DER SPIEGEL



Die Hysterie der Anständigen

Von Leinemann, Jürgen; Rosenkranz, Gerd; Scheidges, Rüdiger; Smoltczyk, Alexander

Ist das Essen vergiftet, haben Neonazis einen kleinen Jungen ertränkt? Mit heftigen Gefühlen reagieren Menschen und Medien auf sensationelle Meldungen. Die Politik kommt mit dem Krisenmanagement und eiligen Gesetzen kaum hinterher - und vergrößert die Unsicherheit noch.

Helmut Kohl schwieg. Stumm signierte er sein "Tagebuch", wortlos nahm er Huldigungen seiner Leser entgegen. Selbst als an seinen Kopf ein fettiger Windbeutel klatschte, aus dem der Pudding quoll, öffnete er nur einmal spaltweit seinen Mund und zischte: "Der Pöbel ist wirklich überall."

"Die Torten-Sauerei" ("BZ") im Gesicht von Helmut Kohl, der einst die Selbstgewissheit in Person war, setzte am Donnerstag vergangener Woche einen nur scheinbar parodistischen Schlussakzent auf eine Woche, in der Deutschland mehr Gewissheiten einbüßte als sonst in einem Jahr - und darüber in Hysterie zu fallen drohte.

Gleich an drei Stellen stürzten die Sicherheitsmauern ein, hinter denen die Deutschen im bedrohlichen Durcheinander der "Weltrisikogesellschaft" - wie der Soziologe Ulrich Beck die Gegenwart nennt - ein Mindestmaß an Schutz zu finden glaubten:

Schock Nr. 1: Trotz aller Versicherungen, wonach Deutschlands Teller garantiert BSE-frei seien, taucht im hohen Norden die erste verseuchte Kuh auf. Die Seuche ist schon unter uns.

Schock Nr. 2: In Sebnitz, weit im Osten scheint das letzte Tabu gebrochen zu sein: "Neonazis ertränken Kind" titelt "Bild". Nach Obdachlosen, Punks, Ausländern und Behinderten sind jetzt also Kinder zu Opfern der Skinheads geworden. Die Barbaren sind längst unter uns.

Und Schock Nr. 3: Im Kampf gegen die Aufheizung der Atmosphäre werden die Waffen gestreckt, in Den Haag scheitert ein entsprechendes Abkommen an der nationalen Borniertheit reicher Industriestaaten. Die nächsten Flutkatastrophen stehen uns bevor.

"Ja, wo leben wir denn hier?", pflegte Helmut Kohl als Bundeskanzler empört zu fragen, wenn Störungen seine gemütlichen Vorstellungen von einer übersichtlichen und geordneten Welt zu erschüttern drohten. Nun, da der einstige Kanzler der Einheit und sich selbst feiernde Ehrenbürger Europas zur Slapsticknummer entwürdigt wird, verschlägt es ihm die Sprache.

Dabei war seine Frage selten so angebracht wie jetzt. Im Deutschen Bundestag hatte zwar tags zuvor sein sichtlich aufgekratzter Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers behauptet, er befasse sich "mit der Wirklichkeit in unserem Lande" - im Gegensatz zu den Rednern der Opposition, die "über ein Land geredet haben, das jedenfalls nicht Deutschland sein kann". Doch in seinem Wachstumsjubel konnte Gerhard Schröder nur schlecht verschleiern, dass auch er die Lage der Nation unzureichend wahrnimmt.

Weder die Ursachen noch das Ausmaß oder die Folgen der Unheilsmeldungen und schon gar nicht die übererregten, ja hysterischen Reaktionen von Menschen und Medien griff er angemessen auf. Offensichtlich war: Der Kanzler weiß auch nicht viel mehr als seine Bürger.

Gewiss, Schröder sprach im Bundestag von den Ängsten der Verbraucher wegen der drohenden Rinderwahnsinnsseuche BSE und versprach zuverlässige "Kontrollierbarkeit", damit "der eine seinen Leberkäs und der andere seine Currywurst wieder ohne Ängste verzehren kann". Aber was die hektisch angeworfene Gesetzes- und Verbotsmaschinerie tatsächlich bewirken kann, muss seine Vorstellungskraft übersteigen.

Gewiss, Schröder empfing die Mutter des ertrunkenen Joseph Abdulla aus dem sächsischen Sebnitz, weil er Solidarität zeigen will mit den Opfern rechter Gewalt. Aber ob der unglückliche Junge wirklich ein Opfer war und, wenn ja, Opfer von was und wem, war zweifelhaft, als das Treffen am vergangenen Montag in Berlin stattfand. Da hatte sich die Affäre zu einem giftigen Schuldzuweisungskampf zwischen Ost- und Westdeutschen erhitzt. Doch dass Sebnitz eine hasserfüllte Parabel für den Zustand der Nation geworden ist, hält der Kanzler derzeit nicht für sein Thema.

Gewiss, Gerhard Schröder, der mit schrillgrüner Krawatte im Bundestag auftrat, hat seinem Öko-Koalitionspartner geradezu provozierend klar gemacht, dass er den Grünen die plötzlich wieder populären Umwelt- und Verbraucherthemen keineswegs allein zu überlassen gedenke. Aber über das Scheitern des Klimagipfels in Den Haag verlor der Kanzler aller Autos kein Wort.

Das deutsche Schlüsselwort der Nachkriegszeit hieß Sicherheit. Von der CDU Konrad Adenauers 1957 ("Sicherheit für alle") über Kurt Georg Kiesingers Union 1969 ("Sicher in die 70er Jahre"), Rudolf Scharpings SPD 1994 ("Sicherheit statt Angst") bis zu Helmut Kohl 1998 ("Sicherheit statt Risiko") glaubten fast alle Kanzlerkandidaten, mit diesen Versprechen die Deutschen gewinnen zu können. Und die SPD will so weitermachen: "Sicherheit im Wandel" soll ihr Slogan heißen.

Dabei ist nichts mehr sicher.

Die Weltrisikogesellschaft, sagt der Soziologe Beck, müsse begriffen werden "als Realität, die ein Niveau der Selbstgefährdung erreicht hat, das immer noch unsere Vorstellungskraft übersteigt". Die globalisierte Technikdynamik, der Zerfall der traditionellen Machtblöcke und die weltweite Medienvernetzung haben den Menschen in den vergangenen Jahren selbst den Anschein von Gewissheit geraubt.

Im Grunde möchte das keiner so genau wissen. Digitalisierung, Individualisierung, Kosmopolitisierung - die Welt scheint gänzlich ins Abstrakte weggerutscht. Doch was die Deutschen, die nach zwei selbst heraufbeschworenen und verlorenen Kriegen und den damit verbundenen Katastrophen besonders sicherheitsbedürftig sind, bisher noch als zu blutleer und lebensfern verdrängen konnten, rückte ihnen in der vergangenen Woche unabwendbar auf den Leib.

Das Essen auf dem Teller, die Sicherheit der Kinder, das Wetter. Das ist "Mitten im Leben". In dem Gewitter der Nachrichten, Talkshows, Sondersendungen wurde plötzlich der ureigene Privatbereich zum Thema.

Die Politik sprach plötzlich in der ersten Person: Was liegt da eigentlich auf meinem Teller? Wie können meine Kinder sicher sein, wenn Behörden und Mitmenschen die Augen verschließen? Wie kann ich noch unbefangen über das Wetter reden?

Die Mehrheit der Bürger fühlt sich allein gelassen. Hilflos. Bedroht. Die Regeln sind da, theoretisch eindeutig, aber wirksam oft nur noch als Ideologie. Die Richtung ist nicht erkennbar. Helmut Kohls Entrüstungsfrage ist zum allgemeinen Notruf geworden: "Wo leben wir denn hier eigentlich?"

Keine klaren Konturen, keine unverwechselbaren Begriffe, keine eindeutigen Gewichtungen. Nichts ist sicher, und jeder sucht seinen Platz: Die Deutschen aus Ost und West im richtigen Leben. Die Politiker noch immer in Berlin. Deutschland in Europa und Europa in der Welt.

Links? Rechts? Sozial? Fortschrittlich? Stereotypen, fixe Formeln, Filter - die je nach Bedarf so viel Erinnerung an Wirklichkeit zulassen, wie für eigene Bekenntnisse und die Diffamierung Andersdenkender gebraucht wird.

Wo so wenig Klarheit darüber besteht, wer, was und wo eigentlich "drin" ist in dieser Republik, ist einer schnell draußen. Oder am Rand. Oder auf der falschen Seite. Oft nur noch an spontanen Reaktionen auf Schlüsselszenen erkennen Freund und Gegner, wo sie selbst und der andere stehen.

Die Welt ist zerlegt in Einzelinformationen und aufgeladen mit heftigen Gefühlen. Da ballt sich plötzlich etwas explosiv zusammen, genauso plötzlich ist es weg. Immer sind die Medien die Auslöser, aber nichts können sie auslösen, was nicht auf Aufnahmebereitschaft trifft.

Verunsicherung und Orientierungslosigkeit wären zu begegnen, kämen nicht auch kleine Betriebsunfälle oder große Operetten zur Aufführung, als handele es sich um veritable Tragödien.

Ob ein flackeräugiger Fußballlehrer als Kokser vorgeführt wird oder Überschwemmungen, Wirbelstürme und Erdrutsche sich als Vorboten des globalen Treibhauseffekts entpuppen; ob im Bundestagsneubau ein Rohr Wasser lässt, die privatisierte Bahn Finanzlöcher in zweistelliger Milliardenhöhe entdeckt oder FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle sich im "Big Brother"-Container produziert - alles macht Schlagzeilen. Fast jeder Reiz erzeugt krasse Reaktionen. Maßstäbe? Nicht erkennbar.

Ob Rechtsradikalismus oder Rinderseuche, Kampfhundattacken oder Flucht eines psychisch kranken Kinderschänders, Nizza-Gipfel oder Rentendebatte - die Gesellschaft taumelt hin und her zwischen Hysterie und Gleichgültigkeit.

Jeder Bundespräsident sagt, was er für richtig hält. Ein Ruck muss durch die Gesellschaft gehen? Man sollte ohne Angst verschieden sein können in Deutschland? Warum nicht. Über eine verbindliche oder zumindest halbwegs unumstrittene Autorität, die zwischen richtig und falsch, aber auch zwischen wichtig und unwichtig entscheiden könnte, verfügte nicht Roman Herzog, verfügt nicht Johannes Rau. Die Kirche erfüllt diese Funktion schon lange nicht mehr, der Obrigkeitsstaat gehört der Vergangenheit an.

So füllen Instanzen mit begrenzter Legitimation und Seriosität das Vakuum in der zersplitterten deutschen Gegenwartsgesellschaft: Greenpeace, das Bundesverfassungsgericht, Zlatko, Franz Beckenbauer - und natürlich die Medien. Die filtern die Schlagzeile des Tages nach ganz eigenen Kriterien aus einer immer komplexeren Wirklichkeit.

Das ist nirgendwo anders, aber in Deutschland, so scheint es, wird es besonders gründlich betrieben. Gut möglich, dass die Übertreibung typisch deutsch ist. Immer schon fehlte der "verspäteten Nation" Maß und Mitte. Ob das nun Ursache oder Folge der beiden Weltkriege sein mag, erscheint heute unwichtiger als der unbehagliche Eindruck, dass die Balance auch 50 Jahre nach dem katastrophalen Ende des letzten Krieges immer noch fehlt.

Schon Konrad Adenauer hielt seine Landsleute für ein "krankes Volk" mit einer beunruhigenden "Neigung zum Wunschdenken, zum Rauschhaften".

Das, hat der Wirtschaftshistoriker Joachim Radkau herausgearbeitet, hat Tradition. In seinem Buch "Das Zeitalter der Nervosität" diagnostizierte er schon zur Zeit von Wilhelm II. eine "wachsende Reizbarkeit und Ungeduld", "häufige Überreaktionen auf geringfügige Herausforderungen" und "ein zunehmendes Gefühl des Verlierens der Zeit" - Phänomene, die so unvertraut nicht scheinen. Nach Radkaus Beobachtungen rückt uns die Wilhelminische Ära wieder "sehr nahe".

"Angst" war und bleibt ein anderes deutsches Schlüsselwort. Aggression ist die Folge. Das vereinte Deutschland, sagt die Münchener Psychoanalytikerin Thea Bauriedl, "hat an Orientierungsmöglichkeiten kaum etwas Besseres zu bieten als die Trennung zwischen wirtschaftlich Erfolgreichen und Erfolglosen".

Kein Wunder also, dass sich vergangene Woche die Angst am befürchteten Rinderwahn festmachte, die Wut am vermuteten Kindermord.

Vor allem die Sebnitz-Geschichte war perfekt; auch das Leben schreibt Seifenopern: Eine Akademikerfamilie aus Westdeutschland macht sich auf in den östlichsten Osten, in ein Städtchen, wo hinter der Fassade aus Stoffblumen und Wohlanständigkeit ein brauner Mob lauert, alte Seilschaften und junge Wilde, entschlossen, den Zugezogenen das Leben im Idyll zur Hölle zu machen.

Allein gegen alle, bis es zum Tod kommt, zum Lynchmord unter dem freien Himmel eines Spaßbads. Die verzweifelte Suche einer jungen Mutter nach der Wahrheit, die Taubheit der Beamten. Die Idylle als Tatort, die guten Bürger als Komplizen und ein engelhafter kleiner Junge als Opfer.

Mehr braucht ein gutes Drehbuch nicht. Kaum hatte er von den Meldungen gehört, packte Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff seiner Videokamera ein und reiste nach Sebnitz.

Da sah dann alles ein bisschen anders aus, aber auch nicht schlecht: Ausländerfeindlichkeit Ost trifft auf Inländerfeindlichkeit West. Und natürlich gibt der Westen den Ton an.

Früher diente die Mauer als Projektionsfläche und hielt alles hübsch getrennt. Man hatte seine Ansichten und kam sich nicht ins Gehege. Jetzt wurde aus dem "Fall Joseph" rasch ein "Fall Sebnitz", dann ein "Fall Ostdeutschland". Der Aufstand schien in eine Hysterie der Anständigen umzukippen.

Allen voran die "Bild"-Zeitung. Wie in ihren schlechteren Zeiten wurde ein Verdacht zur Tatsache gedreht und auf die

Titelseite hinausgeschrieben: "Neonazis ertränken Kind". Das ermordete Kind, ein Topos, der so uralt ist wie der Hass auf die Fremden. Er wurde zum Aufmacher der Anständigen.

Auf den Websites und Leserbriefseiten wurden Wiedererrichtung der Mauer, Subventionsstopp, Sachsen-Boykott und Umerziehung gefordert, teilweise mit einer Inbrunst, als sei man erleichtert, dass sich der Osten endlich endgültig demaskiert habe.

In solchen Situationen kann Politik nur reagieren. Der Druck macht politisch handhabbar, was bis dahin nicht zu machen war. Eine hysterische Öffentlichkeit diktiert, was Sache ist.

So sind die Bundesbürger in den letzten Monaten zu ungewöhnlich einhelligen politischen Initiativen gekommen: gegen den Rechtsradikalismus (NPD-Verbot), gegen das Kampfhund-Unwesen (Verbot besonders aggressiver Rassen) oder gegen den Rinderwahn (Verbot der Tiermehlverfütterung). Dass diese Probleme in großer Einmütigkeit diskutiert und gegebenenfalls schnell und ohne bürokratische Bremswege exekutiert werden, befriedet die aufgebrachten Massen und drängelnden Medien für eine Weile. In der Krise kennen auch Politiker keine Parteien mehr.

Es ist aber auch gefährlich, zumal die beabsichtigte Beruhigung nicht von Dauer zu sein pflegt. Im Gegenteil: Mit jeder neuen Aufgeregtheit steigt die innere Spannung in der Gesellschaft, wächst ihre Verunsicherung und ihre Orientierungslosigkeit. Die Menschen sehnen sich nach einer Politik, die Unsicherheit prophylaktisch bekämpft und nicht erst eingreift, wenn das Unheil da ist.

Doch die Politiker sind nicht frei, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, selbst da nicht, wo sie könnten und wollten. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin glaubte der Öffentlichkeit sogar einen Beitrag zum Fußballstreit zwischen Christoph Daum und Uli Hoeness schuldig zu sein. Das ist das aktuelle Dilemma: Der Lackmustest, der zweifelsfrei Wesentliches von Unwesentlichem scheiden könnte, ist noch nicht erfunden.

Dabei gibt es keine Nicht-Entscheidungen. Wer nichts tut, entscheidet, dass alles so weiterläuft - für Politiker eine unmögliche Situation.

Also konnten die Bundesbürger in der vergangenen Woche mit einer Mischung aus Hohn und Erschrecken erleben, wie die vom Volke gewählten Akteure dem Geschehen hinterherhechelten.

Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke zum Beispiel. Noch am 20. November, vier Tage vor dem Bekanntwerden der ersten beiden BSE-Fälle bei deutschen Rindern, war für den rosigen Niedersachsen die Welt in Ordnung: "Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass deutsches Rindfleisch sicher ist." Dann kam am Freitag vorvergangener Woche die Alarmmeldung aus Schleswig-Holstein: eine kranke Kuh, Ergebnis eines Schnelltests.

Kein wirkliches Problem für Funke. Mit scheinbar strahlender Unbekümmertheit präsentiert sich der Minister am folgenden Dienstag in Hannover auf der Fachausstellung "EuroTier 2000" als Vertreter der Bauern: "Die Geduld und die Nerven der Rinderhalter sind auf eine harte Probe gestellt." Verbraucherängste? "Psychologische Vorbehalte" haben die Leute.

In Berlin hatten die Grünen und auch Kanzler Schröder den Bauernfreund da aber schon unter Druck gesetzt. Plötzlich war alles ganz schnell gegangen - für einige offenbar zu schnell.

Kaum 20 Stunden nach der Enttarnung des ersten deutschen BSE-Rinds hatten sich die Experten der betroffenen Ministerien zur Krisensitzung in Bonn zusammengefunden. Forsch verkündeten die Staatssekretäre, das Verbot von Kadavermehl unverzüglich per Eilverordnung durchsetzen zu wollen.

Am Dienstag musste Funke dann zurückrudern. Der geplante Noterlass habe "einer juristischen Überprüfung durch das Justizministerium nicht standgehalten", räumte der Minister ein und kündigte statt dessen ein geordnetes Gesetzgebungsverfahren an.

Dass die Regierungspartei auf Distanz zu Schröders oberstem Agrarpolitiker gegangen war, signalisierte dem den Ernst der Lage. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering räumte ein, Funke sei in Sachen BSE "zu optimistisch" gewesen. Er verpasste dem Minister, der auf das Wohlergehen von Bauern und Verbrauchern vereidigt ist, ein vergiftetes Lob: Funke habe eine "gute Politik für Landwirte" gemacht.

Hastig ließ derweil die Koalition ein "Eilgesetz" erarbeiten, das am Donnerstagabend durch das Parlament und am Freitag durch den Bundesrat gepeitscht wurde. Per Flugzeug musste es zum Bundespräsidenten nach Bonn geschafft werden, damit es am Samstag in Kraft treten konnte.

Auch der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) mühte sich vergangene Woche, stets richtig zu liegen. Die Joseph-Legende forderte ihm große Wendigkeit ab.

Einen Tag nach der Veröffentlichung der "Bild"-Schlagzeile "Neonazis ertränken Kind. Wollte eine ganze Stadt die brutale Tat totschweigen?" flog der Regierungschef von Dresden aus per Hubschrauber in der Kleinstadt Sebnitz ein und besuchte den Vater des toten Joseph, Saad Abdulla.

"Niemand, der etwas weiß, darf schweigen", verlangte Biedenkopf und versprach dem Vater Hilfe. Zugleich verkündete er: "Die Dinge verdichten sich, dass der Junge durch Fremdeinwirkung zu Tode gekommen ist."

Einen Tag später, in der Stadt hatte sich erster Unmut über die Medien breit gemacht, kritisierte Biedenkopf die Journalisten: Sebnitz werde "öffentlich hingerichtet", den Menschen dort "die Unschuldsvermutung verweigert".

Auch Bundesumweltminister Jürgen Trittin hatte nach vergeblich durchverhandelten Nächten in Den Haag nur eines im Sinn: Aktionsfähigkeit demonstrieren. Wenige Tage nach dem Scheitern des Klimagipfels demonstriert der Grüne, dass auch er das Einmaleins des Krisenmanagements beherrscht. Das Ringen um die Rettung des Erdklimas gehe weiter, beruhigte Trittin das verunsicherte Publikum, möglicherweise sogar früher als geplant (siehe Interview Seite 48).

Tatsächlich hat sich längst herumgesprochen, dass die Umsetzung des Kyoto-Abkommens den Treibhauseffekt nicht wirklich bremsen würde. Selbst wenn die Industriestaaten ihre Verpflichtung, einige Prozent weniger Klimagase in die Atmosphäre zu entlassen, wider Erwarten doch noch erfüllen, geht die Aufheizung der Atmosphäre weiter.

Wie in dieser Woche in Deutschland reagieren Politiker derzeit fast überall als Getriebene auf aktuelle "Lagen". Ihre Handlungen sind zumeist nicht einmal falsch. Ihre Unterlassungen werden oft erst später sichtbar.

Doch Politik versinkt in Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, wenn sie sich in Krisenmanagement erschöpft. Sie kann nur darauf setzen, dass ihr die aufgeregte Nation ab und zu Zeit lässt, Strukturen zu entwickeln, die Zukunftsrisiken, die sie kaum kennt, einzudämmen - und dann hoffen, dass diese Leitplanken der Zukunft halten.

Nicht, dass es noch eine Grundlage in dem alten Sinn von sicherem Wissen gäbe, auf deren Basis man Entscheidungen treffen kann. Die Politik muss vielmehr - schreibt Ulrich Beck in seinem Buch "Freiheit oder Kapitalismus" - "über Grundlagen entscheiden, die auch die zukünftigen Generationen betreffen, mit immer mehr gewusster Unsicherheit der Folgen".

Was aber wird bleiben von den aufgeregten Tagen Ende November 2000? An welches Ereignis der vergangenen Woche werden sich die Menschen hier zu Lande in 20 Jahren erinnern? Welches wird Folgen haben? Der Tod des Joseph Abdulla in einer sächsischen Kleinstadt oder die Bereitschaft, die Ungeheuerlichkeit eines öffentlichen Kindermords als wahr zu nehmen? Der erste Fall von Rinderwahn in Deutschland? Vielleicht doch das Scheitern der Klimakonferenz in Den Haag.

JÜRGEN LEINEMANN, GERD ROSENKRANZ,

RÜDIGER SCHEIDGES, ALEXANDER SMOLTCZYK

* Mit Landesbischof Volker Kreß am 26. November nach einem Fürbittgottesdienst in Sebnitz. Lesen Sie auch: Was geschah wirklich in Sebnitz? (Seite 30) und: Land unter BSE-Schock (Seite 312)

DER SPIEGEL 49/2000
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