16.10.2000

KONRAD oder DIE LIEBE ZUR MUSIK

Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre in Berlin überlebte. Von Peter Schneider
In den siebziger Jahren erzählte mir Helmut Gollwitzer, Mitglied der Bekennenden Kirche und ein ausgewiesener Antifaschist, von Berlinern, die jüdische Mitbürger versteckt und vor der Deportation bewahrt hatten. Er ermutigte mich, mich des Themas anzunehmen. Nach anfänglichen Recherchen brach ich die Arbeit ab - aus der Besorgnis des 68ers, den Beschönigern und Verdrängern der Nazi-Vergangenheit Argumente zu liefern. Aber das Bedenken, die Geschichten der Retter könnten sich zur Verharmlosung der deutschen Schuld missbrauchen lassen, hält genauerer Betrachtung nicht stand. In Wirklichkeit macht das Beispiel dieser Wenigen die Schuld der viel zu vielen Mitläufer und Zuschauer nicht kleiner, sondern größer. Denn es widerlegt den Rechtfertigungsmythos der Kriegsgeneration, der Terrorapparat der Nazis sei so perfekt gewesen, dass jenseits des Gehorsams keine Wahl offen stand - es sei denn, man war bereit, das eigene Leben zu opfern.
Über die Weiße Rose, den Kreisauer Kreis und die Männer des 20. Juli sind ganze Bibliotheken voll geschrieben worden. Ihr Schicksal schien das Versagen der deutschen Zivilgesellschaft zu erklären: Da seht ihr es! Wer sich widersetzte, wurde gehenkt oder an die Wand gestellt!
Die Aktionen der Helfer und Helferinnen widersprechen dieser Formel. Sie beweisen, dass die Alternative zwischen willfährigem Gehorsam und todesbereitem Widerstand viel zu grob ist. Offensichtlich konnte man eben doch etwas tun, ohne gleich sein Leben zu riskieren. Aus diesem Grund bedroht die Erinnerung an die "anderen Deutschen" das Selbstbild der Mitläufer viel nachhaltiger als die Geschichte der Widerstandskämpfer und Attentäter, die bewusst ihr Leben im Kampf gegen Hitler aufs Spiel setzten und verloren.
Heldentum kann man bekanntlich nicht verlangen. Einem Verfolgten und Geächteten Lebensmittelmarken zustecken, ihn bei sich übernachten lassen, ihm eine nächste Unterkunft besorgen, dazu brauchte es Anstand, List und Mut, aber nicht gleich Todesbereitschaft. Tatsächlich ist kaum ein Fall bekannt, in dem ein Retter seinen Mut mit dem Leben hätte bezahlen müssen. Selbst in den Jahren schlimmsten staatlichen Terrors gab es Raum für eine kleine Wahl, und es gab Bürger, die diese Chance ergriffen.
Bis vor wenigen Jahren hat der Musiker Konrad Latte, der heute mit seiner Ehefrau Ellen in Berlin-Wannsee lebt, über seine Odyssee im Untergrund weitgehend Stillschweigen bewahrt. Warum? Auf diese Frage fällt es dem bald 80-Jährigen, der pointiert und mit sichtlicher Lust am Formulieren zu erzählen versteht, nicht leicht, zu antworten. Jahrelang habe er die Erinnerung an die Jahre in der Illegalität nur mit dem Gedanken an Selbstmord ertragen. Das Gefühl eines schrecklichen Scheiterns, die Scham darüber, dass er im Gegensatz zu seinen Eltern die Mordjahre überlebt hat, seien übermächtig gewesen. Was ihn schließlich dazu bestimmte, seine Geschichte zu erzählen, war der Wunsch, den kaum genannten und geehrten Frauen und Männern, die ihm halfen, den Mördern zu entkommen, ein Denkmal zu setzen.
Auf ein Leben in der Illegalität mit seinen Maskeraden und dem Zwang zu blitzschnellen, lebensentscheidenden Entschlüssen war der junge Konrad in keiner Weise vorbereitet. Er entsprach eher dem Bild des romantischen deutschen Jünglings als dem eines Abenteurers. Karin Friedrich, eine Zeugin jener Jahre, beschreibt ihn in ihren eben erschienenen Erinnerungen "Zeitfunken" als "sehr höflich, sehr scheu. Mit verwirrend schönen, umschatteten, blauen Augen". Dass er Jude war und was diese Herkunft im Dritten Reich bedeutete, erfuhr Konrad nicht von seinen Eltern, sondern - sozusagen aus Versehen - erst auf dem Breslauer Gymnasium.
Als der neue Klassenlehrer die frisch eingeschulten Sextaner aufforderte: "Arier melden!", hob Konrad instinktiv die Hand. Das Wort "Arier" kannte er nicht. Er wusste nur vage, dass es irgendeinen Unterschied zwischen ihm und anderen Klassenkameraden gab und glaubte, das nie gehörte Fremdwort bezeichne diesen Unterschied. Als er sich umdrehte, sah er, dass alle anderen Schüler ebenfalls die Hand gehoben hatten. Er wurde wegen "Irreführung" bestraft und wenig später in eine jüdische Schule verwiesen.
Seine Eltern, erklärt Konrad Latte, hatten kein Verhältnis zum Judentum. "Ich bin nicht anders erzogen worden als jedes andere deutsche Kind. Weihnachten ging man selbstverständlich in die (evangelische) Kirche und Ostern in den (katholischen) Dom von Breslau, der berühmt für seine prachtvollen Osterfeiern war." Der Vater, Manfred Latte, ein Jurist und von deutsch-nationalen Anwandlungen nicht frei, führte ein offenes bürgerliches Haus.
Die Versetzung in die jüdische Schule empfand der elfährige Konrad als eine Strafe. Die jüdischen Feiertage, die Gebetsriemen, die Kippas - das alles war ihm "weltenfremd", und er fühlte sich von den Mitschülern auch nicht angenommen. Dass es die Nazis waren, die ihm die fremde Identität aufzwangen, hat sein Verhältnis zu dieser Identität geprägt.
Jahrzehnte später, als er seine Geschichte anlässlich des 50. Jahrestages des Gedenkens an den Holocaust im israelischen Fernsehen erzählt, wird Konrad Latte seinen Interviewer mit dem Satz verblüffen: "Ich fühle mich nicht als Jude, habe keinerlei Kontakt zur jüdischen Gemeinde, auch zu keiner anderen Gemeinde." Und als der Befrager einwirft: "Aber Sie haben doch das jüdische Schicksal in seiner furchtbarsten Form kennen gelernt ..." erwidert Konrad Latte: "Es kann doch nicht sein, dass die Nazis Recht behalten. Ich kann mir doch nicht von den Nazis diktieren lassen: Du bist Jude, du gehört in diese Ecke, in diese Schublade ..." Als Halbwüchsiger erlebte Konrad, wie die Familie nach und nach die ganze, perfide ausgeklügelte Stufenleiter der Ausgrenzung mit ihren unsäglichen "Verordnungen" und "Gesetzen" hinabgestoßen wurde. Alle Schmuck- und Wertsachen, auch Telefon und Radio, mussten abgegeben werden, die Wohnung wurde beschlagnahmt, die Familie musste sich mit anderen Geächteten das Gartenhaus auf dem jüdischen Friedhof teilen, der Vater wurde aus dem Betrieb geworfen und auch noch der Unterschlagung angeklagt. Abends blätterte die Familie in einem Atlas und überlegte, in welches Land man fliehen könne. Nicht einmal eine Hand voll Länder hatten überhaupt die Bereitschaft signalisiert, Juden aus Nazi-Deutschland aufzunehmen.
Konrad unterlief die Anordnungen der Nazis, so gut er konnte. Den Judenstern trug er nicht, wie es Vorschrift war, fest angenäht an der Jacke oder am Mantel, sondern nur mit einer Stecknadel befestigt, so dass er ihn jederzeit abnehmen konnte. Er besuchte Konzerte, Opern, Gottesdienste, in die Juden keinen Zutritt mehr hatten.
Früh lernte er beides kennen: die Großherzigkeit, aber auch die Feigheit und Kläglichkeit großer Künstler. Er spielte dem bekannten Breslauer Organisten Johannes Piersig vor und wurde als Schüler angenommen. Freimütig gestand er ihm, was er mittlerweile von den Nazis gelernt hatte: "Ich bin Jude." "Danach habe ich Sie nicht gefragt!", wies Piersig ihn zurecht, "kommen Sie Freitag um zwei zum Unterricht!"
Als Konrad sich zur verabredeten Zeit vor der Kirche einfand, erwartete ihn dort statt seines Lehrers eine alte Frau. Ihr Sohn sei leider verhindert, sagte sie mit zitternder Stimme und beschwor ihn dann: "Und bitte, verschonen Sie ihn in Zukunft mit solchen Zumutungen!" Sie steckte ihm einen Zwanzigmarkschein zu und ließ ihn stehen. Konrad dachte nicht daran, das "Lösegeld" des Meisters anzunehmen. Beim nächsten Gottesdienst warf er den Zwanzigmarkschein in die Kollekte.
Es waren solche Erfahrungen, durch die der eher schüchterne und verträumte 20-Jährige seine Geistesgegenwart und seinen Instinkt für Situationen und für Menschen schärfte. In den Breslauer Lehrjahren des Überlebens musste Konrad beides lernen: die Fähigkeit, seine Identität zu verbergen und überzeugend zu lügen, und die andere, sich zu offenbaren. Später, nach dem Krieg, fragte er sich, wie man beides wieder verlernen kann.
Am 9. November 1938 - in der so genannten Kristallnacht - wurde der Vater verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Sechs Wochen verbrachte er dort unter grauenhaften Umständen, dann wurde er ebenso grundlos, wie er abgeholt worden war, wieder entlassen. Aus Buchenwald hatte er, ohne es zu wissen, eine ansteckende Krankheit mitgebracht: Scharlach. Konrads damals 13jährige grippekranke Schwester infizierte sich und starb binnen weniger Wochen. Aber auch nach diesen Erfahrungen wollte der Jurist nicht glauben, dass der Staat, dem er gedient hatte, Verbrechern in die Hände gefallen war.
Später gingen bei den Juden Breslaus Postkarten ein mit der Aufforderung, sich an einem festgesetzten Tag im "Freundessaal" der Jüdischen Gemeinde zu melden - 50 Pfund Gepäck und Verpflegung für drei Tage durften mitgebracht werden. Über die Frage, was sie tun würden, wenn sie selbst diese Postkarte erhielten, kam es zum Streit zwischen Vater und Sohn.
Konrad ließ an seiner Haltung keinen Zweifel. "Da geht man doch nicht hin", erklärte er, "und wenn wir nur eine Stunde gewinnen ..." Manfred Latte jedoch hielt die Schwierigkeiten einer womöglich jahrelangen Existenz in der Illegalität für zu groß. "Wie willst du - ohne Lebensmittelkarten - Monate, vielleicht Jahre leben?" Die Aussichten, ein Konzentrationslager zu überstehen, seien immer noch größer als bei einem solchen "Karl-May-Leben".
Als preußischer Jurist habe sich sein Vater einfach nicht vorstellen können, erklärt der Sohn im Rückblick, einer Aufforderung des Staates nicht Folge zu leisten. "Was immer ihr entscheidet", beharrte der junge Konrad, "ich gehe da nicht hin!" Zwar wusste er nichts Genaues darüber, was mit den Juden geschah, die sich in der Sammelstelle einfanden und nach Osten transportiert wurden. Aber er wusste, dass niemand, der der Aufforderung gefolgt war, je zurückgekommen war. Am Ende setzte sich Konrad, von seiner Mutter unterstützt, gegen die Bedenken des Vaters durch.
Als sie von den Vorbereitungen zu einem neuen Transport erfuhren, beschlossen sie die Flucht und nahmen, am 1. März 1943, den Personenzug nach Berlin. Konrad holte aus dem Schrank eines verhafteten Familienfreundes einen Mantel und zog ihn über seine fleckige Arbeitskluft - er arbeitete als Zwangsarbeiter in einer Breslauer Farbenfabrik. Außerdem besorgte er sich von einem hilfreichen Apotheker ein Abzeichen mit Hakenkreuz, das sich später immer wieder als sein Talisman erwies. Zu dem Wenigen, das die Familie auf die Reise mitnahm, gehörten auch drei Röhrchen mit Zyankali - eine Art Abschiedsgeschenk des befreundeten Apothekers Dr. Finley.
Der Cousin der Mutter, Curt Weiss, war verzweifelt, als er die dreiköpfige Verwandtschaft aus Breslau vor der Tür stehen sah. Mit
seiner "arischen" Ehefrau in einer so genannten Mischehe lebend, war er selbst bedroht. Erst vor wenigen Tagen war die "Fabrik-Aktion" angelaufen, deren Ziel es war, Berlin bis zu Hitlers Geburtstag (am 20. April) endgültig "judenfrei" zu machen. Unmöglich konnte er seine dreiköpfige Verwandtschaft aus Breslau verstecken und versorgen. Aber er kannte eine junge Schauspielerin, die am Prenzlauer Berg die große Wohnung ihrer Eltern allein bewohnte - Ursula Meißner.
Die 20-Jährige, die am Preußischen Staatstheater unter Gustaf Gründgens spielte, zögerte keinen Augenblick, als sie den Lattes die Tür öffnete. "Hier können Sie erst einmal bleiben!", begrüßte sie die drei. Sie sagte nicht, "einer kann bleiben" oder "zwei Tage könnt ihr bleiben" oder "zwei Wochen" - sie nannte überhaupt keine Bedingung. "Dies war das erste und auch letzte Mal", erinnert sich Konrad Latte, "dass wir den Luxus genossen, uns alle drei unter einem Dach verstecken zu können."
Als ich die heute 77-Jährige, die mit ihrem Ehemann, einem ehemaligen griechischen Botschafter, in Genf lebt, frage, warum sie einer bedrohten Familie, die sie nicht kannte, Unterschlupf gewährte, sagt sie fast verwundert: "Das war doch klar!" Ob sie sich der Gefahr bewusst gewesen sei, in die sie sich begab? "An die Risiken", erwidert sie, "habe ich nicht gedacht." Nein, sie habe weder damals noch später Kontakt zu einer Widerstandsgruppe gehabt - "leider!" fügt sie hinzu, "vielleicht war ich zu unbedeutend oder ganz einfach zu jung, ich sah immer jünger aus, als ich war".
Die Spontaneität und Rückhaltlosigkeit des Hilfsangebots von Frau Meißner mag verblüffen. Und selbstverständlich provoziert es jene, die in ähnlichen Situationen ihre Hilfe verweigert haben. Es gibt eine Flut von psychologischen Deutungsversuchen, die sich mit dem so genannten Rettersyndrom beschäftigen und es geradezu als eine "Anomalie" untersuchen. All diese Erklärungen verfehlen das Entscheidende.
Die Auskunft von Frau Meißner unterscheidet sich nicht im Mindesten von der Antwort, die Hunderte von anderen Rettern, in anderen Ländern und unter anderen Umständen handelnd, gegeben haben. Nicht dass sie sich der Gefahren nicht bewusst waren, sondern dass sie zuerst die Notlage der Gefährdeten sahen, dann erst die Gefahren, bezeichnet das "Ungewöhnliche" oder "Abnormale" ihres Verhaltens. "Man wollte doch morgens noch in den Spiegel schauen können", erklärt Frau Meißner. "Klar" war für sie auch, dass sie beim Bombenalarm mit ihren Schützlingen vorschriftswidrig in der Wohnung blieb. Im Luftschutzkeller wären ihre "Gäste" zu sehr aufgefallen.
Die Wohnung in der Schivelbeiner Straße lag im ersten Stock. Die plötzlich vervielfachten Bewegungen und Geräusche in der Wohnung ließen sich von interessierten Nachbarn sowohl von oben wie von unten verfolgen. Und an solchen "interessierten" Nachbarn herrschte kein Mangel.
Es dauerte nicht lange, bis Ursula Meißner von einer Anwohnerin angesprochen wurde. "Ihre ausgebombten Freunde sehen aber ziemlich jüdisch aus!" Für die Familie Latte war diese Bemerkung im Hausflur das Signal für sofortiges Verschwinden.
Durch die Vermittlung einer Freundin, Ursula Teichmann, die sie von Mecklenburg aus bis zum Kriegsende mit Lebensmitteln versorgte, waren die Lattes auf Harald Poelchau aufmerksam gemacht worden. Der Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel, Mitglied des Kreisauer Kreises, ist eine der faszinierendsten Gestalten des zivilen Widerstands. Durch seine 1933 begonnene Arbeit in der Haftanstalt hatte er Kontakt zu fast allen verhafteten Regimegegnern und kannte genauer als die meisten Deutschen die bestialische Unterseite des "Tausendjährigen Reiches".
Von den überlebenden Zeugen jener Zeit wird er als ein mozartisch heiterer Geist beschrieben. "Das Wunderbare an Poelchau war", erzählt Konrad Latte, "dass er so gar nichts Pfarrerhaftes an sich hatte." Als Poelchau nach einem Luftangriff zu Aufräumungsarbeiten auf der Straße herangezogen wurde, entdeckte er, dass die Eingangstür und die Fenster einer Meldestelle zertrümmert waren. Geistesgegenwärtig drang Poelchau mit seinem Besen in die leeren Amtszimmer ein, griff sich Formulare und Stempel von den Schreibtischen, stopfte sie in seine Taschen und fegte anschließend die Straße weiter.
Einen der gestohlenen Einberufungsscheine zum Volkssturm hat er später mit eigener Hand auf den Namen Konrad Bauer - Konrads Deckname in der Zeit der Illegalität - ausgefüllt und ihn, mit einem Stempel des Meldeamtes versehen, der eigentlich gar nicht auf das Dokument gehörte, dem "Antragsteller" zugeschickt - für Konrad ein Dokument von größtem Wert. "Bewies" es doch im Fall einer Kontrolle durch die Gestapo, dass der "Volksgenosse" Konrad Bauer vom Volkssturm bereits erfasst war.
Aber Poelchau schreckte auch vor weit gefährlicheren Rettungsaktionen nicht zurück. Um seinen zum Tode verurteilten Freund Helmuth James Graf von Moltke - einen Wortführer des Kreisauer Kreises - zu retten, plante Poelchau, in der Gefängnisschreinerei einen Sarg anfertigen zu lassen und ihn aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Der kühne Plan scheiterte nicht nur deswegen, weil der Graf seine damaligen Zeitgenossen um Haupteslänge überragte und ein entsprechend langer Sarg unweigerlich aufgefallen wäre. Poelchau gelang es nicht, in seinem weit verzweigten Unterstützerkreis ein geeignetes Quartier für seinen Freund zu finden.
Der erfahrene Poelchau muss fassungslos gewesen sein, als die dreiköpfige jüdische Familie aus Breslau in seinem Amtszimmer im Gefängnis auftauchte und ihr Begehren vortrug: ein Versteck noch heute und für alle drei.
Konrad Latte erinnert sich an den Spruch, der im Amtszimmer des Gefängnispfarrers an der Wand hing: Der Führer raucht nicht, der Führer trinkt nicht, der Führer arbeitet von früh bis spät für das Wohl des Deutschen Volkes. Machen wir ihm nach, was wir ihm nachmachen können!
Auch Poelchau rauchte nicht und trank nicht, aber er gab den Bittstellern sofort zu verstehen, was er unter dem Wohl des Deutschen Volkes verstand. Er stattete sie mit Geld aus und, was viel mehr wert war, auch mit Lebensmittelmarken, die er bei Gleichgesinnten eingesammelt hatte. Ohne Lebensmittelmarken konnte man im Kriegsjahr 1943 nicht einmal ein Stück Brot oder Fett ergattern.
Gleichzeitig macht er ihnen klar, dass sie sich trennen mussten: Nur als Einzelne hatten sie eine Überlebenschance. Dann versorgte er die drei mit dem Überlebenswichtigsten: mit Adressen für zeitweilige Unterkünfte und Beschäftigungen.
Konrads Vater brachte Poelchau durch die Vermittlung eines ehemaligen politischen Gefangenen bei einem Eisgeschäft unter. "Die Frau", schreibt Poelchau später in einer unveröffentlichten
Notiz, "ließ sich leichter als Aufwartefrau vermitteln. Aber der Sohn! Er sah so jüdisch aus, dass wir scherzhaft zueinander sagten, man könnte sieben Ganze aus ihm machen. Alle Versuche, ihn durch einen anderen Hut oder Ähnliches zu arisieren, blieben hoffnungslos. Er war Musiker, nicht nur äußerlich und zufällig, sondern durch Begabung, ja fast möchte ich sagen, durch Berufung. Die Möglichkeit, ihn zu vermitteln, lag für mich mich von vornherein nur auf diesem Gebiet."
Für Konrad begann eine Zeit ständigen Wechsels, eine Nacht hier, drei Nächte dort. Wie viele, nicht immer honorige, Helfer es waren, bei denen er durch Poelchaus Vermittlung übernachten konnte, weiß Konrad nicht mehr. Es waren Dutzende. Aber es gab noch etwas anderes, was ihn schützte: eine seltsame innere Energie - nennen wir es Konrads Künstlertum.
Poelchau hatte ihm geraten, sich mit dem Krematorium in der Gerichtstraße (Berlin-Wedding) in Verbindung zu setzen. "Und siehe da", schreibt Poelchau in der erwähnten Notiz, "dieser Rat war gut, die Organisten im Krematorium waren überlastet. So saß er denn verborgen und unangefochten auf der Orgelbank in der Gerichtstraße und verdiente pro Leiche RM 1,50. Und da alle halbe Stunde eine neue Beerdigung war ..."
Aus diesem Kontakt ergaben sich rasch weitere Engagements. Männer waren rar in Berlin und erst recht Organisten. In kurzer Zeit wurde Konrad ein hochbeschäftigter Aushilfsorganist an einigen der großen evangelischen Kirchen Berlins. Von der Orgelbank des Krematoriums im Wedding eilte er zur Gedächtniskirche am Zoo, von dort zur St.-Annen-Kirche und zur Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, wo er die Fürbitt-Gottesdienste der oppositionellen "Bekennenden Kirche" musikalisch begleitete. "Gottesdienste in Berlin", berichtet Konrad mit einem belustigten Augenzwinkern, "waren ohne mich fast nicht mehr denkbar. Die Pfarrer mussten sich mit ihren Predigten nach meinem Zeitplan richten."
Die Vertretungen an den Orgeln der Krematorien und der Kirchen genügten Konrad nicht. Er wollte sich als Musiker weiterbilden und vervollkommnen. So kam es zu einer kaum glaublichen Wendung in Konrads Leben im Berliner Untergrund. Mitten im Krieg, unter den Augen von Nazi-Häschern, die mit Hilfe erpresster jüdischer "Schlepper" die Stadt nach den letzten "Volksschädlingen" durchkämmten, begab sich der junge Konrad auf die Suche nach einem Meister, bei dem er in die Lehre gehen könnte.
Der erste, an den er sich nach seiner Ankunft in Berlin wandte, war gleich der berühmteste von allen denkbaren Lehrern: der Pianist Edwin Fischer. Von Fischer wusste Konrad nur, dass er Schweizer und in erster Ehe mit einer von Mendelssohn verheiratet war - "mit dem Antisemitismus konnte es bei so einem nicht so weit her sein".
Während einer Probe Fischers mit den Philharmonikern ging Konrad, der immer noch die bekleckerte Arbeitskluft der Breslauer Farbenfabrik trug, durch den Bühneneingang. An der Tür vor dem Künstlerzimmer verschlug es ihm erst einmal den Atem. Er war im Begriff, das Allerheiligste der deutschen Musikwelt zu betreten - das Künstlerzimmer der Berliner Philharmonie. Aber Fischer bat den ungewöhnlichen Musikus im Maleranzug ohne Umstände herein. In diesem Augenblick beschloss Konrad mit jenem verzweifelten Mut, den er im Breslauer Zwangstraining erlernt hatte, alles auf eine Karte zu setzen. Er erzählte Fischer ohne Umschweife, wer er war und was er wollte. Der Berühmte begriff, dass er einen jungen Mann vor sich hatte, der gleichzeitig von den Nazi-Schergen und von seiner Liebe zur Musik zu ihm getrieben worden war. Spontan lud er Konrad ein, am nächsten Tag zum Konzert in die Philarmonie zu kommen.
Konrad gab zu bedenken, dass er in dem Aufzug, in dem er jetzt vor Fischer stand, kaum in der Philharmonie würde erscheinen können - er hatte einfach einstweilen nichts anderes anzuziehen. "Also gut", sagte Fischer, "warten Sie nach dem Konzert auf der Straße, ich werde dann auf Sie zukommen." Und Fischer hielt sein Versprechen. Nach dem Ende des Konzerts trennte sich der Umschwärmte von seinen Begleitern, ging auf den "Malergesellen" zu, der im Schatten auf ihn wartete, und steckte ihm einen Briefumschlag zu. Als Konrad den Umschlag später aufmachte, fand er darin einen Hundertmarkschein und eine ganze Menge Lebensmittelmarken. "Rufen Sie mich an!", sagte Fischer noch und kritzelte seine Telefonnummer auf den Umschlag.
Konrad erhielt seinen ersten Klavierunterricht in Berlin bei dem Idol seiner Jugendjahre, dem Wunschlehrer jedes angehenden Musikus, bei Edwin Fischer. In der St.-Annen-Kirche lernt er Ursula Reuber kennen. Die junge Dame saß auf der Empore und stenografierte die ganze Zeit. Konrad hielt sie zunächst für eine Gestapo-Informantin; aus welchem anderen Grund sollte dort jemand mitschreiben? Bis auf den heutigen Tag erstaunt es Konrad Latte, dass im Kriegsjahr 1943 in der St.-Annen-Kirche Abend für Abend stark besuchte Bittgottesdienste stattfinden konnten, in denen der Verfolgten und Verhafteten des Nazi-Regimes unter Namensnennung gedacht wurde. Später fand er heraus, dass die junge Frau mit ihrem rastlosen Gekritzel von einem ebenso unschuldigen Wunsch beseelt war wie er selbst. Sie wollte Stenotypistin werden und benutzte die Fürbittgottesdienste dazu, für ihren Traumberuf zu üben.
Die Stenotypistin und der Aushilfsorganist fanden sich. Eines Tages half sie ihm aus einer Verlegenheit, die heute als Lappalie erscheint: Konrad fehlten Schnürsenkel. Ein anderer hätte sich mit Bindfäden helfen können, nicht aber Konrad. Die erste Überlebensregel für einen untergetauchten Juden verlangte, dass er korrekt gekleidet sein musste, wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigte - jede noch so unscheinbare Annäherung an das Zerrbild vom "schmutzigen und verdreckten" Juden konnte zur Denunziation führen
Ursula Reuber gab Konrad ihre Kleiderkarte, damit er sich Schnürsenkel kaufen konnte. Die Liebesgabe wurde ihr zum Verhängnis. Als Konrad einige Wochen später in eine Razzia geriet und verhaftet wurde, fiel auch die Kleiderkarte mit ihrem Namen in die Hände der Gestapo. Während ihrer gemeinsamen Haft in dem Sammellager in der Großen Hamburger Straße spielte ein Wächter Konrad einen Gedichtband von Rainer Maria Rilke zu. Er fand den Namenseintrag der Besitzerin, Ursula Reuber, und entdeckte im Inhaltsverzeichnis des Büchleins Bleistiftmarkierungen: Alle paar Zeilen war je ein Buchstabe mit einem Punkt versehen. Als er die Buchstaben zusammengesetzt hatte, ergab sich der Satz: "I.c.h b.i.n a.u.c.h h.i.e.r."
Der Wächter, ein ständig betrunkener Gestapo-Mann, dem vielleicht der Alkohol einen Rest von Menschlichkeit erhalten hatte, brachte ein Wiedersehen zwischen Konrad und Ursula im Keller des Sammellagers zu Stande. "Nun gebt euch mal einen Kuss!", raunzte er Konrad an. Konrad erfuhr, dass Ursula für das "Verbrechen", einem Juden ein Paar Schnürsenkel beschafft zu haben, ein halbes Jahr Haft erhalten hatte.
Zurück zu Konrads Lehrjahren. In seinem selbst erstellten "Studienplan" im Berliner Untergrund fehlte jenes Fach, das ihn seinem eigentlichen Berufsziel näher gebracht hätte. Er wollte Dirigent werden. Ein erster Versuch beim Staatskapellmeister der Staatsoper, Johannes Schüler, schlug fehl. Aber der Kontakt mit Schüler führte zur Bekanntschaft mit dem Komponisten Gottfried von Einem.
Von Einem gehörte zu einem Kreis von Berliner Musikern, die sich der Opposition gegen Hitler verbunden fühlten. Dazu gehörten der Komponist Boris Blacher und der Dirigent Leo Borchard. Einige von ihnen haben weit mehr riskiert als jene innere Distanz, die man später "Innere Emigration" nennen wird.
Dem früh erfolgreichen Komponisten von Einem, als Sohn eines k. u. k. Militärattachés in Bern geboren, in Eliteschulen aufgewachsen und als Schüler zwischen Geniekult, Führerbegeisterung und Künstlerwahn hin- und hergerissen, war die Entwicklung zum kompromisslosen Regimegegner nicht eben vorgezeichnet.
Ohne lange nachzudenken, händigte er dem unbekannten, jüdischen Kollegen, der ihm da ins Haus schneite, seinen Dienstausweis der Staatsoper aus. "Ein paar Monate lang", berichtet Konrad Latte, "bin ich als Baron Gottfried von Einem durch Berlin gefahren." Zum Glück für Konrad und seinen Gönner kam es nie zu einer polizeilichen Überprüfung von Konrads "blaublütiger" Herkunft. Von Einem hatte gerade ein Ballett, "Prinzessin Turandot", fertig gestellt, dessen Choreografie Tatjana Gsovsky übernommen hatte. Konrad wurde mit der Aufgabe betraut, das Einstudieren des schwierigen Werkes als Korrepetitor zu betreuen.
Dann suchte Konrad den Dirigenten Borchard in dessen Steglitzer Wohnung auf. Ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen, hörte Borchard sich die Standard-Legende an, mit der Konrad zu begründen suchte, warum er nicht zum Militärdienst eingezogen war. Dann fasste der hoch gewachsene, elegant gekleidete Mann seinen Besucher fest ins Auge und sagte ihm: "Der Unterricht bei mir gründet sich auf eine Vorbedingung: Sie müssen Vertrauen zu mir haben." Konrad war für einen Augenblick ratlos. Dann fasste er einen jener Entschlüsse, der ihn im Fall der Fehleinschätzung seine prekäre Existenz an der Oper hätte kosten können. Er erzählte Borchard, was zu diesem Zeitpunkt nur drei oder vier bewährte Freunde wussten: Wer er war und und unter welchen Bedingungen er lebte. "Nun weiß ich es", sagte Leo Borchard, als Konrad geendet hatte, "und nun habe ich es wieder vergessen." Danach begann die erste Unterrichtsstunde.
Die Lehrstunden in Borchards Wohnung im Hünensteig gehörten zu den schönsten, gleichzeitig zu den unwirklichsten Momenten in Konrads illegalem Leben. Borchard unterrichtete auswendig, ohne Partitur und ohne Klavierbegleitung. Auf dem Kanapee seines Arbeitszimmers liegend, ließ er den Schüler die großen Symphonien Beethovens aus der Partitur dirigieren, beobachtete die Einsatzbefehle der linken Hand zu den unsichtbaren Streichern, der rechten zu den vorgestellten Bläsern, unterbrach ihn plötzlich: "Den Einsatz für die Hörner fünf Takte früher! Die Bläser brauchen schließlich Zeit, bis sie die Instrumente an die Lippen bringen!" Dann pfiff er ihm ein paar Takte vor, um die Stelle der Wiederholung zu markieren. Aber der gewaltige Klangkörper, den die Hände des Anfängers zum Klingen bringen wollten, spielte nur in der Vorstellung der beiden Männer, im Zimmer hörte man keinen Ton.
"Mampe" Wolfgang Borchert - im Berliner Slang wurden "Halbjuden" in Anspielung auf das beliebte alkoholische Getränk "Mampe" (= halb und halb) so genannt - führte Konrad in das Haus von Anne-Lise Harich in der Stubenrauchstraße (Berlin-Zehlendorf) ein. Sie war die Witwe des Schriftstellers Walther Harich und Mutter des späteren marxistischen Philosophen Wolfgang Harich. Das gesellige Beisammensein wurde durch einen Kurzschluss unterbrochen. Als die Hausherrin mit Wolfgang Borchert im Keller nach Kerzen und Taschenlampen suchte, kam es zu einem erregten Disput zwischen den beiden. Welcher Teufel ihn geritten habe, fuhr Frau Harich den "Mampe" an, ihr diesen Nazi ins Haus zu bringen.
Borchert klärte sie zögernd über Konrads wahre Identität auf, mit dem erhofften "paradoxen" Resultat. Frau Harich zeigte sich ob der Enthüllung tief erleichtert und bot Konrad ihr Haus als Bleibe an, und sie tat es wie Ursula Meißner, ohne irgendeine Frage nach der voraussichtlichen Dauer seines Aufenthalts zu stellen.
Wenig später kam es zur Katastrophe. Um seine großzügige Wirtin nicht zu stark zu gefährden, quartierte Konrad sich Ende September 1943 in der Pension Wolf in der Nürnberger Straße ein. Das Etablissement gehörte zu jenen wenigen Pensionen, die gegen ein stattliches Aufgeld auf die Vorlage eines Ausweises verzichteten. Konrad erschien diese Adresse auch deswegen attraktiv, weil er dort sowohl von seinen Eltern als auch von seinen Arbeitgebern aus Kirche und Oper telefonisch erreicht werden konnte.
Kaum war er eingezogen, suchte jemand bei ihm Zuflucht, den er unmöglich zurückweisen konnte. Wolfgang Harich, der Sohn seiner letzten Wirtin, war aus der Wehrmacht desertiert und stellte bei Konrad seinen Koffer ab, in dem sich seine Papiere, seine Uniform und kommunistisches Propagandamaterial befanden.
Schon am nächsten Morgen fiel der Gestapo im Zuge einer allgemeinen Razzia in der Zoo-Gegend beides in die Hände: Harichs Koffer und dessen Hüter Konrad Bauer. Nun halfen Konrads behelfsmäßige Papiere nicht mehr. Während er in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße eingeliefert wurde, lauerte die Gestapo in der Pension auf weitere "U-Boote". Als Konrads Vater anrief, nahm ein Gestapo-Mann das Gespräch an und gab sich als ein Freund Konrads aus: Konrad habe sein Zimmer aufgegeben, aber für seinen Vater etwas hinterlassen, er möge sofort vorbeikommen. Konrads Vater wurde verhaftet und auch in das Sammellager verbracht. Als Konrads Mutter vom Schicksal ihres Ehemanns und ihres Sohnes erfuhr, meldete sie sich freiwillig im Sammellager.
Das Lager, ein ehemaliges jüdisches Altersheim, war für gefasste, untergetauchte Juden die letzte Station vor der Deportation nach Auschwitz. Die Familie wurde dem "44. Osttransport" zugeteilt. Während die 50, zur Deportation bestimmten Menschen Aufstellung nahmen, brüllte eine Lautsprecherstimme in den Raum: "Latte, Konrad, Israel, dableiben!"
Es blieb ihm keine Zeit, von seinen Eltern Abschied zu nehmen. Der SS-Hauptsturmführer Walter Dobberke jedoch, erfuhr Konrad später, war perfide genug, seinen Eltern kurz vor dem Einstieg in den Lastwagen mitzuteilen, ihr Sohn sei "wegen Beihilfe zur Fahnenflucht" zum Tode verurteilt worden. Mit dieser Nachricht im Kopf traten Konrads Eltern die Reise in den Viehwaggons der Reichsbahn an. Konrad hat seine Eltern nie wieder gesehen.
Der Grund für den Rückruf Konrads in letzter Sekunde war ausgerechnet Harichs Koffer mit dem brisanten Inhalt. Denn gleichzeitig mit Konrad war auch Wolfgang Harich gefasst und wegen Fahnenflucht angeklagt worden. Für den Prozess gegen den Deserteur wollte das Kriegsgericht auf den Zeugen Konrad zurückgreifen und hatte offenbar durchgesetzt, dass dessen Deportation zurückgestellt wurde.
In den folgenden Wochen befreundete Konrad sich mit Ludwig Lichtwitz, einem Drucker, der ein paar Tage vor ihm ins Sammellager eingeliefert worden war. Bis zu seiner Verhaftung hatte Lichtwitz, in einer so genannten privilegierten Mischehe mit seiner "arischen" Ehefrau Wally lebend, seine Druckerkünste Nazi-Gegnern und Verfolgten zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit Lichtwitz plante Konrad die Flucht.
Beide waren für die Arbeit im Kohlen- und Kartoffelkeller eingeteilt, wo sich der Sicherungskasten für die ganze Anlage befand. Am Abend des 27. November 1943 schraubten sie die Hauptsicherung des Gebäudes, die auch den Strom für die Außenscheinwerfer der Anlage regelte, aus der Fassung. Mit einem Schlag wurde es stockdunkel.
Wie sie es berechnet hatten, stürmte das Wachpersonal zuerst zum Vordereingang, um ihn zu sichern. Konrad und Ludwig flüchteten durch den Kellerausgang nach hinten. Zuvor hatten sie den Schlüssel, der im unverschlossenen Zimmer des Wachhabenden hing, an sich gebracht. Eben noch rechtzeitig, bevor die Wachmänner den Hinterausgang erreicht hatten, gelang es ihnen, die Tür von außen zu verriegeln und über die Mauern des jüdischen Friedhofs zu den Hackeschen Höfen zu flüchten. Auf der Straße trennten sie sich.
In den folgenden Tagen nahm Konrad seine alten Kontakte wieder auf. Gottfried von Einem brachte es mit einem kühnen Bluff zu Wege, Konrad einen gültigen Reichsmusikkammer-Ausweis zu verschaffen. Er sorgte auch dafür, dass Konrad wieder als Statist an der Oper Beschäftigung fand. In dieser Rolle erlebte er traurig-lächerliche, kaum aushaltbare Situationen. Vor den Augen des Reichsmarschalls Hermann Göring trat Konrad als blond gelockter deutscher Jüngling im Chor von Wagners "Meistersingern" auf und musste sich anschließend artig vor dem musikbesessenen Menschenverächter verbeugen.
Wiederum durch Harald Poelchau wurde er mit Willi Kranz bekannt, dem Kantinenpächter des Gefängnisses Tegel. Kranz und seine Ehefrau Auguste Leißner hatten ein jüdisches Mädchen in Obhut genommen und brachten es als "eigenes Kind" durch die Jahre der Verfolgung. Kranz vermittelte ihm den Kontakt zu dem Hausmeister eines Gebäudes in der Klosterstraße, Oskar Kling, der ihm eine Zeit lang im Keller des Gebäudes Unterschlupf gewährte. Später gelang es Konrad, eine Anstellung als Luftschutzwart einer Bank im Bezirk Mitte zu finden. Die schlecht bezahlte Nachtarbeit war für Konrad mehr wert als seine Tagesjobs auf Orgelbänken oder als Statist in der Oper - denn eine Schlafstelle gehörte dazu.
Nach seiner Flucht war Konrads Untergrundleben in Berlin noch gefährlicher geworden. Zu viele Leute kannten ihn, hatten von seiner Flucht gehört - es war nur eine Frage der Zeit, dass er aufflog. Durch Bekannte an der Oper hörte er, dass ein Kapellmeister für eine Wehrmachtstournee gesucht wurde. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels brauchte ambulante Künstlergruppen, um den Glauben an den "Endsieg" durch Musik und Durchhaltelieder zu stärken. Konrad Bauer präsentierte sich als der geeignete Mann für diese Aufgabe und schloss einen Dienstvertrag mit dem "Hessischen Volkstheater (Wanderbühne)" für monatlich 450 Reichsmark ab.
Der Schauspieler Hans Söhnker schenkte ihm zum Abschied einen schwarzen Anzug für den neuen Job. Der Schriftsteller Erich Kästner gab ihm in einem Café am Kurfürstendamm ein paar Hemden und einen größeren Geldbetrag mit auf den Weg.
Die Truppe trat zunächst auf Helgoland, später auch in Schleswig-Holstein vor Wehrmachtssoldaten, SS-Angehörigen, einmal auch vor Kriegsgefangenen auf. Schon auf der Überfahrt nach Helgoland hatte Konrad die Sopranistin Ellen Brockmann kennen gelernt. Und es bedurfte nicht der allabendlich dargebotenen Arie aus Lortzings Waffenschmied: "Mit Konrad kann ich glücklich werden", um ihn auf sie aufmerksam zu machen. Der scheue Konrad fasste einen seiner lebensentscheidenden Entschlüsse, von dessen Erfolg in diesem Fall nicht nur seine Existenz, sondern auch das Schicksal seiner Liebe abhing. Er offenbarte sich der jungen Sängerin und hatte Glück. Ellen wurde später seine Ehefrau.
Eine Parteigenossin und Judenhasserin im Ensemble arbeitete hinter Konrads Rücken daran, ihn als Juden zu enttarnen - in letzter Sekunde rettete ihn Ellen durch die Aufdeckung der Intrige und durch die Inszenierung eines bühnenreifen Bluffs. Ellen wurde deswegen gefeuert, Konrad konnte bleiben.
Als Goebbels im September 1944 auf Grund der Kriegslage alle Bühnen schließen ließ, überlebte Konrad die letzten Kriegsmonate in Bad Homburg als Ellens Verlobter. In dem kleinen Städtchen kam es kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch des "Tausendjährigen Reiches" zu einer letzten und irrwitzigen Wendung von Konrads Odyssee.
Der antifaschistisch gesinnte Baron von W., auf dessen Kammermusikabenden Konrad verkehrte, erklärte im privaten Kreis, dass er gern aktiv werden würde, aber nicht wisse wie - leider fehle ihm jeder Kontakt zum Widerstand. Konrad und Ellen beschlossen, ihren tatendurstigen Gastgeber beim Wort zu nehmen. In einem Gespräch unter vier Augen enthüllte Konrad seine Identität und fragte rundheraus, ob der Baron - als Zahlmeister in der Wehrmacht für die Ausstellung von Wehrpässen zuständig - ein entsprechendes Dokument beschaffen könne. Aber der Baron konnte einfach nicht glauben, dass es den Fall eines untergetauchten, bis zu diesem Tag unentdeckten Juden wie Konrad in Deutschland geben könne. Er entschloss sich, den vermeintlichen "Provokateur" durch eine Anzeige bei der Gestapo unschädlich zu machen.
Eine Zeit lang umschlichen die beiden Männer einander in tiefstem Misstrauen. "Jeder von uns", erzählt Konrad, "hatte eine fürchterliche Angst vor dem anderen." Am Ende kam es zu einer bizarren Verkehrung von Konrads Maskerade. Nur durch den Nachweis, dass er tatsächlich Jude war - wobei dem "Prüfling" Konrad die von den Nazis erzwungene Ausbildung in der jüdischen Schule in Breslau zustatten kam -, entging Konrad einer Anzeige durch den Baron.
Am 29. März 1945 wurde Frankfurt von amerikanischen Truppen befreit, einige Tage später auch Bad Homburg. Zu denen, die sich vom ersten Tag der Befreiung an auch befreit fühlten, gehörten Konrad und Ellen. Als sie im April 1945 bei einem Bummel durch Bad Homburg zufällig beim Quartier des amerikanischen Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower vorbeikamen - der General hatte seinen Sitz ausgerechnet nach Bad Homburg verlegt -, folgten sie einem Einfall. In übermütiger Stimmung meldeten sie sich beim Offizier vom Dienst und erklärten ihm in ihrem unbeholfenen Englisch: "This is our high time!" Der Offizier verstand sie zunächst nicht, brach dann in Lachen aus, als er begriff, dass das junge Paar heiraten wollte - sie hatten "Hochzeit" mit "high time" übersetzt. Er genehmigte eine Ausnahme vom strikten Versammlungsverbot.
Konrad und Ellen durften mit zehn Gästen ihre Hochzeit feiern. Sie heirateten unter Konrads echtem Namen, Latte. Konrads erstes Nachkriegskonzert in Bad Homburg allerdings wurde mit dem "Übergangsnamen" Latte-Bauer plakatiert. Denn der Musiker war dort nur unter seinem Decknamen ein Begriff.
Konrads Erwartung jedoch, die Berliner Philharmoniker oder sonst ein würdiges Orchester werde den Borchard-Schüler nun unverzüglich ans Pult bitten, erfüllte sich nicht. Unverfroren bot ihm das zuständige Arbeitsamt eine Beschäftigung im Bergbau an - Konrad solle doch froh sein, dass er "nun wieder in die Volksgemeinschaft aufgenommen" sei.
Es dauerte Jahre, bis Konrad Latte der Status eines Verfolgten des Nazi-Regimes zuerkannt wurde. In einem Vorprüfungsbericht vom 16. Oktober 1951 zu Lattes Antrag kam das Bezirksamt Zehlendorf in Berlin zu einem Schluss, den man für die Erfindung eines schlechten Drehbuchschreibers halten möchte. Der Antragsteller, heißt es dort, sei "seiner Gesinnung (als Regimegegner, Anmerkung des Verfassers) nicht treu geblieben, da er sich getarnt in den Dienst des damaligen Regimes stellte und an Wehrmachtstourneen teilnahm. Er hat damit gegen Paragraph 6 Abs. 6 des Anerkennungsgesetzes verstoßen. Anerkennung kann nicht befürwortet werden".
Das Ziel, dem er in den Jahren der Verfolgung und der Illegalität treu geblieben war, gab Konrad trotz solcher Zumutungen nicht auf. 1953 konnte er ein eigenes Orchester zusammenstellen, aus dem später das Berliner Barock-Orchester wurde. Freilich musste er sich nicht nur ein Orchester, sondern auch einen Veranstaltungsraum erfinden.
Die ersten Konzerte fanden im Auditorium Maximum der Freien Universität statt. Hier hörte ihn Anfang der sechziger Jahre auch der Autor dieser Zeilen, der damals gerade sein Studium in Berlin begann. "Aber acht Jahre später", erinnert mich Konrad immer noch erzürnt, "gehörten Sie doch zu denen, die mich aus der FU vertrieben haben?!"
Im Getöse der Studentenbewegung blieb an der FU kein Raum für die Klänge von Lattes Barock-Orchester. Er zog mit seinen stets ausverkauften Konzerten erst in die Hochschule der Künste um, später in die Philharmonie.
Zwölf Jahre noch führte Konrad Latte den Taktstock an dem Pult, an dem sein Lehrer Leo Borchard einst dirigiert hatte, und verneigte sich dort, hoch geehrt und von Applaus überschüttet, im Sommer 1997, zum letzten Mal vor seinem Publikum. Nur wenige von jenen Weggefährten, die ihn gerettet haben und ihm den Mut gaben, in Berlin zu bleiben, waren noch am Leben und konnten seinen Abschied mit ihm feiern.
Was Konrad und Ellen davon abgehalten hat, aus Deutschland auszuwandern, war die Verbundenheit mit jenen etwa 50 Deutschen, die ihm über zwei Jahre lang Tag für Tag geholfen haben, den Nazi-Mördern zu entgehen. Seine erste "Wirtin" Ursula Meißner und seine Ehefrau Ellen sind mit der israelischen Auszeichnung "Gerechte unter den Völkern" geehrt worden. Der "Gerechten" in Konrads Geschichte waren nicht viele, aber es waren mehr als zwei. Es waren Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Schrebergärtner ebenso wie Künstler, Hausmeister und Krankenschwestern ebenso wie prominente Dirigenten und Schriftsteller, Geistliche, christlich geprägte Menschen ebenso wie Atheisten.
Verglichen mit der Zahl derer, die an dem Verbrechen mitgewirkt haben oder es geschehen ließen, handelt es sich um eine winzige Schar. Aber auch wenn es nur 40, 30 oder 10 gewesen wären - ihre Geschichten verdienen es, festgehalten und von den Nachgeborenen gehört zu werden.
Denn am Ende sind es nicht die zu Recht bewunderten, todesbereiten Widerstandskämpfer, die darüber entscheiden, ob eine Gesellschaft einer totalitären Verführung erliegt oder widersteht. Der Erfolg einer Diktatur hängt - ebenso wie der Erfolg des Widerstands gegen sie - nicht von irgendwelchen "großen Führern" ab, sondern von den zivilen Tugenden der gewöhnlichen Bürger. Bertolt Brechts viel zu oft zitierte Botschaft an die Nachgeborenen: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!", bedarf dringend einer Präzision. Einem Volk von lauter Anpassern und Feiglingen wäre mit ein paar todesmutigen Helden wirklich nicht zu helfen.
* Szene aus einem Propagandafilm. * Konrad mit seiner Mutter Margarete und Schwester Gabi.
Von Peter Schneider

DER SPIEGEL 42/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 42/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KONRAD oder DIE LIEBE ZUR MUSIK

  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments
  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen
  • Weltraum-Video: Alexander Gerst filmt Sojus-Flug