DER SPIEGEL



Mein Leben ist verrückt geworden

Von Bredow, Rafaela von und Hammerstein, Konstantin von

Napster-Gründer Shawn Fanning, 20, über Programmierspaß, die Zukunft seiner kostenlosen Internet-Musiktauschbörse und das Bündnis mit Bertelsmann

SPIEGEL: Shawn, seit einigen Monaten sind Sie ein Star, "Business Week" und "Time" hatten Sie sogar auf ihren Titelseiten. Haben Sie Ihren 20. Geburtstag Ende November anders gefeiert als den 19. vor einem Jahr?

Fanning: Das kann man wohl sagen. Mein Leben ist so verrückt geworden, dass ich vor allem meine Ruhe haben wollte. Wir haben mit ein paar Leuten Billard gespielt und abgehangen - nett und entspannt.

SPIEGEL: Ist das sonst nicht mehr möglich?

Fanning: Selten. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht von mindestens fünf bis zehn Leuten angesprochen werde. Manchmal fallen mir wildfremde Mädchen um den Hals. Das kann nerven. Auf der anderen Seite - die Reaktionen sind alle positiv.

SPIEGEL: Sie scheinen Ihren Ruhm nicht gerade zu genießen?

Fanning: Na ja, eigentlich ist das ja cool, weil jeder Napster unterstützen will. Aber ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass sich auf einmal so viele Leute für das interessieren, was ich tue. Ich bin eher schüchtern, und wenn ich irgendwo hingehe und die Leute mich anstarren, frage ich mich immer: Habe ich jetzt irgendwas falsch gemacht? Echt! Ich bin so naiv.

SPIEGEL: Kommen Sie überhaupt noch zum Programmieren?

Fanning: Schon, aber manchmal habe ich Schwierigkeiten, zwischen meinen verschiedenen Aufgaben hin und her zu springen. Ich habe mit Napster nicht angefangen, weil ich ein Unternehmen aufbauen, sondern weil ich eine Idee umsetzen wollte. Dann ist das Ganze so schnell gewachsen, dass wir eine Firma gründen mussten, wir sind an die Westküste gezogen, und jetzt muss ich mich darum kümmern, dass Napster immer noch dem entspricht, was ich ursprünglich mal vorgehabt habe. Aber das Programmieren macht mir nach wie vor am meisten Spaß.

SPIEGEL: Und das verlegen Sie dann in die Nacht?

Fanning: So schlimm wie am Anfang ist es nicht mehr. Da habe ich drei Tage durchgearbeitet, bin zusammengeklappt und auf dem Schreibtisch eingeschlafen. Und wenn ich richtig müde war, habe ich mich auf den Boden gelegt und zwölf Stunden durchgeschlafen. Manchmal habe ich tagelang das Büro nicht verlassen. Nur zwischendurch mal, um zu duschen. Man sitzt da, trinkt Kaffee und hackt drei Tage hintereinander Programmierzeilen in den Computer. Das ist cool. Ich kenne jede Menge Typen in der Firma, die das immer noch toll finden.

SPIEGEL: Sie auch noch?

Fanning: Na ja, ich müsste mich erst wieder in diesen Modus hineinversetzen. Aber jetzt habe ich lauter neue Aufgaben - Pressetermine zum Beispiel. Ich versuche, etwas gesünder zu leben, gehe regelmäßig ins Sportstudio und mache abends vor dem Einschlafen Liegestützen. Sonst würde mich meine Freundin hassen.

SPIEGEL: Als Sie vor zwei, drei Jahren anfingen, Napster zu programmieren, war Ihnen da klar, welches Potenzial diese Idee besitzt?

Fanning: Ja. Ich habe zwar nicht daran geglaubt, dass aus meiner eigenen Software irgendetwas werden könnte, aber mir war klar, dass die Idee einer Datentauschbörse ungeheure Möglichkeiten haben würde. Ich dachte, irgendjemand wird diese Geschichte aufgreifen und daraus eine Riesensache machen. Natürlich gab es offene Fragen: Ist die Technologie wirklich in der Lage, mit so vielen Nutzern fertig zu werden? Sind die Leute überhaupt bereit, ihre Dateien zu tauschen? Aber mir war immer klar, dass die Idee einschlagen würde. Selbst wenn ich natürlich nie daran gedacht habe, dass irgendwann einmal 43 Millionen Menschen mein Programm benutzen würden.

SPIEGEL: Hat Musik damals in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt?

Fanning: Ein Mitschüler von mir an der High-School hatte sehr viel Ahnung von Computern. Der hat mir viel beigebracht. Außerdem konnte er Gitarre spielen, und dann habe ich es auch gelernt. Als reines Hobby. Wir haben Songs aufgenommen, in MP-3-Daten umgewandelt und die dann ausgetauscht.

SPIEGEL: Und was können Sie jetzt besser: Gitarre spielen oder Programmieren?

Fanning: Ehrlich gesagt bin ich ein miserabler Gitarrist. Aber langsam werde ich besser.

SPIEGEL: Was für Musik spielen Sie?

Fanning: Damals stand ich vor allem auf Classic Rock: Pink Floyd, Led Zeppelin. Ich habe nebenbei für einen Typen gearbeitet, der sich total für Musik interessiert hat. Er hat mir ein paar Tricks gezeigt, wie man die eigene Musik besser aufnehmen konnte.

SPIEGEL: Aber Napster haben Sie nicht wegen der Musik entwickelt, sondern weil Sie das Programm interessierte?

Fanning: Ja, mich hat immer die Technologie fasziniert. Ein Freund von mir war total frustriert, weil es so schwierig war, Musik aus dem Internet zu laden. Ich wollte dieses Problem lösen.

SPIEGEL: Damals haben alle Medien groß über die neuen Internet-Stars berichtet, über die jungen Börsenmilliardäre wie Jerry Yang von Yahoo oder Jeff Bezos von Amazon. Haben Sie sich auch schon in dieser Liga gesehen?

Fanning: Wissen Sie, ich hatte mit dieser Szene eigentlich nichts zu tun. Die saßen im Silicon Valley an der Westküste, während ich an einem mittelmäßigen College im Osten studierte. Ich habe diese Leute zwar auf den Zeitschriften gesehen, aber ich kannte keinen von denen. Das war eine Traumwelt, die mich eingeschüchtert hat.

SPIEGEL: Keine Vorbilder, keine Helden?

Fanning: Echt nicht. Ich glaube, das macht Napster irgendwie auch aus. Die Idee ist so einfach und liegt so auf der Hand. Ich wusste, dass ich das Programm nur mit Hilfe von ein paar Büchern und einigen Freunden selbst schreiben konnte. Aber obwohl die Idee so einfach ist, hat kaum jemand daran geglaubt. Das hat meinem Selbstbewusstsein nicht sonderlich gut getan, aber ich wusste immer, dass ich Recht hatte.

SPIEGEL: Wie haben Sie denn Ihrer Mutter beigebracht, dass Sie wegen Napster Ihr Studium abbrechen würden?

Fanning: Das zeichnete sich ja schon länger ab. Mein Onkel hatte mir ein Notebook geschenkt, und ich habe immer mehr Zeit in seiner Computer-Firma verbracht. Am College hatte ich keine Ruhe, wir schliefen zu viert in einem Zimmer. Da war an Konzentration nicht zu denken. Irgendwann stand ich dann vor der Tür zu unserem Wohnheimzimmer, wollte gerade reingehen, da wurde mir plötzlich klar: Ich hör auf. Ich bin wieder ins Auto gestiegen und zurückgefahren. Außer ein paar Klamotten und dem Computer habe ich alles dagelassen.

SPIEGEL: Und Ihre Mutter?

Fanning: Der habe ich das erst ein paar Wochen später gebeichtet. Sie war natürlich nicht sonderlich begeistert. Ich habe ihr gesagt: Sehr viel lerne ich nicht am College, aber ich habe diese Idee, von der ich glaube, dass sie ein riesiges Potenzial hat. Wenn ich nicht dranbleibe, werde ich es in einem Jahr bereuen, denn dann wird ein anderer drauf kommen.

SPIEGEL: Nach dem, was sie öffentlich gesagt hat, scheint Ihre Mutter nach wie vor nicht sonderlich begeistert zu sein.

Fanning: Na ja, weswegen sollte sie auch? Die Firma läuft zwar halbwegs, aber es gibt immer noch die juristischen Auseinandersetzungen und viele offene Fragen. Ich glaube, die Kontroverse stresst sie etwas.

SPIEGEL: Mit Ihrem Kotau vor der Musikindustrie ist dieser Stress ja möglicherweise bald vorbei. Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hat mit einem 50-Millionen-Dollar-Kredit die Möglichkeit gekauft, bei Napster einzusteigen, wenn es Ihnen gelingt, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das die Urheberrechte der Musiker wahrt. Jeder fragt sich, wie Sie das schaffen wollen, ohne Ihre 43 Millionen Nutzer zu vergraulen.

Fanning: Schon als ich damit anfing, Napster zu programmieren, hat sich alles um die Wünsche der User gedreht, und ich kann Ihnen jetzt sagen, die wollen inzwischen vor allem eines: die Künstler angemessen bezahlen, so dass dieser riesige Streit endlich beigelegt werden kann. Sie wollen für die Musik zahlen, aber es gibt im Moment keine Möglichkeit, alle ihre Lieblingssongs in digitaler Form im Netz zu kaufen, wann immer sie möchten. Wir wollen so eine Möglichkeit schaffen. Bevor die sauer werden und abspringen, sollten sie erst einmal abwarten, was wir in den nächsten Monaten anbieten werden. Napster wird von 43 Millionen Menschen genutzt, weil die Leute es so mögen, wie es ist. Und deshalb werden wir nichts ändern, was das Nutzer-Feeling verändern wird. Das wäre das Ende von Napster.

SPIEGEL: Wie weit würden Sie gehen, um die Interessen der Musikindustrie zu erfüllen?

Fanning: Ich glaube, dass es letztendlich ein gemeinsames Interesse von Musikern, der Industrie, Napster und den Napster-Usern gibt. Wer unser Angebot nutzt, will vor allem Musik haben, und zwar so viel, wie man kriegen kann. Sie werden alles dafür tun, solange sie an die Musik herankommen und es halbwegs bequem ist ...

SPIEGEL: ... und umsonst ...

Fanning: ... ich weiß nicht. Die Leute reden alle darüber, dass es hauptsächlich darum geht, umsonst an die Musik heranzukommen. Aber laut einer Studie des Marktforschers Webnoize sind 67 Prozent der User bereit, für das Angebot zu zahlen. Mal abgesehen davon, dass Napster in erster Linie ein Vermarktungsservice ist - für die Künstler und die Plattenindustrie. Wir sind auch deshalb so rasant gewachsen, weil die Leute unser Programm nutzen, um sich Titel anzuhören, die sie später dann kaufen.

SPIEGEL: Wenn die Leute demnächst für Napster zahlen müssen, können Sie es sich nicht mehr wie heute leisten, dass dort Titel angeboten werden, die verzerrt sind oder vor dem Ende abbrechen. Wie wollen Sie Qualität garantieren?

Fanning: Wir haben da ein paar sehr gute Ideen, aber ich darf sie Ihnen noch nicht verraten. Wir müssen erst mit den Plattenfirmen darüber sprechen.

SPIEGEL: Dann lassen Sie uns über Ihr neues Angebot reden. Wird in Zukunft alles Geld kosten?

Fanning: Es wird einen Bereich geben, für den die Leute bezahlen müssen, wenn sie Teil der Napster-Gemeinde werden wollen. Wie viel das sein wird, darüber reden wir zurzeit noch. Und dann wird es nach wie vor einen freien Bereich geben, der umsonst ist. Entscheidend ist, dass wir nichts machen werden, was das Napster-Erlebnis der User einschränken wird. Wir wollen es den Nutzern möglich machen, die Musiker und die Rechteinhaber zu bezahlen, und im Gegenzug wird es mehr Funktionen geben.

SPIEGEL: Welche Rolle haben Sie persönlich bei dem Bertelsmann-Deal gespielt?

Fanning: Ich habe aufgepasst, ob sie wirklich daran interessiert sind, uns zu helfen, ob sie wirklich verstehen, worauf sie sich einlassen. Und ich glaube, sie haben es verstanden. Die Verhandlungen hat aber tatsächlich vor allem Hank Barry geführt, unser Vorstandsvorsitzender.

SPIEGEL: Welchen Titel führen Sie eigentlich auf Ihrer Visitenkarte?

Fanning: Gründer. Aber ist das wirklich ein Titel? Ich weiß nicht, aber es ist auch etwas schwierig zu beschreiben, was ich hier genau mache. Ich programmiere, also bin ich vielleicht ein Software-Ingenieur.

SPIEGEL: Wer ist denn Ihr Boss?

Fanning: Schwer zu sagen. Ich respektiere natürlich, was man mir sagt, aber es gibt keine richtige Hierarchie. Zumindest passe ich da nicht rein. Aber es funktioniert auch so ganz gut.

SPIEGEL: Andere Firmengründer wie Bill Gates kontrollieren nach wie vor ihre Unternehmen, Sie aber halten weniger als zehn Prozent der Napster-Anteile. Das Sagen haben längst andere. Missbraucht man Sie als Aushängeschild?

Fanning: Ich fühle mich wohl hier und arbeite gern mit allen zusammen. Mich interessiert vor allem dieser ganze Technikkram. Da will ich neue Ideen entwickeln. Wenn das nicht möglich wäre, wer weiß, wahrscheinlich wäre ich dann nicht mehr hier.

SPIEGEL: Sie sind erst 20 Jahre alt, Sie arbeiten wahnsinnig viel, Sie sind von der Ost- an die Westküste gezogen und haben wahrscheinlich einen Großteil Ihrer Freunde zurückgelassen, macht Ihnen das eigentlich noch Spaß?

Fanning: Damals in Boston hatte ich viele Freunde, wir haben uns getroffen, rumgehangen, manchmal zu viel Wein getrunken und unseren Spaß gehabt. Aber ich habe nichts so richtig auf die Reihe bekommen. Hier versuche ich, pünktlich ins Bett zu kommen, meine geschäftlichen und privaten Aufgaben zu erfüllen, und ich arbeite an etwas, was ich wirklich mag. Es ist eine andere Art von Spaß.

SPIEGEL: Shawn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Rafaela von Bredow und Konstantin von Hammerstein.

DER SPIEGEL 51/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 51/2000

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Mein Leben ist verrückt geworden

Grafiken zum Text


TOP



TOP