20.11.2000

SCHRIFTSTELLERTränen des Ekels

Die Bücher der vor 50 Jahren gestorbenen Kitsch-Autorin Hedwig Courths-Mahler finden immer neue Leser. Eine Biografie enthüllt jetzt pikante Details ihres Lebens.
Für die deutsche Leidkultur hatte sie nicht viel übrig: "Das Schlaffe und Krankhafte" in Thomas Manns "Tod in Venedig" stoße sie ab, mäkelte die Autorin; besonders der letale Schluss sei doch "sehr niederdrückend". Zugegeben, Kollege Mann sei "außerordentlich begabt", doch schreibe er leider nur über "Verfall, immer wieder Verfall". Sie selbst schluckte und produzierte dagegen lieber literarische Aufbaunahrung: "Ein Roman", so Hedwig Courths-Mahler, "soll doch erquicken und stark und frisch machen, aber nicht krank und nervös."
Nach dieser Devise fertigte die Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler (1867 bis 1950) all ihre Texte - insgesamt über 200 Romane fast ohne Risiken und Nebensätze, aber voller Schwulst und garantiert mit Happy End. Damit wurde Courths-Mahler zur erfolgreichsten deutschen Autorin aller Zeiten; Gesamtauflage: über 80 Millionen. Noch heute verkauft der Lübbe-Verlag rund 70 000 Courths-Mahler-Romane pro Jahr; sogar beim Internet-Versandhaus Amazon kann man einige ihrer Werke bestellen.
Kein Wunder also, dass Fernsehen und Forscher die Domina der deutschen Gemütsliteratur pünktlich zu ihrem 50. Todestag am Sonntag dieser Woche wieder ein-
mal entdeckt haben: Nach fünf ARD-Verfilmungen (1974) bereitet nun das ZDF einen Zweiteiler nach Courths-Mahlers "Durch Liebe erlöst" vor, und der Kölner Literaturwissenschaftler Andreas Graf, 42, räumt in einer neuen Biografie mit einigen Legenden auf, die bisher das Leben der Courths-Mahler beschönigten - als sei sie selbst eine ihrer Romanfiguren**.
Courths-Mahlers Familie hätte heute wohl eine dicke Akte beim Sozialamt: 1867 im thüringischen Nebra unehelich geboren, wächst Ernestine Friederike Elisabeth Mahler, genannt Hedwig, in Armut auf. Der angebliche Vater, ein Unteroffizier, stirbt vor ihrer Geburt; Mutter Henriette ist chronisch pleite, dafür gesund und munter: Hedwigs vier Geschwister, so hat Biograf Graf herausgefunden, stammen von vier verschiedenen Vätern. Weil es einem Stiefvater im Wege ist, kommt das Kind zu Pflegeeltern, die es misshandeln.
Noch während ihrer kurzen Schulzeit beginnt Hedwig Mahler zu schriftstellern. "Meine ferneren Ausflüge in das gelobte Land der Dichtkunst trugen mir manchen Tadel ein", beichtet sie später über ihre Anfänge; das sollte zwar immer so bleiben, doch sie ließ sich nicht abhalten, denn "das Übel saß aber fest". 1879 zieht Hedwig zu ihrer Mutter nach Leipzig.
Courths-Mahler-Experte Graf glaubt in den Leipziger Jahren das Motiv für ihren schreiberischen "Mut zum Glück" (Romantitel) gefunden zu haben: die heile Gegenwelt zur eher unerfreulichen Jugend. Mutter Mahler, so Graf, hat in Leipzig ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdient.
Zwar konnte die allein stehende Frau auf diese Weise ihre Kinder ernähren, aber diese bekamen offenbar viele Probleme der berufstätigen Mutter mit, Abtreibungen auf dem Küchentisch inklusive. Auch eine versuchte Vergewaltigung, die die Autorin später für ihre Verhältnisse recht drastisch schildert, könnte demnach auf ein Erlebnis ihrer Mutter zurückgehen: "Fester und fester zog er ihren bebenden Körper an sich", fabuliert sie in "Das Recht auf Glück" (1907), "ein Gefühl des Ekels und Abscheus überfiel sie, und große Tränen füllten ihre Augen."
Ansonsten nahm Courths-Mahler subtil Rache an ihrer Mutter, indem in ihren Texten, so Graf, "offen sexuelle Attribute vor allem Kennzeichen negativer Frauengestalten" sind. Eine böse Stiefmutter beschreibt sie etwa als "bis an die Grenzen des Erlaubten dekolletiert". Von solchen Anspielungen abgesehen, verschleierte Courths-Mahler später das wahre Leben der Mutter mit Legenden und Erfindungen, während ihr Bruder Max der Branche treu blieb: Er versuchte sich als Zuhälter.
Hedwig aber, inzwischen mit dem Dekorateur Fritz Courths verheiratet, setzte sich von 1905 an als Autorin durch. Damals war sie nach Berlin gezogen, wo sie sich auch als schlagfertige Gastgeberin bewährte. In ihrem Salon empfing die Courths-Mahler berühmte Schauspieler wie Curt Goetz und Emil Jannings, und selbst ein galliges Kompliment des Kritikers Alfred Kerr ("Sie sehen gar nicht so kitschig aus wie Ihre Bücher") konterte sie treffend: "Und Sie nicht wie ein Henker."
Während viele ihrer Bekannten - wie Goetz und Kerr - nach der Machtübernahme durch die Nazis emigrierten, biederte sich Courths-Mahler dem NS-Regime ungeniert an. Sie wurde "förderndes Mitglied der SS" (Mitgliedsnummer 916 398), also regelmäßige Spenderin. Auch den Mitgliedsantrag für die Reichsschrifttumskammer - Bedingung für jeden, der unter den Nazis publizieren wollte - hat Courths-Mahler brav ausgefüllt, in doppelter Ausfertigung nebst so genanntem Ariernachweis und Lebenslauf. Dort lamentierte sie systemkonform über "Feindseligkeiten, zuerst aus jüdischen und kommunistischen Kreisen". Dass Courths-Mahlers Töchter später behaupteten, ihre Mutter habe sich dem NS-Regime verweigert, gehört zu den für ihre Biografie typischen Schönfärbereien.
Dabei konnte Courths-Mahler auch sehr ehrlich sein: "Balzac hat seine Romane ausgesessen", wusste die Fließband-Dichterin, "genau so habe ich meine Bücher mit dem Hintern geschrieben" - eine Technik, die ihren Spottnamen "Furz-Malheur" begünstigt haben dürfte. MARTIN WOLF
*"Griseldis" mit Andrea Schober, Sabine Sinjen (1974). ** Andreas Graf: "Hedwig Courths-Mahler". Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 160 Seiten; 18,50 Mark.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 47/2000
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