Von Dohmen, Frank und Kerbusk, Klaus-Peter
Ron Sommer setzte sein ärgerlichstes Gesicht auf. Dann polterte er los: Die Entscheidung über die Internet-Flatrate, so der Chef der Deutschen Telekom AG, sei ein krasser Fehler. 150 Milliarden Mark habe die Telekom in den vergangenen zehn Jahren in den Aufbau ihrer Telefonnetze investiert. Auf diese enorme Vorleistung "könnten sich die Konkurrenten jetzt kostenlos aufsatteln". Das würden, drohte Sommer, "unsere drei Millionen Aktionäre nicht akzeptieren".
Der Grund für Sommers Zorn war eine Entscheidung, die der Chef der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, Klaus-Dieter Scheurle, kurz zuvor in Bonn bekannt gegeben hatte. Ab Februar nächsten Jahres, hatte der gelernte Jurist kurz und bündig beschieden, müsse die Telekom Konkurrenten wie AOL, Freenet oder Arcor ein "zeitunabhängiges Pauschalentgelt, eine so genannte Flatrate, für den Zugang zum Internet" anbieten.
Was Scheurle in nüchternem Bürokratendeutsch verkündete, ist in Wahrheit eine mittlere Revolution auf dem deutschen Internet-Markt - und eine schwere Hypothek für die Telekom. Die hatte ihren Konkurrenten zwar auch bisher schon Leitungen für die Nutzung des Internet zur Verfügung stellen müssen, abgerechnet wurde die jedoch penibel genau nach benutzten Minuten.
Je nach Uhrzeit und abgenommener Menge verlangt der Ex-Monopolist von den Konkurrenten zwischen gut einem und 1,9 Pfennig pro Minute. Den Kunden der Telekom-Tochter T-Online hingegen unterbreitete das Unternehmen das Angebot, sich für 79 Mark im Monat nach Herzenslust und ohne lästigen Blick auf die tickende Uhr im World Wide Web zu tummeln.
Das sei, wetterten die Konkurrenten, eine klare Wettbewerbsverzerrung und legten bei der Bonner Regulierungsbehörde Beschwerde ein - mit Erfolg. Spätestens in drei Monaten muss die Telekom nun auch ihren unmittelbaren Wettbewerbern ein solches Modell anbieten, zu Großhandelspreisen, versteht sich.
Mit dieser Entscheidung, jubelte AOL, der größte Internet-Konkurrent der Telekom in Deutschland, würden deutlich niedrigere Internet-Preise in Deutschland möglich. Auch Industrie und Politik feierten den Schritt als "Durchbruch für die Verbraucher" und als Möglichkeit, bei der Internet-Nutzung endlich zu Ländern wie den USA aufzuschließen.
Das könnte sich schon bald als Trugschluss herausstellen. Und das nicht nur, weil die Telekom bereits Einspruch angekündigt hat und mit neuen Tarifen ohnehin frühestens im Sommer nächsten Jahres zu rechnen ist.
Schlimmer wiegt die Tatsache, dass herkömmliche Telefonnetze für den massenhaften Internet-Verkehr, der durch die massenhafte Einführung der Flatrate zu erwarten ist, gar nicht ausgelegt sind. So musste AOL erst vergangene Woche sein Flatrate-Angebot in Frankreich während der Spitzenzeiten auf deutlich kürzere Nutzungsintervalle für die Kunden zusammenstutzen, weil die Netze ständig zusammenbrachen.
Auch in Deutschland gestaltet sich der Zugriff über normale ISDN-Leitungen zu Stoßzeiten schon jetzt quälend langsam. In Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet brachen im Sommer sogar schon unter Normalbedingungen reihenweise Einwahlknoten zusammen, weil die Vermittlungstechnik nicht auf die Übertragung von Internet-Datenpaketen, sondern auf Telefongespräche ausgerichtet ist.
Zwar wäre eine Erweiterung der Kapazitäten theoretisch möglich. Doch effizient wäre sie nicht. Denn die Milliarden, die Telekom-Chef Sommer dafür in zusätzliche Vermittlungstechnik und Computersysteme stecken müsste, wären anderswo deutlich besser investiert - selbst wenn er einen Teil davon über die Einkaufspreise der Internet-Provider wieder zurückbekommt.
Unbestritten ist der Zugang zum Internet über normale Telefonleitungen ein Auslaufmodell. Die Zukunft gehört breitbandigen Netzen wie ADSL, die die Telekom seit gut einem Jahr mit Milliardenaufwand ausbaut. Schon jetzt steht die Technik in zahlreichen Großstädten zur Verfügung. Bei deutlich besserer Qualität und höheren Übertragungsraten als auf dem Telefonnetz bietet die Telekom beispielsweise eine Flatrate für 49 Mark an, einige Konkurrenten wie Arcor, die ein eigenes Netz aufbauen, liegen mit 39 Mark sogar noch darunter.
Doch längst nicht alle Wettbewerber der Telekom sind bereits in der Lage, die neue Technik anzubieten. Hauptkonkurrent AOL beispielsweise wird seinen Kunden erst mit einer überarbeiteten Zugangssoftware in einigen Monaten einen breitbandigen Zugang bereitstellen können.
"Bis dahin", vermutet ein hochrangiger Telekom-Manager als eigentlichen Grund der Beschwerde, "sollen wir daran gehindert werden, unser ADSL-Angebot weiter auszubauen, indem wir Milliarden in die veraltete Technik investieren müssen."
FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK
DER SPIEGEL 47/2000
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