13.11.2000

SEXUALVERBRECHEREin Stück Sterben

Der Fall Schmökel offenbart schwere Mängel beim Umgang mit Triebtätern. Weil es an versierten Therapeuten mangelt, werden häufig alle Alarmsignale übersehen.
Die Katastrophe war sogar per Brief angekündigt worden. Die ihm zustehende Therapie, schrieb der Patient, müsse er sich "durch ich-weiß-nichtwas verdienen". Deshalb "behalte ich mir auch Schritte in die Freiheit vor".
Die Zeit in der Landesklinik Neuruppin, heißt es dann, bedeute "jeden Tag ein Stück Sterben". Der Rest seiner 14 Jahre Haft mache ihm Angst - "vor allem auch, weil ich irgendwie wieder versuchen würde, mit Gewalt etwas zu verändern".
Der Brief wurde Ende 1998 geschrieben. Ein Jahr zuvor war der Kinderschänder Frank Schmökel, 38, nach seiner sechsten Flucht wieder eingefangen worden. Am 25. Oktober dieses Jahres floh Schmökel erneut, narrte 14 Tage bis zu 2000 Polizisten, die Wälder und Gartenlauben nach ihm durchsuchten, erschlug kaltblütig einen Rentner - und wurde schließlich nach einem Schuss in den Bauch festgenommen.
Den Brief legte der Berliner Diplompsychologe Michael Brand einfach ab. Er hatte Schmökel in Neuruppin betreut und sein Vertrauen erworben, doch dann wurde ihm gekündigt, weil er angeblich eine Flucht begünstigt habe - den Vorwurf der Klinik verwarf das Arbeitsgericht.
Brand schwieg auch, als er Anfang September bei einem Besuch in Neuruppin von Schmökel erfuhr, dass Ärzte ihm einen Besuch bei seiner Mutter erlaubt hatten. Er versuchte nur, "es ihm eindringlich auszureden". Schmökel plage nämlich eine "überaus brisante, nach wie vor ambivalente und ungelöste Mutter-Beziehung". Eine Gefahr, die die Neuruppiner Experten wohl verkannten - deshalb leitete die Staatsanwaltschaft gegen sie ein Verfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ein. Jetzt, nach dem Mord, sagt Brand, "muss ich mir vorwerfen, nicht bei der Klinik interveniert zu haben".
Flucht und Bluttat, von den Verantwortlichen immer noch wie eine Art Naturkatastrophe empfunden, sind Folge eines jahrelangen hilflosen Umgangs mit Sexualstraftätern. Bei Schmökel wurde falsch gemacht, was falsch zu machen war.
Die Ärzte, die den Besuch bei der Mutter erlaubten - obwohl die ihren Sohn laut Gerichtsurteil "grün und blau geschlagen" hatte und wegen ihrer "psychischen Beeinträchtigung kein familiäres Klima aufbauen konnte" -, machten nur den letzten, wenn auch entscheidenden Fehler.
Für Hartmut Bosinski, 44,Vorstandsmitglied der Akademie für Sexualmedizin, ist er Folge eines "eklatanten Software-Problems". Es fehle an forensisch und sexualmedizinisch adäquat ausgebildeten Gutachtern und Therapeuten. Pro Jahr stünden etwa 4500 Sexualstraftäter vor Gericht, bei einem Drittel bestehe Rückfallgefahr. Für deren Begutachtung gebe es in Deutschland nur 30 bis maximal 50 wirklich fähige Sachverständige - "das ist der eigentliche Skandal".
Hinzu komme, dass ein Gutachter oftmals erst eingeschaltet werde, wenn es um eine vorzeitige Haftentlassung gehe. Dann aber, glaubt der Kieler Sexualmediziner, "ist es zu spät". Bald darauf, am Ende der Haft, müsse selbst ein weiterhin als potenziell gefährlich eingestufter Ersttäter entlassen werden. Nur etwa 20 Prozent aller Sexualstraftäter würden, so Bosinski, rechtzeitig, beim Prozess, untersucht. Deshalb blieben zahlreiche "gefährliche Täter zumindest beim ersten Mal unerkannt". Ohne jede wissenschaftliche Zurückhaltung formuliert heißt das: Es gibt noch viele Schmökels in Deutschland - und keiner kann sagen, wann, wie und wo die Krankheit wieder übermächtig wird.
Die Versuche, zwischen Trieb und Normalität die Waage zu halten, durchzieht Schmökels ganzes Leben. Er lehnte es 1987 ab, wieder im Stall der LPG Siedenbrünzow zu arbeiten - wo er laut Gerichtsurteil erstmals mit einer Kuh "verkehrte" und im "Kadaverhaus" selbst an seit drei Tagen toten Tieren noch den Geschlechtsverkehr vollzogen hatte. Er verdingte sich als Bauhelfer, um jeder Versuchung zur Sodomie fern zu sein - unterhielt aber auf einem Grundstück bei Demmin einen Stall, um seinen abnormen Neigungen ungestört nachgehen zu können.
Seine erste "liebevolle Verbindung" (Urteil) zu einer 28-jährigen Mutter zweier Kinder brach er ab, als er merkte, dass die "zehnjährige Tochter bei ihm sexuelle Wünsche auslöste". Doch als er im April 1994 die Klinik Brandenburg, in die er erst 1993 wegen Vergewaltigung eingewiesen worden war, zum Osterurlaub verlassen durfte, hatte er im Gepäck einen Beutel, gefüllt mit Schere, einer Rolle Paketklebeband, Öl, Parfum und einem Erotikmagazin - Utensilien für eine geplante Straftat. Schmökel flüchtete, missbrauchte ein elfjähriges Mädchen und würgte es fast zu Tode. Das Kind musste Szenen aus dem Pornoheft nachstellen.
In den Landeskliniken las Schmökel Bücher von Franz Kafka, Fritz Reuter und Lion Feuchtwanger, begrünte einen Innenhof, bezahlte 7000 Mark Schulden seiner Mutter. Doch auch bei seinem siebten Ausbruch zeigte er wie vorher schon ein "zeitlich langdauerndes, brutales und gefühlskaltes kriminelles Vorgehen". Den auf einer Liege ruhenden Rentner Johannes B. erschlug er mit einem Spaten, um an ein Fluchtauto zu kommen.
Das Landgericht Neubrandenburg stellte 1995 im vorerst letzten Urteil über Schmökel fest, er leide an einer Triebstörung, die Anomalien "von solcher Stärke hervorbringt, dass sie seine innere Ordnung, Stetigkeit und Einheitlichkeit seines Persönlichkeitsgefüges sprengen". Warum die Verantwortlichen in Neuruppin dennoch die Haftbedingungen lockerten, lässt sich wohl nur mit einer unter Therapeuten verbreiteten Hybris erklären. Jeder glaube halt, sagt ein renommierter Gutachter, nur er sei in der Lage, Zugang zum Patienten zu finden, ihn zu heilen.
Doch der Missstand ist nicht so schnell zu beseitigen. "Mindestens fünf Jahre", sagt Bosinski, dauere es, qualifiziertes Personal zu schulen - wenn man sofort damit beginne. So lange komme es eben vor, dass wie in Mecklenburg-Vorpommern ein Augenarzt für die Entlassungsbegutachtung eines Sexualstraftäters angefragt wird, nur weil er auch mal als Psychotherapeut ausgebildet worden war.
In Brandenburg wird nun gestritten, ob Schmökel nicht besser in einem sicheren Gefängnis weggeschlossen werden sollte, statt ihn wieder in einer Landesklinik unterzubringen. Eine Diskussion, die müßig wäre, würde ein Vorschlag Bosinskis aufgegriffen. Er hält für gefährliche Sexualstraftäter spezielle, sichere Therapie-Einrichtungen für sinnvoll. So haben die holländischen Nachbarn bereits Sicherheit und qualifizierte Therapie kombiniert.
In Deutschland gibt es eine vergleichbare Spezialisierung nur im Strafvollzug, bei den Haftkrankenhäusern. Schmökel wurde am vergangenen Donnerstag nach Fröndenberg in Nordrhein-Westfalen geflogen. Dort liegt er in der modernsten und sichersten Haftklinik Europas auf der Intensivstation. Rund um die Uhr stehen vier Beamte Wache um eine gläserne Spezialbox, die von innen nicht zu öffnen ist.
So wird Frank Schmökel ein weiteres Mal zur Symbolfigur der organisierten Hilflosigkeit. WOLFGANG BAYER,
STEFAN BERG, STEFFEN WINTER
Von Wolfgang Bayer, Stefan Berg und Steffen Winter

DER SPIEGEL 46/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SEXUALVERBRECHER:
Ein Stück Sterben

Video 00:54

Atlantischer Wirbelsturm Meterhohe Wellen treffen auf Madeira

  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Mögliche Koalition mit den Grünen: Die CSU widerspricht unseren Inhalten" Video 01:28
    Mögliche Koalition mit den Grünen: "Die CSU widerspricht unseren Inhalten"
  • Video "Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter" Video 01:04
    Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter
  • Video "Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt" Video 05:03
    Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt
  • Video "Roboterfinger fürs Smartphone: Jeder sagt, der sei gruselig" Video 01:34
    Roboterfinger fürs Smartphone: "Jeder sagt, der sei gruselig"
  • Video "DFB-Niederlage in Amsterdam: Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr" Video 01:07
    DFB-Niederlage in Amsterdam: "Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr"
  • Video "CSU-Spitzenkandidat Söder: Für die Macht ist er bereit, alles zu tun" Video 03:51
    CSU-Spitzenkandidat Söder: "Für die Macht ist er bereit, alles zu tun"
  • Video "Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste" Video 04:45
    Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste
  • Video "Bayern vor der Wahl: Granteln ja, hetzen nein!" Video 03:21
    Bayern vor der Wahl: "Granteln ja, hetzen nein!"
  • Video "Hurrikan Michael: Ich hatte die größte Angst meines Lebens" Video 01:20
    Hurrikan "Michael": "Ich hatte die größte Angst meines Lebens"
  • Video "Großdemo gegen Rechtsruck: Die Menschenwürde ist unteilbar" Video 01:15
    Großdemo gegen Rechtsruck: "Die Menschenwürde ist unteilbar"
  • Video "Apokalyptischer Anblick: Sturm trifft Gewitter trifft Sonnenuntergang" Video 01:17
    Apokalyptischer Anblick: Sturm trifft Gewitter trifft Sonnenuntergang
  • Video "Weltmädchentag: Weil ich ein Mädchen bin..." Video 05:27
    Weltmädchentag: Weil ich ein Mädchen bin...
  • Video "Faltbares Mini-Apartment: Aus Van wird Ferienwohnung" Video 01:22
    Faltbares Mini-Apartment: Aus Van wird Ferienwohnung
  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira