30.10.2000

ABGEORDNETEErkan und die regen Würmer

Deutschlands meistumstrittenes Kunstobjekt, die Erd-Installation im Reichstag, stand unter Verdacht, Blut und Boden zu verherrlichen - Irrtum. KZ-Erde und Hanfsamen, Gorleben-Salz und Genmais fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Von Jochen Bölsche
Dunkel war''s, als die acht Vermummten nahten. Unter den Hieben ihrer Baseballschläger zersplitterten Fenster und Türen. Als die Stiefel der Eindringlinge die Treppe empordonnerten, konnten sich die Bewohner des ersten Stockwerks, vier Flüchtlinge aus Sierra Leone, nur noch durch einen Sprung aus dem Fenster retten.
Taghell war''s, als sich 16 Monate nach dem Skinhead-Überfall vom Mai 1999 eine ganz andere Gruppe dem Asylbewerberheim im niedersächsischen Kutenholz näherte. Mit Schaufel und Spaten füllten Dorfbewohner auf dem Gelände einen Zentner Mutterboden in zwei Jutesäcke. Viele trugen einen Button mit dem Slogan "Gegen Fremdenhass und Gewalt".
Ende vergangenen Monats deponierte die Initiatorin der Aktion, die promovierte Philosophin Margrit Wetzel, 50, die Krume aus Kutenholz an ihrem Bestimmungsort: in einem 21 mal 7 Meter großen Rechteck aus Robinienholz im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes zu Berlin.
Wie die Stader SPD-Abgeordnete haben rund 200 Parlamentarier ihren Beitrag zu dem wohl meistumstrittenen Kunstwerk der Berliner Republik geleistet: dem Vorhaben des Künstlers Hans Haacke, den Holztrog von den Bundestagsabgeordneten mit insgesamt 33 Tonnen Erde aus allen Wahlkreisen der Republik füllen und dann die Saat ungestört aufgehen zu lassen.
Der Bundestag hatte die Haacke-Installation im April lediglich mit einer hauchdünnen Zweistimmenmehrheit gebilligt. Das lag nicht zuletzt daran, dass der Künstler sein Objekt mit Hilfe von Leuchtbuchstaben "DER BEVÖLKERUNG" widmen wollte (also auch den derzeit 7,4 Millionen Nichtdeutschen im Lande) - statt lediglich
"DEM DEUTSCHEN VOLKE", dem der Reichstagsbau per bronzener Portikus-Inschrift seit 1916 zugedacht ist.
Haacke-Kritiker aus allen Lagern stießen sich zudem an der Idee, Erde als Gestaltungsmittel einzusetzen: Auf politische Korrektheit abonniert, unterstellten viele dem in New York lebenden Linken geradezu reflexhaft, er wolle mit seinem Werk an "Blubo" anknüpfen, wie der großdeutsche Volksmund einst die Blut-und-Boden-Schwiemelei der NSDAP bespöttelte.
Anstoß an der "durch die Nazis besetzten Erdkultsymbolik" nahmen nicht nur SPD-Mitglieder wie die Münchner Abgeordnete Hanna Wolf. Auch den Heidelberger FDP-Mann Dirk Niebel erinnerte der Trog "fatal an das Ritual der Olympischen Spiele von 1936, zu denen jeder deutsche Teilnehmer einen Klumpen Erde aus seinem Heimat-Gau anzuschleppen hatte".
Grünen-Politiker gingen, unisono mit der Union, gleichfalls auf Distanz zu Haacke. Antje Vollmer sprach vor dem Bundestag verächtlich von "Kitsch in Eimern", der schleswig-holsteinische CDU-Abgeordnete Michael von Schmude mokierte sich über "Biokitsch hoch drei".
Mittlerweile jedoch, gut sechs Wochen nach der so genannten primären Beschüttung des Trogs, lässt sich beurteilen, ob die Warnungen vor nationalem Schwulst und bräunlichem Pathos berechtigt waren. Und siehe da: Das Gegenteil ist der Fall.
Im Lichthof entsteht, Sack für Sack, etwas völlig anderes als befürchtet: ein Werk, wie es die Welt noch nicht gesehen hat - teils ernsthafter Ausdruck der von Kanzler Gerhard Schröder propagierten "Zivilgesellschaft", teils skurriler Auswuchs der deutschen Fun-Fun-Fun-Society 2000.
Wie bei "Big Brother" dokumentiert eine Live-Kamera das Gedeihen des Beetes. Aktuelle Fotos sind im Internet (www.derbevoelkerung.de) abrufbar.
Wie viele und welche der 669 Abgeordneten das Projekt aus welchen Motiven fördern und wer warum die Mitwirkung verweigert - die Antworten auf diese Fragen erlauben Rückschlüsse auf den geistigen wie moralischen Zustand des Landes. Schon scheint es, als entstehe im Berliner Sandkasten so etwas wie ein maßstabsgerechtes Modell der politischen Landschaft samt all ihrer Bös- und Gutmenschen, ihrer Witzbolde und Wichtigtuer.
Zu den Akteuren der ersten Stunde - noch ist der Rahmen des Beetes kaum zu einem Drittel gefüllt - zählen Politiker wie der SPD-Mann Peter Zumkley, der die Aktion geschickt zur Stammwählerpflege nutzte und die beiden 25-Kilo-Säcke, die jedem Abgeordneten zugestellt worden sind, mit Humus aus mehreren Laubenpieperkolonien in seinem Wahlkreis Hamburg-Wandsbek füllte - unter eifriger Mithilfe örtlicher Vereinsfunktionäre. "Kleingärtner", sagt Zumkley, "haben doch am meisten mit Erde zu tun."
Und da gibt es so tüchtige Genossinnen wie Waltraud Lehn aus dem nördlichen Ruhrgebiet, die ihrem Frachtgut für Berlin publikumswirksam Kohlebrocken beifügte, die sie selbst unter Tage abgebaut hatte. Mit der Gabe will sie, wie sie tief schürfend erklärte, "auf die Bedeutung der Steinkohle" für ihren Wahlkreis hinweisen.
Viele ihrer SPD-Kollegen nehmen die Erd-Arbeiten unterdessen zum Anlass, um wie die Staderin Wetzel ein "Zeichen gegen den Fremdenhass" zu setzen und mit der Saat der Gewaltlosigkeit ganz nebenbei den bösen Blubo-Verdacht ad absurdum zu führen. Wetzel lud zur Schüttaktion eigens den Algerier Kamil Abu-Mahfouz nach Berlin ein, den Ausländerbeauftragten der Stader Arbeiterwohlfahrt.
Der Hanauer Abgeordnete Bernd Reuter, gelernter Betonbauer, hat seine Säcke demonstrativ in Anwesenheit von Muharrem Caglayan, dem Vorsitzenden des lokalen Ausländerbeirats, gefüllt. Caglayan trug während der kleinen Zeremonie auf einem Bauhof die Erkenntnis bei, so bunt gemischt wie die Erde für Berlin sei auch die Bevölkerung Hessens.
Fraktionskollege Rainer Arnold aus Baden-Württemberg entdeckte in der schwäbischen Scholle, die er in Nürtingen einsackte, drei Würmer, die er zu "Botschaftern der Heimat" erklärte. Sogleich gab der Bevölkerungsvertreter den "regen Würmern" die typisch deutschen Vornamen Gabriele, Fritz und Erkan.
Arnolds Wurmtaufe war wie die meisten Buddelaktionen in den Wahlkreisen frei von jener "nicht mehr zu überbietenden Schwerstbedeutsamkeit", die ein Feuilletonist der "Welt" einigen Linken ankreidete - etwa der gestrengen Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin, die Humus am Grabe des Verfassungsvaters Carlo Schmid zusammenkratzte.
Zur Symbolistik neigen auch die Postkommunisten. Der thüringische PDS-Abgeordnete Carsten Hübner füllte seine Säcke im ehemaligen KZ Buchenwald, seine sächsische Kollegin Christine Ostrowski schaufelte auf dem Gelände der Dresdner Synagoge. Der Berliner Professor Heinrich Fink holte Erde aus Raben Steinfeld, einst Endstation der Todesmärsche aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück.
Inspiriert hat einige der PDS-Politiker womöglich das Beispiel des Parlamentspräsidenten Wolfgang Thierse. Der Rotbart hatte am 12. September den ersten Sack im Trog entleert und damit offiziell die so genannte partizipatorische Phase des Werkes (Haacke) eingeleitet. Sein Mitbringsel, exakt platziert neben den ö-Pünktchen der Neon-Lettern des Wortes BEVÖLKERUNG, stamme vom Jüdischen Friedhof in seinem Heimatkiez Prenzlauer Berg, verriet Thierse - und warf damit kritische Fragen auf.
Reporter der "Süddeutschen Zeitung", die flugs den Friedhof vis-à-vis von Thierses Schlafzimmerfenster inspizierten, fanden dort zwischen den Grabstellen ausschließlich asphaltierte Wege. Der Bundestagspräsident - ein Grabschänder? "Nein, nein, von den Gräbern, um Gottes willen, niemals", beteuerte ein Friedhofswärter den Rechercheuren und versicherte hoch und eilig: "Es war Kompost."
Thierses Initiative war ganz im Sinne des Künstlers Haacke, der seinen Trog bei der Erstbeschüttung abermals der Bevölkerung widmete - und speziell dem Mosambikaner Alberto Adriano, "der auch zur Bevölkerung gehörte". Der Familienvater war im Juni in Dessau von Neonazis zu Tode geprügelt worden.
Sonst aber erinnerte die Aktion bereits bei ihrem Start eher an ein Happening als an eine Feierstunde. Milde Heiterkeit kam auf, als Elke Leonhard, Ex-Vorsitzende des parlamentarischen Kulturausschusses, auf Highheels zum Pflanztrog stöckelte und ein Goldfischglas mit sieben Sorten vulkanischen Gesteins aus der Eifel leerte; jemand vom Bodenpersonal Gottes hatte die Lavabrocken zuvor gesegnet.
Andere Abgeordnete waren mit Säcken und mit Aktencontainern, Waschschüsseln und Tuppertöpfen erschienen, um heimische Erde aufs Beet rieseln zu lassen, versetzt mit Stroh und mit Parteiabzeichen, mit Dung und Sonnenblumenkernen. Am Rande kursierte der Herrenwitz, Feministinnen hätten bereits gegen die Widmung "Der Bevölkerung" protestiert: "Es muss doch ,Die Bevölkerung'' heißen."
Seit jenem Eröffnungstag hat sich der Slapstick-Charakter der Aktion von Woche zu Woche verstärkt. Helle Aufregung erfasste die Boulevardpresse, als Ende September zwei anonyme Koalitionsabgeordnete per Bekenneranruf bei SPIEGEL ONLINE kundtaten, sie hätten Hanfsamen der besonders wirkstoffreichen Sorte "Super Skunk" ins Beet gemischt.
Die "Bild"-Zeitung, die das Biotop zuvor als "Biokitsch" abgetan hatte, empörte sich nun scheinheilig: "Wer jubelte der heiligen Erde Hanfsamen unter?" Für die Unbedarften fügte das Blatt hinzu: "Hanf! Daraus könnte man Haschisch machen! Haschisch!"
Einen Zentner Salz aus einem Stollen am Nuklearlager Gorleben steuerte Hedi Wegener bei, SPD-Abgeordnete aus dem Lüneburgischen. Nachdem sie die weißen Kristalle in Form eines Kreuzes auf dem Beet verteilt hatte, konterte sie den Vorwurf, sie erschwere auf diese Weise die von Haacke gewünschte Spontanbegrünung: "Im atomaren Zwischenlager wächst schließlich auch nichts mehr."
Einen Eklat löste vorigen Monat die CSU-Abgeordnete und Gartenfreundin Renate Blank aus, als sie eine Schwertlilienknolle in die Berliner Scholle drückte. Die Schwarze mit dem grünen Daumen durchbrach damit einen von den CSU-Herren ausgerufenen Boykott.
Die Nürnbergerin, Obfrau ihrer Partei im Kunstbeirat des Parlaments, habe sich "selbst disqualifiziert", giftete CSU-Parlamentsgeschäftsführer Peter Ramsauer. Er selbst schwor, er werde eher "einen Sack Zement auf den Watzmann schleppen" als Wahlkreiserde nach Berlin.
Die meisten Unionspolitiker zeigen sich außer Stande, cool oder gar humorvoll auf Haackes Werk zu reagieren. "Scharlatanerie", "Unfug", "Verarscherei" - so grobes Vokabular bevorzugt CDU/CSU-Innenexperte Erwin Marschewski, wenn er in der Presse zu dem fremdenfreundlichen Projekt Stellung nimmt: "Auf Drecksäcke, die in einen Trog ausgeschüttet werden, kann der Bundestag doch wirklich verzichten."
Sein schleswig-holsteinischer Fraktionskollege von Schmude högte sich schon im Frühjahr: "Bestimmt wird die Schüssel bald voller Zigarettenkippen sein." Andere Unionsabgeordnete kündigten an, sie wollten die mit den Nationalfarben geschmückten Jutesäcke an den Absender retournieren (Fraktionschef Friedrich Merz) oder damit "ein Sackhüpfen im Wahlkreis" veranstalten (CSU-MdB Christian Schmidt).
Doch allmählich gehen der Union die Sackargumente aus. Der Blubo-Vorwurf jedenfalls hat sich als völlig abwegig erwiesen - schon deshalb, weil auf Grund der Boykottaufrufe von rechts überwiegend rosa und rote Erde ins Terrarium gelangt, versetzt mit Scholle von Stätten nationalsozialistischen Terrors.
Nicht ohne Neid registrieren CDU/CSU-Abgeordnete, welche Publicity der Sediment-Event selbst noch den blassesten Hinterbänklern aus der Regierungskoalition beschert.
Vielerorts wird in der Lokalpresse unter lebhafter Leserbeteiligung diskutiert, wo überall eine Handvoll Heimaterde für Berlin entnommen werden soll. "Selbst Obscht- und Gartenbauvereine habe mitgemacht", schwäbelt Baden-Württembergs neue SPD-Spitzenfrau Ute Vogt.
Hoch im Norden, am plattdeutschen Strand, verfolgte das Publikum voller Mitgefühl die Unbill, die der Plöner Abgeordnete Michael Bürsch erlitt, als er bei Möltenort an der Ostsee ein paar Schaufeln Sand für den Reichstag einsackte.
Die CDU-geführte Kreisverwaltung brummte dem SPD-Mann ein Bußgeld wegen Verstoßes gegen das Landeswassergesetz auf (SPIEGEL 41/2000), zog es dann aber vor, das unpopuläre Verfahren rasch niederzuschlagen. Landrat Volkram Gebel verfasste eine gereimte Einstellungsverfügung:
Das Gesetz haben wir nicht erdacht,
über uns wird zu Unrecht gelacht.
Der Bevölkerung zwei Säcke Sand
schadet nicht dem Möltenorter Strand.
Mancherorts starten sogar Kutschen, um Heimisches in die Hauptstadt zu karren. Und immer wieder rücken ganze Schulklassen mit Erde in Sack und Tasche bei ihrem Wahlkreisvertreter im Reichstag an.
"260 Bundestagsabgeordnete haben im April für das Kunstwerk gestimmt, 258 dagegen. Die 258 haben jetzt Pech. Denn die 260 haben einen Medienauftritt", beobachtete die "Berliner Zeitung". Im Übrigen erweise sich das zunächst belächelte Objekt nun "als eines der erfolgreichsten Kunstwerke in der Geschichte der Bundesrepublik": "Hans Haackes listenreiches Spiel mit den Medien und der öffentlichen Meinung ist grandios aufgegangen."
Kein Wunder, dass selbst eingefleischte Haacke-Kritiker mittlerweile darüber nachsinnen, wie sie selbst auch ein wenig von dem Pressewirbel profitieren können.
Der Berliner CDU-Abgeordnete Siegfried Helias streute, er habe statt Heimischem auch Erde aus anderen Ländern, darunter auch aus Österreich, für den Trog gesammelt. Die Mülheimer FDP-Frau Ulrike Flach kündigte an, sie werde aus Protest gegen die rot-grüne Koalition "genveränderten Mais" aussäen, "weil die Regierung diese neuen Techniken boykottiert".
Unterdessen ließ ihr Heidelberger Parteifreund Niebel demonstrativ einen Kanister Neckarwasser, "selbstverständlich aus meinem Wahlkreis", in den Trog plätschern. Niebels "Kunstbegießung" ("Der dabei zu Tage getretene braune Matsch sollte meine Kritik sichtbar machen") trug dem Liberalen jedoch den Ruch bodenlosen Banausentums ein: Die "FAZ" attestierte ihm "spätpubertäre Geschmacklosigkeit".
"Das ist das eigentlich Unwürdige und Beschämende an der Aktion: dass sie unter den gegnerischen Parlamentariern dumpfe, nach öffentlicher Aufmerksamkeit lechzende Ideen produziert", schrieb das liberalkonservative Blatt, das der Haacke-Aktion lange Zeit kritisch gegenübergestanden hatte, neuerdings aber zu der Ansicht tendiert, dass das Projekt schon "kein Kunstwerk mehr ist, sondern ein Denkmal": "Man mag es Indifferenz nennen, vielleicht auch Indolenz - Schwerfälligkeit und Trägheit -, dass Hans Haacke bislang so wenig Mitspieler zur Teilnahme an seinem Reichstagsprojekt animieren konnte."
Der Meinungsumschwung in der Öffentlichkeit hat den Oppositionstruppen bereits erste Bodenverluste beschert.
Er fühle sich dem Mehrheitswunsch der Bürger verpflichtet, erklärt der freidemokratische Haacke-Kritiker Jürgen Koppelin. Auch der baden-württembergische Christdemokrat Paul Laufs will trotz seiner Aversion gegen "Erdrituale" mitmachen, "sofern der Rems-Murr-Kreis ausdrücklich Wert darauf legt". Er wolle, so der Unionschrist, schließlich nicht als der "Bösewicht" dastehen, der es zu verantworten habe, dass am Ende sein Wahlkreis der einzige ohne Boden in Berlin ist.
Ein harter Kern von Haacke-Gegnern schart sich unterdessen erbitterter denn je um ein fragwürdiges Kampfargument: Das Bodendenkmal gründe nicht auf dem Boden der Grundordnung.
Das Werk "der Bevölkerung" zu widmen bedeute eine "Verneinung des deutschen Volkes", behauptet CSU-Ramsauer. "Das ist kein Kunstwerk, das ist politische Agitation", tönt CDU-Rechtsaußen Peter Kurt Würzbach.
Solchen Parolen halten liberale Unionsabgeordnete wie Rita Süssmuth das Argument entgegen, zwar gehe laut Grundgesetz alle Staatsgewalt "vom Volke" aus, zugleich aber garantiere die Verfassung sämtlichen Bewohnern des Bodens der Bundesrepublik, gleich welchen Blutes, den Schutz der Menschenrechte.
Auch die Nürnberger CSU-Dissidentin Blank kommt, wie sie Reportern eröffnete, mit der Haacke-Widmung ganz gut zurecht: "Ich bin vom deutschen Volk gewählt worden, aber der Bevölkerung verantwortlich. Das ist doch ganz einfach."
Was die Lilie betreffe, die sie ohne Genehmigung der Parteispitze in den Kunsttrog gepflanzt habe, folge sie allerdings einem ganz anderen Prinzip: "Ich vertrete meinen Garten."
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DER KÜNSTLER
Dem gebürtigen Kölner Hans Haacke, 64, gelingt es immer wieder, die Mächtigen mit seiner Prozesskunst zu provozieren. In seiner Wahlheimat New York etwa warnt seine Installation "Sanitation" (Hygiene) vor faschistoiden Tendenzen in der US-Kulturpolitik.
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DAS WERK
Haackes Berliner Projekt "DER BEVÖLKERUNG" wurde im April vom Bundestag mit 260 zu 258 Stimmen gebilligt. Der Holztrog mit Kiesbett und Neonschrift soll von den Abgeordneten mit 33 Tonnen Erde gefüllt und dann einer "Spontanbegrünung" ausgesetzt werden.
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DIE IDEE
Mit dem Schriftzug "DER BEVÖLKERUNG" will Haacke die Reichstags-Inschrift "DEM DEUTSCHEN VOLKE" und deren "möglicherweise nationalistisches Potenzial" konterkarieren und auf die Verantwortung der Politik auch für den nichtdeutschen Teil der Bevölkerung hinweisen.
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DIE KOSTEN
Für Haackes Kunst am Bau hat der Kunstbeirat des Bundestags 375 000 Mark vorgesehen. Die Kosten für den Erd-Transport aus den Wahlkreisen nach Berlin sollen die Abgeordneten tragen.
* "Primäre Beschüttung" am 12. September.
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 44/2000
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