30.10.2000

Kette um den Bauch

Seit zehn Jahren wartet eine Halbdeutsche in Arizona auf die Giftspritze.
An die Routine des Todestraktes könnte sie sich gewöhnen, nur nicht an das Panzerglas. Am Montag vergangener Woche ertrug Renate Janka wieder das, was Vorschrift ist in der Hochsicherheitszone des Staatsgefängnisses von Perryville (Arizona): Sie füllte all die Formulare aus, hielt still, als Körper und Kleider durchsucht wurden, ließ sich in die Besucherkabine eskortieren.
In die gegenüberliegende Kabine brachten sie Debbie Milke, Jankas Tochter: zerbrechlich und nahezu grau geworden, obschon erst 36. Wie immer trug Häftling 83 533 die Kette um den Bauch, daran befestigt die Handschellen, so dass gerade genug Luft blieb, den Hörer vom Telefon zu nehmen und mit der Mutter zu sprechen, auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe. Umarmungen sind bei Todeskandidaten nicht vorgesehen.
Seit rund zehn Jahren lebt Debbie nun in Isolationshaft: "Sie wird jetzt panisch, wenn ihr jemand körperlich nahe kommt", sagt Janka. Angefasst haben ihre Tochter in den Jahren nur wenige, und das waren etwa jene, die kamen, nachdem ein Gericht schon den Befehl gegeben hatte, sie zu töten. Da tasteten die Beamten bereits nach ihren Venen, um zu fühlen, welche wegrollt und welche sich eignet für die Giftkanüle.
Geboren wurde Debra Jean Milke in einem Hospital der US-Armee in Berlin, weil der Vater ein GI war. Amerikanischer Boden also, damit ist sie Amerikanerin. Debbie hätte auch einen deutschen Pass beanspruchen können, weil ihre Mutter Berlinerin ist.
Daran hat aber keiner gedacht, als Debbie in den Staaten aufwuchs. Und so können deutsche Behörden jetzt nichts für sie tun. Ein Jammer, denn nicht nur der falsche Pass unterscheidet sie von den anderen Deutschen in US-Todeszellen, sondern vor allem: Es gibt keinen sauberen Beweis ihrer Schuld.
Vor über zwei Jahren machte der SPIEGEL den Fall in Deutschland bekannt (SPIEGEL 27/1998). Es folgten Fernsehreportagen, Talkshows, Zeitungsartikel. Prominente wie Richard von Weizsäcker, Egon Bahr, Friedrich Schorlemmer oder Götz George unterschrieben den Aufruf "Freiheit für Debbie Milke". Zwei Beamte im Auswärtigen Amt schauten sich den Fall an, das zuständige Generalkonsulat in Los Angeles versprach zu prüfen, was man tun könne, viel sei das aber wohl nicht, wegen der Staatsangehörigkeit.
Proteste in Deutschland interessieren amerikanische Behörden wenig. Und Zeitungen wie Fernsehsender haben andere Themen. Über 3600 Menschen sitzen landesweit in Death Row, der Wartehalle des Todes. Debbie ist eine von vielen. So what?
Am 3. Dezember 1989 hatten Polizisten im Happy Valley, einem trockenen Flussbett in der Wüste, nicht weit von Arizonas Hauptstadt Phoenix, einen kleinen Jungen gefunden: Christopher Milke, Debbies Sohn. Er war vier Jahre alt, lag da zusammengerollt, als würde er schlafen, nur steckten drei Kugeln in seinem Hinterkopf.
Die Mörder zu packen war nicht schwer. Roger Scott, ein arbeitsloser Alkoholiker, sitzt heute ebenso in der Todeszelle wie Jim Styers, Debbie Milkes Mitbewohner in der Zeit nach der Trennung von ihrem Mann.
Styers kämpfte einst in Vietnam, hatte dort ein Vierteljahr mit Hirntrauma im Koma gelegen. Noch immer verfolgten ihn nachts "die Schreie der Frauen und Kinder", die sie erschossen hatten. Schwere Medikamente mussten den Kriegslärm in seinem Kopf dämpfen.
Für Debbie war das Zusammenleben mit Styers eine Wohngemeinschaft, sonst nichts. Doch Styers, 15 Jahre älter, wollte mehr. Nur das Kind nervte. "Ich wollte, er wäre tot", sagte Styers Nachbarn.
Bei Scott im Schrank fanden die Polizisten dann die Tatwaffe, aber gekauft hatte den Revolver Styers. Auch die Schuhabdrücke im Happy Valley stammten wahrscheinlich von ihm. Nach 15 Stunden Verhör fing Scott an zu reden: Styers habe geschossen: "Der kleine Bastard wird mir nicht mehr auf die Nerven gehen", habe er gesagt.
Nach dem Verhör fiel Scott noch etwas ein: Styers habe gesagt, Christophers Mutter Debbie habe ihn gebeten, den Jungen umzubringen. Styers wusste von einer Lebensversicherung über 5000 Dollar, die Christophers Eltern auf den Namen ihres Kindes abgeschlossen hatten.
Mord-Ermittler Armando Saldate war elektrisiert. Hier wurde aus einem dieser elenden, sinnlosen Morde irgendwo zwischen Suff und Wahnsinn ein Familiendrama, das Schlagzeilen machen würde. Schlagzeilen und einen Erfolg konnte Saldate gut gebrauchen. Er war angetreten, um Justiz-Constabler zu werden, ein Posten, für den man in Arizona eine Kommunalwahl gewinnen muss.
Nur gab es zwei Probleme: Styers behauptete, Scott habe geschossen und Debbie habe mit dem Mord nichts zu tun. Außerdem war Scott als Zeuge wenig wert, weil er seine Geschichte immer wieder anders erzählte. Später im Verfahren gegen Debbie wurde er nicht einmal gehört.
Saldate bestellte Debbie Milke aufs Revier. Sie kam mit ihrer Tante, die sich in den Tagen um sie kümmerte. Doch Saldate scheuchte die ältere Dame aus dem Raum. Er wollte auch keinen seiner Kollegen bei dem Verhör sehen. Ein Vorgesetzter hatte ihn ermahnt, einen Rekorder mitzunehmen - auch das tat Saldate nicht.
Stattdessen schloss er die Stahltür zum Flur, so dass Beamte, die draußen herumstanden, kein Wort hören konnten. Selbst seine Originalnotizen von dem Verhör, so Saldate später, habe er leider weggeworfen.
Doch drei Tage nach Debbies Vernehmung legte Saldate ein Gedächtnisprotokoll vor, nach dem sie den Mordauftrag gestanden habe: "Sie sagte mir, dass sie es tat, weil sie nicht wollte, dass Chris wird wie sein Vater."
Das habe sie Saldate so nie erzählt, verteidigte Debbie sich vor Gericht. Sie habe über den Jungen gesprochen. Und irgendwann habe sie wohl auch gesagt: "Ich wollte nie, dass Chris so wird wie sein Vater." Denn Christophers Vater war ein Rumtreiber und wegen Drogengeschichten im Knast. Aber deswegen lasse sie doch ihr Kind nicht umbringen.
Aber Saldate wusste, es braucht nicht unbedingt die Unterschrift eines Delinquenten unter dem Geständnis. In Arizona reicht das Wort des Sheriffs.
Debbie wurde zum Tode verurteilt - Saldate gewann die Wahl.
Gutachten von Polizeiexperten, die das Geständnis als "komponiert" bezeichneten, wischte die Richterin beiseite: Es handele sich um "unzulässige Beweismittel, weil sie auf die Meinung hinauslaufen, Polizist Saldate sei ein Lügner".
Gegen das Saldate-Protokoll kämpfte Janka all die Jahre durch die Instanzen. Erst jetzt kommt wieder ein bisschen Hoffnung auf: Vor vier Wochen hat ein Bundesgericht erstmals gestattet, die Personalakten von Saldate anzufordern. Vielleicht findet sich darin etwas, das die vom Gesetz gegebene Glaubwürdigkeit des Polizisten erschüttert.
Seither, sagt Debbies Mutter, habe ihre Tochter "wieder etwas Licht in den Augen". Und sollte Debbie irgendwann doch freigesprochen werden, wissen beide, was sie dann tun werden: "Sofort raus aus Amerika." CLEMENS HÖGES
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 44/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kette um den Bauch

Video 01:24

Gezeitenflut am Qiantang-Fluss Die perfekte, gefährliche Welle

  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste