18.12.2000

KLASSIKERDer Herausgeber als Titan

Bis aufs letzte Komma recherchierte, „kritische“ Ausgaben berühmter Dichtungen gelten als Gipfeltaten philologischer Gelehrsamkeit. Doch häufig sind die kostspieligen Unternehmen nur monströs und skurril - wie jetzt die ersten Bände einer monumentalen Büchner-Edition.
Das Buch war klein, und es wurde ein Ladenhüter. Wohl versprach der Untertitel "Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft" - aber einen Gulden und zwölf Kreuzer, den Gegenwert einer Postkutschenfahrt vom Verlagsort Frankfurt ins nahe Darmstadt, mochte im Jahre 1835 kaum jemand für "Dantons Tod" hergeben.
Heute zählt das Erstlingswerk des Medizinstudenten Georg Büchner (1813 bis 1837), geschrieben in kaum fünf Wochen, zum harten Kern der Weltliteratur. Das kurze, aufwühlende Stück, eine Folge grimmiger Momentaufnahmen aus dem Paris des Revolutionsterrors und der Guillotinen, steht mit obenan auf den Leselisten vieler Schüler und Studenten. Um Dantons verzweifelt-radikalen Zynismus ("Die Welt ist das Chaos") und seine Frage kennen zu lernen, was es denn sei, das "in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet", genügen sechs Mark beim Deutschen Taschenbuch Verlag und vier Mark bei Reclam; im Internet ist der Text gar umsonst zu haben.
Wer das Werk allerdings gründlicher studieren will, muss seit kurzem Handkoffer und Scheckkarte bereithalten. In den ersten Bänden einer "historisch-kritischen Ausgabe" von Büchners "Sämtlichen Werken und Schriften", die jüngst bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen sind, bringt es "Dantons Tod" samt Anhängen auf stolze 1640 Seiten. Preis des Trumms aus vier mattroten Leinenbänden: 480 Mark.
Für einen "Danton" zum Lesen wäre das ziemlich unverschämt. Aber zur beschaulichen Lektüre taugen die Bücher im A4-Format ohnehin kaum. Fast am leichtesten lässt sich in der Dünenlandschaft gelehrter Anmerkungen und Kürzel Büchners eigenes Manuskript entziffern.
Seite für Seite ist die originale Reinschrift abgebildet; daneben ist jeweils eine Lesehilfe gedruckt, die alle Verschreiber, Kleckse und Streichungen peinlich genau registriert. Es folgt der komplette Text ein zweites Mal, nun in "genetischer Darstellung", die sämtliche Überarbeitungen Büchners sichtbar machen soll.
Neben einer weiteren Textversion sind alle Zensurstreichungen und Druckfehler versammelt. Zum vierten und letzten Mal darf Danton endlich in einem "quellenbezogenen Text" sterben, der mit acht verschiedenen Arten von Strichel- und Pünktchenlinien anzeigt, aus welchen Büchern Büchner sich anregen ließ.
Doch damit bei weitem nicht genug: Selbst diese Vorlagen sind abgedruckt und erläutert - im dicken dritten Teil. Wer dann noch immer nicht kapituliert hat, bekommt im Schlussband Sacherklärungen zu jeder Figur und jedem der 663 Dialogabschnitte des Werks geliefert. Zudem verfolgt ein "Editionsbericht" von fast 200 Seiten auf den Tag genau das Werden von "Dantons Tod" und seine Wirkung bis 1851, aber auch Büchners gesamte Lebensgeschichte - bis hin zu seinen Großeltern oder den politischen Ansichten seiner Deutschlehrer.
Wer kann das alles lesen? Wer will das alles wissen? "Luxusbegräbnis" nennen es manche Kollegen, doch Thomas Michael Mayer von der Marburger "Forschungsstelle Georg Büchner" kann den Spott nicht verstehen. "Der ,Danton'' ist nun einmal außerordentlich quellenbezogen", sagt Mayer, 53, der gemeinsam mit Burghard Dedner, dem Leiter der Forschungsstelle, die Ausgabe verantwortet.
Beim Studium der Bände solle man sich "an den Schreibtisch des Autors versetzt" fühlen, seine Arbeit verfolgen können. Dedner hofft sogar, dass sich auch ganz gewöhnliche "Freunde der Literatur" über die neue "Danton"-Ausgabe beugen werden; schließlich sei hier mit "einem gewissen Anspruch auf Vollständigkeit", als eine "Dauerausstellung in Buchform", alles versammelt, was zum "Danton" zu sagen sei.
Schön wär''s ja. Doch den wenigen Fachleuten, die sich unerschrocken ins Dickicht der Kürzel und Verweise wagen können, ist seit langem klar, dass Vollständigkeit auch auf 1640 großen Seiten, also etwa dem 30- bis 50fachen des ursprünglichen Werks, eine Illusion bleibt. Schlimmer noch: Etliches, was da steht, ist zweifelhaft.
So fehlt ausgerechnet für die wesentlichste Neuerung im Text, eine Szenenumstellung gegen Büchners eigene Hinweisstriche, die plausible Begründung. Und über manche historische Einordnung im Kommentarteil urteilt der Germanist Herbert Wender aus Saarbrücken, der sich intensiv mit den frühsozialistischen Utopien der Revolutionäre um Danton befasst hat: "Das wird so keinen Bestand haben, das ist Geschichtsklitterung."
"Hybride", also verstiegen, findet auch Büchner-Biograf Jan-Christoph Hauschild aus Düsseldorf, früher ein enger Mitstreiter Mayers, den Totalanspruch der Edition, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) großzügig gefördert wird. Tatsächlich sind für die wenigen Werke und Briefe Büchners, der 1837 mit nicht einmal 24 Jahren starb, inzwischen 18 majestätische Bände vorgesehen - ob sie nach Plan im Jahre 2012 fertig sein werden, kommentiert selbst Burghard Dedner mit "so Gott will". Hilfe vom Himmel ist wohl nötig. Denn die Marburger sitzen gleich in drei selbst gestellten Fallen: der Theoriefalle, der Geldfalle und der Prestigefalle.
Entscheidend für den gigantomanischen Zuschnitt der Ausgabe war die Entwicklung der Editionstheorie. Seit etwa 30 Jahren, angeregt vom Befreiungspathos der Studentenrevolte, hat sich in der Herausgeberzunft allmählich die Ansicht verbreitet: Gründliche, "historisch-kritische" Werkausgaben für große tote Dichter sollten nicht bloß jeden hinterlassenen Schriftfetzen des Autors abdrucken, sondern dem Leser auch einen Blick hinter die Kulissen erlauben - die des Autors und seiner Arbeitsweise, aber auch die des Herausgebers.
Der wichtigste Anstoß kam von Dietrich Eberhard Sattler, einem linken HölderlinFanatiker aus Bremen. Die über Jahrzehnte erarbeitete "Große Stuttgarter Ausgabe" der Werke Hölderlins (1770 bis 1843) mit ihren säuberlich sortierten Varianten und Gedichtfassungen, erklärte Sattler scharf, sei eine Bevormundung der Leser.
Um das Jahr 1806 zum Beispiel, kurz vor seinem Absturz in den Irrsinn, hatte Hölderlin dichterische Eingebungen wie lose Mosaiksteinchen auf Blätter eines großformatigen Hefts verstreut. Wer, so argumentierte Sattler, dürfe sich anmaßen, aus diesem wahnwitzig befreiten Schwall einzelne Gedichte, gar verschiedene Fassungen zu destillieren? Konsequent ließ er seit 1975 Hölderlins Manuskripte als Faksimile-Fotos mit gedruckten Entzifferungshilfen drucken - in sperrigen Bänden, die enorme Vorkenntnisse vom Leser fordern.
Die dunkelsten Poesien des schwäbischen Sehers hat sich Sattler für das Finale seiner fast 30-jährigen Tour de Force aufbewahrt. Vor wenigen Wochen durften Kritiker endlich ein Probeexemplar des letzten Doppelbands betrachten. Statt hehrer Hymnen ist für Uneingeweihte darin selbst auf den zweiten und dritten Blick nur ein Wörtergestrüpp auszumachen. Dass Geniales drinsteckt, dafür bürgen fast nur noch die spärlichen Priesterworte des Herausgebers.
Inzwischen sind die Spezialisten weitgehend einig, dass Sattlers Verfahren sich für Hölderlins Orakelblätter gelohnt hat - auch wenn seine "Frankfurter Ausgabe" inklusive Supplementbänden zusammen weit über 4000 Mark kostet. Die Folgen indessen hat keiner vorausgesehen. Kaum war das Faksimile-Prinzip einigermaßen anerkannt, da wendeten Sattlers Kollegen es auch schon auf Autoren an, deren Manuskripte meist mühelos lesbar sind.
Verehrer des Rätsel-Lyrikers Paul Celan (1920 bis 1970) können jetzt ergriffen seine Wörterlisten und Kugelschreibernotizen anstaunen - egal, ob es die Gedichte verständlicher macht oder nicht. Sogar banale Postkarten des Schweizer Erzählers Conrad Ferdinand Meyer (1825 bis 1898) sind nun im Faksimile zu bewundern.
Fehlt das Originalmanuskript, dann muss schon mal die erste gedruckte Ausgabe herhalten, damit ein geheiligter Urtext mit Kommentaren und Entstehungsspuren umstellt werden kann - nächstes Jahr soll in der Büchner-Ausgabe eine banddicke "Dekonstruktion" (Dedner) der wenige Seiten langen Erzählung "Lenz" erscheinen.
Kostspielig sind solche Bücher allemal. Wenn aber zur Großedition eine eigene Forschungsstelle gegründet wird - heute fast die Regel - schnappt die Geldfalle zu.
Fünf Mitarbeiter, zwei Hilfskräfte und eine Sekretärin, sechs eigene Arbeitsräume mit Kopierer, Panzerschrank, Spezialbibliothek und ausgiebigem Schriftverkehr unter-hält seit Jahren die Marburger Forschungsstelle. Aus einem Unternehmen, das ehedem ein Germanistikprofessor mit normalen akademischen Mitteln bewältigte, wird so eine Manufaktur mit stattlichem Etat. Büchner-Fuchs Mayer gibt zu: Müssten Käufer der "Danton"-Bände auch für die über 13 Jahre dauernde Förderung durch die DFG aufkommen, dann kostete das Konvolut mehr als ein gleich großer Goldbarren.
Selbst dieser Aufwand könnte für ein Pionierunternehmen sinnvoll sein, wäre da nicht die dritte Falle: die des Prestiges. Der Zwang, Neuigkeiten vorzuweisen, verwandelt viele "historisch-kritische" Editionsprojekte zu Momentaufnahmen eines Schlachtfelds der Gelehrsamkeit.
Der saurierhafte Marburger "Danton" ist ein gutes Beispiel dafür. Denn die uferlosen Details zu historischen Gestalten wie Robespierre oder Saint-Just und eine penibel an Büchner-Zitate angehängte Geschichte des Revolutionsterrors samt
Meinungsströmungen sind nicht bloß als Fleißbeweis gedacht. Im Kommentar spiegelt sich das seit einem Jahrhundert andauernde Hickhack der Forscher - etwa darum, wer von den Volkstribunen im "Danton" eigentlich Recht hat.
Zwar kann niemand beweisen, dass der junge Autor überhaupt Partei nehmen wollte. Aber Dedner und Mayer, die Büchner seit langem als eine Art idealen Revoluzzer darstellen, verfechten ihr heroisches Bild selbst dort, wo Beweise fehlen. "Mehr als unwahrscheinlich", "verzerrend und einengend", "... hält sich hartnäckig die Auffassung" - so werden anders denkende Kollegen abgekanzelt.
Für desto wichtiger erachten es die beiden, dass Büchner Ende 1834 am Plan, befreundete Widerständler zu befreien, "vermutlich organisatorisch führend beteiligt" gewesen sei. Jan-Christoph Hauschild, mit der beste Kenner, nennt die "Danton"-Kommentare geradezu ein "Mitteilungsblatt neuester Erkenntnisse zu der Tätigkeit hessischer Oppositioneller zwischen Herbst 1834 und Frühjahr 1835".
Nur: Zum tieferen Verständnis von "Dantons Tod" tragen die Spekulationen über Büchners Untergrundkontakte so gut wie nichts bei. Es sind Botschaften an Eingeweihte wie Herbert Wender. Der hat aus dem Anmerkungswust sofort herausgefiltert, dass Mayer und Dedner in ihrem Dauerstreit mit anderen Büchner-Forschern eine "Frontbegradigung" vorgenommen haben.
Können solch verdeckte Scharmützel der Sinn einer Ausgabe sein, die mit öffentlichen Mitteln und dem Einsatz einer "Georg Büchner Gesellschaft e. V." gefördert wurde und wird? Sind Editoren noch ernst zu nehmen, die 1640 Seiten für ein kurzes Drama brauchen, aber im Kleingedruckten erklären, die Voraussetzungen des Werks seien "noch keineswegs mit hinreichender Differenziertheit dargelegt"?
"Wer Goethe auf diese Art edieren wollte, brauchte locker mehr als tausend Bände", spottet Jan-Christoph Hauschild. In Marburg sind einstweilen nur 18 geplant. Vielleicht werden die ja wirklich bis 2012 fertig. Dann hat der streitbare Monomane Mayer die Pensionsgrenze erreicht und kann es Jüngeren überlassen, Georg Büchners Werk mit Tausenden von Kommentarzeilen zur Festung umzubauen.
JOHANNES SALTZWEDEL
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LUXUS-EDITIONEN
Georg Büchners Drama "Dantons Tod" sind die ersten 4 Bände der auf 18 Bände geplanten historisch-kritischen Gesamtausgabe gewidmet; sie kosten 480 Mark. Das 1835 veröffentlichte Originalmanuskript bestand aus 160 Seiten, kostete einen Gulden und zwölf Kreuzer und erschien in schätzungsweise 400 Exemplaren, die auch 18 Jahre später noch nicht ausverkauft waren. Friedrich Hölderlin veröffentlichte 1797 und 1799 die beiden Bände des Briefromans "Hyperion" in einer Auflage von je 360 Exemplaren. Verleger Cotta bezahlte 100 Gulden Honorar. Die historisch-kritische Gesamtausgabe von D. E. Sattler umfasst 22 Bände und kostet über 4000 Mark.
* Englische Lithografie (1797). * Porträt von Franz Karl Hiemer (1792).
Von Saltzwedel, Johannes

DER SPIEGEL 51/2000
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