06.11.2000

FREIWILLIGEPflege der Seele

Das Ehrenamt kommt zu neuen Ehren. In seiner „zivilen Bürgergesellschaft“ will Kanzler Schröder die Deutschen zu mehr gemeinnützigem Engagement bewegen - und damit den Staat entlasten. Doch eine junge Generation von freiwilligen Helfern will vor allem Spaß und Selbstverwirklichung.
Die Dame hatte es sehr eilig. Ob er für sie nicht "ein paar Ehrenämter" parat habe, wollte die Besucherin von Heinz Janning wissen. Bevor der Chef der Bremer Freiwilligenagentur sie nach ihren genauen Vorstellungen fragen konnte, fügte die Besucherin seufzend hinzu: "Egal was, nur möglichst schnell. Mein Mann geht in den Vorruhestand."
Thorsten Kreßner, 31, studiert in Leipzig Bauingenieurwesen und arbeitet nebenbei in einem Architekturbüro oder auch mal auf einer Baustelle - doch sein dritter Job fällt aus dem Rahmen. Er hilft ehrenamtlich
auf Kinderfesten, bastelt und singt, malt und turnt mit den Kleinen. "Schön und so lebendig" sei das, sagt er zur Begründung. "Da bleibt man ein bisschen Kind."
Regina Hennicke, 63, war nach 40 Arbeitsjahren in eine tiefe Sinnkrise geraten, als sie gleich nach der Wende ihre Stelle im Archiv des Zentralinstituts für Schweißtechnik in Halle verloren hatte. Bei den "Grünen Damen" der Evangelischen Krankenhaushilfe fand die Frührentnerin wieder eine Lebensaufgabe.
Die "Grünen Damen", die ihren Namen von der Farbe der Kittel haben, die sie während ihres Einsatzes tragen, besuchen ehrenamtlich schwer Kranke. Hennicke geht einmal in der Woche in ein Krankenhaus. Manchmal liest sie den Patienten vor, meist aber setzt sie sich einfach ans Krankenbett und fragt: "Möchten Sie reden?"
Unentgeltliche Helfer wie diese sind in der Bundesrepublik derzeit eine gefragte Spezies. Seit Politiker landauf, landab das freiwillige Engagement in der "Bürgergesellschaft" preisen, gelten die unentgeltlichen Helfer als eine Art Allheilmittel gegen diverse Leiden im vereinten Deutschland.
Rechtsradikale Anschläge? Die Bürgergesellschaft ist gefordert. Hohe Arbeitslosenzahlen und überlastete Sozialkassen? Die Bürgergesellschaft soll es richten. "Große Kräfte", glaubt der CDU-Fraktionschef in Baden-Württemberg, Günther Oettinger, werde die Bürgergesellschaft freisetzen, weil Freiwillige "die Staatsquote zurückdrängen und den Sozialstaat effektiver gestalten" könnten. Eine "riesige schlafende Ressource" hat auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) ausgemacht.
Bei Gerhard Schröder heißt die neue Wunderwaffe "zivile Bürgergesellschaft", und der Kanzler glaubt, sie könne helfen, in der globalisierten Welt die "Zivilisierung des Wandels" zu schaffen. Im wild wuchernden Medizinbetrieb beispielsweise möchte der Regierungschef die zivile Bürgergesellschaft künftig zum Wohle aller wirken lassen: "Ohne finanzielle, geistige und in diesem Fall buchstäblich körperliche Selbstbeteiligung der Versicherten", so Sozialdemokrat Schröder, sei das Gesundheitswesen nicht mehr vorstellbar. Gefordert sei "mehr Eigenverantwortung, die zu Gemeinwohl führt".
Die Grünen planen, den zivilen Wehrersatzdienst in eine Art Freiwilligenhilfsdienst umzuwandeln, da beim absehbaren Schrumpfen der Wehrpflichtigenarmee auch das Heer der Verweigerer nicht mehr in alter Stärke zum zivilen Einsatz bereitstehen könnte - ohne solche Helfer droht zahlreichen Sozialdiensten der Zusammenbruch.
Doch mit drängenden Worten von oben oder institutionalisierten Freiwilligenjahren ist die neue Generation von Ehrenamtlichen nicht zu motivieren. Appelle nach dem Motto "also Kinder, ihr müsst euch mehr engagieren" rühren ihn "nun gerade nicht", sagt Medizinstudent Benjamin Marcus, 23, der in Berlin zusammen mit Freunden Angebote für freiwilliges Engagement übers Internet verbreitet.
"Man müsste, man sollte - das bringt doch gar nichts", glaubt auch der Hallenser Bankangestellte Michael Schnell, 28. "Der Entschluss muss von innen kommen." Einfach "mal kreativ sein" möchte Steffen Kicinski, 37, der ehrenamtlich für ein Hallenser Kinderfreitzeitprojekt kocht.
Vorbei sind die Zeiten, als unbezahlte Helfer, angetrieben von christlichem Pflichtgefühl oder sozialdemokratischer Arbeitersolidarität, jahrzehntelang mit bedingungsloser Hingabe auf ihrem einmal eingenommenen ehrenamtlichen Posten ausharrten.
Wer sich heute engagiert, will nicht als Ausputzer irgendwo hingeschickt werden, wo sich der Sozialstaat gerade zu verabschieden droht, sondern will selbst entscheiden, was er wo wie lange macht. Freiwilliges Engagement, so der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp, müsse "den Menschen etwas bringen: Sinn oder Lebensfreude - am besten beides".
Der unentgeltliche Einsatz ist von einer selbstlosen Tat zu einem klar benannten Tauschgeschäft geworden. Die Engagierten des 21. Jahrhunderts spenden Zeit und erwarten dafür eine Gegenleistung: neue Bekanntschaften zum Beispiel oder zusätzliche Qualifikationen. Ausgesucht wird, was den eigenen Bedürfnissen am ehesten entspricht. Das sei "wie beim Verkaufen", findet Banker Schnell. "Man muss einfach sagen, okay, das ist freiwillige Arbeit, und das sind eure Vorteile, ganz klar."
Rund ein Drittel der Bundesbürger ab 14 Jahre engagiert sich derzeit ehrenamtlich - in der Freiwilligen Feuerwehr oder bei einer Armentafel, als ehrenamtliche Oma oder als Baumpfleger. Das ergab im vergangenen Jahr eine repräsentative Erhebung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Ein weiteres Viertel der Deutschen könnte sich danach vorstellen, in Zukunft irgendwo ohne Lohn mitzuhelfen.
Auch die Jungen, fand das Münchner Sozialforschungsinstitut Infratest Burke heraus, sind besser als ihr Ruf. Mit 37 Prozent liegt der Anteil der 14- bis 24-Jährigen sogar noch über dem Durchschnitt.
Bei den Jugendlichen zeigt sich jedoch mehr noch als bei den Älteren, wie sehr sich die Motive für das freiwillige Engagement gewandelt haben. Zu Beginn der neunziger Jahre hatten die Wissenschaftler der Shell-Jugendstudie die Engagement-Bereitschaft der Nachwachsenden noch so beschrieben: "Soziale Bewegungen ja, aber ohne mich."
Zehn Jahre später ist das Misstrauen gegen traditionelle Verbände und politische Parteien mit ihren hierarchischen Strukturen geblieben. "Die alte Haltung", so Sozialforscher Keupp, "sich für alles und jedes moralisch verantwortlich zu fühlen, hat sich überlebt."
Aber auch auf viele Ältere hat das traditionelle Ehrenamt mit seinem Verzicht-Image eine abschreckende Wirkung. "Davor hat man vielleicht Respekt, aber mit einem selbst soll es möglichst nichts zu tun haben", sagt der Bremer Freiwilligenagenturchef Janning.
Vor allem "Spaß" erwarten die modernen Helfer von ihrem Einsatz, fanden die Befrager von Infratest Burke heraus. Ein Wunsch, den die Ehrenamtlichen alten Schlages nicht einmal zu denken, geschweige denn zu formulieren gewagt hätten.
Rund hundert Ehrenamtliche arbeiten zum Beispiel im Bremerhavener "Lotte-Lemke-Haus" - zehn Helfer mehr, als die Einrichtung angestellte Mitarbeiter hat. Sie machen mit den Hausbewohnern Spaziergänge, kaufen mit ihnen ein, lesen ihnen vor oder bedienen sie im heimeigenen "Café Sammeltasse". Nur für die reguläre Pflege sind sie nicht zuständig.
"Wir pflegen Ihre Seele", lautet ihr Leitspruch, und alles, was nach Pflicht aussieht, ist strikt tabu. "Freiwillige", sagt Alice Fröhlich, die den Dienst aufbaute, "müssen gar nichts. Sie können, wenn sie wollen." In der Praxis heißt das, wenn jemand am Montag feststellt, dass er überhaupt keine Lust hat, den vereinbarten Termin am Mittwoch einzuhalten - ein Anruf genügt.
"Freiwillige kommen freiwillig, die gehören nicht in Dienstpläne", betont die Ehrenamtsmanagerin und hält den nur auf den ersten Blick schlichten Grundsatz auch dann konsequent aufrecht, wenn bei personellen Engpässen im Pflegedienst die Versuchung übergroß ist, die kostenlosen Helfer doch mal schnell in den regulären Dienst mit einzubeziehen.
Bei der Berliner Telefonseelsorge werden die verzweifelten Anrufer von mehr als 130 Freiwilligen getröstet und beraten. Die meisten Helfer sind berufstätig. Fotografen sind darunter und Lehrer, Elektriker und Verwaltungsangestellte. Der Einsatz ist hart, täglich werden bis zu 60 Gespräche geführt, auch auf anstrengende Nachtschichten müssen sich die Ehrenamtlichen einrichten.
Dennoch hat die kirchliche Einrichtung in Berlin Jahr für Jahr mehr Bewerber, als sie unterbringen kann. In den telefonischen Seelsorgediensten anderer Städte ist es ebenso.
Der Grund für den Ansturm: Der telefonische Trostdienst bietet seinen freiwilligen Mitarbeitern kostenlos eine gründliche Ausbildung in Gesprächsführung. "Die kriegen etwas Tolles", sagt Elfriede Weißbach von der Berliner Telefonseelsorge, "und sie wissen, dass sie damit etwas anfangen können" - beruflich und privat.
Besonders bei 20- bis Mitte-30-Jährigen hat Carola Schaaf-Derichs von der Berliner Freiwilligenagentur "Treffpunkt Hilfsbereitschaft" seit vier Jahren den "durchgängigen Trend" ausgemacht, "sich über ein freiwilliges Engagement zusätzliche Lern-, Kontakt- und Qualifizierungsmöglichkeiten" zu erschließen.
Der Berliner Treffpunkt, der seit 1988 existiert, gehört mit der Münchner Agentur "Tatendrang" zu den ältesten Freiwilligenagenturen in Deutschland. Finanziert wird das Projekt, in dem vier Mitarbeiterinnen beschäftigt sind, vom Berliner Senat. Pro Jahr vermittelt die Agentur rund 400 Interessierte.
Als der Treffpunkt eine Statistik seiner Klientel aufstellte, fiel besonders ein Trend auf: Fast 60 Prozent derjenigen, die 1999 in einen Freiwilligenjob vermittelt wurden, waren Alleinstehende. Viele Frauen über 50, Männer quer durch alle Altersklassen; Berufstätige und Rentner, Studenten und Arbeitslose - Großstadtsingles auf der Suche nach "Wahlverwandtschaft", sagt Carola Schaaf-Derichs.
Unter den möglichen Interessenten sind es besonders die Arbeitslosen, die sich mit dem freiwilligen Engagement schwer tun. Nach Paragraf 118 des Arbeitsförderungsgesetzes dürfen sie sich pro Monat nicht mehr als 14 Stunden einem freiwilligen Engagement widmen.
Aber nicht nur die gesetzlichen Restriktionen halten viele Erwerbslose vom unentgeltlichen Helferjob ab. "Die meisten", weiß Agenturgeschäftsführer Janning, "trauen sich nicht."
Wer sich zum freiwilligen Engagement entschließt, hat Janning gelernt, "der muss Selbstbewusstsein haben". Die meisten Arbeitslosen aber können gerade damit nicht dienen.
In den Niederlanden, wo der Einsatz von Freiwilligen ebenso wie in Großbritannien und den USA eine lange Tradition hat, wird deshalb um Erwerbslose ganz besonders geworben - vor allem, um sie aus dem gesellschaftlichen Abseits zu holen.
"Leute mit guter Ausbildung und guter gesellschaftlicher Position können ganz leicht dabei sein", sagt Henk Kinds, der in Amsterdam eine international tätige Beratungsfirma für den Einsatz von Freiwilligen hat. Wichtiger sei es deshalb, bei Menschen "mit schlechter Ausbildung und ohne Arbeit" Begeisterung für freiwilliges Engagement zu wecken, "damit sie mitmachen in der Gesellschaft".
Dafür gibt es im westlichen Nachbarland rund 150 Freiwilligenzentralen, in denen eigens dafür ausgebildete Profis mit den Interessierten nach einem passenden Helferjob suchen. Viele Berater sitzen zentral im Rathaus, finanziert werden sie meistens von den Kommunen.
Begonnen hat der Ausbau des niederländischen Freiwilligensektors Anfang der achtziger Jahre. Holland hatte eine schwere Wirtschaftskrise. Die Sozialkassen konnten, wie heute in Deutschland, die Lasten kaum noch bezahlen. Der Wohlfahrtsstaat wurde zurückgefahren, an die Stelle von Vollzeitjobs traten vielerorts Teilzeitangebote. Freiwillige, so schien es, sollten als Lückenbüßer benutzt werden.
Mittlerweile sei die Sorge, die freiwillig Engagierten könnten bezahlte Jobs killen, in den Niederlanden kein Thema mehr, sagt Experte Kinds. "Es braucht keine Verdrängung zu sein, wenn man das gut regelt." Voraussetzung sei, dass die Freiwilligen nur solche Aufgaben übernähmen, zu denen angestellte Profis keine Zeit hätten.
Um das sicherzustellen, gibt es in Holland inzwischen einen neuen Berufsstand, den "Freiwilligenmanager". Er wird von Vereinen, Heimen oder Hilfsorganisationen eingestellt, um den Einsatz der kostenlosen Helfer zu regeln und deren Interessen zu wahren.
Bei der niederländischen Wohlfahrtsorganisation "Humanitas" beispielsweise sind 150 bezahlte Mitarbeiter für die Ehrenamtlichen zuständig. "In Holland", sagt der Bremer Agenturchef Janning, "wird unheimlich viel Geld in die Förderung des Freiwilligensektors gepumpt."
Aktivisten in Deutschland können davon nur träumen. Hier gibt es bisher nur vier Freiwilligenagenturen, die von den großen Wohlfahrtsverbänden unabhängig sind und deren Finanzierung wenigstens einigermaßen gesichert ist. Die Ende 1997 von der damaligen Familienministerin Claudia Nolte (CDU) gegründete Stiftung "Bürger für Bürger", die als bundesweite Lobby für Freiwilligenengagement gedacht war, dämmert inzwischen ohne finanzielle Ausstattung vor sich hin. Nolte-Nachfolgerin Christine Bergmann (SPD) mochte den Zuschuss von jährlich 800 000 Mark nicht mehr bezahlen.
"Wir bekommen viel Sympathie, in der ganzen Republik, auf allen Ebenen", sagt Janning, aber wenn es dann ums Geld gehe, sei davon meist nichts mehr zu spüren.
Eine Erfahrung, die auch viele kleine Initiativen machen, die sich im Osten des Landes couragiert gegen rechte Gewalt stemmen.
Etwa das "Netzwerk für Demokratische Kultur" im sächsischen Wurzen. Wenn die jugendlichen Initiatoren für eine Informationsveranstaltung einen Raum suchen, findet sich in der Stadtverwaltung meist niemand, der für die Raumvergabe zuständig sein will. "Wir werden", so Netzwerk-Mitglied Frank Schubert, 22, "von einer Person zur anderen geschickt." Findet sich schließlich doch eine Möglichkeit, so kann es vorkommen, dass der zuständige Amtsleiter 450 Mark Miete von den jungen Ehrenamtlichen verlangt.
So wenig konkrete Hilfe die Freiwilligen manchmal vom Staat erwarten können, so stark ist der Widerstand von Gewerkschaftern und Arbeitnehmern; die verdächtigen die unentgeltlichen Dienstleister, sie würden ihnen die Jobs wegnehmen.
Wie groß die Angst davor ist, musste jüngst Olaf Ebert von der Freiwilligenagentur in Halle erfahren. Der gelernte Pädagoge, der seit Juli 1999 Helfer vermittelt, hatte vor Teilnehmerinnen eines Umschulungskurses über seine Arbeit berichtet.
Die Damen mittleren Alters lauschten interessiert - bis ihnen Ebert eine Liste mit Ehrenamtsangeboten präsentierte. Gesucht wurde dort unter anderem ein "Hausmeister in einem Sportverein" - für die Kursteilnehmerinnen ein klarer Fall von Arbeitsplatzvernichtung. Sie protestierten lautstark.
Vergeblich versuchte Ebert ihnen zu erklären, dass es sich bei dem vermeintlichen Hausmeisterposten nur um einen Helfer für vier Stunden die Woche handele. Seine aufgebrachten Zuhörerinnen, allesamt Langzeitarbeitslose, waren nicht mehr zu beruhigen. Der Rest des Vortrags ging in ihren Beschimpfungen unter. "Wenn wir uns nicht klar genug abgrenzen", hat Ebert aus der turbulenten Sitzung gelernt, "geraten wir in Teufels Küche."
Wie jugendlicher Helfer-Elan irgendwo zwischen bürokratischem Beharrungsvermögen und ängstlicher Abwehr der Beschäftigten versickern kann, damit hat Daniel Friedrich, 21, einschlägige Erfahrung gemacht. Der Psychologiestudent hatte vor einigen Jahren die Idee, in einer Kinderpsychiatrie ehrenamtlich Theateraufführungen anzubieten.
Nach einigem Suchen fand er eine Einrichtung, die sich seinen Plan anhörte und ihn vier Wochen später zum Vorstellungsgespräch bat. Der zuständige Mitarbeiter war begeistert, alles schien nach Monaten des Suchens und Verhandelns endlich geklärt - bis ihm die Organisation einige Zeit später lapidar mitteilte, mit Ehrenamtlichen arbeite man grundsätzlich nicht zusammen.
Aus dem "Frusterlebnis" hat Daniel zusammen mit Medizinstudent Benjamin Marcus und anderen Freunden die Konsequenz gezogen, in der Freizeit telefonisch Angebote für Freiwillige zu sammeln und auf einer eigenen Internet-Seite (www.ehrenamtlich.de) zu präsentieren.
Inzwischen teilen auch die anderen in der Gruppe seine Erfahrung, dass gute Ideen in sozialen Einrichtungen längst nicht immer gut ankommen. "Viele Organisationen", sagt Valentin Zacharias, "wissen gar nicht, welche Helfer sie brauchen, und dann ist ihnen der Aufwand zu groß, das herauszufinden."
In Deutschland, hat auch der Amsterdamer Experte Kinds festgestellt, "gibt es zwar viele und rasche Veränderungen im Denken über das Ehrenamt, aber ebenso viele Probleme, die Ergebnisse in die Praxis umzusetzen".
Der Bremer Geschäftsführer Janning berät deshalb auch Organisationen, wie sie für Freiwillige attraktiver werden können. Zu seinen Kunden zählen Kinderheime oder Behinderteneinrichtungen, aber auch Verbände wie die Arbeiterwohlfahrt (Awo).
Wie viele große Sozialorganisationen mit ihren traditionellen Milieus, kämpft die Awo seit Jahren mit Nachwuchsproblemen. In vielen Ortsvereinen liegt das Durchschnittsalter der Mitglieder bei über 60 Jahren, mancherorts haben die Awo-Aktivisten selbst die 70 schon überschritten.
Natürlich ist diesen Veteranen des Ehrenamts nur schwer begreiflich zu machen, dass da Neue kommen, die, statt sich anzupassen, eigene Ideen durchsetzen wollen. Die nicht von Hilfsbereitschaft reden, sondern von Selbstverwirklichung. Die kein Mitgliedsbuch wollen und stattdessen gleich nach ihrem Auftauchen klarstellen, wie viel Zeit sie haben.
Manchmal, sagt Projektleiter Ludwig Pott, der bei der Awo fürs Ehrenamtliche zuständig ist, beginne der innerverbandliche Kulturkampf schon bei der Sitzord-
nung. Vor einiger Zeit habe er bei einem Ortsverein eine Diskussion moderiert, zu der auch, "o Wunder, zwei neue Gesichter" erschienen waren.
Doch die Freude über den Zuwachs legte sich bald, als Pott beobachtete, wie der Informationsabend für die beiden Neulinge zu einer ständigen "Sitzprobe" wurde. Kaum hatten sie sich irgendwo niedergelassen, wurden sie wieder hochgescheucht, weil sie den Stammplatz irgendeines Alteingesessenen erwischt hatten. "Ich möchte ja nicht wissen", sagt Pott, "was die hinterher erzählt haben."
Vor knapp drei Jahren hat der Awo-Mann deshalb damit begonnen, gestandene Haupt- und Ehrenamtliche auf die neue Zeit einzuschwören. In einem dicken Handbuch werden ihnen Tipps präsentiert, wie mit den Freiwilligen "behutsam und pfleglich" umzugehen ist - angereichert mit Beispielen, wer in welchem Regionalbüro schon dazugelernt hat.
Auch eigene Freiwilligenagenturen hat sich die Awo inzwischen zugelegt, um das Image des muffigen Traditionsverbandes mit zu viel Staatsnähe loszuwerden. Andere Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Diakonie versuchen ebenfalls, mit solchen Agenturen an die neuen Helfer heranzukommen. Aber, weiß Awo-Mann Pott, "jeder Wechsel des Flusslaufs ist schwierig, wenn man selbst darin schwimmt".
Immerhin hofft der Fachmann fürs Ehrenamtliche, dass sich heute bei der Arbeiterwohlfahrt nicht mehr wiederholen würde, was vor zwei Jahren noch als selbstverständlich galt: Damals hatte sich bei der Awo ein Mann gemeldet - mit einer neuen Idee. Er möchte gern, hatte der Besucher den Verbandsfunkionären vorgetragen, zur Freude älterer Menschen ein Biotop anlegen.
Die Reaktion der Awo-Verantwortlichen kam prompt: "Um Gottes willen, da fallen die alten Leute nur rein." Der Mann mit dem guten Vorsatz wurde weggeschickt. KAREN ANDRESEN
* Vorn, kniend: Katja Riemann, Leslie Mandoki, Prinz Konstantin von Bayern; stehend: Claudia Jung, Sandra Speichert, Frauke Ludowig, Iris Berben, Prinz Leopold von Bayern, Björn Hergen Schimpf, Peter Maffay, Sonja Kirchberger, Klaus J. Behrendt, Heinz Hoenig bei einer Barbecue-Party zu Gunsten der Kinderhilfe Horizon am 30. September auf der Flugzeugwerft in Oberschleißheim bei München. * Von der Gruppe www.ehrenamtlich.de, rechts neben Marcus: Valentin Zacharias. * Bei einer Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten des Sorgentelefons für Kinder in Berlin am 23. September.
Von Karen Andresen

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