04.12.2000

Die traurigen Tage von Sebnitz

Eine Kleinstadt im östlichsten Osten wurde zum Ort, an dem sich wie im Theater alle Leidenschaften bündelten und Bürger, Medien und Politiker die tiefsten Konflikte der Republik inszenierten. Doch was geschah eigentlich in Sebnitz? Ein Protokoll.
Nichts ist schlimmer als der Tod eines Kindes. Das ist gewiss. Ungewiss ist, wie es um ein Land bestellt sein muss, das sich über eine Woche lang der Barbarei für fähig gehalten hat: des bestialischen Mordes an einem Kind.
Es stand auf den Titelseiten aller Zeitungen: Ein Sechsjähriger, von einer Horde Neonazis jämmerlich in einem Spaßbad ertränkt, vor den Augen der Badegäste, und ringsum eine Kleinstadt, die drei Jahre lang mit dem kleinen Leichnam leben kann, ohne dass ein Wort von dem Mord nach außen dringt.
Das ganze Land zog sich ein grässliches Kleid an, stellte sich vor den Spiegel und sagte: "Passt." Als wäre das zusammenge-
schneiderte Gewebe von Vermutungen, Widersprüchen, Schlampereien, selbst gesuchten Zeugenaussagen ein Maßanzug.
Das ist unglaublich. Das wurde geglaubt.
Kinder brauchen Märchen. Moderne Gesellschaften brauchen von Zeit zu Zeit Vorfälle, um zu wissen, woran sie mit sich sind. Die USA hatten den O.-J.-Simpson-Prozess und die Affäre Lewinsky, Belgien seinen Fall Dutroux. Geschichten jeweils, über die von allen geredet, gestritten, gegrübelt wurde.
Gesamtdeutschland im Jahre zehn hat sich die Herbsttage von Sebnitz ausgesucht. Sie sind es wert, noch einmal erzählt zu werden, samt ihrer Vorgeschichte.
13. JUNI 1997
Um 15 Uhr treibt im "Dr.-Petzold-Bad" zu Sebnitz der Körper eines kleinen Jungen.
Das Freibad ist an diesem Tag gut besucht. In den Becken toben und schwimmen rund hundert Kinder und Erwachsene. Unter ihnen ist zehn Minuten vor drei auch der kleine Joseph Abdulla. Der Nichtschwimmer planscht im seichten Teil des Beckens, sein Schwimmreifen liegt auf der Wiese. Es ist das letzte Mal, dass der Junge lebend gesehen wird.
Er war zusammen mit seinem Freund Steve, seiner Schwester Diana und deren Schulfreund Ben, dem Sohn des Pfarrers, ins Freibad getrottet. Auf den Eintrittskarten wird als Ankunftszeit 14 Uhr 23 Minuten und 58 Sekunden vermerkt.
Die Badeaufsicht führt heute Andrea Göbel, eine Hilfskraft. Um 15 Uhr ist sie mit der Einschaltung der Strömungsanlage im Hauptbecken beschäftigt. Ihr Kollege, der Badewärter Jürgen Goldschmidt, sitzt im Technikraum. Der Bademeister hat frei.
Zu diesem Zeitpunkt treibt Joseph bereits leblos im 1,35 Meter tiefen Teil des Beckens - zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche. Ein Jugendlicher, der ihn zufällig sieht, glaubt, er würde tauchen.
Um 15.05 Uhr geht in der Sebnitzer Rettungsleitstelle der Notruf ein. Am Beckenrand beginnt die ausgebildete Krankenschwester Daniela Richter mit Wiederbelebungsversuchen. Der inzwischen alarmierte Badewärter Goldschmidt versucht, den Jungen mit Mund-zu-Mund-Beatmung zu reanimieren.
Sechs Minuten später trifft der Notarzt Gábor Várnai am Unfallort ein. Joseph ist ohne Atmung und ohne Puls. Im Sebnitzer Kreiskrankenhaus werden dem Jungen Defibrillatoren angesetzt, Elektroschocker, mit denen die Herztätigkeit wieder angeregt werden soll. Joseph bekommt sechs Ampullen Adrenalin gespritzt. Vergebens.
Auf dem Totenschein vermerkt der Notarzt als unmittelbare Todesursache: "Ertrinken beim Spiel im Wasser." Eine rechtsmedizinische Untersuchung hält er nicht für notwendig, schränkt aber ein: "aus medizinischer Sicht".
Der zuständige Polizeikommissar sieht keinen Anlass für umfassende Zeugenvernehmungen, obwohl schon bald Gerüchte kursieren, Joseph sei von anderen Kindern getaucht worden. Weder die Kioskbesitzerin wird befragt, noch werden die Personalien erwachsener Badegäste aufgenommen.
Eine Vernehmung von Diana, 12, durch die Polizei lehnt Renate Kantelberg-Abdulla ab. Sie verweist auf eine handschriftliche Erklärung ihrer Tochter.
17. JUNI 1997
Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Pirna wird Josephs Leichnam an der Universitätsklinik Dresden untersucht. Die äußere Besichtigung zeigt wenig Auffälligkeiten. Lediglich einige blau-violette Verfärbungen am Rücken, an der rechten Gesichtshälfte und an der rechten Ohrmuschel. Im Sektionsprotokoll 192/97 werden diese Anomalien von den Experten als Totenflecken gewertet.
"Beim Einschneiden der Lungen geringes Knistergeräusch vernehmbar", protokollieren die Mediziner nach der "inneren Besichtigung", der Leichenöffnung. Das Herz wird zerlegt, aber nur äußerlich betrachtet: "Herzbeutel unverletzt, spiegelnd und glatt". Eine feingewebliche Untersuchung, mit der Herzfehler festgestellt werden können, wird unterlassen, weil "für die Bearbeitung der vorliegenden Fragestellung nicht erforderlich".
Das logische Fazit: "Ein bloßes Tauchen oder Tunken durch fremde Personen ist allein auf Grund der Sektionsbefunde weder beweisbar noch auszuschließen."
Ein verwandter Arzt der Familie Abdulla ist während der Obduktion anwesend.
27. JUNI 1997
Bei der Trauerfeier in Sebnitz liest der Pfarrer auf Wunsch der Eltern ein Motto, das Gandhi zugeschrieben wird: "Wenn ich verzweifelt bin, sage ich mir immer wieder, dass in der Geschichte der Weg der Liebe und der Wahrheit gesiegt hat."
Seine endgültige Ruhestätte findet Joseph Abdulla im Familiengrab in Kempen am Niederrhein, im Westen. Sein Name wird auf Wunsch der Eltern nicht auf den Grabstein geschrieben, um Schändungen zu verhindern.
3. JULI 1997
Die Polizei erklärt: "Die Ermittlungen schließen zweifelsfrei einen Straftatverdacht aus." Der Kriminaloberkommissar, der die Ermittlungen geführt hat, wird später wegen zweier anderer Verstöße vom Dienst suspendiert.
27. OKTOBER 1997
Familie Abdulla erstattet Anzeige "wegen eines Tötungsdelikts". Eine Sebnitzerin hatte sich per Telefon gemeldet und von einer Verschwörung zur Ermordung Josephs erzählt. Die Frau nannte Namen von Tätern und Zeugen. Rechte seien es gewesen. Die Tochter eines anderen Apothekers sei beteiligt gewesen. Das macht Sinn, für die Eltern fügt sich eines zum anderen.
Hatte das Jahr in Sebnitz nicht damit begonnen, dass am frühen Neujahrsmorgen sechs Jugendliche zwei schlafende Obdachlose im Bahnhof mit Eisenketten verprügelten? Und war die Familie, als Joseph stirbt, nicht schon längst in einen Kleinkrieg mit den Einheimischen verstrickt?
Für die Sebnitzer muss die Familie Abdulla der Westen in Reinform gewesen sein. Schon der Name. Und dann diese energische Frau, die sich unerschrocken in Konkurrenz zu den beiden ansässigen Apotheken-Besitzern begibt und keine Scheu hat zu fragen, was es denn mit all den Kurzgeschorenen auf sich habe.
In dem Taunusstädtchen Grävenwiesbach, wo die Apothekerfamilie zuvor gelebt hat, erinnert man sich an sie als "sehr beliebt" und engagiert. Sie hätten oft bis spät in den Abend gearbeitet. Dennoch blieben die Umsätze schlecht. Von Sebnitz hätten sie viel erzählt, "mit glänzenden Augen".
Aber auch dort läuft das Geschäft nicht gut. Im Wohnzimmer stehen Ordner voller Anzeigen, Klagen über die "kriminelle Apotheker- und Ärzteschaft" und Warnbriefe an zuständige Stellen.
25. FEBRUAR 1998
Der sechsjährige Steve kommt zur Vernehmung in die "Center-Apotheke". Josephs Freund wird von Diana befragt. Das stundenlange Gespräch wird auf Tonband aufgezeichnet. Diana gibt meist die Fakten vor, Steve bestätigt durch einfaches Ja-Sagen. Ein zusammenhängender Satz zum Geschehen ist selten. Wenn der kleine Junge nicht gleich antwortet, wird nachgehakt: "Es war doch ...?"
Die Vernehmung soll klären, ob die drei Jungen, die Joseph aus dem Wasser gezogen haben, an dem Tod des Jungen schuld sind. Renate Kantelberg-Abdulla ist davon überzeugt.
7. MAI 1998
Die Staatsanwaltschaft Dresden stellt die Ermittlungen ein: "Zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für eine Straftat liegen nicht vor." Renate Kantelberg-Abdulla ermittelt auf eigene Faust weiter, mit den Möglichkeiten, die ihr gegeben sind.
Sie wird insgesamt 30 Menschen finden, die bereit sind, eidesstattliche Aussagen zu unterschreiben.
25. AUGUST 1998
Der Stadtrat beschließt, sich mit der Familie Abdulla, die wegen Verletzung der Aufsichtspflicht klagen will, außergerichtlich zu einigen. Als Trägerin des Schwimmbads zahlt die Stadt Sebnitz der Familie 60 000 Mark.
8. FEBRUAR 1999
Rechtsanwalt Rolf Bossi schreibt an seine Mandantin: "Ich habe sicherlich vergebens versucht, Ihnen und Ihrem Ehemann in meiner Kanzlei eindringlich bewusst zu machen, dass Sie beide sich nach dem Tod Ihres gemeinsamen Kindes Joseph in einen sinnlosen und aussichtslosen Kampf, sozusagen gegen den Rest der Welt, verstrickt haben, dem Sie sicherlich am Schluss auch wirtschaftlich erliegen werden.
Es liegt diesem Vorfall sicher eine Art tragisches Lebensschicksal zu Grunde, bei dem Ihre Kräfte offensichtlich überfordert sind. Ich hatte zuletzt noch unter Hinweis auf Ihre gemeinsame Tochter gebeten, doch eine Überlebensstrategie zu erarbeiten, mit der Sie aus diesen ganzen Widerwärtigkeiten versuchen sollten, herauszufinden. Ich kann Sie nun nochmals inständig bitten, darüber nachzudenken."
19. SEPTEMBER 1999
Bei der Kommunalwahl wird Renate Kantelberg-Abdulla mit 490 Stimmen für die SPD in den Sebnitzer Stadtrat gewählt. Sie ist erst ein Jahr zuvor in die Partei eingetreten, als ein SPD-Abgeordneter den angeblichen Apothekerkrieg im Kreistag zur Sprache brachte. Die Staatsanwaltschaft Pirna beschäftigte sich mit dem Fall und konnte keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten feststellen.
SPD-Ratskollege Stefan Müller, ein Computerexperte, beschreibt seine politische Mitstreiterin als freundlich und mit einer starken sozialen Ader versehen. Die Vorgänge rund um den Tod von Joseph habe sie weder im Stadtrat noch in der Mini-Fraktion erwähnt. Dass Renate Kantelberg-Abdulla in ihren Protokollen auch schwere Vorwürfe gegen ihn sammelt, erfährt er nicht.
So erklärt der alkoholabhängige Frührentner Andreas Dittrich im Mai auf gezielte Fragen der Apothekerin, Stadtrat Müller habe ihm gegenüber erklärt, man habe den Leichnam Josephs vor der Exhumierung stehlen wollen: "Sie wollten Joseph mausen und woanders hinschaffen, ihn kleine machen und die Einzelteile irgendwo verschwinden lassen."
22. NOVEMBER 1999
Renate Kantelberg-Abdulla, die Freunden zu Josephs Lebzeiten immer wieder versichert hatte, der Sohn sei ihr "ein und alles", lässt ihr Kind auf eigene Kosten exhumieren und bestellt ein forensisches Gutachten beim Gießener Rechtsmediziner Professor Günter Weiler.
17. JANUAR 2000
Günter Weiler legt das Ergebnis seiner Obduktion vor. Die Untersuchung ist nach der Maßgabe der Mutter geführt worden: "Vorausgesetzt, die eidesstattlichen Versicherungen sind wahr - können Sie ausschließen, dass ...?"
In den bereits stark verfaulten Blutproben sind Spuren von Amphetaminen festgestellt worden. Renate Kantelberg-Abdulla fordert daraufhin eine Untersuchung auf Ritalin, eine Tablette, die hyperaktiven Kindern verschrieben wird, aber unter gewissen Umständen auch wie ein Amphetamin wirken kann.
Die massenspektrometrische Analyse ergibt tatsächlich einen Hinweis auf den in Ritalin enthaltenen Wirkstoff Methylphenidat. Doch könnte es sich dabei auch um ein Abbauprodukt der Verwesung handeln. "Eine sichere Identifizierung", sagt Weiler, "war auf Grund des Zustands der Blutprobe nicht mehr möglich." Im Erbrochenen fand sich kein Hinweis auf Ritalin.
"Ein Hämatom am rechten Ohr", heißt es weiter, sei "nicht auszuschließen". Es könnte sich aber auch um Leichenflecke handeln, zumal die Qualität der vorgelegten Fotos unbefriedigend sei.
Bei der histologischen Untersuchung haben die Gießener Rechtsmediziner eine Entzündung des Herzmuskels entdeckt. Ein Symptom, das bei etwa einem Drittel aller "lautlos untergegangenen" Kinder festzustellen sei. Renate Kantelberg-Abdulla bestreitet den Befund und spricht von einer gewollten Vertauschung der Gewebeproben durch die Dresdner Ärzte. Diesen Teil des Gutachtens verschweigt sie.
Weiler schreibt an die Staatsanwaltschaft Dresden-Pirna und regt an, die Ermittlungen im Fall Joseph wieder aufzunehmen.
25. APRIL 2000
Die Familie Abdulla schreibt dem Anwaltsbüro Bossi einen 16-seitigen Brief "betr.: Geplanter Mord unseres Sohnes Joseph Abdulla durch angeheuerte extrem rechtsradikale Nazi-Gruppierungen mit Hilfe einer mit Gewalt erzwungenen Verabreichung einer Überdosis eines Betäubungsmittels". Es ist ein Brief mit vielen Unterstreichungen. In ihre Apotheke seien "zahllose Spitzel eingeschleust", die das elektronische Warenlagerwesen manipulieren wollten. Der Brief schließt: "Im Zusammenhang mit Josephs Ermordung und der unermesslichen Korruption sind mehrere Mitwisser ermordet worden."
MAI 2000
Renate Kantelberg-Abdulla legt der Dresdner "Bild"-Redaktion Akten vor. Diese werden von der Chefredaktion als "nicht veröffentlichungsreif" empfunden. Man vereinbart, den Kontakt zu halten.
24. JUNI 2000
Bei einer Razzia werden bei der neonazistischen Gruppe "Skinheads Sächsische Schweiz" zwei Kilo Sprengstoff und Unterlagen über paramilitärische Übungen gefunden.
Renate Kantelberg-Abdulla hat ihre eidesstattlichen Erklärungen nach Hannover geschickt, zum Institut des Kriminologen Christian Pfeiffer. Der soll ein Gutachten über die Plausibilität der Zeugenaussagen anfertigen. Pfeiffer beauftragt damit den früheren Strafrichter Tilmann Schott.
Drei Wochen lang sichtet und bewertet Schott. Vor allem die Aussagen der Kinder findet er "insbesondere von Detailreichtum, aber auch anderen Glaubwürdigkeitssignalen geprägt". Mit den Zeugen selbst spricht er nicht. Er bemängelt polizeiliche Versäumnisse, die "mit Desinteresse und Unprofessionalität erklärt werden können".
In dem 23-seitigen Gutachten heißt es abschließend: "Insgesamt ist eine umfassende und abschließende Glaubwürdigkeitsbeurteilung allein nach Aktenlage allerdings nicht möglich, weil das Zustandekommen der Aussagen nicht bekannt ist." Es wird empfohlen, "in Erfahrung zu bringen, wie die Befragten zu ihrer Aussage veranlasst wurden".
25. JULI 2000
Schott schickt das Gutachten an Sachsens Innenminister Klaus Hardraht. Der informiert das Justizministerium. Von dort wird das Gutachten an Generalstaatsanwalt Jörg Schwalm weitergereicht. Am 30. August liegt es schließlich bei Staatsanwalt Georg Flockerzi. Der langjährige Familienrichter ist mit der Wiederaufnahme der Ermittlungen beauftragt.
Für "Bild"-Chef Udo Röbel ist die Nachricht "ein erster großer Eckstein". Schließlich sei Pfeiffer ein anerkannter Experte.
Frau Kantelberg-Abdulla hat ihre Akten auch anderen Redaktionen zugeschickt. Außer der "Bild"-Zeitung wird niemand den Vorgang als ausreichend glaubhaft für eine Veröffentlichung halten.
24. SEPTEMBER 2000
Es kommt zu einem Treffen in der Apotheke mit dem Leiter des Dresdner "Bild"-Büros und einem Anwalt. Man hört vier Zeugen, die von dem Anwalt als "glaubhaft" eingestuft werden. "Das waren keine Alkoholiker", sagt "Bild"-Chef Röbel.
16. OKTOBER 2000
Am Nachmittag hat der 15-jährige Schüler René M. einen Termin im Amtsgericht Dresden als erster Zeuge im Ermittlungsverfahren 414 Js 53329/00. Er hatte Renate Kantelberg-Abdulla am 29. März detailliert die Umstände von Josephs Tod geschildert: "In Gegenwart dieser Gruppe haben Maik H. und Sandro R. Joseph in das tiefe Wasser geworfen. Die Gruppe ermutigte die beiden. Vor allem Uta S. schrie: ,Na, mach''s endlich, schmeiß ihn schon rein.'' Uta S. beschimpfte Joseph laut mit Scheiß-Ausländer. Die ganze Gruppe lachte und guckte tatenlos zu. Maik H. und Sandro R. sprangen direkt auf Joseph drauf und hopsten auf seinem Rücken herum. Joseph gab kein Zeichen von sich."
Vor dem Richter ist René weniger genau, bringt Namen durcheinander, verwechselt einzelne Ereignisse.
13. NOVEMBER 2000
Die Springer-Justiziarin Karina Hesse fährt für zwei Tage nach Sebnitz, um mit der Familie zu sprechen, zwei Zeugen zu vernehmen und Akten zu sichten. Alle stufen die Version als "glaubhaft" ein. "Ich habe noch nie einen Fall erlebt, bei dem so viele eidesstattliche Versicherungen auf dem Tisch liegen und der Fall so lückenlos dokumentiert ist", sagt Chefredakteur Röbel.
21. NOVEMBER 2000
Ein Ermittlungsrichter des Dresdner Amtsgerichts vernimmt den 23-jährigen Sozialhilfeempfänger Sven K. und den Schüler Daniel S. Sie haben zwei Termine platzen lassen und sind auch diesmal nicht freiwillig erschienen. In der Zwangsladung für Sven K. ist das Datum handschriftlich um eine Woche vorverlegt worden.
Beide halten an den früheren Darstellungen fest. Die Staatsanwaltschaft Dresden beantragt daraufhin drei Haftbefehle. Noch am selben Tag wird Maik H. in Sebnitz festgenommen.
22. NOVEMBER 2000
In Braunschweig wird Uta S. auf dem Heimweg von der Universität festgenommen, wenig später ihr Freund, der Gerüstbauer Sandro R.: "Das wird sich schnell aufklären. Sie tun nur ihren Job", sagen sie.
Der Haftbefehl GS 3638/00 für Uta S. ist offenbar in aller Eile ausgestellt worden. Der Name ist falsch geschrieben, als Geburtsdatum findet sich 00.00.0000. Der Wohnort wurde handschriftlich nachgetragen. Als Grund für die Verhaftung heißt es nur: "Der dringende Tatverdacht ergibt sich aus dem Ergebnis der bisherigen Ermittlungen und den Aussagen der richterlich vernommenen Zeugen."
Im Braunschweiger Dom hält Sachsens Ministerpräsident eine Buß- und Bettagsansprache: Die rechte Szene im Osten sei nicht stärker als die im Westen.
Um 12.45 Uhr erfährt "Bild" durch eine routinemäßige Anfrage bei Staatsanwalt Claus Bogner, dass gegen zwei Männer wegen Totschlags ermittelt wird. Man entschließt sich zur Veröffentlichung. Mit der Familie ist eine Vereinbarung über eine fünfteilige Serie "Der Fall Joseph" geschlossen worden.
23. NOVEMBER 2000
"Neonazis ertränken Kind"
BILD
Mit dieser Schlagzeile begrüßt Deutschlands größtes Boulevardblatt die Republik. "Ich habe keine Hemmungen gehabt, das Fragezeichen wegzulassen, weil wir keine Täternamen genannt haben und der Persönlichkeitsschutz gewahrt blieb", sagt "Bild"-Chef Röbel. "Neonazi ist für mich jeder, der an dem Haus der Abdullas vorbeizieht und diese Lieder grölt."
In Sebnitz ist die "Bild"-Zeitung ausverkauft. Oberbürgermeister Mike Ruckh bricht seinen Urlaub ab. Vor der Kirche stehen Jugendliche in Springerstiefeln und sagen, dass "der Apotheken-Abdulla einfach nur ersoffen" sei.
Renate Kantelberg-Abdulla sitzt im Arbeitszimmer, die "Bild" vor sich und sagt: "Man hat uns keine Zeit zum Trauern gegeben. Man hat versucht, uns zu kriminalisieren. Das wird sich jetzt ändern."
Das Telefon klingelt ununterbrochen. Die Mutter nimmt jeden Anruf entgegen. "Mama, keine Namen", sagt die Tochter. Der Vater blättert in Aktenordnern. Vor dem Haus fahren Streifenwagen vor.
Mike Ruckh verliest eine Erklärung: "Wer wegschaut, macht sich mitschuldig."
Spätabends ziehen an der Apotheke vier Betrunkene vorbei. Sie grölen etwas, was sie "ein ganz normales Fußball-Lied" von Dynamo Dresden nennen: "Auf dem Rasen liegen Leichen, in den Rücken stecken Messer, mit der Aufschrift: Wir sind besser."
24. NOVEMBER 2000
"Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord"
TAGESZEITUNG
Das virtuelle Gästebuch der Stadtverwaltung Sebnitz war bis vor kurzem eine harmlose Grüß-Gott-Datei mit zehn Einträgen pro Woche. Jetzt kommen innerhalb weniger Stunden über 10 000 Botschaften. Am aggressivsten sind die Neonazis: "Die Zeit der Rache und der Vergeltung ist nicht mehr fern, wo linke Hetzer, Autonome und Vaterlandsverräter nichts mehr im Reich zu suchen haben" - "Tötet Michel Friedman, Joschka Fischer".
Die Linken wüten: "Nazi-Schweine seid ihr" und "verreckt doch". Der Absender wir@kriegen euch alle.de müht sich um Nähe zum RAF-Jargon.
Vor allem zeigt das Gästebuch jedoch eine tief zerrissene Nation. Aus dem Westen kommt der Vorschlag: "Mauer hoch, eine Hälfte der Zone als Parkplatz, der Rest als Müllhalde und Ossi-Knast." - "Deutschland könnte so schön sein ohne Ossis." Der Osten funkt zurück: "Alles nur Hetze der westdeutschen Medien gegen die ehemalige DDR" - "Ihr seid alle herzlose Schweine."
25. NOVEMBER 2000
"Die ganze Gruppe lachte und guckte zu"
FRANKFURTER ALLGEMEINE
Der Skandal erreicht seinen Höhepunkt. Das Land vergisst den Konjunktiv. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber: "Diese Tat geht mir so unter die Haut wie kaum ein anderes Ereignis und entsetzt mich zutiefst. Genauso dieses Wegschauen und Nichthandeln so vieler." Der Berliner "Tagesspiegel" schreibt, was vielen durch den Kopf geht: "In einem Land, in dem ein Sechsjähriger von politisch motivierten Gewalttätern ermordet werden kann, weil Menschen nicht eingreifen, möchte man nicht leben."
26. NOVEMBER 2000
"Ein unfassbarer Mord"
BILD AM SONNTAG
Den ganzen Tag lang überprüft die Sonderkommission "Schwimmbad" das Alibi von Sandro R. Es ist perfekt. Am 13. Juni 1997 rüstete er mit seiner Kolonne eine Strafvollzugsanstalt ein. Datum und Ort sind in einer Sondergenehmigung dokumentiert.
Die Ermittler vernehmen den 15-jährigen Zeugen René G., der zusammen mit zwei Freunden den toten Joseph aus dem Becken gezogen hatte. G. wurde später zunächst von den Abdullas des Mordes verdächtigt. Der Junge sagt aus, ihm seien keine Skinheads im Schwimmbad aufgefallen.
Am Nachmittag bestellen die Kriminalen einen der Hauptbelastungszeugen, den 15-jährigen Daniel S. ins Dresdner Polizeipräsidium. Zunächst bleibt Daniel bei der Mordversion, die er schon fünf Tage zuvor dem Ermittlungsrichter erzählt hat. Die Beamten lassen den Schüler spüren, dass sie ihm nicht glauben. Die Anwesenheit eines Psychologen bei der Vernehmung halten die Polizisten nicht für erforderlich.
Daniel beginnt zu weinen. Er widerruft seine Aussage komplett. Er habe nicht gesehen, was mit Joseph im Wasser geschah. Auch könne er sich nicht daran erinnern, ob Sandro R. oder Uta S. an dem Tag im Bad waren. Er kenne die beiden gar nicht. Frau Kantelberg-Abdulla habe ihn damals fünf Stunden lang befragt. Er habe nur noch nach Hause gewollt.
Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der schon am Freitag mit einem Hubschrauber eingeflogen war, um die Familie zu trösten, besucht den Gottesdienst in der Sebnitzer Peter-Pauls-Kirche und zündet für den toten Joseph eine Kerze an. Seine Ehefrau Ingrid trägt ein schwarzes Hütchen.
Der Filmregisseur Volker Schlöndorff versucht, den Kanzler zu erreichen. Er hat gehört, dass Gerhard Schröder die Familie am nächsten Tag empfangen möchte und hält die Frau inzwischen schlicht für verrückt. Schließlich gelingt es einem befreundeten Journalisten, Schröder ans Telefon zu bekommen. Eine Absage wird verworfen, es soll aber sichergestellt werden, dass es keine Fotos zusammen mit der Familie geben kann.
Am Abend klingelt bei dem Inhaber der "Hirsch-Apotheke" das Telefon. Am Apparat ist Uta S. Sie erklärt ihrem Vater, dass sie soeben aus der Untersuchungshaft entlassen und in ein Hotel einquartiert wurde. Auch Sandro R. und Maik H. kommen frei.
Spätabends ist Renate Kantelberg-Abdulla zu Gast in Erich Böhmes Talkshow. Sie sagt, es gebe in Sebnitz ein Haus, in dem "Arier gezüchtet werden".
Ins Gästebuch der Stadt schreibt ein Besucher aus Hessen: "Ob nun Mord oder nicht Mord: Eines bleibt klar! Sebnitz ist und bleibt ein rechtes Drecksnest."
27. NOVEMBER 2000
"Grausige Gewissheit: Joseph wurde ermordet"
BERLINER MORGENPOST
Die "FAZ" fordert auf Seite eins die Übernahme des Falls durch Bundesbehörden: "Den örtlichen Behörden ist nicht zu trauen."
Biedenkopf warnt am Morgen Kanzler Schröder telefonisch vor einer Begegnung mit der Apothekerin. Gleichzeitig klagt er, dass Schröder doch vor der Verabredung besser ihn, Kurt Biedenkopf, gefragt hätte. Nanu, wundert sich da der Kanzler laut, sollte der Herr Professor Biedenkopf noch in den Kategorien des einstigen Königreichs denken, wo ein sächsisches Landeskind für ein Gespräch in Berlin die Erlaubnis des Potentaten benötigte?
Die Abdullas betreten das Willy-Brandt-Haus durch die Tiefgarage und werden mit dem Lift direkt ins Büro des SPD-Vorsitzenden gebracht. Während Schröder mit der Genossin parliert, verkündet Oberstaatsanwalt Bogner die Aufhebung der Haftbefehle.
Im Rathaus Sebnitz verkleben Mitarbeiter die Scheiben der Eingangstür mit Packpapier, als Sichtschutz gegen die Presse.
Der Frührentner Andreas Heinz Dittrich müht sich mit wackligen Schritten den Berg zur Sebnitzer Polizeiwache hinauf. Die Beamten messen 2,8 Promille Alkohol im Blut des Zeugen.
In fünf eidesstattlichen Versicherungen hatte Dittrich berichtet, er habe am "Unglückstag" fünf Meter entfernt auf der Wiese im Schwimmbad gelegen und gesehen, wie drei Jungen auf Joseph herumgesprungen seien. Von dieser Version bleibt nicht viel übrig. Er habe "am Unglückstag" im tschechischen Nachbarort Dolni Poustevna ein paar Bier getrunken, Schnaps und Zigaretten gekauft. Im Dr.-Petzold-Bad angekommen, habe ihn plötzliche Müdigkeit übermannt: "Ich bin vor Suff eingeschlafen." Erst das Martinshorn vom Notarztwagen weckte ihn.
Er habe vom Tod Josephs nichts mitbekommen. Alles sei wohl ein Unfall gewesen. Er habe der Familie Abdulla mit seinen Aussagen helfen wollen. Sie hätten ihm öfter Geld zugesteckt, für Zigaretten.
Dittrich kehrt zurück in seinen Wohnblock "Am Brauhaus". Das Glas der Haustür ist zersplittert. Die Wohnungstür hängt in den Angeln, als hätte sie jemand eingetreten. Dittrich sitzt im abgewetzten Sessel vor einer leeren Flasche "Spar"-Korn und drei Büchsen Bier. Ihm wird das alles zu viel: "Ich hatte meine Brille weggeworfen. Ohne die konnte ich den Text doch gar nicht lesen."
Im Rathaus gibt Oberbürgermeister Ruckh unterdessen einen kleinen, diskreten Empfang für Sandro R., Uta S. und Maik H. mit ihren Eltern. Ruckh, der "gewählte Vertreter aller Bürger", freut sich über den "besonnenen Eindruck", den seine Gäste auf ihn machen. Die Freigelassenen erklären, sie würden "ihren Beitrag zur Aufklärung leisten". Der Fotograf der Lokalredaktion der "Sächsischen Zeitung" hält das Ereignis für die Nachwelt fest.
Das Haus der Abdullas ist inzwischen durch Absperrungen, Polizisten mit Maschinenpistolen, Leuchtfahrzeuge zum exterritorialen Gebiet gemacht worden. In der Stadtmitte, auf dem Marktplatz, lehnen Gruppen von Jugendlichen an den Autos, kahl geschoren.
Vor der Center-Apotheke sitzen Bürger auf einem Bierkasten und warten, dass der erste Stein geworfen wird.
Die Familie Abdulla ist in der sächsischen Landesvertretung in Berlin untergebracht. Man überlegt, wohin sie ausgeflogen werden kann.
28. NOVEMBER 2000
"Waren die Skins nur die Werkzeuge?"
MITTELDEUTSCHE ZEITUNG
Nach der Kabinettssitzung tritt Kurt Biedenkopf (CDU) vor die Presse und präsentiert den Schuldigen für die Affäre Joseph: Er heißt Christian Pfeiffer, leitet das Kriminologische Forschungsinstitut in Hannover und wird demnächst Justizminister Niedersachsens sein. Pfeiffer habe die angeblichen Augenzeugenberichte "de facto testiert", ohne Gespräche mit den Zeugen geführt zu haben. Die Zeugen seien zudem überwiegend minderjährig, die eidesstattlichen Versicherungen somit ohne eigenen "Beweiswert". Der SPD-Mann habe sich damit für das neue Amt als "ungeeignet" erwiesen.
"Bild" zieht auf ganz eigene Weise Konsequenzen: Über der Geschichte zum "kleinen Joseph" stehen fortan keine Autorennamen mehr.
Olaf, einer der Jugendlichen, die nachts vor der Apotheke gegrölt hatten, wird vom Staatsschutz vernommen. Ja, er sei "total besoffen" gewesen. Nein, er habe kein Geld von Journalisten bekommen. Ja, er würde sich gern bei der Familie für seinen Ausfall entschuldigen.
29. NOVEMBER 2000
"Immer mehr Zweifel an Josephs Mutter"
BILD
Um 7.51 Uhr erklärt dpa, ab sofort werde die Berichterstattung zum Tod des kleinen Joseph statt wie bisher unter dem Stichwort "Extremismus" im Ressort Vermischtes fortgesetzt.
"Bild" opfert eine Mutter. "Wer soll ihr das noch glauben?", fragt das Blatt und erklärt zur bloßen Behauptung einer verzweifelten Frau, was eine Woche zuvor noch Schlagzeile war: "Neonazis haben unseren Sohn ertränkt."
In einem Interview mit der türkischen Zeitung "Hürriyet" sagt Renate Kantelberg-Abdulla: "Wir haben unser Kind verloren, wir haben nicht mehr viel zu verlieren. Wir werden so lange, bis die Gerechtigkeit gesiegt hat, in Sebnitz bleiben.
Wenn wir in Kreuzberg gelebt hätten, wäre Joseph jetzt noch unter uns. Wenn ich aus Sebnitz wegziehe, werde ich mich entweder in Kreuzberg niederlassen oder in einem anderen Land. Die Deutschen lieben ihre Kinder nicht so wie die Menschen in islamischen Ländern."
Der Sebnitzer Stadtrat sagt die für Sonntag geplante Lichterkette ab, "aus präventiver Sicht", weil die Stadt "ständig durch Mitglieder extremer Gruppierungen beobachtet und analysiert wird". Oberbürgermeister Ruckh hält eine Rede. Er hat einen badischen Akzent und spricht von "seelischem Schaden" durch die Medien. Dann sagt er: "Wir Sebnitzer werden in dieser verdammten Situation moralische Größe zeigen", und es klingt wie ein Befehl.
Im Café "Eispalette" dreht die Besitzerin Sabine Kutzner das Radio lauter wegen der Nachrichten. An den mit Weihnachtsgestecken geschmückten Kantinentischen sitzen Stammgäste bei Bier, Schnaps und Schnitzelbrot. Sie lauschen aufmerksam der Spitzenmeldung: Joseph sei womöglich an einem Herzfehler gestorben. "Haben Sie das gehört?", fragt Frau Kutzner. "Wir sind keine Weggucker!"
Gegen Renate Kantelberg-Abdulla und drei ihrer Zeugen wird Strafanzeige erstattet. Wegen der Anstiftung zur falschen Verdächtigung.
Die Familie ist nach Füssen im Allgäu gebracht worden, in das Schwesternerholungsheim "Sankt Virginia". Dort gibt es kein Fernsehen und kein Radio. Das Heim wird rund um die Uhr von Polizisten überwacht.
Im "Bier-Pub" sitzt Olaf mit seinen Kumpeln vor einem Tisch voller Bierflaschen und denkt nach. Als er sich im Fernsehen gesehen hatte, wie er herumgrölte, seien ihm selbst "alle Gesichtszüge" entglitten. Er habe "was Gutes für die Stadt" machen wollen. Zwei Skins kommen, klopfen auf die Tischplatte und grüßen zackig mit ihrer neuen Losung "Presse lügt!" "Das waren Mittel-Rechte", flüstert einer an Olafs Tisch.
In Berlin erklärt Kanzler Schröder vor den SPD-Ministerpräsidenten, er werde bei seiner nächsten Sommerreise auch nach Sebnitz fahren.
30. NOVEMBER 2000
"Die Lügen von Sebnitz"
STERN
Zwei dunkelblaue BMW-Limousinen rasen zur Center-Apotheke. Mit ihrem Rechtsanwalt und geschützt von Leibwächtern des Ministerpräsidenten kehren die Abdullas in ihren Heimatort zurück. Erst kurz zuvor haben sie erfahren, dass ihr Haus durchsucht werden soll. LKA-Fahnder, Staatsanwälte und Polizeifotografen betreten das Grundstück. "Nein, nur über meine Leiche!", sagt der Vater. "Die Presse kommt mit rein", ruft Renate Kantelberg-Abdulla. "Die Presse bleibt draußen!", sagt der Staatsanwalt.
Renate Kantelberg-Abdulla gibt Interviews. Manchmal zucken die Mundwinkel. Ein Komplott sei das Ganze. Die Tochter fügt hinzu: "Von ganz oben!"
Auf dem Parkplatz gegenüber stehen Jugendliche und eine Hand voll Betrunkener. Es ist zwei Grad kalt. Ein Mann mit Schäferhund lallt: "Ausländerfotze!" Zwei kahl geschorene Jugendliche applaudieren. Ein alkoholisierter Mann, "Trunki" sagt man in Sebnitz, schwankt über den Parkplatz: "Die Mistsau, die dreckige." Einer mit Badelatschen und Jogginghose ruft: "An den nächsten Baum soll man die hängen."
Der Oberbürgermeister schickt Stadträte, die die Situation entschärfen sollen. "Lass das mal sein da, mit dem Bier", sagt ein Ratsherr zu einem der Glatzköpfe. "Es geht hier um den Ruf von Sebnitz." Die Leute ziehen ab. Es ist zu kalt.
FREITAG, 1. DEZEMBER 2000
"Verunglimpftes Sebnitz"
FRANKFURTER ALLGEMEINE
Nach knapp sieben Stunden endet die Durchsuchung. Fahnder schleppen in den frühen Morgenstunden Kisten mit Akten in die Busse, Fotos, Videobänder, Tonbandkassetten, Computer und Dokumente, darunter auch die Vereinbarung mit "Bild". Die Asservate würden jetzt ausgewertet, sagt ein Staatsanwalt. Kurz darauf erscheint Renate Kantelberg-Abdulla und sagt den Journalisten: "Ich bin einfach nur noch müde."
Morgens lesen die Fahnder in "Bild": "Die Justiz in Sachsen muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie erst jetzt zu ihren Erkenntnissen gekommen ist. Einen Fall Sebnitz hätte es nie gegeben. Keine Verhaftungen, keine Schlagzeilen, kein Ausnahmezustand in Sebnitz."
Mittags richtet der Landrat des Kreises Sächsische Schweiz ein Spendenkonto "Hände reichen!" ein. Um "die regionale Wirtschaft zu unterstützen und um den zu Unrecht vorverurteilten Sebnitzern die Hand der tätigen Hilfe zu reichen".
Das waren die zehn Tage von Sebnitz. Zurück bleibt ein toter Junge, der nicht ahnen konnte, dass sein Name einmal einem ganzen Land bekannt sein würde. Bleiben wird eine zerstörte Familie, die in Acht und Bann leben wird. Zurück bleibt ein Seidenblumenstädtchen, dessen Name die einen noch lange Zeit an einen Kindesmord erinnern wird, die anderen an den Rufmord an einer Stadt. Auf der Strecke geblieben ist die Glaubwürdigkeit der öffentlichen Meinung und der Ermittlungsbehörden.
Jeder hat Schaden genommen. Fast jeder. Genutzt hat es nur jenen, die glauben, es sei ein harmloses Fußball-Liedchen, Mitmenschen ein Messer in den Rücken zu singen.
JÜRGEN DAHLKAMP, SVEN RÖBEL,
ALEXANDER SMOLTCZYK, ANDREAS WASSERMANN, STEFFEN WINTER
* Mutter Renate, Schwester Diana, Vater Saad mit einem der letzten Kinderfotos von Diana und Joseph vor dem Tod des Sohnes.
Von Dahlkamp, Jürgen, Röbel, Sven, Smoltczyk, Alexander, Wassermann, Andreas, Winter, Steffen

DER SPIEGEL 49/2000
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