13.11.2000

LITERATURLicht ins Dunkel

Die Erinnerung an historische Schuld scheint wie ein Fernrohr zu funktionieren - erst in größerem Abstand kann sie präzise ausmachen, was da wirklich gewesen ist, ohne Beschönigungen, Ausflüchte, leugnende Unschärfen. Elsa Osorios Roman "Mein Name ist Luz" wirft diesen klarstmöglichen Blick zurück - auf die Barbarei der argentinischen Juntas in den siebziger und achtziger Jahren, die in ihrem wahnhaften Kampf gegen die "Subversion" entführen, foltern, töten ließen.
Ein wahres Buch also, und doch ist alles erfunden, so wundersam, so fesselnd, dass man es kaum aus der Hand legen mag. Die historische Wahrheit kommt daher als vorwärts stürmender Krimi, als Schicksalsroman, Familiendrama und Liebesgeschichte, und sie ist in weiten Teilen erzählt von einer jungen Frau, die schnörkellosen, modernen Klartext redet. Sie heißt Luz, und sie bringt Licht ins Dunkel. Sie ist auf der Suche nach ihren Eltern, denn sie spürt früh, dass sie nicht die Tochter derjenigen ist, bei denen sie aufwuchs. Nach und nach fügen sich ihre Recherchen und Erinnerungen zu einem biografischen Monstermosaik: Luz'' Mutter wurde nach der Geburt getötet. Luz wurde der Tochter eines Oberst übergeben, die selber keine Kinder kriegen konnte. Ein Auftragskind: Der Oberst selbst hat den Mord an Luz'' Mutter, der politischen Aktivistin, befohlen.
Eine irreale Schauergeschichte? Tatsächlich wurde erst in den letzten Jahren ruchbar, dass es Dutzende, wenn nicht Hunderte Fälle von Kindsraub gab, und heute ist es vor allem dieser Straftatbestand, der es ermöglicht, einige der Militärs doch noch zur Rechenschaft zu ziehen - Kidnapping war in den Amnestie-Regelungen, die sich die Militärs ausgehandelt hatten, glatt vergessen worden.
Osorio, 48, erzählt mit einer erstaunlichen Disziplin. Das Gespräch zwischen Luz und ihrem leiblichen Vater etwa, den sie in Madrid aufstöbert, ist beileibe keine eifernde Philippika zweier Opfer gegen die Täter, sondern durchzogen von Resignation, Bitterkeiten auch zwischen den beiden, ja sogar Protesten: Luz wirft ihrem Vater vor, er habe nicht entschlossen genug nach ihr gesucht. Fehler, muss er gestehen, habe auch er begangen. Auch er habe das Vergessen, den Neuanfang gesucht. Er habe geglaubt, sie sei tot, wie ihre Mutter. Dieses Buch, das gegen das Vergessen geschrieben ist, ist selber eines, das man nicht vergisst.
Elsa Osorio: "Mein Name ist Luz". Aus dem Spanischen von Christiane Barckhausen-Canale. Insel Verlag, Frankfurt am Main; 432 Seiten; 49,80 Mark.

DER SPIEGEL 46/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Licht ins Dunkel

  • Hai-Angriff bei Fütterung: Tauchlehrer verliert den Durchblick
  • In Norwegen, aber made by China: Längste Brücke am Polarkreis
  • Brexit-Parodie: Schauspieler Andy Serkis als May-Gollum
  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments