11.12.2000

„Verbotsschilder abbauen“

Biologe Reichholf über gestörte Naturerlebnisse und überzogenen Artenschutz
Josef Reichholf, 55, arbeitet bei der Zoologischen Staatssammlung München und ist Präsidiumsmitglied der Umweltstiftung WWF Deutschland. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Hat der Naturschutz in der Bevölkerung an Ansehen verloren?
Reichholf: Eindeutig ja. Fast überall im Land gibt es neuerdings massiven Widerstand gegen die Ausweisung neuer Schutzgebiete - und zwar teilweise so massiv wie sonst nur gegen Atomkraftwerke.
SPIEGEL: Wie sind die heftigen Proteste zu erklären?
Reichholf: Viele Naturschützer haben leider ein sehr negatives Menschenbild: Sie halten den Menschen für böse und schädlich und versuchen alles, um ihn aus der Natur rauszuhalten. Dagegen lehnen sich die Leute vor Ort natürlich zu Recht auf.
SPIEGEL: Ist das ein typisch deutsches Phänomen?
Reichholf: Ja. Der Naturschutz hier zu Lande ist noch stark von der deutschen Staats- und Obrigkeitsgläubigkeit geprägt. Viele Ökologen glauben allen Ernstes, dass sich die Natur durch hoheitliche Akte schützen lässt. Aber das ist ein großer Irrtum.
SPIEGEL: Hilft die Unterschutzstellung eines Gebietes denn nicht den dort lebenden Tieren und Pflanzen?
Reichholf: Im Gegenteil. Oft schadet der bei uns praktizierte Aussperr-Naturschutz den Tieren sogar. Denn Jäger, Fischer oder Forstwirte dürfen in Schutzgebieten meist weiter schalten und walten. Nur haben sie dort viel weniger Kontrolle durch die Öffentlichkeit als vorher zu befürchten, weil Wald und Flur ja nicht mehr für jedermann frei zugänglich sind.
SPIEGEL: Schrecken Ruderer, Reiter oder Radfahrer denn nicht die sensiblen Vögel auf?
Reichholf: Die von Freizeitsportlern oder anderen Erholungssuchenden ausgehende Störung ist in Wahrheit viel geringer als das, was die Jäger anrichten. Scheu werden Vögel erst durch Bejagung. Die Gänsesäger an der Isar zum Beispiel brüten in einem Gebiet, in dem im Sommer jede Woche viele hundert Boote den Fluss runterfahren. Im Sprachgebrauch der Ökologen lastet dort ein erheblicher "Erholungsdruck" auf der Landschaft. Doch die Vögel sind überhaupt nicht scheu, weil sie im Menschen keinen Feind sehen. Gänsesäger sind bei uns nämlich vor Bejagung geschützt. Bootsfahrer und Spaziergänger am Ufer stören sie nicht. Die Vögel ziehen dort sogar so erfolgreich ihre Jungen hoch, dass die Fischerei sie schon wieder abgeschossen haben will.
SPIEGEL: Also werden Freizeitsportler von Tieren an sich nicht als Bedrohung empfunden?
Reichholf: Nein. Das beste Beispiel dafür sind die Städte, die inzwischen einen Artenreichtum aufweisen, der den mancher erstklassiger Naturschutzgebiete weit übertrifft. Insgesamt haben Städte inzwischen eine vergleichbare Bedeutung für die Erhaltung der Artenvielfalt wie Naturschutzgebiete. In Berlin zum Beispiel leben zwei Drittel aller Vogelarten, die es überhaupt in Deutschland gibt. Und warum? Weil sie dort nicht vom Menschen verfolgt werden.
SPIEGEL: Wird sensibler für den Artenschutz, wer sich ohne Zäune und Verbotsschilder frei durch die Natur bewegen kann?
Reichholf: Völlig richtig. Aber heute wird das Naturerlebnis ja leider durch Verbote gestört oder gar verhindert. Selbst in Schulen ist es heute so gut wie unmöglich, die Entwicklung von Kaulquappen zu zeigen, weil die bei uns vorkommenden Frösche alle geschützte Arten sind. Ein Lehrer darf deshalb nicht mal aus dem eigenen Schulteich Froschlaich entnehmen, um den Kindern im Glas zu zeigen, wie sich die Kaulquappen allmählich entwickeln. Solche prägenden Erlebnisse fehlen den Kindern, weil bei uns ein völlig überzogener Artenschutz praktiziert wird. Das ist eine echte Katastrophe.
SPIEGEL: Was müsste sich im Naturschutz ändern?
Reichholf: Leider verteidigen die Umweltverbände die von ihnen durchgesetzten Naturschutzbestimmungen gegen alle anderen Landnutzer und machen sich damit die breite Öffentlichkeit zum Feind. Wenn die Vogelschützer aber zum Beispiel die letzten Brutplätze der Flussuferläufer an den randalpinen Flüssen sichern wollen, müssten sie sich gerade mit den Paddlern gut stellen, die dort regelmäßig vorbeikommen. Über regelmäßige Kontrollen könnten die Wassersportler mithelfen, dass den Brutplätzen möglichst wenig passiert. So läuft das etwa in Amerika.
SPIEGEL: Spricht etwas dagegen, einzelne Naturschutzbestimmungen wieder aufzuheben, wenn sich die Artenvielfalt dort gut entwickelt hat?
Reichholf: Auch das wäre ein wichtiger Schritt, Ängste bei der Bevölkerung abzubauen. Die Menschen werden es sich auf Dauer auch nicht gefallen lassen, dass überflüssige Einschränkungen einfach immer so weiterlaufen, nur weil man ein Gebiet einmal für 10 oder 20 Jahre unter Schutz gestellt hat. Noch wichtiger finde ich aber, dass die Schreibstuben-Naturschützer in den Umweltbehörden endlich mehr Außendienst machen. Als erstes könnten sie dann ein paar Verbotsschilder abbauen und die Einheimischen ermuntern, die Schutzgebiete zu erleben. Der Naturschutz muss flexibler und menschennäher werden. Dann wird auch seine Akzeptanz in der Bevölkerung wieder steigen.

DER SPIEGEL 50/2000
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