Von Thimm, Katja
SPIEGEL: Monsieur Houellebecq, in Ihren Romanen entwerfen Sie ziemlich hoffnungslose Bilder: Lust und Liebe gibt es nicht ohne Selbstmord, Verzweiflung und Qual. Ist Sex wirklich eine so deprimierende Angelegenheit?
Houellebecq: Die Menschen leiden vor allem daran, dass es so schwer ist, an Sex zu kommen. Haben sie mal welchen, kann er sie - manchmal wenigstens - für kurze Augenblicke schon glücklich machen. Ob alle Menschen das Problem haben, weiß ich nicht. Aber bei den Franzosen der etablierten Mittelschicht - Wissenschaftlern, Lehrern, Angestellten - ist es so. Die haben mehr Verlangen und Begierde, als sie befriedigt bekommen können. Und darunter leiden sie fürchterlich.
SPIEGEL: Was bedeutet Sexualität dann für Sie - geht es um die Lust am Leiden?
Houellebecq: Bis vor kurzem brauchte man Sex noch, um sich fortzupflanzen. Sex war eine der wichtigsten Aufgaben, die der Mensch im Leben erledigen musste: Die Zusammensetzung künftiger Generationen hing davon ab und damit auch der Gang der Weltgeschichte. Außerdem ist Sex, trotz aller Qual, natürlich ein außerordentliches Vergnügen. Man kann es mit nichts auf der Welt vergleichen. Manchmal macht er sogar Beziehungen zwischen Menschen möglich.
SPIEGEL: Nun schlafen nicht alle Menschen gleich miteinander, die sich in irgendeiner Beziehung zueinander wähnen.
Houellebecq: Es gibt kaum wirkliche Beziehungen. Vielleicht in der Familie oder im Beruf - aber nur, wenn man im Team an einer interessanten Sache arbeitet und alle gleich motiviert sind. Die meisten haben aber weder solch einen Job noch eine funktionierende Familie - die klassische Familienstruktur löst sich ja sowieso rapide auf. Also bleibt nur noch eins, um die fundamentale Sehnsucht nach Begegnungen mit anderen zu stillen: Sex.
SPIEGEL: In Ihren Romanen scheitern die Menschen auf der Suche nach Nähe. Statt- dessen verkommen sie zu Sozialkrüppeln, onanieren einsam vor sich hin und befriedigen sich in Nudisten-Camps.
Houellebecq: Ja, das sind, genau wie die Pornografie, Kompensationsstrategien, die hoch im Kurs stehen, obwohl sie alles noch viel schlimmer machen. Pornografie etwa hat die unangenehme Nebenwirkung, dass sie Wahnvorstellungen auslöst. Mit der Zeit wirkt dann jeder reale Sex schal; man will nur noch erleben, was man in den Pornos gesehen hat. Und das ist meist ziemlich schwer zu finden im wirklichen Leben.
SPIEGEL: Sie selbst gelten als Sex-Maniac, der Swinger-Clubs besucht und Frauen am liebsten empfängt, wenn sie durchsichtige Blusen tragen.
Houellebecq: Nun, ich mag Sex schon sehr. Ich denke bestimmt nicht öfter daran als der Durchschnitt der Bevölkerung, na ja, vielleicht doch. Es hängt vom Tag und von der Jahreszeit ab. In den Ferien, im Sommer, bin ich freier, da hat man mehr Zeit für Sex. Aber es geht auch im Januar. Wichtig ist nur, dass das Wetter schön ist.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Sex sei einer der wenigen Gründe, sich nicht umzubringen.
Houellebecq: Ich meine, es ist das Einzige, was wirklich funktioniert, wenn man Kälte und Einsamkeit entfliehen will. Alkohol hilft natürlich auch, allerdings weniger gründlich. Das weibliche Geschlecht ist die einzige beruhigende Antwort auf die Ängste der Männer. Das ist schon enorm.
SPIEGEL: Was finden Sie so faszinierend an Swinger-Clubs?
Houellebecq: Sie sind eine großartige Einrichtung, Lust mit möglichst viel Abwechslung zu haben, ohne gleich die Existenz einer Familie aufs Spiel zu setzen. Wenn man da einmal pro Woche hingeht, man macht das ja meist samstagabends, wird auch der Sex mit dem Partner besser. Das Bedürfnis nach etwas Neuem in einem organisierten Swinger-Club zu stillen ist doch viel fairer als das alte bürgerliche Modell, wo sich der Mann eine Jüngere nimmt und die andere, von Vergänglichkeit gezeichnete Frau zurücklässt, die sexuell kaum mehr einen Marktwert hat. Das Mätressen-Modell ist genauso katastrophal: Da schläft der Mann nämlich nur noch mit seiner Geliebten, aber garantiert nicht mehr mit seiner Ehefrau.
SPIEGEL: Solche Männer nehmen aber für sich in Anspruch, die Frauen zu lieben, mit denen sie schlafen. Zumindest behaupten sie das in der Regel. Im Swinger-Club spielt Liebe keine Rolle.
Houellebecq: Warum auch? Wenn man Lust hat, mit jemandem zu schlafen, möchte man noch lange nicht mit ihm leben. Das möchte man aber, wenn man jemanden liebt - und das ist dann ein Schock. Da werden andere Formen von Sex plötzlich wichtig: Ein Frauenkörper neben mir im Bett, an den ich gewöhnt bin, lindert meine nächtlichen Einsamkeitsängste. Das ist die größte Macht, die Sex hat: Er nimmt einem die existenzielle Angst vor dem Leben. Zärtlichkeit schafft das genauso wie eine Orgie im Swinger-Club ...
SPIEGEL: ... oder Sadomaso?
Houellebecq: Sadismus hat mit Sexualität gar nichts zu tun, weil die eigene Lust vom Leid des anderen abhängt. Für mich ist Sadismus nur eine Spielart ganz normaler menschlicher Grausamkeit. So wie man Gefangene foltert oder Tiere quält. Aber natürlich ist der menschliche Gewalttrieb mindestens so groß wie der Sextrieb, zumindest bei Männern.
SPIEGEL: Sie wollen jetzt nicht sagen, dass Frauen die besseren Menschen sind?
Houellebecq: Momentan, global betrachtet, sind Frauen noch die liebenswerteren Menschen. Das kann sich natürlich ändern. Frauen haben über Generationen die Erfahrung gemacht, dass sie mit Verführung weiter kommen als mit Gewalt. Wenn eine tödliche Krankheit alle Männer ausrotten würde, würden die übrig gebliebenen Frauen friedlich zusammen weiterleben. Anders herum ist das undenkbar: Wären die Frauen tot, würden sich die Männer ziemlich schnell gegenseitig massakrieren.
SPIEGEL: Die Hauptfiguren Ihrer Romane - Männer - kranken vor allem am Narzissmus. "Elementarteilchen" etwa lässt sich auch als Abrechnung mit der 68er Bewegung lesen: Deren Selbstverwirklichungs-Exzesse hätten dazu geführt, dass die Menschen bindungs- und liebesunfähig geworden seien.
Houellebecq: Angefangen hat das viel früher. Es hätte die 68er, und vor allem ihren freizügigen Sex, nicht gegeben ohne Elvis Presley oder Marilyn Monroe. Wir Europäer haben uns seit den fünfziger Jahren dem amerikanischen Konsummodell verschrieben, in dem Sexualität die Ware und Attraktivität die Währung ist. Überall, in Filmen und in der Werbung, wird uns das eingebläut. Was zählt, sind ein guter Körper, Schönheit und Jugend. Diese Tendenz wird zunehmen.
SPIEGEL: Sie reden von einer neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der Attraktivität das Geld ersetzt?
Houellebecq: Geld braucht man vor allem im Alter. Je älter man wird, desto schwieriger wird es, einen Sexualpartner zu finden, ohne dafür zu zahlen. Die 20-Jährigen haben weniger Probleme damit als die 40-Jährigen, die immerhin noch mit ihren Partnern in Swinger-Clubs gehen können: Man probiert neue Praktiken aus, und während man sich noch amüsiert, erlischt auch schon die Lust. Am besten, man lässt den Gedanken an Sex frühzeitig fallen. Zum Glück erlahmt das Verlangen mit dem Alter. Zumindest hoffe ich das.
SPIEGEL: Ist demnach ab 50 Enthaltsamkeit angesagt?
Houellebecq: Es gibt die armen Länder mit ihrer Prostitution, da kann man hinreisen. Das ist doch eine gute Lösung.
SPIEGEL: Man kann es auch Ausbeutung nennen.
Houellebecq: Ich finde das sympathisch. Es sollte wirklich mehr in den Sextourismus investiert werden. Ab einem bestimmten Alter bleibt einem gar nichts anderes mehr übrig, als nach Thailand, Bali oder Kuba zu fahren. Wenn man alt ist, hat man ja auch Zeit zum Reisen. Oder man verlegt sich auf die Gastronomie. Die Franzosen essen umso besser und lieber, je älter sie werden.
SPIEGEL: Eine Menge Leute werden Ihnen widersprechen: die 50-, 60-Jährigen, die sich nicht in den Flieger setzen, um Sex zu haben, sondern sich nur auf die andere Seite des Ehebetts rollen.
Houellebecq: Das mag ja sein, aber meine Prognose ist, dass Sex bald nur noch als Ware erhältlich ist. Die moderne Reproduktionsmedizin braucht ihn auch schon nicht mehr. Weil wir dem Ideal von Schönheit und Jugend in unserer hypersexualisierten Welt nicht entkommen, werden bald Bilder unsere Vorstellungen von Sex bestimmen, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben: mit dem schleichenden körperlichen Verfall, den Figur- und Hormonproblemen. Also wird man zu professionellen Sexarbeitern gehen, um zu bekommen, was man für Realität hält. Man wird Pornofilme gucken oder sich vorm Internet einen runterholen. Wir werden nicht mehr aus Liebe miteinander schlafen. Den Optimismus habe ich verloren.
SPIEGEL: Michel, der Wissenschaftler aus "Elementarteilchen", klont Menschen, die, als identische Wesen, nicht um Jugend, Schönheit und Attraktivität konkurrieren müssen. Wäre eine von Klonen bevölkerte Welt eine bessere?
Houellebecq: Auf jeden Fall. Der Kampf um Attraktivität würde aufhören, wenn man zu Sex genauso leicht Zugang hätte wie etwa zur Luft. Doch im Grunde will kein Mensch diesen friedlichen Zustand. Niemand möchte wirklich auf den Teufelskreis aus Sexualität, Bestätigung und Selbstverliebtheit verzichten. Dazu sind wir Menschen zu narzisstisch. Dumm nur, dass Narzissmus und Liebe sich eigentlich ausschließen. Ein Narzisst ist unfähig, jemand anderen als sich selbst zu lieben. Er kann sich aber auch nicht lieben lassen, weil ihm keiner dafür auserwählt scheint. Das habe ich schon als Jugendlicher in der Disco begriffen: Die Mädchen, die nur ihre eigene Wirkung im Kopf hatten, waren immer die falschen. Wer zu verliebt ist in seinen eigenen Körper, kann ihn nicht hingeben.
SPIEGEL: Als das Buch erschien, wurden Sie über Nacht zum Skandalautor, der das Heil im Genlabor sucht und das Klonen verherrlicht.
Houellebecq: Natürlich verbringe ich meine Tage nicht damit, den neuen Menschen zu konstruieren. Doch ich habe nichts gegen das Klonen. Allerdings finde ich das Klonen von Stammzellen abstoßend. Die Idee, dass man einen menschlichen Embryo als Ersatzteillager zeugt, ist doch moralisch ziemlich daneben. Aber wenn ich mich morgen klonen lassen würde, wäre das schon ein Spaß. Außerdem kämen dabei Wesen heraus, die weder mein Alter noch meine Erfahrungen hätten. Wir wären also nicht ein und dieselbe Person. Ich verstehe gar nicht, warum die Leute sich da so ereifern können.
SPIEGEL: Immerhin würden diese Wesen alle so aussehen wie Sie.
Houellebecq: Ja und? Ich finde es amüsant, mir vorzustellen, dass eine Stadt wie Paris von lauter Menschen bevölkert ist, die alle so aussehen wie ich.
SPIEGEL: Monsieur Houellebecq, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 48/2000
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