerwartet und unvorbereitet. Sie ergab sich im Alltag, war eine Sache des Augenblicks. Was er denn tun solle, fragte der Viehhändler Siegmund Spiegel, dem die Deportation bevorstand, seinen früheren Kunden, den Bauern Hubert Pentrop. Der bot ihm an: "Komm zu mir, ich verstecke dich." Keine reifliche Überlegung auf Grund von religiösen oder idealistischen Prinzipien, ein Akt der Menschlichkeit in einer konkreten Notlage.
Spiegel, der in den Jahren auf der Flucht vor den Nazis bei verschiedenen Bauern unterkam, erlebte Menschen, die ihn zuerst nur für wenige Tage aufnehmen wollten und es sich dann anders überlegten, so dass er Monate bleiben durfte. Andere bekamen alsbald Angst vor der eigenen Courage und baten ihn, früher zu gehen als ursprünglich ausgemacht.
Jeder der Überlebenden erzählt nicht nur von menschlicher Größe, sondern auch von Kleinmut, Gier oder Denunziation. Auf jeden Helfer, schätzt der Jad-Waschem-Abteilungsleiter Paldiel, kam mindestens einer, der die Unterstützung ablehnte.
Judenfledderer wurden in Berlin jene Volksgenossen genannt, die aus der Not Kapital schlagen wollten. Die wohlhabende Familie Abraham musste auf der jahrelangen Flucht ihr ganzes Vermögen für Nahrung und Unterkunft weggeben; nur Maria Nickel wollte die Abhängigkeit nicht ausschlachten und wurde deswegen in Jad Waschem geehrt.
Von jungen Frauen erwarteten die Gastgeber gelegentlich vergnügliche Nächte. Als die knapp 20-jährige Schneiderin Gisela Jakobius sich ihrem Berliner Quartiergeber nicht willig zeigte, musste sie sich eine andere Unterkunft suchen.
Natürlich nahmen die Leute, die Juden halfen, ein Wagnis auf sich. Ein Erlass des Reichssicherheitshauptamts vom 24. Oktober 1941 legte als Strafe fest: Wer "freundschaftliche Beziehungen zu Juden" pflegte, sollte bis zu drei Monate in ein KZ eingewiesen werden.
Über die Praxis sagte das allerdings wenig aus. Die Musikstudentin Ilse Totzke, die Juden bei der Flucht in die Schweiz helfen wollte und dabei verhaftet wurde, blieb zwei Jahre im KZ. Ein Kaufmann, der eine jüdische Freundin beherbergte, musste im Lager Wuhlheide stundenlang in der Kälte stehen, bis er Erfrierungen erlitt. Ein Odenwalder Bauer, der einen jüdischen Kaufmann auf dem Hof versteckt hatte, starb nach einem Jahr im Lager.
In Osteuropa musste jeder mit Erschießen rechnen, der Juden half. Im deutschen Altreich lässt sich hingegen kein Todesurteil für einen nichtjüdischen Helfer finden. Allerdings ist das kein endgültiger Befund, denn in den NS-Gerichtsakten sind die Fälle der Retter, die vor Gericht standen, meist verschleiert. Sie wurden wegen Rassenschande, Urkundenfälschung oder Devisenvergehen verurteilt.
Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, gab es plötzlich nur noch gute Deutsche. Ein jeder wollte seine Menschlichkeit unter Beweis gestellt haben. "Hat man nur einmal mit einem Juden gesprochen, aber um Gottes willen nicht, wenn es jemand sah, so macht man heute eine Heldentat daraus", mokierte sich 1947 die Bauerntochter Anastasia Gerschütz, die selbst zwei Juden vor den Nazis versteckt hatte.
Billy Wilder erzählt in seiner Biografie, wie sich sein Freund Gottfried Reinhardt als amerikanischer Soldat über dieses Maulheldentum lustig machte. Jene Deutschen, die ihm damals ihre tiefe Betroffenheit über die "Endlösung" versicherten, schockierte Reinhardt mit dem Satz: "Offensichtlich gab es zu viele Juden hier!" - "Zu viele Juden? Wie meinen Sie denn das, Herr Reinhardt?" - "Jeder Deutsche, den ich treffe, hat zwei Juden gerettet. Die Deutschen waren ein Volk von 80 Millionen Menschen. Wenn jeder zwei Juden gerettet hat, muss es etwa 160 Millionen Juden gegeben haben. Und Sie werden mir zugeben müssen: Das ist einfach zu viel!"
Noch Mitte der sechziger Jahre wies die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen das Ansinnen ab, den Bauern Pentrop zu ehren, der dem Viehhändler Spiegel das Leben gerettet hatte. Dieser humane Akt sei vor Entstehung der Bundesrepublik erfolgt, man sei deshalb nicht zuständig.
Und doch sind die stillen Helden am Ende nur eine Fußnote in der Geschichte der NS-Staatsverbrechen, die in Auschwitz mündeten.
Auf der Medaille, die in Jad Waschem den Gerechten unter den Völkern als Anerkennung für ihren Mut überreicht wird, hat der Künstler Nathan Karp zwei Hände modelliert. Sie umfassen eine Lebenslinie aus Stacheldraht, die sich um den Erdball windet. Karp wollte damit einen Satz des Talmud symbolisieren. Er lautet: "Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet." GERHARD SPÖRL, KLAUS WIEGREFE
* Vor dem Mahnfeuer am 16. Februar. * Mit Paul Spiegel (r.), dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, am 10. Februar in Berlin.
Von Gerhard Spörl und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 42/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Die stillen Helden

  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen
  • Bastler-Tuning auf russisch: Das rollende Auto
  • "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera