11.12.2000

NATURSCHUTZEnde der Aussperrung

Von der Küste bis zu den Alpen kämpft das Landvolk gegen neue Schutzgebiete. Nun wollen auch Ökologen die Menschen nicht länger aus der freien Natur verbannen - gerade Bauern und Freiluftsportler könnten sogar helfen, bedrohte Tiere zu retten.
Georg Schmoldt holt den Hammer raus. Mit kräftigen Schlägen rammt er vor seinem Hof ein Protestplakat in die Erde. Der Weizenbauer aus Krummendeich gibt sich wehrhaft: "Hier wird um jeden Quadratmeter gekämpft."
Die Landwirte im Kehdinger Land wollen weder eine Chemiefabrik noch neue Straßen verhindern. Ihre Gegner kommen aus der Luft. Auf selbst gemalten Demo-Schildern reimen die Landmänner: "Wir hauen auf den Putz gegen Vogelschutz."
Hoch her geht es an der Unterelbe, seit die Bezirksregierung Lüneburg angedroht hat, einen Großteil der elbnahen Äcker und Wiesen zum Vogelschutzgebiet zu erklären. Viele der 60 ortsansässigen Höfe fürchten um ihre Existenz.
So soll es den Bauern künftig verboten werden, die derzeit bestehende Landnutzung noch zu verändern. Brachliegendes Grünland könnten sie dann nicht mehr in wertvolles Ackerland umpflügen oder mit Obstbäumen bepflanzen. "Ohne diese Reserveflächen wäre unser Land nur noch die Hälfte wert", klagt Bauer Schmoldt. "Die wollen uns hier ruinieren."
Große Sorgen macht sich auch Carsten Haack. "Wir leben seit Generationen im Einklang mit der Natur", sagt der Arzt und Pferdezüchter, "warum können uns die Bürokraten nicht einfach in Ruhe lassen." Schon seit dem Dreißigjährigen Krieg zieht seine Familie auf ihren 90 Hektar großen Wiesen Pferde groß. Hunderte Fohlen hat Haack selber in der Postkartenidylle hinterm Deich aufwachsen sehen. Zu jedem vierbeinigen Hannoveraner kennt er eine eigene Geschichte.
Doch nun wollen die Naturschützer der Bezirksregierung herausgefunden haben, dass die Pferde auf seinen Weiden die Nester seltener Vögel zertrampeln. "So ein Quatsch", schimpft Haack. "Gerade Pferde passen genau auf, wo sie hintreten."
Was den Pferdezüchter besonders erbost: Ohne die Menschen und ihr Vieh wäre das Paradies der Piepmätze niemals entstanden.
Wo heute Kampfläufer und Brachvögel brüten, wälzte sich vor 1000 Jahren der damals noch viel breitere Elbstrom. Erst mit Hilfe trickreich angelegter Deiche und Entwässerungsgräben rangen die bäuerlichen Siedler dem Fluss Meter um Meter ab. Auf die neu geschaffenen Feuchtwiesen trieben sie dann ihr Vieh. Nachdem die Pferde, Schafe und Rinder das Gras schön kurz gefressen hatten, kamen auch
die Zugvögel auf den Geschmack. "Nun werden wir also dafür bestraft", sagt Haack, "dass wir ihnen den Tisch gedeckt haben."
Um dem Verbot von Nutzungsänderungen zuvorzukommen, machen viele Bauern derzeit kurzen Prozess: Sie pflügen schnell noch einige ihrer grünen Wiesen um. Auf den neu angesäten Raps- und Weizenfeldern brütet dann kein Vogel mehr.
Der Vogel-Krieg vor der Elbmündung ist ein Lehrstück darüber, wie sich Naturschützer in die Sackgasse manövrieren. Zu Aufständen des Landvolks kommt es mittlerweile vielerorts. Von der Küste bis zu den Alpen wehren sich die Einheimischen zunehmend gegen "Naturschutz-Wahn" und "Öko-Diktatur". Bereits 40 000 Mitglieder hat der erst kürzlich gegründete "Bundesverband der Nationalparkbetroffenen".
In Ostfriesland beispielsweise zogen sich Umweltapostel den Zorn einer ganzen Region zu, als sie vergangenes Jahr vor Gericht einen (inzwischen wieder aufgehobenen) Baustopp für das Ems-Sperrwerk erwirkten. Die Tierfreunde sehen durch das Bauvorhaben den seltenen Nordseeschnäpel bedroht - einen Fisch, der seit über 20 Jahren nicht mehr in der Emsmündung gesichtet wurde. Kaum der Rede wert findet der World Wide Fund for Nature (WWF) hingegen, dass ohne das neue Sperrwerk Hochwasserkatastrophen wahrscheinlicher werden; Sturmfluten müssten nun mal als Teil der "natürlichen Dynamik" hingenommen werden.
Ein solches Denken ist typisch für einige Glaubenskrieger der Öko-Bewegung. Mit aller Gewalt wollen sie die Natur vor dem Menschen schützen - und verdrängen dabei, dass auch der Mensch ein Teil der Natur ist:
* Gegen den Widerstand der Insulaner wurde vor Sylt und Amrum ein Walschutzgebiet eingerichtet. Dabei hatten Biologen zuvor festgestellt, dass der Schweinswalbestand im Wattenmeer völlig ungefährdet ist. Den Schaden haben jetzt allein die einheimischen Kutterfischer: Ihre dänischen und holländischen Kollegen dürfen weiter fischen, ihnen ist es verboten.
* Im Süden Hamburgs blockieren Vogelfreunde seit Jahren den Neubau von Sozialwohnungen für 10 000 Bürger. In der Nähe der Baugrundstücke wollen die Öko-Aktivisten die Schnarrlaute des Wachtelkönigs gehört haben. Dass der geschützte Vogel sich dort je aufgehalten hat, ist nicht erwiesen.
* Vor einigen Jahren kaufte die Uniklinik Tübingen ein Grundstück für einen späteren Anbau. Weil man das Baugelände erst mal brachliegen ließ, siedelten sich Rote-Liste-Arten an, vor allem Schmetterlinge. Nun muss die Uniklinik drin-
gend erweitert werden. Die Professoren versprechen, ökologisch korrekt zu bauen. Doch die Grünen wollen jeden Spatenstich blockieren.
* Im Nationalpark Bayerischer Wald verteilen Ranger fleißig Bußzettel an Ortsansässige, die auf gesperrten Wegen wandern. Greise Dorfbewohner verstehen die Welt nicht mehr. Auf einmal werden sie von Waldwegen verjagt, die sie seit ihrer Kindheit benutzt haben.
Besonnene Ökologen geben inzwischen offen zu, dass sich viele Naturschützer verrannt haben. "Schutzgebiete gegen die Einheimischen durchzusetzen, das geht fast immer schief", mahnt Hartmut Vogtmann, seit kurzem neuer Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Leider fehle es manchen Umweltbeamten und Verbandsfunktionären am nötigen Augenmaß.
"Im Übrigen bringt es auch gar nichts, etwa einen Teich unter Naturschutz zu stellen, in dem seit Jahrzehnten die Dorfjugend badet", sagt Vogtmann. "Denn die Kinder baden weiter drin. Und wir können schließlich nicht hinter jeden Baum einen Polizisten stellen."
"Ein Ende der Abschottung" fordert folgerichtig Wilhelm Bode. Er leitet die oberste Naturschutzbehörde des Saarlandes und ist zugleich Forstexperte des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). "Es ist ein Irrweg", kritisiert Bode, "Käseglocken über die Landschaft zu stülpen und die dort lebenden Menschen aussperren zu wollen."
Noch nicht einmal der Vielzahl bedrohter Tiere und Pflanzen hilft es, wenn sie in menschenleeren Habitaten überleben sollen. "Obwohl die Zahl der Naturschutzgebiete ständig wächst", konstatiert Bode, "sterben gerade im ländlichen Raum die Arten weiter wie die Fliegen."
Kein Wunder: In einem derart dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik bleibt kaum ein Flecken Erde von äußeren Einflüssen verschont. Fast überall liegen die Schutzgebiete im Würgegriff von Straßen, Schienen oder Gewerbegebieten.
"Viel sinnvoller wäre es deshalb, die Natur durch eine sanfte Nutzung auf der ganzen Landesfläche zu schützen", sagt Bode. "Doch in Deutschland gibt es vor allem eine Alternative: totale Nutzung oder totaler Schutz. Dabei kann das Land durchaus ökologisch verträglich genutzt werden - sogar durch umweltorientierte Anlage von Golfplätzen."
Die Trennung von Nutz- und Schutzgebieten wurde erst durch die Nazis gesetzlich festgeschrieben. In den dreißiger Jahren begannen sie, Wald und Flur gleichsam in Produktionsareale aufzuteilen. Der Bauernhof wurde zur Agrarfabrik, der Wald zur Holzfabrik: Landwirte und Förster bekamen den Befehl, ihre Erträge bis zum Optimum zu steigern.
Bedrohte Tiere und Pflanzen wiederum wurden in eigene abgeschottete Gebiete verbannt, in denen auch sie sich optimal entwickeln sollten. Die Aufgabe der Naturschützer bestand vor allem darin, die Sperrgebiete zu bewachen.
"Noch immer leidet auch der Naturschutz in Deutschland an dem Ungeist der Nazi-Zeit", so Nabu-Experte Bode. Zwar kommen die heutigen Umweltbürokraten häufig aus der antiautoritären Öko-Bewegung der Siebziger. Doch wenn es um den Schutz von Kröten und Kranichen geht, kehren auch sie gern den Obrigkeitsstaat heraus.
"Viele von ihnen sind davon überzeugt", sagt Naturschutzchef Bode, "dass man gegen die Landwirte nur die große Keule schwingen kann. Doch Bauern arbeiten nicht aus Spaß gegen die Natur, sondern weil sich ihr Betrieb rechnen muss.
Wenn wir erreichen wollen, dass sie ökologisch wirtschaften, müssen wir ihnen dabei helfen."
Eine Gelegenheit, die Landnutzer für den Umweltschutz zu gewinnen, könnte die derzeit vorbereitete Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes bieten. Doch der grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin will die Novelle vor allem dafür nutzen, um die Bauern stärker an die Kandare zu nehmen. Seine wichtigsten Einflüsterer sind die Funktionäre der großen Umweltverbände.
"Die Novelle müsste endlich ein Bündnis zwischen Naturschützern und Landnutzern schmieden", fordert der saarländische Umweltminister Stefan Mörsdorf. "Doch was bisher bekannt geworden ist, trägt eher zur Vertiefung der Gräben bei."
Vor allem in den Umweltverbänden sitzen noch immer viele Scharfmacher, die Zugeständnisse an die Landnutzer um jeden Preis verhindern wollen. Selbst die zaghafte Absicht Trittins, Freiluftsportler und andere Outdoor-Fans nicht länger großräumig aus den Schutzgebieten herauszudrängen, wird von den Öko-Fundis erbittert bekämpft.
"Dabei wird die Beunruhigung der Tierwelt durch Ruderer, Reiter oder Radfahrer weit überschätzt", erklärt Saarlands Umweltminister Mörsdorf. "Außerdem bewegen sich sowieso viel weniger Menschen durch die freie Natur als in früheren Zeiten - leider."
"Kein Birkhuhn stirbt am Herzschlag, nur weil sich ein Skilangläufer durchs Unterholz quält", sagt auch Nabu-Forstexperte Bode. "Im Gegenteil sollten wir uns über jeden Reiter oder Kanufahrer in der Landschaft freuen; denn nur wer die Schönheiten der belebten Natur genießen kann, entwickelt auch ein Bewusstsein für ihre Erhaltung."
BfN-Präsident Vogtmann hält die Sportler deshalb sogar für wichtige Verbündete der Naturschützer: "Mit denen müssen wir viel enger als bisher zusammenarbeiten."
Doch viele Öko-Aktivisten wollen die freie Natur nicht mit dem gemeinen Fußvolk teilen. Wie ein Kiebitz sein Nest, so hüten sie ihr Biotop. "Am schlimmsten sind bei uns die Vogelschützer", berichtet ein führendes Nabu-Mitglied. "Die träumen ein Leben lang davon, eine Großtrappe in Balzstellung zu erleben - und dabei wollen sie sich nur ja nicht von irgendwelchen Wanderern stören lassen."
Den Verbandsfürsten geht es oft auch einfach nur um Macht und Geld. Für Hunderte von Biologen ist die Vogelzählerei zum einträglichen Geschäft geworden. In jedem neuen Schutzgebiet muss pingelig überwacht werden, wie sich die Artenvielfalt entwickelt ("Bio-Monitoring").
Wenn die Kasse stimmt, sieht man schon mal über Umweltsauereien hinweg. Jahrelang versuchte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) den Neubau eines Pumpspeicherwerks in Thüringen zu verhindern. Der künstliche Stausee, so die Öko-Aktivisten, würde wertvolle Biotope zerstören. Doch dann zog der Bund die vorbereitete Klage plötzlich zurück - im Gegenzug überwiesen die Vereinigten Energiewerke AG sieben Millionen Mark an den Öko-Verband.
Auch im Kehdinger Land leben hauptamtliche Ornithologen schon gut davon, die Vogelwelt zu überwachen. Wann immer ein Landwirt vorhat, ein neues Stallgebäude zu bauen, kommen die Öko-Wächter herbeigeeilt, um auf seinem Hof nach seltenen Bodenbrütern zu fahnden. "Wie einst die Gutsherren beherrschen die hier das Land", sagt Landwirt Schmoldt.
Nur einmal mussten die Freunde des Federviehs eine Niederlage einstecken. Aus Angst vor den dort grasenden Pferden fuhren sie mit einem Auto auf die Wiese, auf der sie die Nester zählen wollten. Dumm nur, dass sie den Bauern nicht um Erlaubnis gefragt hatten. Als dieser die Männer erspähte, spielte er ihnen einen Streich: Er verrammelte sein Weidetor mit einem Vorhängeschloss. Zu Fuß ergriffen die Vogelzähler die Flucht. OLAF STAMPF
* Im hessischen Kellerwald. * Im Bayerischen Wald. * Rechts: Landwirt Georg Schmoldt.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 50/2000
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