23.10.2000

RELIQUIEN

Rätsel im Argon-Safe

Von Wensierski, Peter

Wissenschaftler sollen den umstrittensten Gegenstand der Christenheit neu untersuchen: das angebliche Grabtuch Jesu. Messungen hatten es als Fälschung entlarvt - möglicherweise vorschnell.

Die Regeln für Pilger, Touristen und Neugierige aus aller Welt sind streng. Tag für Tag warteten sie in den vergangenen Monaten oft zu Tausenden in langen Schlangen vor dem Turiner Dom. Wurden sie dann endlich vorgelassen, durften sie nur kurz hinschauen, vier Minuten lang. Und was im Halbdunkel des Doms vor ihnen an der Wand hing, war auf den ersten Blick herzlich wenig: ein vergilbtes Bettlaken hinter Panzerglas.

Nur aus etwa fünf Meter Entfernung ist jener schemenhafte Abdruck gut zu erkennen, der das rund vier Meter lange Laken für Millionen Christen zur bedeutendsten Reliquie macht - zum Grabtuch des Jesus von Nazaret: Aus dunklen Schatten auf dem Tuch formt sich das Bild eines Gekreuzigten.

Lediglich vier Mal wurde das "Sindone" (griechisch für Leinwand) im vergangenen Jahrhundert präsentiert. Nach dem Ende der jetzigen Ausstellung am kommenden Sonntag soll es laut Grabtuch-Komitee "auf absehbare Zeit", vermutlich bis 2025, "nicht mehr zu sehen sein". Normalerweise liegt es in einem schwarzen Stahlsafe, umgeben vom Edelgas Argon, angeschlossen an Maschinen, die sicherstellen sollen, dass es nicht oxidiert oder gar von Bakterien zerfressen wird. Doch diesmal hat das Grabtuch-Komitee andere Pläne.

Denn das Laken ist zwar die bekannteste und meistverehrte, aber auch die umstrittenste Reliquie der Christenheit. 1988 wurde es durch die Radiocarbonmethode ("C-14-Datierung") zur Fälschung aus dem Mittelalter erklärt. Drei renommierte Institute, die einen kleinen Fetzen vom Rand des Tuchs untersucht hatten, datierten es auf die Zeit zwischen 1260 und 1390 nach Christus. Doch viele Forscher bezweifeln das Ergebnis und führen eine Fülle neuer Fakten und Indizien für die Echtheit ins Feld.

Tatsächlich liegen C-14-Messungen immer mal wieder daneben - selbst deren Entwickler, Nobelpreisträger Willard Frank Libby, war der Ansicht, das Grabtuch sei zu kontaminiert für seinen Test.

Jetzt wollen Forscher aus aller Welt mit modernsten Untersuchungsmethoden das Geheimnis des Tuchs lüften. Der Papst hat seine Genehmigung erteilt und hinzugefügt, es möge "vorurteilsfrei" geschehen. Wer wann was prüfen soll, entscheidet das Turiner Grabtuch-Komitee in den kommenden Wochen.

Seit Jahrhunderten schlägt das geheimnisvolle Bild Wissenschaftler und Spinner gleichermaßen in seinen Bann. Zu sehen ist ein zarter Schatten ohne alle Farben, ohne Ränder, das Negativ-Bild der Vorder- und Rückseite eines Gekreuzigten, der möglicherweise im Laken lag.

Auf Körper und Gesicht sind zahlreiche Details erkennbar: Die Wange ist geschwollen, die Nase verletzt. An Stirn und Hinterkopf quillt Blut aus dem Haar. Es sieht aus, als habe der Mann eine Dornenkrone tragen müssen. Handwurzeln und Fußknochen zeigen Verletzungen, wie sie durch Nägel entstanden sein können. Auf dem Rücken lassen sich über 120 Geißelhiebe zählen. Die Druckspuren auf der rechten Schulter sollen vom Tragen des Kreuzbalkens stammen, die Buchstabenfragmente auf den geschlossenen Augenlidern könnten von Abdrücken jener Münzen herrühren, die unter Pontius Pilatus in Jerusalem in Umlauf waren. Das Tuch weist Spuren einer Aloe-Myrrhe-Salbung auf, wie sie laut Johannes-Evangelium bei Jesus verwendet wurde.

Bei der jetzt anstehenden Untersuchung wollen die Wissenschaftler erstmals auch die Rückseite der Reliquie inspizieren. Die renommierte Schweizer Wissenschaftlerin Mechthild Flury-Lemberg, Professorin für Textilkunde in Bern und Spezialistin für antike Stoffe, hat dazu gemeinsam mit dem Würzburger Professor für alte Geschichte Karlheinz Dietz die Initiative ergriffen. Nach einem Brand hatten Nonnen im französischen Kloster Chambéry 1532 dem Tuch ein rückseitiges Futter aufgesetzt.

Nach dem Willen einiger Grabtuch-Forscher soll es auch einen neuen C-14-Test geben. Bevor die Wissenschaftler allerdings ein Stück herausschneiden, möchte der amerikanische Physiker John Jackson erstmals einen beidseitigen mikroskopischen Fein-Scan des Lakens anfertigen. Eine Internet-Datenbank soll den Forschungsprojekten in aller Welt Zugriff auf das Material geben.

Seit das Grabtuch 1898 erstmals fotografiert und auf dem positiven Abbild bis dahin unbekannte Feinheiten entdeckt wurden, hat deren Analyse einen eigenen Forschungszweig hervorgebracht. Die "Sindonologie" beschäftigt heute weltweit rund tausend Wissenschaftler. Mehr als 600 Bücher erschienen bislang.

Zwei internationale Kongresse fanden allein in diesem Jahr statt. In Turin trafen sich im März knapp 300 Naturwissenschaftler; in Orvieto kamen Ende August 200 Historiker, Archäologen, Bibelforscher und Theologen zusammen.

Textilforscherin Flury-Lemberg identifizierte in einer dort vorgestellten neuen Untersuchung den Stoff: das Tuch gleiche in Struktur, Webart und Nähten anderen Textilien, die in der Festung Masada im heutigen Israel gefunden wurden und eindeutig aus dem ersten Jahrhundert stammen.

Zwei israelische Wissenschaftler, der Botaniker Avinoam Danin und der Samenexperte Uri Baruch, untersuchten jüngst die bekannten Pollenspuren auf dem Tuch noch einmal genauer. Sie wollen dabei Pflanzenreste entdeckt haben, die nur aus dem Raum Jerusalem stammen können.

In Deutschland hatte das Grabtuch-Fieber Anfang der neunziger Jahre den Düsseldorfer Historiker Michael Hesemann gepackt. Der umstrittene Autor populärwissenschaftlicher Werke ("Die Jesus-Tafel") veröffentlicht diese Woche sein neues Buch "Die stummen Zeugen von Golgatha". Das will er möglichst zahlreich unters gläubige Volk bringen - kein Wunder also, dass er behauptet, auf der Spur des Tuchs weit vorangekommen zu sein. In der Nationalbibliothek Budapest inspizierte Hesemann etwa den "Codex Pray", eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert. Darin findet sich eine Illustration, die nach dem Besuch einer ungarischen Delegation in Konstantinopel im Jahre 1150 entstand. Der byzantinische Kaiser Manuel I. führte damals seine Gäste in die Marienkirche, um ihnen seinen kostbarsten Besitz zu zeigen, ein angebliches Grabtuch Christi. Die Zeichnung weist starke Parallelen zum Turiner Grabtuch auf, das es damals laut C-14-Analyse noch gar nicht gab. So sind von den Händen des nackten Gekreuzigten nur jeweils vier Finger zu sehen, das Fischgrätmuster im Leinentuch ist ebenso erkennbar wie vier charakteristische Brandflecke auf Hüfthöhe.

Auf jeden Fall gibt es mittlerweile einen Grundkonsens zwischen Verfechtern der Echtheit des Tuchs und allen Kritikern: Das Bild darauf ist keinesfalls gemalt worden. Auch Theorien, nach denen es als fotoähnlicher Abdruck entstanden sein könnte, ließen sich trotz diverser Experimente, etwa mit Aloe-Myrrhe-Lösungen, nicht nachvollziehen. Bislang hat niemand eine plausible Erklärung dafür gefunden, wie das Bild auf dem Leinentuch entstand.

Eines belegt die Fülle der von Sindonologen erforschten Details zumindest: Wenn das Tuch eine Fälschung ist, dann war der Fälscher seiner Zeit voraus. Erst mit einer UV-Untersuchung des Blutflecks an der Körperoberseite etwa wurde ein so genannter Serum-Vorhof sichtbar, typisch für Stichverletzungen.

Der Vatikan hat das Tuch bis heute nicht in den Reliquienstatus erhoben und sich damit formal aus dem Streit um die Echtheit herausgehalten. Doch 1998 kniete Papst Johannes Paul II. im Turiner Dom nieder und sagte anschließend: "Das Grabtuch zeigt uns Jesus im Moment seiner höchsten Hilflosigkeit."

Und auch für den obersten Glaubenshüter, den deutschen Kardinal Joseph Ratzinger, erhebt sich das Turiner Tuch über andere Reliquien. Der Chef der römischen Glaubenskongregation glaubt an die Echtheit. Peinlich, wenn sich definitiv herausstellen sollte, dass der Papst und sein treuester Paladin eine Fälschung verehren, für die möglicherweise noch ein Mensch gefoltert und gekreuzigt wurde.

Schade wäre das auch für die Glaubens-PR. Heute, so argumentiert etwa Guiseppe Ghiberti, Vizepräsident der Turiner Grabtuch-Kommission, bräuchten Kirche und Religion angesichts fortschreitender Säkularisierung mediengerechte Beweise für Existenz und Wirken Christi: "Wir leben in einer Bilderkultur, und auf diese Zeit ist das ärmlichste und rührendste der Bilder gerichtet." In weiser Voraussicht habe der Gottessohn dieses Tuch hinterlassen, damit Ungläubige 2000 Jahre später ein Zeichen von ihm haben, das sie verstehen. PETER WENSIERSKI


DER SPIEGEL 43/2000
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