30.10.2000

„Kröten im Garten der Dichtung“

Die kanadische Bestseller-Autorin Margaret Atwood über Schwestern, moralische Verantwortung in der Literatur, ihre Heimat und ihren neuen Roman „Der blinde Mörder“
SPIEGEL: Mrs. Atwood, Ihre neue Romanheldin Iris ist Mitte 80, älter als alle Hauptfiguren Ihres bisherigen Werks. Entdecken Sie jetzt die Altersweisheit?
Atwood: Nein, aber mit 20 wäre ich nicht in der Lage gewesen, über einen so alten Menschen zu schreiben. Ich hätte mir vielleicht einen Greis ausdenken können, aber der wäre eine Karikatur geworden: ein alter Mensch, so wie sich eine 20-Jährige ihn vorstellt.
SPIEGEL: In "Der blinde Mörder" graben Sie tief in der kanadischen Geschichte - die Greisin Iris entstammt einer kleinstädtischen Fabrikantendynastie, deren Entwicklung Sie detailliert erzählen*. Was fasziniert Sie an der Vergangenheit?
Atwood: Der Roman deckt ungefähr 140 Jahre ab. In Kanada hat Schriftstellerei immer etwas von Archäologie, weil sehr viel Geschichte verloren gegangen ist. Wenn man die Kleinstädte außerhalb von Toronto besucht, die vielleicht 200 Jahre alt sind, für kanadische Verhältnisse geradezu historisch, findet man vieles von dem, was ich darstelle. Man sieht prunkvolle alte Herrenhäuser, die heute in Bed-and-Breakfast-Quartiere oder schicke Ladenzeilen umgewandelt worden sind, und fragt sich: Warum stehen diese Villen hier? Wer hat sie erbaut? Woher kam das Geld? Und dann fängt man an herumzustochern und stößt auf die Geschichten untergegangener Dynastien.
SPIEGEL: Wollen Sie Ihren Landsleuten Nachhilfeunterricht in Geschichte geben?
Atwood: Nein, das sehe ich nicht als meine Aufgabe, und der Roman handelt auch nicht wirklich von der Historie. Aber man kann keine Greisin als Hauptfigur wählen, ohne Geschichte in ihrer Erzäh-
lung vorkommen zu lassen. Ein Roman kann nicht nur aus dem Innenleben seiner Heldin bestehen. Man kann erst begreifen, warum Menschen ihre Entscheidungen treffen, wenn man weiß, in welcher Beziehung sie zur Geschichte stehen.
SPIEGEL: Ihr Roman erzählt von Iris und ihrer Schwester Laura, einer bekannten Schriftstellerin, die sich als junge Frau umbringt. Iris schleppt Lauras Schatten durch ihr ganzes Leben mit. Haben Sie Erfahrungen mit Ihrer eigenen Schwester einfließen lassen?
Atwood: Bei mir gab es vorher schon in Kurzgeschichten ein paar Schwesternpaare. Aber das Verhältnis zwischen mir und meiner Schwester ist nicht wie das von Iris und Laura, denn unser Altersunterschied ist mit zwölf Jahren wesentlich größer. Außerdem lebt meine Schwester noch.
SPIEGEL: Sie waren schon ein Teenager, als Ihre Schwester gerade erst sprechen lernte. Wurden Sie als die Ältere da nicht zwangsläufig zur zweiten Mutter?
Atwood: Wir hatten so einiges miteinander zu klären, als wir erwachsen waren, auch die Frage: Wer war ihre richtige Mutter? Zum Glück haben wir das alles bewältigt. Aber in meinem Roman schreibe ich natürlich nicht über "Schwesternschaft" als abstraktes Thema. Ich schreibe über zwei konkrete Figuren, Iris und Laura, die zufällig Schwestern sind. Nun gut, ein Schwesternpaar unterscheidet sich vielleicht dadurch von einem Paar aus Bruder und Schwester, dass Schwestern stärker wie ein Spiegel füreinander sind: Jede kann in der anderen Aspekte ihres eigenen Charakters wiedererkennen. Zwei Schwestern sind wie zwei Katzen, nicht wie Katze und Hund.
SPIEGEL: Im "Blinden Mörder" schreibt Iris ihre Lebensgeschichte auf. Dabei fragt sie sich immer wieder: Warum schreibe ich eigentlich? Treibt diese Frage auch Sie als erfolgreiche Autorin noch um?
Atwood: Jeder Autor fragt sich das, und jeder hat eine andere Antwort. Samuel Beckett pflegte zu sagen: Ich tauge zu nichts anderem.
SPIEGEL: In Ihrem Fall trifft das nicht zu. Sie stehen in dem Ruf, unter anderem eine ausgezeichnete Gärtnerin und Kanutin zu sein.
Atwood: Jemand hat mal gesagt, ein Buch zu schreiben sei wie ein Boot zu rudern. Wenn man erst einmal auf hoher See ist, merkt man, dass man ein Galeerensklave ist und einfach weiter rudern muss.
SPIEGEL: Sie sind doch längst in den Hafen der Bestsellerliste gerudert. Warum schreiben Sie weiter, wenn es solche Sklavenarbeit ist?
Atwood: Das weiß ich nie so genau. Irgend etwas packt mich, und ich schreibe es auf. Aber es gibt keine kleine Stimme, die mir zuflüstert: Mach einfach weiter. Zu schreiben um des Schreibens willen ist unsinnig.
SPIEGEL: In Ihrem Eintrag im Abschluss-Jahrbuch der High School steht, Sie wollten den "großen kanadischen Roman" schreiben. War das ernst gemeint?
Atwood: Nein. Mein Freund Paul und ich haben alle Einträge in das Jahrbuch fabriziert und uns dabei kaputtgelacht.
SPIEGEL: Also war es der Versuch, den eigenen Ehrgeiz lächerlich zu machen?
Atwood: Es sollte nicht lächerlich wirken, sondern ironisch. Damals konnte man nur in Anführungszeichen vom "großen kanadischen Roman" sprechen, denn Kanada war noch zutiefst von einem Kolonialbewusstsein geprägt; es gab keinen solchen Roman, und die Vorstellung, es könnte einen geben, war irgendwie sonderbar.
SPIEGEL: Autoren aus anderen ehemaligen britischen Kolonien, etwa Salman Rushdie, gelten als Vertreter einer postkolonialen Literatur, die von den Rändern her gegen das ehemalige Empire anschreibt. Fühlen Sie sich auch als Außenseiterin?
Atwood: Bei Commonwealth-Konferenzen habe ich in der Tat immer wieder festgestellt, dass jemand aus meiner Generation viel mehr mit einem schwarzen Autor aus einem ehemals britisch regierten Karibik-Staat gemeinsam hat als mit einem Engländer oder auch Amerikaner. Und warum? Weil wir jeweils mit einem Bildungssystem groß geworden sind, das absolut nichts mit unserem Heimatland zu tun hatte. Außer ein paar Kinder- und Sachbuchautoren kannte ich praktisch keine kanadischen Schriftsteller, ehe ich aufs College ging.
SPIEGEL: Legen Sie deshalb bis heute so großen Wert darauf, als kanadische Autorin wahrgenommen zu werden?
Atwood: Ich bin Kanadierin. Warum soll ich das unterschlagen?
SPIEGEL: Viele US-Autoren beharren weit weniger auf ihrer Nationalität.
Atwood: Bei denen besteht nicht die Gefahr, dass man sie verwechselt. Mein Lebensgefährte Graeme Gibson stand eines Tages am Tresen einer Bar in Frankreich, als ein paar US-Soldaten hereinkamen. Sie unterhielten sich eine Weile miteinander, und dann fragten sie Graeme: Woher kommen Sie? Er ließ sie raten. England? Nein.
Australien? Nein. Sie haben es nicht herausgekriegt. Das ist der Punkt: Wenn man den Leuten nicht sagt, dass man aus Kanada stammt, kommen sie nicht drauf.
SPIEGEL: Verbittert Sie das?
Atwood: Nein, es ist sogar ein Vorteil für einen englischsprachigen Schriftsteller. Weil man quasi unsichtbar ist. Niemand sieht einen, aber man selbst sieht alle. Außerdem ist man als Kanadier aus der Schusslinie, was die gegenseitige Abneigung zwischen Briten und Amerikanern angeht. Kein Mensch hasst Kanada.
SPIEGEL: Haben Schriftsteller eine moralische Verpflichtung?
Atwood: Alle Autoren winden sich, wenn die Frage ihrer gesellschaftlichen Verantwortung aufkommt. Entweder kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass ein Schriftsteller solche moralischen Verpflichtungen hat, und sobald man das tut, bildet sich eine Schlange von hier bis nach New York - lauter Leute, die einem dringend mitteilen wollen, woraus diese Verpflichtungen bestehen. Und dann landet man bei einer Podiumsdiskussion. Meine Vorstellung der Hölle ist es, in einer ewigen Podiumsdiskussion zu schmoren.
SPIEGEL: Dann lieber Selbstverwirklichung?
Atwood: Einen Schriftsteller macht seine Fähigkeit aus, an die Echtheit der Kröten in einem erfundenen Garten zu glauben. So etwa hat es die amerikanische Lyrikerin Marianne Moore gesagt. Schriftsteller wie ich - lizensierte Lügner, die wahre Unwahrheiten erzählen müssen - sind diesen Kröten im Garten der Dichtung verpflichtet, wir müssen ihnen Zeit widmen und sie aufmerksam behandeln. Darin besteht unsere Verantwortung. Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Respektiere das Blatt Papier, es ist alles, was du hast.
SPIEGEL: Sollten Sie sich der L''art-pourl''art-Ideologie verschrieben haben?
Atwood: Man kann sich nur entscheiden zwischen den Podiumsdiskussionen und der L''art-pour-l''art-Ästhetik, die einen irgendwann zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Die meisten Autoren landen irgendwo dazwischen. Wo ich mich sehe, sage ich Ihnen sicher nicht. Wofür gibt es schließlich Literaturwissenschaftler? Sollen die doch ihre Spielchen spielen.
SPIEGEL: Trotzdem gelten Sie seit langem in Ihrer Heimat als moralische Instanz.
Atwood: Leider. In den Sechzigern und Siebzigern sollte ich immer als Stimme der Frau herhalten. Dahinter stand der Gedanke, dass es nur "die Frau" gibt, mit ganz großem F, und dass deshalb alles, was eine einzelne Frau sagt, zugleich für alle anderen gilt. Mir war damals schon klar, dass das Unfug ist, aber ich wurde immer als Verräterin hingestellt, wenn ich sagte, dass Frauen sehr unterschiedlich denken und leben.
SPIEGEL: Mrs. Atwood, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Margaret Atwood: "Der blinde Mörder". Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. Berlin Verlag, Berlin; 694 Seiten; 48 Mark. Das Gespräch führte die Redakteurin Susanne Weingarten. * "Die Geschichte der Dienerin" (1989, nach dem Roman "Der Report der Magd") mit Traci Lind (vorn).
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 44/2000
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