Von Stuppe, Andrea
Bauern, weiß der 24-jährige Hoferbe in spe, haben einfach einen miesen Ruf. Diese Spezies Mensch trage auch nachts Gummistiefel, stinke nach Kuh, rede nur über Trecker und habe nie Zeit. So beschreibt Henning Barten die Vorurteile gegen Leute wie ihn selbst. Nicht gerade ideale Werbung für einen Landwirt auf Frauensuche.
Da hilft es wenig, dass der dunkelblonde, schlanke 1,82-Meter-Mann aus dem niederrheinischen Rheinberg-Budberg in Wirklichkeit "gern mal Anzüge" anzieht, über Politik diskutiert, joggt und Inline skatet. "Leider haben viele Frauen noch nicht mitgekriegt", klagt der Single, "dass es den typischen Hinterwäldler-Bauern kaum noch gibt."
Ob's am weiblichen Unverstand liegt oder nicht: Jeder dritte deutsche Hoferbe findet laut der Agrarsozialen Gesellschaft in Göttingen keine Frau. Das gefährdet den Fortbestand der meist traditionellen Familienbetriebe.
Doch Barten und seine Leidensgenossen dürfen hoffen: Unter der Adresse "www.Landflirt.de" haben Landjugend und Raiffeisen-Genossenschaften eine Internet-Börse fürs partnerlose Landvolk eröffnet. Mit mehr als 125 000 Besuchern pro Monat avancierte der virtuelle Kontakt-Bauernhof binnen sieben Monaten zur beliebtesten Agrarseite im Netz.
Etwa 2500 Landmenschen haben ihre Anzeigen platziert, davon rund 2000 Männer. Ein 19-jähriger 99-Kilo-Mann mit dem Spitznamen "Plautzi" sucht eine "nette Sie für gemeinsame romantische Treckerfahrten". Ein Bauer aus der Ruhrgebiets-Großstadt Bochum wünscht sich eine "Traumfrau mit schulterlangen Haaren", aber bitte "aus gutem Haus". Rindviehhalter Gerd, 23, offensichtlich einsam unter seinen Kühen, will "ein Mädel, mit dem man sich unterhalten kann".
Nach dem Motto "Bäuerin sucht Bauer" surft aber auch so manche Hoferbin im Netz. Szenekenner haben die Kontaktadresse mit den zwei flirtenden Schweinen im Logo bereits "Hektar-Börse" getauft.
Wer eine Kontaktanzeige aufgeben will, muss neben seiner E-Mail-Adresse mindestens Vornamen oder Spitznamen, die ersten zwei Ziffern seiner Postleitzahl und sein Alter angeben - außerdem eigene Hobbys und eine Beschreibung des Traumpartners. Per Suchmaschine finden Interessenten dann Kontaktvorschläge für Flirts und mehr, im gewünschten Alter und in ihrer Nähe.
Das Netzwerk aufgebaut haben zwei selbstbewusste junge Frauen: Christina Weyhofen, 26, Marketing-Expertin bei Raiffeisen.com, und Christina Schulze Föcking, 23, Chefin von 35 000 Mitgliedern des Rings der Landjugend in Westfalen-Lippe - beide übrigens fest liiert.
Die Raiffeisen-Frau kam auf die Idee, weil sie, wie sie sagt, "Verkehr" erzeugen wollte - und zwar nicht in erster Linie in ländlichen Betten, sondern auf den Internet-Seiten ihres Arbeitgebers. Denn von der Flirtbörse rutschen Nutzer mit einem Mausklick ins Raiffeisen-Angebot. "So schaffen wir Kontakt zu einer interessanten Zielgruppe", sagt Weyhofen, die eine Doktorarbeit über E-Commerce-Strategien schreibt.
Landjugendchefin Schulze Föcking, die im münsterländischen Steinfurt den Ackerbau- und Schweinemastbetrieb ihrer Eltern übernimmt, war sofort begeistert von der Initiative - auch deshalb, weil sie so im Netz optimal für Veranstaltungen ihres Verbandes werben kann.
Inzwischen haben die beiden bewiesen, dass sie nicht nur Ideen, sondern auch ein Händchen für Sponsoren haben: Ende November präsentierten sie ihre Kontaktbörse auf der Fachmesse EuroTier 2000 in Hannover - ohne Standgebühr, versteht sich, weil sie den Messe-Betreiber überzeugen konnten, dass sie viel junge Kundschaft in die Hallen locken würden.
Die Betreuung der Internet-Börse wird für Schulze Föcking indessen fast zum Vollzeitjob. Jeden Abend kontrolliert sie bis zu 100 neue Kontaktanzeigen, "um Schweinkram auszusortieren": Angebote von Prostituierten etwa oder freizügige Fotos. Auch wer "nur Sex will, am liebsten gleich zu dritt", hat bei ihr keine Chance.
Ansonsten ist fast alles erlaubt, vorausgesetzt die Klienten sind mindestens 16 Jahre alt. Auch gleichgeschlechtliche Partnersuche hat im Netz eine Chance. "Wir haben", so Schulze Föcking, "schon zwei Bauern, die einen Mann suchen."
Der typische Kunde hat eher bescheidene Vorstellungen vom großen Glück: Er ist nach Auskunft der Netz-Werkerinnen zwischen 18 und 35 Jahre alt, ein ruhiger Mensch, der Spaziergänge liebt, meist ortsgebunden - und sucht eine naturverbundene, treue Frau "mit inneren Werten".
Dass die so schwer zu finden ist, liegt nach den Erfahrungen von Weyhofen und Schulze Föcking nicht nur am "Gummistiefel-Image", das den Bauern anhaftet. Auch der Zeitpunkt der Hofübergabe von den Eltern an den Jung-Landwirt behindert offenbar die Partnersuche: Kommt er zu früh, bleibe dem Sohn vor lauter Arbeit kaum Zeit, sich auf dem Heiratsmarkt umzuschauen. Kommt er zu spät, müsse ein Enddreißiger mitunter noch Küche, Wohnzimmer und Bad mit den Eltern teilen - was seinen Sex-Appeal nicht steigert.
Marlene Tiemann, 56, Bauersfrau aus Horstmar bei Münster und Mutter des 28jährigen unverheirateten Wilhelm Tiemann, fällt noch ein anderer Grund ein, warum viele junge Frauen lieber keinen Bauern freien wollen: "Wer Bäuerin ist, hat weniger Freizeit."
Sie selbst hat als 25-Jährige einen Landwirt geheiratet und kümmert sich seitdem um Haus und Hof. Obst einkochen, Apfelsaft selbst machen - diese Arbeiten, fürchtet sie, wollen junge Frauen heute gar nicht mehr übernehmen: "Die gehen lieber in guten Kleidern in der Stadt einkaufen wie eine Frau Doktor."
Auch Henning Barten, der nach seinem Studium der Agrarwissenschaft den Hof der Eltern am Niederrhein mit 60 Hektar Land und einem Café übernehmen will, sucht eine Frau, die ihn bei der Arbeit unterstützt. Außerdem soll sie schlank sein, humorvoll, intelligent und selbstbewusst. "Vorzeigbar in Kleid, Rock und Hose", schreibt er in seiner Kontaktanzeige.
Der Schützenkönig von Rheinberg-Budberg glaubt, dass das Überleben des Hofes von der zukünftigen Partnerin abhängen wird. "Eine Frau, die fünfmal im Jahr Urlaub machen will und mit ihren lackierten Fingernägeln nix anpacken kann", sagt er, "wäre auf Dauer der Ruin."
Dutzende E-Mails interessierter Frauen hat Jungbauer Barten inzwischen bekommen - von der Sportstudentin aus München bis zur westfälischen Gärtnerin. Mit drei potenziellen Partnerinnen möchte er sich treffen.
Für sein erstes Rendezvous kann sich Barten auf der Landflirt-Seite per Direktbestellung mit passenden Accessoires ausstatten. Im Angebot sind beispielsweise eine Krawatte mit Kuh-Design, ein 50-teiliges Bauernhof-Spielset oder, als gutes Omen, ein Plüsch-Glücksschwein.
Die Ersten sind übrigens schon fündig geworden. 50 Kandidaten, meldet Organisatorin Schulze Föcking, baten bereits um Streichung ihrer Kontaktanzeigen - weil sie sich verliebt haben.
Jetzt warten die Landflirt-Macher auf die erste Bauernhochzeit. Ein Autohändler steht schon bereit - er will für den Weg zu Standesamt und Kirche leihweise eine Luxus-Karosse spendieren. ANDREA STUPPE
DER SPIEGEL 51/2000
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