25.12.2000

POLITIKEREasy Rider in Brilon

Lange Haare, wilde Jagden mit dem Motorrad - Friedrich Merz verklärt seine Jugendjahre, die so wild nicht waren. Aber warum tut er das?
In Brilon war der Teufel los. Durch das Foyer des Gymnasiums Petrinum segelten Daunenfedern, aufgewirbelt aus einem aufgerissenen Kopfkissen mit Hilfe eines umgepolten Staubsaugers. Zum Höhepunkt ihres Schulfestes versammelte sich eine Gruppe von Gymnasiasten im Biologieraum und pinkelte ins Aquarium.
Das war - Anfang der siebziger Jahre - in der sauerländischen Kleinstadt ein ordentlicher Skandal, so "haarsträubend aus heutiger Sicht", dass der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz, 45, "die weiteren Umstände" nicht öffentlich zu beschreiben wagte. Verschweigen mochte er sie aber offenbar auch nicht länger. Und so zeichnete der brave Steuerexperte aus Westfalen in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel" von sich ein so wildes Bild, dass die Geschehnisse in Brilon klangen wie aus einem deutschen Woodstock.
Es war aber wohl nur wie in der Pennälerposse "Feuerzangenbowle".
Schon in der "Johannes B. Kerner Show" hatten unlängst die anwesenden Funktions-
träger deutscher Leitkultur, standesgemäß vertreten durch New-Economy-Queen Christiane zu Salm-Salm und Jodel-Mogul Karl Moik, nicht schlecht gestaunt, was ihr politischer Vordenker so alles zu bieten hatte.
Mit einem frisierten Weltkriegsmotorrad sei er in wilden Jugendtagen durchs heimische Brilon gejagt, zur Frittenbude und zurück, "im Wettlauf mit der Polizei" und immer "ohne Nummernschild". Merz war kaum noch zu bremsen. "Einmal", so feixte er, sei er den Ordnungshütern "nur um Haaresbreite" entkommen.
Um die genaue Länge der Merzschen Haare ist inzwischen eine heftige Debatte entbrannt. "Schulterlang" seien sie in den siebziger Jahren gewesen, behauptete der Oppositionschef im Berliner "Tagesspiegel". "Nie im Leben!", konterte ein alter Schulfreund per Leserbrief in der "Zeit". Das konnten die Merz-Mitarbeiter nicht einfach so hinnehmen. "Eine Anti-Merz-Kampagne", vermuteten sie, "gesteuert vom Kanzleramt!"
Inzwischen rätseln Parteifreunde in den Spitzengremien der Union, was in ihren Friedrich gefahren sein könnte, dass er sich so aufspielt. Warum legt sich der stramme Unionsmann urplötzlich das Image eines jugendlichen Rebellen zu? Treibt ihn der Neid auf Joschka Fischers Spontizeit? Will er den Staub von seinen Steuerexpertisen blasen? Geht es ihm gar darum, den selbst geprägten Leitkulturbegriff um eine Jugendabteilung zu erweitern?
Als junger Mensch, so Merz in dem Interview, habe er heimlich geraucht, getrunken und mit ohrenbetäubender Rockmusik gegen Elternhaus und Establishment rebelliert. Ein Easy Rider?
Die Szenen, die der moralbewusste CDU-Hardliner ("Müntefering ist ein charakterlicher Lump!") im Interview beschrieb, schienen einem amerikanischen Traum entliehen: Ein Mann tritt unerschrocken das Startpedal seiner Maschine durch und knattert lässig die B 516 hinunter, der roten Sonne entgegen, die majestätisch hinter dem Stadtrand von Soest versinkt. Aus dem Auspuff quillt der Duft von Freiheit und Abenteuer, die Rebellenmähne flattert ungezähmt im Abendwind - Friedrich Merz, der Peter Fonda des Hochsauerlandkreises, eine angebrochene Schachtel "Milde Sorte" in der Tasche.
Doch der westfälische Way of Life war eher dröge. Zwar sei Merz, wie sich seine frühere Banknachbarin Alice erinnert, im Briloner Gymnasium Petrinum tatsächlich "dauernd durch anhaltendes, penetrantes Stören" aufgefallen, aber mit wirklicher Rebellion habe dies wenig zu tun gehabt. "Das war einfach nur pubertäres Gehabe. Friedrich wollte halt immer das letzte Wort haben."
Auch die Motorrad-Abenteuer, die Merz in den siebziger Jahren mit seinen zwei Kumpanen Uli und Yogi erlebt haben will, scheinen verklärt. "Nur einmal", erzählt Yogi, "ist er ein Stück weit mit einem alten DKW-Moped über die Felder gefahren. Aber das Ding war Schrott, und wir haben es kaum zum Laufen gekriegt."
Irgendwie scheinen Friedrich Merz die biederen Aspekte seiner Jugend entfallen zu sein. Der Sohn eines Amtsrichters hatte sich in der Katholischen Jungmännergemeinschaft engagiert, die für ihre packenden Bibelkreise bekannt war. Fromm und gottgefällig tat er Dienst als gewissenhafter Messdiener in der Kapelle des Städtischen Krankenhauses Maria Hilf, brillierte als Laiendarsteller in dem Freilichtstück "Till Eulenspiegel und die Katze im Sack".
Ex-Kumpel Yogi wird nicht ganz so sentimental wie der Fraktionschef, wenn er an diese gemeinsame Zeit zurückdenkt: "Merz'' und meine Revolte bestand darin, dass wir davon träumten, ,Gammler'' zu werden", erinnert sich der Dortmunder Sozialarbeiter. "Aber da hätten wir konsequenterweise die Schule schmeißen müssen, und das haben wir natürlich nicht gemacht."
So beschränkte sich die "Gammler"-Tätigkeit des heutigen Oppositionsführers hauptsächlich auf schlichtes Rumhängen am Briloner Marktplatzbrunnen "Kump", wo er und seine Freunde unbescholtene Passanten "anquatschten": Dabei allerdings soll sich der junge Merz schon damals als besonders wortgewandt hervorgetan haben. Auch Zigaretten, gekauft im Kiosk neben der Schule, und der Genuss regionaltypischer Spirituosen - bis zu acht Flaschen für sieben Freunde - gehörten zum rebellischen Image.
Die Haare allerdings seien "nie länger als ohrläppchenlang" gewesen, erinnern sich Freunde von einst. Darauf habe Vater Merz, "stockkonservativer" Vorsteher eines "kernig deutschen Richterhaushaltes", schon zu achten gewusst.
Was damals lang war, bestimmt Merz heute selbst. Er habe nicht die Absicht, ließ er den SPIEGEL wissen, sich öffentlich mit seinem Jugendfreund, einem ehemaligen Juso, darüber zu streiten, ob er lange Haare gehabt habe oder nicht. Er wisse es schließlich besser. Zudem habe er keine seiner Äußerungen aus dem "Tagesspiegel"-Interview zurückzunehmen.
Tatsächlich war aber nach der zehnten Klasse, die Merz zweimal absolvieren durfte, die Revoluzzerphase des Richtersohns vorbei. "Der Merz war völlig verändert, als er aus den Ferien zurückkam", erzählt Ex-Freund Yogi.
1972 tauchte Friedrich Merz, 17-jährig, in väterlicher Begleitung bei einer Anti-Brandt-Wahlkampfveranstaltung des damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel in der Kur- und Konzerthalle Olsberg auf. Während Teenager Friedrich schwieg, fragte der Vater in die Stille des gut gefüllten Saals: "Herr Barzel, fühlen Sie sich auch physisch in der Lage, Kanzler zu werden?"
So wechselte der Revoltierer von der Frittenbude am Briloner Steinweg zum Stammtisch der Jungen Union im "Gasthof zur Wolfsschlucht". Merz blieb ein braver Wilder, aber jetzt auf der richtigen Seite.
Als Verbindungsstudent in Bonn pflegte er "mit erhobener Faust" an der "Schumannklause" vorbeizuziehen, dem damals stadtbekannten Treff der Bonner Linken, wie er sich heute erinnert: Öfter hätte man "überlegt, dass wir da mal reinmarschieren und einen kleinen Bürgerkrieg mit denen anzetteln". Merz weiter: "Die Kneipe existiert heute nicht mehr, nachdem ein paar Freunde von mir - ich schwöre, ich war nicht dabei - einen Müllcontainer durch die Fensterscheibe geschmissen und das Lokal in Schutt und Asche gelegt hatten." Tagelang hätten die Freunde und er den Anschlag als "politische Großtat" gefeiert.
Außer Friedrich Merz kann sich aber niemand an die "Großtat" erinnern. Das Lokal lag nie in Schutt und Asche. Außer der Bohnensuppe brannte dort nie etwas an, und das Mobiliar war 1983, als die Schumannklause dichtmachte, noch so intakt, dass es Gewinn bringend an die Stammgäste versteigert wurde.
Weder Friedhelm Drautzburg, der bis Mitte der siebziger Jahre Wirt des Etablissements war, noch sein Nachfolger Wulf Doerk können sich an einen Müllcontainer erinnern, der durch die Fensterscheibe geschmissen worden wäre. Wohl aber berichten beide übereinstimmend davon, dass sich manchmal bekennende CDU-Leute hereingetraut hätten.
"Denen haben wir gesagt: Bei Vorlage des CDU-Parteibuchs bekommt ihr ein Freibier", erinnert sich Doerk. "Randaliert haben die nie", sagt Drautzburg, heute Wirt der "Ständigen Vertretung" in Berlin, "die standen brav an der Theke, und wir haben sie als Exoten geduldet." HARTMUT PALMER,
SVEN RÖBEL
* 1970 bei der Aufführung von "Till Eulenspiegel und die Katze im Sack" in Brilon.
Von Hartmut Palmer und Sven Röbel

DER SPIEGEL 52/2000
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