06.11.2000

STRAFJUSTIZ „Niemand setzt mich unter Druck“

Ein Verräter will Hans-Joachim Klein, der vor 25 Jahren die Opec-Konferenz überfallen hat, nicht sein. Und doch belastet er ehemalige Kampfgefährten. Dann verlässt ihn der Mut. Schließlich gibt er noch mehr preis. Von Gisela Friedrichsen
Vieles irritiert an diesem Angeklagten. Er macht seine Zuhörer erst einmal ratlos. Was soll das, was er hier vorbringt?
Er sieht schlecht aus. Grau und bitter das zerfurchte Gesicht. Oft presst er die Arme an den Körper, kriecht in eine dicke Jacke hinein wie in einen Panzer. Ein Mensch in seinem Kerker. Man findet nicht spontan Zugang zu ihm.
Am 21. Dezember 1975 hat er mit fünf anderen die Konferenz der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) in Wien überfallen. Drei Tote blieben zurück: ein Polizist, ein irakischer Sicherheitsbeamter und ein libyscher Opec-Mitarbeiter. Als einziger der Täter wurde er durch einen Bauchschuss schwer verletzt.
Die Teilnahme an jenem Überfall war seine erste und letzte Gewalttat. Das Bild des Verletzten ging damals um die Welt.
Im April 1977 schickte er dem römischen SPIEGEL-Korrespondenten seinen Revolver samt Munition, warnte in einem Brief vor Mordanschlägen gegen zwei jüdische Gemeindevorsteher in West-Berlin und Frankfurt und erklärte seinen Ausstieg aus der Terrorszene. Er sei "zwar nicht vom Saulus zum Paulus geworden. Aber vom Saulus zum wieder vernünftig politisch denkenden und handelnden Menschen".
Zu dieser Zeit galt er in der arabischen Welt als Held, der noch im Angesicht des Todes für die Palästinenser kämpfte. Ungeachtet dieses Ruhms stieg er aus.
Fast ein Vierteljahrhundert hat Hans-Joachim Klein, 52, anschließend in der Illegalität gelebt, die meiste Zeit in Frankreich. Mit einer Französin hat er zwei Kinder. Seine Tochter ist heute 18, der Sohn 14.
Ein echter Terrorist war er im Frankfurt der siebziger Jahre nicht lange, ein paar Monate allenfalls. So rasch und entschlossen wie er hat sich kaum einer seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen vom Terrorismus abgewandt. Er war der erste prominente Aussteiger. Ein Mann mit klarer Linie also?
Seit dem 17. Oktober wird ihm in Frankfurt am Main vor der 21. Strafkammer des Landgerichts der Prozess gemacht. Und dort ist nun ein Angeklagter zu erleben, der sich keineswegs eindeutig und gradlinig darstellt.
Das Gericht kennt natürlich Kleins Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit" von 1979, mit dem er Sympathisanten der Terrorszene zur Umkehr zu bewegen suchte. Darin kommt manche Beschwernis des Jungen aus desolaten Verhältnissen auf dem Weg in die linke Polit-Szene zur Sprache. Zum Beispiel: "Ich versuchte mich am Anfang zwei- oder dreimal in die laufenden Diskussionen einzubringen. Das geschah alles sehr hilflos, auch und vor allem, weil ich so große Artikulationsschwierigkeiten hatte und z. T. noch habe, und hastig, weil ich ungeheure Sprachhemmungen hatte, vor so vielen Genossen zu reden. Ich brauchte auch etwas Zeit, um auf das zu kommen, was ich ausdrücken/sagen wollte. Und nachdem einige Genossen anfingen zu lachen oder Aufhören! zu rufen, ließ ich mich mit feuerroter Birne - wegen der Blamage - wieder auf den Stuhl sinken und hielt künftig das Maul."
Der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke, 61, versucht, Klein bei der Schilderung seines Lebenswegs an diese früheren Äußerungen zu erinnern. Er baut eine Brücke. "Sie hatten doch keinerlei theoretische Kenntnisse wie die Studenten. Hatten Sie denn das Gefühl, mitreden zu können, oder eher, dass man Ihnen vorgab, was Sie denken sollten? Haben Sie überhaupt verstanden, worüber debattiert wurde? Hatten Sie nicht Minderwertigkeitsgefühle?"
"Nö", sagt Klein und betritt die Brücke nicht. Er habe damals angefangen, die "Frankfurter Rundschau" und den SPIEGEL zu lesen. Er habe sich informiert. Nur an Mitscherlichs Schriften habe er schwer zu kauen gehabt. Doch "zugehörig habe ich mich durchaus gefühlt".
Kleins Angaben nach der Festnahme in Frankreich haben dazu geführt, dass einer der einstigen Genossen, Rudolf Günter Schindler, 57, jetzt neben ihm auf der Anklagebank sitzt. Klein hat auch Sonja Suder als frühere Kampfgefährtin schwer belastet - er, der nie zu einem "Verräter" hatte werden wollen, wie er inbrünstig schrieb und sagte.
Auch in diesem Punkt weicht er in der Hauptverhandlung hinter das, was er vor der Polizei und Staatsanwaltschaft schon zu Protokoll gegeben hat, zurück. Er wisse allenfalls etwas vom Hörensagen.
Gehrke ist erstaunt: "Was hat diesen Wandel bewirkt? Haben Sie Angst? Fühlen Sie sich bedroht? Sie hatten das 'Verraten' doch eigentlich schon hinter sich, Sie hatten den Namen Schindler doch schon genannt, Sie kennen doch die Fragen! Sie haben sich mit Ihrer Vergangenheit länger und intensiver auseinander gesetzt als manch anderer!" "Niemand setzt mich unter Druck", ist die Antwort.
Klein bestreitet, mit der Tötung der drei Männer im Opec-Gebäude etwas zu tun gehabt zu haben. "Ich bin kein Mörder. Ich habe keinen Menschen umgebracht - nicht einmal auf einen geschossen."
Spätestens an dieser Stelle seiner Aussage stellt sich die Erinnerung an einen anderen "berühmten" Aussteiger aus der Terroristenszene ein: Peter-Jürgen Boock. Sein Schatten beschwert seitdem jeden Angeklagten, selbst den reuevollsten Aussteiger, der sich wegen linksterroristischer Straftaten vor Gericht verantworten muss. Boocks Schatten liegt auch auf Klein.
Boock sagte sich 1979 von der RAF, der Roten Armee Fraktion, los. Im Januar 1981 wurde er verhaftet. Im ersten Prozess in Stuttgart-Stammheim bestritt er, an Gewalttaten direkt beteiligt gewesen zu sein. Gleichwohl wurde er zu dreimal Lebenslang und zusätzlich 15 Jahren Haft verurteilt.
Dieses Urteil wurde im Strafmaß aufgehoben. Im zweiten Stammheimer Boock-Prozess wurde nur ein Lebenslang verhängt. In seinem Schlusswort sagte Boock: "Ich bin kein Mörder. Ich habe niemals auf einen Menschen geschossen. Ich war niemals dabei, als Menschen getötet wurden oder als auf sie geschossen worden ist."
In einer Erklärung von Häftlingen der RAF, die im Oktober 1988 in "Konkret" veröffentlicht wurde, hieß es: "Seine Geschichte ist ein hochgebauter Dom auf verlogenen Stelzen."
Das Bild von Boock wurde noch brüchiger, als im Zug der Wende RAF-Aussteiger, die in der ehemaligen DDR Unterschlupf gefunden hatten, auszusagen begannen. In dieser neuen Situation legte er im Frühjahr 1992 gegenüber der Bundesanwaltschaft eine "Lebensbeichte" ab: Er war an den Beschlüssen der RAF beteiligt. Er hat als eine von vier Personen an der Entführung von Hanns Martin Schleyer in Köln mitgewirkt - er war für einen nachgerückt, der nicht mittun wollte. Man wusste, dass das Attentat nur gelingen konnte, wenn alle Begleiter Schleyers erschossen würden.
Boock hat geschossen. Drei Polizisten und Schleyers Fahrer starben. Boock hat das Fluchtfahrzeug gefahren und Schleyer später bewacht.
In "Konkret" wurde Boock auch ein "moralisch leerer Mensch" genannt. Und seine Ex-Ehefrau schrieb: "Typ, du hast ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit."
Boock lebt heute in Freiheit, in im besten Sinn geordneten Verhältnissen. Wie Klein hatte er eine desolate Kindheit und Jugend hinter sich, als er den Weg in den Terrorismus beschritt. Seine verkrüppelte Biografie entlastet ihn nicht, sie macht aber seinen Umgang mit der Wahrheit verständlicher. Im Zwang von Erziehungsheimen erfuhr er die Prägungen, die ihn erst so spät sprechen ließen. Im Heim hatte er gelernt, sich herauszuschwindeln. Er hatte gelernt, wie man sich verstellen kann, wenn man nicht an den nächsten Tag denkt, sondern nur an den Augenblick.
Auch Boock hat, als er sich öffentlich lossagte, keine Namen preisgegeben. Sein Ausstieg und dieses Schweigen wurden rasch zu einem Bild besonderer Gnadenwürdigkeit stilisiert. Ob er vielleicht mehr zu bereuen hatte, hat keiner derer, die sich für ihn einsetzten, drängend gefragt.
Boock konnte der Versuchung des Bildes, das man über ihn stülpte, nicht widerstehen. Er war ein Niemand gewesen. Erst die Straftaten hatten etwas aus ihm gemacht. Nun genoss er plötzlich Respekt und Unterstützung.
Sein taktischer Umgang mit der Wahrheit erschien immer wie ein schnurgerader Weg. Er fuhr nicht Kurven wie Klein. Er ist intelligenter, geschickt und wortgewandt. Er muss nicht, wie Klein, von sich sagen: "Ich hab meine Grenzen mit dem Intellekt." Boock spielte perfekt den Idealmenschen, der sich ehrlich aus den Verstrickungen des Terrorismus gelöst hat und es verdient, dass man ihm die Chance einer Rückkehr gewährt.
Klein ist dieses Talent nicht gegeben. Er ist auch nicht so beweglich, einen schnurgeraden Weg einhalten zu können. Was ihn so schwer zugänglich und widersprüchlich wirken lässt - es ist dieser kurvenreiche, steinige Weg von einer Wahrheit zur nächsten. Das ist nicht Taktik.
Kleins Mutter hat sich drei Monate nach der Geburt des Kindes umgebracht. Sie erschoss sich zu Hause mit der Dienstwaffe des Vaters, der Polizeibeamter war. Im Krieg hatte man sie wegen "Rassenschande" ins KZ Ravensbrück gesperrt. Der unterernährte Junge kam ins Krankenhaus, ins Heim, dann zu einer Pflegefamilie. Das war wohl noch die beste Zeit im Leben des Hans-Joachim Klein. Dann heiratete der Vater wieder und nahm den Sohn zu sich.
"Sie wollten wohl lieber bei Ihrer Pflegemutter bleiben", sagt der Vorsitzende. "Meinen Sie, dass ich gefragt wurde?", antwortet Klein. Es waren die fünfziger Jahre. Da wurden Kinder nicht gefragt.
Es ging von Beginn an schief. Der Junge rannte von zu Hause weg, er wollte in ein Erziehungsheim. Diesen Jungen hat niemand lieb gehabt.
Er beginnt eine Lehre als Automechaniker. Eine kurze Jugendstrafe wegen Beteiligung an Autodiebstählen. Es wird ihm ein Job in einer Gaststätte im Frankfurter Westend vermittelt, wo die linke Szene verkehrt. Er sperrt die Ohren auf. Worüber da geredet wird!
Er geht zu Teach-ins, zu Demonstrationen. Er liest Flugblätter. Er lernt "Straßenkämpfer" und "Hausbesetzer" kennen und die Rote Hilfe, die gegen die Hochsicherheitstrakte in den Gefängnissen kämpft. Er, der sich so schwer tut mit dem Reden, bewundert die Cohn-Bendits und Joschkas. Wenn der heutige Bundesaußenminister über diese Zeiten damals in Frankfurt spricht, klingt das so: "Im Übrigen habe ich nie bestritten, dass ich fast zehn Jahre lang auch unter Einsatz von Gewalt die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik umstürzen wollte. Wir haben uns nicht an die Regeln des Strafgesetzbuchs gehalten. Zu dieser Zeit wurde manchmal sehr wild geredet ..."
Der Tod von Holger Meins, der im Gefängnis verhungerte, ist für Klein wie für viele andere eine Zäsur. Als er von Mitgliedern der "Revolutionären Zellen" angesprochen wird, ist er außer Stande, die Situation intellektuell zu bewältigen. Er lässt sich anwerben. Anders der Bundesaußenminister: "... von dieser Phase revolutionärer Politik haben wir uns abgewandt, weil wir erkannt hatten, dass sie letztendlich in den Terrorismus führt."
Nennt Klein die Namen Schindler und Suder heute, weil diese es waren - zusammen mit anderen, die inzwischen tot sind -, die ihn damals in den Untergrund lockten? Nachdem er ausgewichen ist und abgeschwächt hat, lässt er seine Anwälte vor Gericht eine Erklärung verlesen, die noch über das hinausgeht, was er der Staatsanwaltschaft gesagt hat: Er habe Schindler in Wien nicht nur "mit Sicherheit" gesehen, sondern sich mit ihm auch in Cafés getroffen, um Details über das Innere des Opec-Gebäudes zu erfahren. Taktisch unklug? Er hat keine Taktik. Ihn prägen die Spuren des Eingesperrtseins in der Illegalität.
Hat er in Wien auf Menschen geschossen? Viele Zeugen von damals leben nicht mehr, andere wollen nicht nach Frankfurt kommen. Einer, damals Chauffeur für die Opec, weiß noch, dass ein maskierter Täter, Klein war als Einziger vermummt, "wie narrisch" um sich geschossen habe. Ob jemand getroffen wurde? Das weiß er nicht.
"Carlos", seinerzeit Anführer des Kommandos und zu Lebenslang verurteilt, wird kommissarisch vernommen werden, Paris will kein Risiko beim Transport eingehen. Was wird er aussagen? Er wird den "Verräter" um jeden Preis belasten wollen.
Spuren vom Tatort? Zusammen mit dem Erkennungsdienst, so berichtet ein Hofrat a. D., damals Einsatzleiter der Polizei, sei ein Putzgeschwader der Opec eingetroffen. "Wir standen da auf verlorenem Posten."
Und sonst? Der Mitangeklagte: Die "FAZ" berichtete über einen Entlastungszeugen, der belegen soll, dass Schindler Opfer einer Verwechslung sei. Ob diese Hoffnung der Verteidiger Schindlers, Hans Wolfgang Euler und Hans-Jürgen Fischer (E-Mail-Adresse: eulenfisch@aol.com), aufgeht? Sie bezweifeln massiv Kleins Glaubwürdigkeit. Für die aber steht gelassen die Klein-Verteidigung, Eberhard Kempf und Eva Dannenfeldt.
Klein, dieser Angeklagte aus einer Gespensterwelt, in der es noch Verräter gab, heute outet man sich in einer Talkshow, hat sich ehrlich aus den Verstrickungen des Terrorismus gelöst. "Für zehn Minuten Opec hab ich mein ganzes weiteres Leben ruiniert", resümiert er. Die drei Toten sind in seinem isolierten Leben immer größer, immer mächtiger geworden. Sie haben Besitz von ihm genommen.
Stationen im Leben von Hans-Joachim Klein
1947 in Frankfurt am Main geboren
1974 erster Kontakt zu den "Revolutionären Zellen"
1975 Überfall auf die Opec-Konferenz in Wien mit drei Todesopfern
1977 Brief an den SPIEGEL, öffentliche Absage an den Terrorismus, seitdem auf der Flucht vor Polizei und ehemaligen Gesinnungsgenossen
1979 Buchveröffentlichung "Rückkehr in die Menschlichkeit"
1998 Festnahme in Frankreich
1999 Auslieferung nach Deutschland
Von Friedrichsen, Gisela

DER SPIEGEL 45/2000
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